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RuckenSW.Gif



MD-Okt.1996

110 Jahre evangelische Kirche in Rucken

Von  WALTER KUBAT

Am 11. Juli 1996 feierte unsere Kirche   ihren 110. Geburtstag.

Das 1885/86 erbaute Gotteshaus hat den letzten Krieg ohne großen Schaden überstanden. Für die jetzt hier lebenden Ruckener mag es ein Trost sein, daß ihre Kirche nach der Vertreibung der Memelländer von den litauischen Katholiken übernommen wurde. Dadurch konnte das Haus der sonst üblichen Zweckentfremdung entgehen. Seit August 1992 steht die Kirche jeden 3. Sonntag im Monat dem evangelischen Gottes­enst zur Verfügung. .

Aus der Kirchengeschichte:

Rucken war s.Zt. der Kirchengemeinde Coadjuthen angeschlosse­n. Zur dortigen Kirche war ein 13 km langer Weg zurückzulegen, der im Frühjahr und Herbst oft unpassierbar wurde. Die Behörden planten bereits 1723 den Bau einer Filialkirche in Rucken. Die­se sollte im Fachwerkstil erbaut werden. Das benötigte Holz woll­te man aus der 3 1/2 Meilen ent­fernten Tauroggischen Wildnuß holen. 1341 Reichs-Taler und 9 Groschen waren als Kosten veran­schlagt. Doch der Plan fiel bald ins Wasser, denn die Mutterkirche war inzwischen baufällig gewor­den und wurde abgebrochen. Am 25. Dezember 1733 fand die Ein­weihung der neuen Steinkirche statt, die heute noch steht.

Bis Rucken zu einer Kirche kam, floß noch viel Wasser ins Haff. Am 1. April 1869 wurde der Ort zum selbständigen Kirchspiel erhoben. Coadjuthen mußte 19 Dörfer abgeben. Natürlich mußten auch Plaschken und Piktupönen zur Substanz beitragen. Einige Gemeindemitglieder widerspra­chen dem zwar heftig, aber ihre Proteste blieben unberücksichtigt.

Am 1.5.1870 trat Pfarrer Jordan als erster Geistlicher seinen Dienst an. Die Gottesdienste fan­den zunächst in der Ruckener Schule statt, die bereits 1818 ihrer Bestimmung übergeben worden war.

Das Bauvorhaben selbst zog sich in die Länge. weil das Gebäude eigentlich im zentralgelegenen Spingen entstehen sollte. Schließ­lich stellte Rittergutsbesitzer Franz Habedank das Baugrund­stück zur Verfügung. Es lag an der Straße Tilsit-Memel unweit vom Zusammenfluß der Flüßchen Kammon und Eisra. 1885/86 wur­de dann dort die Kirche und 1891/92 das Pfarrhaus mit den \Virtschaftsgebäuden erbaut.

Baumeister Hassier aus Ragnit führte den Bau aus. Das unver­putzte Backsteinbauwerk steht in Ost- West Richtung mit einem 30m hohen stumpfen Turm im Westen. Die Apsis hat drei bleiver­glaste Fenster: im mittleren wird die Figur des sich selbst bezeugenden Christus dargestellt. Die Kan­zel steht links vom Altar und wird von der Sakristei aus bestiegen. Das Kirchenschiff ist zweiteilig und von einer flachen Decke abge­schlossen. An beiden Längsseiten ziehen sich Emporen entlang, auf der  Westempore steht die Orgel. Im Turm ist das Hauptportal, dort hingen bis Kriegsende zwei Glocken, heute nur noch eine. Am II. Juli 1886 ist das neue Gottes­haus eingeweiht worden.

Die Baukosten wurden durch Spenden in Höhe von . 21 124 Mark und durch Eigenlei­stung der Gemeinde gedeckt. Anfang des Jahrhunderts schenkte der Frauenverein Rucken die Alt­arbekleidung. In der selben Zeit wurde die Kirche gedielt bzw. mit schwarz/weißen Fliesen ausgelegt.

legt. 1910 konnte ein Kohleofen angeschafft werden.

Zum Kirchspiel Rucken gehörten die Gemeinden (Schulorte sind mit einem Kreuz versehen), Rucken÷, Annuschen+, Jeckster­ken, Kaszemeken+, Kowgirren, Maszeiten, Mikut-Krauleiden+, Mohlgirren, Pakamonen+, Schill­gallen+ Dorf und Forst, Gut. Schillgallen und Gut Alex-Mesch­keit, Skerswethen+, Spingen, Steppon. Rödszen+, Stonisch­ken+, Stumbragirren÷, Tutteln+, Uszkamonen, die Forstereien Jecksterken und Paul-Beistrauch.

Die Kirchengemeinde war patro­natlos und umfaßte 4 000 Seelen. Das Pfarrland war 1,1 ha groß. Eine Krankenschwester wurde angestellt, Post und Bahnstation (Rucken hatte nur einen Halte­punkt) war im 3,5 km entfernten Stonischken. 1936/37 wurde das Gemeindehaus mit Konfirman­densaal und Schwesternwohnung erbaut.

Im Ort stand auch eine Kirche der Ev.Lutheraner Augsburger Kon­fession. Erstbesitzer war Pfarrer Laukant; wo ab 1910 Pfarrer Abromeit seinen Wirkungsbereich hatte. Sie ist durch Kriegseinwir­kungen 1945 zerstört worden.

Die Pfarrer:

1870-1876 Ludwig Albert Jordan. Er war vorher Prä­zentor in Ballethen und von 1876-1895 Pfarrer in Szikehmen, Kr. Goldap.

1877 von März bis August Joseph Wosilat, vorher Kantor in Russ. Er starb am 15.8.1877.

April bis November 1878 Otto Friedrich Moritz Leh­mann, vorher 2. Pfarrer in Prö­kuls, danach in Inse.

1884-1886 Franz Martin Neßlinger.

1886-1890 Friedrich Penschuck. Er kam am 1. Juli nach Rücken und ging am 1.10.1890 nach Mehlau­ken, Kr. Labiau.

1890-1901 Emil Franz und Theodor Pipirs, vorher Hilfsprediger in Heinrichswalde.

1901-1907 Max Franz Albert Glang: Pfarrer in Nattkischken nachher in Wischwill.

1907-1910 Paul Hermann David Köhler, vorher in Ramutten, nachher in Niebudszen, Kr. Gumbinnen.
1910-1920 Friedrich Wilhelm Metschulat, vorher in Paleiten nachher in Mehlkehmen,
Kr. Stalupönen und danach in Seeburg. Kr. Allenstein.

1920-1928 Johan­nes Tennigkeit. geb. am 12.6.l879  in Willkischken, Studium 1901-1905 bei der Gossner Mission in Berlin, ordiniert am 
                  7.2.1909. Missionar in Indien von 1905-1915, Pfarrer in Pokracken, Kr. Tilsit, von 1916-1920, in Plicken von 1920-1944,
                  1944-1951 in Beesenlaublingen, Provinz Sach­sen. Ruhestand in Beienrode bei Helmstedt, gestorben am. 8.1.1972.

1928-1929 Pfarrer Mar­tin Schernus. geb. am 25.3.1879 in Pangessen bei Prökuls, Studium bei der Rheinischen Mission in Wuppertal, Missionar
             auf Borneo. 1908-1921. Pfarrer in Neustadt, Kr. Schaken, (Litauen) 1922-1924, in Russ 1924-1928 ging 1929 nach Pogegen und
             starb dort am 28.3.1933.

1929-1935 Werner Lekies, geb. am 14.8.1904, ordiniert am 17.3.1929. vorher Vikar in Plaschken, mußte 1935 als Reichsdeutscher Rucken
             verlassen und ging nach Kutten, Kr. Angerburg. fiel 1941 im Kriegseinsatz im Osten.

1936-1945 Kur Schmidt, geb. am 18.6.1914 in Memel, ordiniert am 15.5.1938 Nach der Heimkehr aus den Kriegsdienst wurde er von der
             Landeskirche Braunschweig übernommen und war von 1950 bis 1955 Pfarrer in Vechelde. 1955 trat er in den Dienst der Innerer
             Mission in Braunschweig. die in das Diakonische Werk überging. 1963 wurde er Direktor und trat 1979 in den Ruhestand.

1941 übernahm Martin Kibelka aus Berlin, evakuiert, vertretungswei­se den Dienst in Rucken.

Die letzten Organisten waren:

Kantor Wilhelm Schneider, der 1931 nach Willkischken ging.

Kantor Franz Sulies versah als letzter Organist diesen Dienst bis Kriegsende


   Wie heilig war mir diese Stunde.
Gott führte uns im großen Bunde

   in diese Kirche schmuck und fein,

   stolz war man Konfirmand zu sein

    Wie feierlich von der Empore,

   Chor; Orgel und Posaunenklang,

   ich hör es noch in meinen Ohren,

   vergeß es nicht mein Lebenlang.

   Hier liegt vor deiner Majestät

  im Staub die Christenschar.

  Das Herz zu dir; o Gott, erhöht

  die Augen zum Altar,

  Da stehst du jetzt im fernen Rucke

  zum Jubiläum traut und schön.

  Wir wünschen, bleib uns wohl erhalten,

  bis einmal wir dich wiedersehn.

Walter  Kubat

Hinweis: Die in rot gehaltenen Namen sind etwas zweifelhaft.

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