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Memeler Wochenblatt .



Jedes Fest lenkt den Blick in die Vergangenheit, um aus dieser die Schwingen der Hoffnung für die Zukunft zu stärken. Auch wir wollen in den Spiegel von Memels Vergangenheit sehen. Wie undeutlich auch die Bilder aus dem Hintergrunde sich dem Beschauer darstellen mögen, um bei seinem Jubelfeste unsere Hoffnung für das fernere Erstarken und den Flor unserer lieben Stadt Memel zu beleben.
Wenn wir an das älteste Memel denken, so müssen wir selbstverständlich von der Größe und dem Aussehen des heutigen ganz absehen. Das älteste Memel bestand nur aus einer Ritterburg zwischen dem Ausflusse der Dange und der Mummel, wie damals das "kurische Haf" benannt wurde, und wenigen hinter derselben unter ihrem Schütze liegenden Häusern. Nördlich von der Dange, wo jetzt unsere freundliche Neustadt mit ihren netten Häusern und der schönen Alexanderstraße sich jetzt ausdehnt, war wüstes Land oder kräftiger Wald, den wir uns jetzt so sehr hin wünschen, und den wir mühsam und mit Aufopferung von Tausenden von Thalern zu erzielen streben. Von der volkreichen Vitte, der m, die dem sich Memel zu Wassermühlen reichen Schmelz. Die dem sich Memel zu Wasser Nahenden Holzhandel beibringt, und von "der Schiffe mastenreichem Wald," der unserm Hafen so oft ein lebhaftes und freundliches Ansehen gibt, konnte man in jener Zeit nicht sprechen.
Memel verdankt seine Entstehung der christlichen Mission. Das große Wort des Heillandes"Gehet hin in alle Welt und lehret alle Heiden" wurde im Mittelalter nach dem kampfbegierigen Geiste der Zeit gedeutet, und stark und statt mit dem Schwerte des Geistes waffnete man sich mit dem des Krieges und begann statt mit der Flammenschrift der Wahrheit mit der Blutschrift des Eisens das Evangelium des Friedens in die Herzen der Völker zu schreiben. So hatte schon im 12ten Jahrhunderte der Orden der Schwertbrüder den Bekehrungsstahl in die Lande getragen die wir jetzt Curland und Lifland nennen. Da nun der Marienorden deutscher Nation im 13ten Jahrhunderte auf dieselbe Weise die Bekehrung der heidnischen Preußen unternahm, so verbanden sich bald beide Orden. Und der Orden der Schwertbrüder suchte sich einen festen Vereinigungspunkt zwischen seinen und des deutschen Ordens zu verschaffen, der ihm zugleich einen Schutzort und Angriffspunkt gegen die heidnischen Szameiten und Litthauer abgeben könnte. Hierzu war keine Gegend geeigneter, als die, wo jetzt Memel liegt. Nach einer Urkunde vom curländischen Bischof Heinrich und dem lifländischen Landmeister Bratel Eberhard von Sayn, vom . August 1252 wurde die Mummelburg in diesem Jahre und nach einer Urkunde derselben contrahirenden Theile vom 6. Febr.1253 im folgenden Jahre die Stadt angesetzt.
Die Stadt wurde nach dem Haffe Mummel. Später Mümmel genannt, und unter diesem Namen kommt sie noch in einer Urkunde vom Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm vom 29.August 1692 vor. Jene Urkunden ergeben , daß wir die Gründung unseres Ortes vom 1. August 1852, als auch am 6. Febr. 1853 datieren können, je nachdem wir die nicht mehr vorhandene Burg, oder die damals um dieselbe gegründete Stadt als den Ursprung unseres Ortes ansehen wollen. Einige wollen behaupten, daß schon vor der Gründung der Mummelsburg an der selben Stelle, oder doch in der Gegend, ein szameitischer oder litthauischer Ort Namens Klaipeda gelegen habe, und dieses ist wenigstens nicht unglaublich, da die Litthauer bis auf den heutigen Tag unsere Stadt Klaipeda nennen.
Ein richtiges Gefühl sagte den Szameiten und Litthauern, daß die Mummelsburg zu ihrer Unterdrückung angelegt sei, und wir dürfen uns daher nicht wundern, die Völkerschaften als Memels erbitterste Feinde auftreten zu sehen. Um Memels Wege loderten fortwährend die Flammen des Krieges, die sie auch oft genug verzehrten; und es gehörte die eiserne Beharrlichkeit jener Glaubensstreiter dazu, die Stadt immer wieder und stärker aus der Asche hervorgehen zu lassen. Schon im Jahre ihres Entstehens mußte sie eine Belagerung aushalten, jedoch trotzte die feste Burg den Feinden, das Gebiet der Stadt wurde erweitert und in derselben zwei Kirchen, die Kathedrale und die Johanniskirche. Erbaut, deren Stätte man jetzt nicht mehr kennt. Zweihundert Jahre mußte Memel um seine Existenz kämpfen. 1256 schlugen die tapferen Bürger die sie belagernden, aber von ihnen in einen Hinterhalt gelockten samländischen Preußen, wurden aber doch nur durch den tapferen lifländischen Landmeister Burchard von Hornhausen vom gänzlichen Untergang gerettet, den ihnen die mit großer Macht herangezogenen Szameiten zugedacht hatten. Von hier ab verlassen uns die Nachrichten bis 1279, wo der lifländische Landmeister die von den Szameiten eingeäscherte Stadt von Neuem aufbaute und 1314 umgab der Landmeister Konrad von Fody die oft von ihren Feinden Heimgesuchte mit einer schützenden Mauer. Jedoch auch diese konnte das Unglück des Jahres 1323 nicht abwenden. Szameiten und Litthauer eroberten im Winter die Stadt, zerstörten sie, verbrannten ihre Schiffe, töteten ihre Einwohner oder führten sie in die Sklaverei und machten die ganze Umgebung zur Einöde. Zwar erbauten die Schwertbrüder die Stadt wieder, verkauften aber zu schwach, diese von dem Schwerpunkte ihrer Kraft zu weit entfernte Besitzung gegen die wiederholten gewaltigen Angriffe roher und mächtiger Feinde zu verteidigen, durch den Vertrag zu Elbing 1328 ihren Antheil an den Hochmeister des deutschen Ordens, Werner von Orseln, und dieser machte die Stadt und Burg zu einer Komthurei seines Ordens.
Dieser Vertrag gründete in so fern das Glück Memels, als es nun, für immer mit Preußen vereinigt, zugleich die nördlichste Stadt deutscher Gesittung blieb. Die Besitzungen der Schwertbrüder sind im Laufe der Zeit in die Riesenarme des mächtigen russischen Staates gefallen, die das deutsche Element in jenen Landen immer mehr beengen und diesen Antäos , dem die Berührung des mütterlichen Bodens je mehr und mehr entzogen wird, mit ihrer herkulischen Kraft endlich ganz erdrücken werden. Zunächst aber führte diese Vereinigung Memels mit Preußen eine bis zum Schlüsse des Jahrhunderts dauernde Unglücksperiode herbei. Nach den päpstlichen Bestimmungen fiel nämlich der dritte Theil des von den Ritterorden eroberten heidnischen Landes der Kirche zu, und dieses Drittel Memels war demnach in den Verkaufsvertrag nicht einbegriffen, sondern dem Bischof von Curland verblieben. Mit diesen nun lebten die Komthurei von Memel in stetem Unfrieden, wodurch die Kraft zur Verteidigung gegen die grimmigen äußern Feinde gelähmt wurde, besonders als der deutsche Orden seine Bekehrungskriege gegen die Litthauer begann. 1353 eroberten die litthauischen Fürsten Olyert und Kynstud die Stadt und machten die Einwohner zu Gefangenen, und auch, nachdem die deutschen Ritter die Stadt wieder besetzt hatten, hielten die Litthauer dieselbe durch wiederholte Angriffe in fortwährender Angst, besonders aber, als im Jahre 1367 der Hochmeister Winrich von Knyprode zur besseren Verteidigung und zum bequemeren Ausfall auf die Feinde die erste Brücke über die Dange bauen ließ. Zwar wurden die Feinde zu verschiedenen Malen mit großen Verlusten zurückgeschlagen, allein 1379 gelang es ihnen doch, die Stadt zu überfallen und zu zerstören, wobei der 4te Komthur Memels, Gallus von Teichrichswalde, seinen Tod fand. Erst 1389 begann man den neuen Aufbau; jedoch, kaum begonnen, wurden die Bauleute von den Szameiten überfallen, und alle, 800 an der zahl, getötet. Zwar rächte der Komthur Marquard von Kaschen 1390 in Verbindung mit dem Grafen v. Querfurt und dem samländischen Voigt v. Stockheim diese Niederlage, jedoch wurden die siegestrunkenen christlichen Streiter, während sie auf dem Heimwege sorglos einen Hohlweg passierten, von dem im Hinterhalte versteckten Feinde überfallen und alle getötet, und nur der Komthur wurde verschont, um in voller Kriegsrüstung zu Pferde bei dem Siegesfeste der Litthauer ihren Göttern zu Ehren lebendig verbrannt zu werden.
1393 endlich kaufte der Hochmeister Konrad Tiber v. Wallenrodt dem Bischof von Curland mit der Zustimmung des Papstes sein Drittel Memels ab, und nun genoß Memel über ein halbes Jahrhundert eine segenbringende Ruhe. Die Umgebung wurde mit Ortschaften angebaut, die Stadt erweitert und unter den Segnungen des Friedens erblühte der Handel Der emporstrebende Handel Memels aber erregte den Neid Danzigs, und, von den heidnischen Feinden befreit, erwuchsen in den Danzigern den Memelern nicht minder erbitterte christliche Feinde.
Im wohlverstandenen eigenen Interesse hielten die Memeler sich stets treu zu der gesetzlichen Regierung und scheuten politische Umtriebe und Revolutionen, weil diese ihrem aufblühenden Handel nur störend entgegentreten konnten; ganz besonders aber neigten sie sich der deutschen Herrschaft hin. Als aber die westpreußischen Städte und auch einige ostpreußische, aufgereitzt von durch Hans v. Boysen und die Eidechsengesellschaft, welche unter dem weißen Adler der polnischen Schottenkönige sich nach der Willkürherrschaft polnischer Starrosten sehnten, gegen den Orden aufstanden, so blieb Memel demselben treu, und in ihren Hafen lief 1457 die Hilfe ein, welche Hamburg und Lübeck demselben in 14 Schiffen zuführen ließen.
Danzig, eine Feindin des Ordens, mehr noch Memels, hatte dieses nicht so bald erfahren, als es Geschwader nach Memel sandte, welches acht der Schiffe eroberte, die übrigen sechs verbrannte und die Festung anzündete, von der jedoch nur eine Bastei verbrannte. Der Stadt selbst konnten die Danziger nicht sonderlichen Schaden zufügen, vielmehr stieg der Flor des Handels, je mehr die Macht der Hanse, von der Danzig ein Hauptcomtoir war, sank. Namentlich zog Memel immer mehr den Flachshandel an sich, der früher über den Bug und die Weichsel seine Richtung nach Danzig genommen hatte. Die Danziger schickten 1464 abermals bewaffnete Fahrzeuge gegen Memel und versuchten eine Landung, die aber glücklich verhindert wurde.

Memeler Wochenblatt Nr. 115 Sonnabend, den 25. September 1852 (Fortsetzung)

Jetzt erhielten die Memeler auf ihr ersuchen beim Orden die Erlaubnis, zu ihrem Schütze bewaffnete Fahrzeuge auszurüsten, und dieses war der Anfang von Memels Rhederei. Später suchten die Danziger den Memelschen Hafen durch Versenkung von Steinen unbrauchbar zu machen, welches ihnen zum Theil auch dergestalt gelang, daß die Memler noch bis in unserer Zeit an deren Hebung arbeiten mußten. Der Hochmeister Markgraf Albrecht von Brandenburg bestrafte die Danziger dadurch, daß er den preußischen Städten allen Handel mit Danzig untersagte.
Indessen ruhte der Danziger Eifersucht auf Memel nicht und trieb sie an, jede sich darbietende Gelegenheit, der Nebenbuhlerin zu schaden, nicht aus den Augen zu verlieren. Im Jahre 1520 brach zwischen dem Hochmeister und dem Polenkönig ein blutiger Krieg aus, weil jener diesem den Lehnseid verweigerte. Sogleich benutzten die Danziger diese Gelegenheit, Memel zu schaden. Zu Pfingsten dieses Jahres kamen sie mit mehren Schiffen vor den Hafen, eroberten die Stadt, brannten sie bis auf acht Häuser nieder, so daß Memels Untergang vom Schicksal beschlossen schien. Allein die unermütliche Betriebsamkeit der Einwohner ließ die Stadt aus ihrer Asche größer und schöner hervorgehen, und die Segnungen eines zwanzigjährigen Friedens gaben ihr einen immer steigenden Wohlstand.
Nachdem der Hochmeister Markgraf Albrecht von Brandenburg 1525 das Ordenskleid abgelegt und Preußen als weltliches Herzogthum von Polen als Lehn empfangen hatte, erstand in Königsberg der Stadt Memel eine andere neidische Feindin. Königsberg wußte sich vom altersschwachen Herzog Albrecht mehrere Privilegien zu verschaffen, so unter andern auch durch einen herzoglichen Erlaß vom 3, August 1565, daß alle preußischen Städte vom Handel mit Polen ausgeschlossen und ihnen befohlen wurde, nur allein mit Königsberg, als dem privilegierten Stapelplatze, Geschäfte zu machen. Hiergegen protestierte Memel mit allen leidenden Städten unterm 14. November 1565 bei den versammelten Ständen, und obgleich sich diese der von Königsberg bedrückten Städte annahm, so erlangten sie doch nur dürftige Concessionen, und Memel mmußte durch Umgehung oder Nichtachtung der bestehenden Gesetze seinen Handel zu erhalten suchen, den Königsberg seiner Seits mit Argusaugen bewachte. Unterm 18.April 1580 erwirkte es vom Markgrafen Georg Friedrich, der für den blödsinnigen Herzog Albrecht Friedrich die vormundschaftliche Regierung führte , das Verbot der Rhederei und 1619 die Verordnung, daß kein Schiff mit Ballast in den Memeler Hafen einlaufen durfte; endlich maßte Königsberg sich sogar an, einen Agenten nach Memel zu schicken, der den Handel überwachen mußte. Letzteres Empörte die Memeler, und der Magistrat verbot den Bürgern, dem Agenten weder Wohnung, noch Lebensmittel zu geben, und bewirkte, daß den Königsbergern durch eine Kabinetsordre vom 30. Juli 1612 befohlen wurde, denselben abzuberufen, wofür diese sich wieder dadurch rächten, daß sie bei den Regimentsräthen eine Verordnung durchsetzten, wonach die in den Memeler Hafen einlaufenden Schiffe nur so viel Waren ausführen durften, die als Einführung derselben werth gewesen.Indessen wurde diese Verordnung durch den Kurfürsten Georg Wilhelm unterm 27. Mai 1637 widerrufen, und unterm 16. Februar 1639 verlieh König Wladislaus von Polen Memel sogar das Stapelrecht.
Sehr günstig für Memel wirkte die gute Aufnahme, welche der Kurfürst Georg Wilhelm bei seinem Besuche im Jahre 1637 in Memel fand, wodurch die Stadt das ganze Wohlwollen dieses Fürsten erwarb, so daß er ihr bei jeder vorkommenden Gelegenheit dasselbe bethätigte. Auch des großen Kurfürsten Gunst erwarb sich Memel dadurch, daß, nach dem König Johann Kasimir ihr 1658 notificiert hatte, wie er die vom Schwedenkönige dem Kurfürsten bewilligte Souverainität bestätigt habe, es nicht nur zuerst von allen Städten Preußens die neuen Rechte des Kurfürsten auf dem, sondern auch freiwillig auf Landtage im Jahre 1661 anerkannte, sondern auch freiwillig auf das ihr nach kulmischen Rechte zustehende Privilegium der Befreiung von aller Naturaleinquartierung Verzicht leistete.
So hat Memel in seinen ersten 200 Jahren in den blutigen Kämpfen sein Bestehen und in den folgenden 200 Jahren unter diplomatischen Streitigkeiten seinen Haupterwerbszweig, den Handel, erstreiten müssen. Erst bald nachdem es unter die souveraine, gesegnete Herrschaft der Hohenzollern kam, konnte es in ruhiger Entwicklung seiner Größe und seinem Flore nachstreben.
In den ersten Jahren dieser Herrschaft brachten die Zeitereignisse es jedoch noch einmal an den Rand des Verderbens. In den Kriegen zwischen Schweden und Polen mußte der staatskluge Kurfürst sich bald auf die eine, bald auf die andere Seite wenden, und hiebei mußte Memel die Schweden bald als Freunde, bald als Feinde aufnehmen, in beiden Fällen aber immer mit großen Opfern.
In den Jahren 1629 - 1635 mußte es drei schwedische Regimenter verpflegen und nach deren Abzug ein Kurfürstliches, wobei die Stadt ihre Einbüße auf 595,000 Gulden be-rechnete, dagegen aber als Vergütung die Befreiung von den öffentlichen Lasten unterm 15. April 1642 und das Versprechen der Rückzahlung von 478 000 Gulden erhielt. Da die Regierung später diese Summe nicht zahlen konnte, so entschädigte sie die Stadt am 15. Oktober 1657 durch sehr schützenswerthe Privilegien, wonach derselben bedeutende Freiheiten im Handel und Verkehr eingeräumt wurden.

Memeler Wochenblatt Nr. 116 vom 28. September 1852 - Seite 493 (Fortsetzung und Schluß)

Im Jahre 1678 rückten die Schweden als Feinde vor Memel, und der Commandant fand es für nöthig, zur besseren Verteidigung der Stadt die Vorstädte niederzubrennen; das entfesselte Element ergriff die Stadt selbst und legte sie fast ganz in Asche. Auch aus dieser Calamität ging Memel größer und schöner hervor, und eine Vorstadt, die bisherige Ledergasse wurde unter dem Namen der Friedrichsstadt durch ein Privilegium des Kurfürsten Friedrich III.vom 29.August 1682 mit allen Rechten und Privilegien Memels zur Stadt erhoben, und diese neue Stadt, die nicht desto weniger wie vorher als Vorstadt der Jurisdiction des Hauptmanns von Memel unterworfen blieb, erhielt sogar unterm 9.Juni1707 vom nunmehrigen Könige Friedrich I. ein eigenes Wappen, einen mit Eichenlaub bekränzten wilden Mann, der in der rechten Hand einen aufrechtstehenden Anker hält.
In den Jahren 1700 - 1711 wütete in Memel eine ansteckende Krankheit, welche allein im Jahre 1710 1883 Menschen hinraffte; nur spärlich wurde dieser Abgang an Menschen durch 400 im Jahre 1732 eingewanderte Salzburger ersetzt.
Nun kamen für Memel Jahre eines segenbringenden Friedens, bis der siebenjährige Krieg auch diese Stadt in das Schicksal der ganzen Provinz hineinzog. Im Jahre 1757 von den Russen, zu Lande und zu Wasser, unter der Feldmarschal Aprarin belagert, der in 4 Tagen 1300 Bomben in die Stadt werfen ließ und dadurch einen Schaden anrichtete , der auf 30 000 geschätzt wurde.) mußte der 600 ehrenvollen Capitulation sich die Stadt nach einer Mann starken Besatzung unter dem Obristen v. Rummel am 5. Juli den Russen ergeben und deren Kaiserin Elisabeth huldigen; nach 6 Jahren erst wurde sie durch den Friedensschluß zu Hudertsburg 1763 ihrem rechtmäßigen Landesherrn wiedergegeben, und mit ungeheuchelter Freude huldigten die Memeler wieder ihrem alten Herrscher. In diesem Kriege mußte das Memeler Archiv nach Cüstrin gebracht werden und ging bei der durch die Russen herbeigeführten Einäscherung dieser Festung verloren; erst im Jahre 1801 beginnt die neue Memeler Chronik, und nach derselbenm zählte die Stadt in diesem Jahre 857 Häuser und 6203 Einwohner.

S
eit dem siebenjährigen Krieg genoß Memel eine glückliche Ruhe, und die Unglücksjahre 1806 und 1807 waren für Memel Jahre eines glänzenden Glückes, in dem bei der Continentalsperre durch Napoleon der Handel seinen einzige, zwar unerlaubten Weg über diese Stadt nah; auch war sie die einzige Stadt Preußens, welche keine Franzosen als Feinde sah, vielmehr wurde sie 1807 die letzte Zufluchtsstätte unseres unvergeßlichen, geliebten Königs Friedrich Wilhelm III. und dessen erhabener Familie. Aber auch früher schon, in den Zeiten des Glücks, am 9. Juli 1801 besuchte der König und Seine von allen Preußen höchstverehrte und geliebte Gemahlin Luise Memel, wo sie mit dem befreundeten Kaiser Alexander I. von Rußland eine Zusammenkunft verabredet hatten. Der Ort dieser Zusammenkunft wurde durch 4 gepflanzte Bäumchen bezeichnet, aus welchen das jetzige, noch allen Memelern theure, sogenannte Königswäldchen entstanden ist. Seit dieser Zusammenkunft beider Monarchen heißt die Lindenstrasse Alexander Straße , weil Kaiser Alexander damals in einem Hause derselben, dem jetzigen Landratsamte logierte.
Jene Unglücksperiode des preußischen Staate knüpfte aber das Band der Liebe zwischen Memels Bewohnern und dem geliebten Königshause womöglich noch fester und mit freudigem Stolze denkt Memel immer der Zeit, wo sein geliebter König und dessen Familie in seinen Mauern residierte. Auch Friedrich Wilhelm III. und sein erhabener Sohn, unser jetzt regierender geliebter König, gaben der Stadt oft unzweideutige Beweise Ihres huldvollen Andenkens, indem Sie dieselbe verschiedene Male mit Ihrem Allerhöchsten Besuche beehrten und erfreuten. Zum Andenken des königlichen Besuches im Jahre 1809 wurde die bisherige Steintorstrasse Friedrich Wilhelms Straße genannt. Auch zur Feier des 600jährigen Bestehens der Stadt hatte dieselbe die huldvolle Zusicherung des freudebringenden Besuchs des allverehrten jetzt regierenden Königs erhalten, und nur die inzwischen in der Provinz ausgebrochene Cholera läßt uns dieses Glücks nicht teilhaftig werden, indem Se. Majestät in landesväterlicher Berücksichtigung des Wohles Ihrer Unterthanen eine mit dem hohen Besuche unvermeidliche Anhäufung des Volks auf einer Stelle und das dadurch mögliche Umsichgreifen der Seuche vermeiden will.
Wir können diesen kurzen Abriß der Geschichte Memels nicht schließen, ohne noch einen Blick auf diejenigen Anstalten zu werfen, welche der edle Sinn Sinn der Memeler gerade in der letzten Hälfte ihres sechsten Jahrhunderts schuf und pflegte, und die mit der Stadt als ruhmwürdige Denkmäler durch alle Jahrhunderte sich vervollkommen und buhen mögen, wir meinen die Schulen Memels. Vor 1812 hatte Memel nur eine dreiklassige, sogenannte große oder lateinische, eine Elementar- Kirchschule und mehrere Privatschulen, welche von verkommenen Handwerkern, invaliden Unteroffizieren oder alten Jungfrauen dürftig besorgt wurden. Da beschlossen die Memeler, gerade in der Zeit des hochherzigen Aufschwungs Preußens, ihr Schulwesen mit großen Opfern zu reorganisieren, und einige edle Menschenfreunde, wie der nachmalige Comerzienrath Muttray, Hofrath und Dr. Morgen und Stadtrath und Syndicus Foerster griffen die Sache mit edlem Eifer an. Die alten Lehrer der großen Stadtschule wurden bis auf den Rector, der als erster Lehrer der Schule verblieb, ein Director und Stadtschulinspector vorgesetzt, dem das ganze Memeler Schulwesen zur Leitung übergeben wurde. Derselbe wurde in der Person des Dr. Rosenheyn berufen. Daneben wurde in jedem der drei Stadtteile , Altstadt, Friedrichstadt und Neustadt eine zweiklassige Volksschule errichtet, in welcher die Schüler und Schülerinnen freien Unterricht erhielten, und ein erster und ein zweiter Lehrer mit auskömmlichen fixen Gehalte von resp. 400 und 300 Thaler nebst freier Wohnung und Holz angestellt.
Nach dem Bedürfnisse wurden diese Schulanstalten in laufender Zeit erweitert. Die große Stadtschule erhielt noch sechs Klassen und ist jetzt eine höhere Bürgerschule ersten Ranges, d. h. mit der Befugnis, ihre nach wohlbestandener Prüfung abgehenden Primaner auf die Königl. Bau=Akademie entlassen zu dürfen, und die Zahl der Volksschulen ist auf vier gestiegen, von denen die eine vier, jede derübrigen , 3 Klassen hat, daneben ist eine höhere Töchterschule mit 4 Klassen eingerichtet. Bedenkt man, das die Stadt alle diese Anstalten fast ohne Fonds, als die aus der Kämmerei=Klasse fließen, erhält, daraus kann man die Größe der dargebrachten Opfer ermessen, wenngleich das später für die Volksschulen eingeführte Schulgeld (inder höheren Bürgerschule hat ein solches immer bestanden) einen Zuschuß gewährte.
Noch in diesem Jubeljahre hat sich die Stadt durch das neue Schulhaus für die Altstädtische Schule ein schönes Denkmal des Jubeljahres gesetzt. Dieses Gebäude kann mit Recht ein Musterschulgebäüde in jeder Hinsicht heißen: es ist nicht nur für die Schulzwecke gut gelegen, sondern es enthält auch geräumige Schulzimmer und sehr freundliche sorgsam einge-richtete Lehrerwohnungen für die beiden ersten Lehrer. Sollten wir dieser Schule einen Namen geben, so würden wir sie die Jubiläumsschule heißen, denn sie ist würdig, der Nachwelt als ein Denkmal des 600jährigen Jubeljahres der Stadt Memel überliefert zu werden.
Noch mögen wir nicht unerwähnt lassen, daß Memel in dieser Zeit auch in ändern, die Wissenschaft fördernden Anstalten vorgeschritten ist. Bis 1816 hatte sie keine Presse; damals erhielt sie durch unseren Mitbürger Horch eine solche; jetzt hat sie deren zwei und auch eine Buchhandlung.
Glück zu auf dem Wege des Fortschritts Du mutige betriebsame , treue Stadt! Wachse und blühe Du freundliches Memel = per snecula saeculorum.

Toast auf Memel
bei seinem 600jährigen Jubelfeste
Hoch, Memel, hoch! Du Stadt der deutschen Marken
Du deutscher Sitte Hort
Wo Geist und Herz in deutscher Kraft erstarken
Im lebensstarren Nord!
Hoch, Memel, hoch! Du Nordenstadt der Preußen
Voll Vaterlandes Treu!
Du darfst hinfort die Stadt der Treue heißen;
Jüngst zeigtest Du 's auf Neu'!
Dem König treu, ob Treu und Glauben weichen
im Völkerstürme Weh'n:
Du bliebest fest, wie Hermann's deutsche Eichen,
In deutscher Treue steh 'n!
Hoch Memel, hoch! Du Stadt aus blut'gemSchweiße
Und von geradem Sinn
Die schön erblüht von kraft'ger BürgerFleiße
Und redlichem Gewinn!
Hoch, Memel, hoch! Du Stadt der Muthgen Herzen,
Dem Meere angetraut
Die kühn, auf, auf Wellenbergen schwebend, scherzen;
Du schmucke Meeresbraut!
Hoch, Memel, hoch! In spätesten Aeonen
Sollst Du im Vaterland
Die Stadt des Muth 's, der Treu' des Segens thronen,
Die glückliche genannt!

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