Die vorgeschichtliche Kultur des Memellandes in den ersten zwölf Jahrhunderten unserer Zeitrechnung bis zur Ankunft Ordens zeigt eine einheitliche Entwicklung. Man hat dafür sogar den Begriff der " Memellandkultur " geprägt.
Freilich greift das Gebiet dieser Kultur weit über das heutige Memelland hinaus. Man hat diese Kultur dem Volke der Kuren zugeschrieben.Die Kuren waren, so wie sie in der Memellandkultur entgegentreten, ohne Zweifel ein baltischer Stamm. Sie gehörten wie die alten Preussen, die Litauer und die Letten der indogermanischen Völkerfamilie an. Die kurische Memellandkultur, im Kern baltisch bestimmt, ist mehrfach durch germanische Einflüsse angeregt und befruchtet worden, den großartigsten Eindruck von dieser Memellandkultur erhält man durch das Gräberfeld von Linkuhnen (Kr. Niederung, südlich von dar Memel),einer Totenstadt mit drei übereinander-liegenden Schichten von Bestattungen aus dem 6.-12.Jahrhundert.
Von den Ureinwohnern des Memelgebietes wissen wir sehr wenig. Spärliche Altertumsfunde an vielen Stellen der Nehrung von Nidden bis Schwarzort, bei Lankuppen und am Rombinus sagen uns, dass dieses Gebiet mindestens 1000 Jahre v.Chr. bewohnt gewesen ist (Steinzeit).
Aus der Bronzezeit stammen Funde aus Dt. Crottingen, Mieszeiken, vom Rombinus usw.
Gräberfelder bei Nimmersatt, Andullen, Baiten, Collaten, Schemen, Stragna, Wilkieten, Ruboken, Werden, Bittehnen, Schmalleningken, am Rombinus usw.
Aus der darauf folgenden Eisenzeit von 300 v. Chr. bis etwa 1200 n. Chr. lassen erkennen, das dies Gebiet auch schon früher bewohnt gewesen ist.
Mit dem Beginn des 13.Jh. tritt das Memelland in die geschichtliche Zeit ein. Durch schriftliche Quellen kennt man jetzt auch die Volkstums- und Siedlungsverhältnisse genauer.
Zu beiden Seiten der unseren Memel wohnte der Stamm der Schalauer, der zu den alten Preussen zu rechnen ist, aber kulturell den Kuren sehr nahe gestanden hat.
Nördlich der Memel, zwischen Dubissa und Jura, sassen die Karsowier, ein besonderer baltischer Stamm.
An sie schlössen sich im Westen die Schalauer und Kuren an.
Die heidnischen Bewohner der Kreise Memel und Heydekrug haben Christentum u d Deutsche- Kultur zuerst von den Schwertbrüdern, die ihren Sitz in Riga hatten, bekommen.
Die Schwertbrüder (der livländische Bruderorden des Deutschen Ritterordens) kamen 1252 nach dem an der Dangemündung liegenden grossen Fischerdorfe und beschlossen, hier eine Burg zu bauen.
Die durch die Schwertbrüder erbaute Ritterburg wurde Mummelburg genannt. Daraus ist der Name Mummel, Mümmel, Memmel und zuletzt Memel entstanden.
Vor der Burg wurde die Stadt Memel angelegt, deren Lübisches Recht vom Jahre 1254 erhalten ist.
Memel ist die älteste Stadt des Preussenlandes gewesen!
Als Brücke zwischen den beiden Ordensländern Preussen und Livland hatte Memel grosse politische Bedeutung.
im Jahre 1328 traten die Schwertbrüder Memel und das umliegende Land dem Deutschen Ritterorden ab, dessen Hochmeister in der Marienburg wohnte.
Seitdem war Memel unbestritten preussisch. Die Einwohner dieses Landes mussten mit den Rittern immer wieder ins Feld ziehen. Viele fielen im Kampf, andere wurden, schon um Aufstände zu verhüten, fortgeführt und anderweitig angesiedelt. Ihre Zahl nahm mehr und mehr ab, und in die verödeten und entvölkerten Landstriche kamen nun meistens Litauer als Kriegsgefangene oder Ansiedler, ferner Deutsche und Letten, später Schotten und Salzburger. Aus ihnen allen ist die jetzige Bevölkerung des Memelgebietes entstanden.
Memel hat im Brennpunkt vieler Kampfe mit den benachbarten Litauern und Polen gestanden.
1323 fiel der Litauerfürst Gedomin in unser Gebiet ein und verbrannte Memel, während die Burg sich halten konnte.
In den Jahren 1379, 1393 und 1402 wurde Memel abermals durch litauische Überfälle zerstört.
Die Burg Memel wurde in den Jahren 1401 - 1409 stark ausgebaut, die Stadt Memel 1408/1409 neu gegründet.
Nach dein gemeinsamen Sieg Litauens und Polens über den Orden bei Tannenberg (1410) zogen noch 12 Jahre harter Kämpfe mit kurzen Friedansabschlüssen über Preussen hin, bis im Jahre 1422 der mehr als 1 Jh. alte Streit zwischen dem Orden und Litauen begraben wurde. Die Grenze, die damals festgesetzt wurde, bestand bis 1920. Der Orden musste in einem Verzichtfrieden die Grenzen zurückstecken. Schmerzlich war besonders die Abtretung eines kleinen Stückes an der Ostseeküste bei Polangen an Litauen. Dort war nun der Zusammenhang zwischen Preussen und Livland ganz zerrissen. Selbst damals wurde aber Memel vom Orden gehalten und auch ein Streifen Land nördlich von der Memel bis Nimmersatt.
Die Stadt Memel war bis zum Ende der Ordenszeit die einzige grössere Siedlung des Memellandes. Das wesentliche Bevölkerungselement waren die Deutschen. Über Memel ging der Handel nach Kowno und Wilna, aber auch nach Königsberg und Danzig.
Nach dem preussischen Bürgerkrieg und dem 2. Thorner Frieden 1466 wurde Preussen in West- und Ostpreusseri aufgeteilt.
Dieser Krieg hat auch Memel wieder in Mitleidenschaft gezogen. Als Memel Ende 1455 vorn Orden zurückerobert wurde, ging die Stadt und die Vorburg in Flammen auf.
Nach den vielen Kriegen begann für die Stadt eine Zeit des langsamen und beständigen Aufstiegs. Um den Wohlstand des Landes zu heben, wurde in erster Linie die Landwirtschaft gefördert. Aus der Komturei Memel wurde ein Hauptamt.
Die Verwaltungseinteilung der Ordenszeit hat bis auf die neueste Zeit nachgewirkt.
Der Umbruch des Jahres 1525, die Verwandlung des Ordenslandes Preussen in ein westliches, Herzogtum unter dem bisherigen Hochmeister, nunmehrigen Herzog Albrecht, erfüllte das Land zwar mit neuem Geist, ließ aber die Formen der Verwaltung möglichst unberührt.
Albrecht von Brandenburg war ein Freund Luthers und trat zur evangelisch-lutherischen Kirche über, mit ihm die Geistlichen und allmählich das ganze Volk, auch im Memelgebiet. Fast 95 % aller Memelländer sind evangelisch.
Der Aufschwung des Memeler Handels im 16. Jh. ist nach Memeler Zollrechnungen offensichtlich.Der Seezoll wurde schon seit 1520 erhoben.
Im 17.Jh. wurde das Memelgebiet wiederholt mit Krieg überzogen, u. a.im schwedisch-polnischen Krieg. Die Schweden kamen auch bis nach Memel und blieben im Memelgebiet von 1529 - 1535.
Nach der von den Schweden verlorenen Schlacht von Fehrbellin 1675 wollten diese sich rächen und erschienen 1678 von Kurland mit 1600 Mann an der preussischen Grenze. Zunächst richtete sich ihr Angriff gegen Memel. Der Kommandant der Festung ließ die Vorstädte Vitte und Sandwehr niederbrennen, damit sich die Feinde nicht verstecken konnten. Das Feuer griff aber weiter um sich und legte die ganze Stadt in Asche; die Festung blieb aber verschont.
Der Kurfürst kam mit dem Schlitten über das Haffeis bis in die Nähe von Kaukehmen und ließ die Schweden bis nach Riga verfolgen.
Vom 21.- 26. 2. 1679 unternahm der grosse Kurfürst von Königsberg aus eine Reise nach Memel, um die Festung zu besichtigen und der tapferen Besatzung zu danken.
In den Jahren 1709/1710 wurde von Osten die Pest eingeschleppt, die schnell und verheerend um sich griff. Bis zum Jahre 1710 starben in der Stadt Memel und den Vororten allein 2000 Menschen unterentsetzlichen Qualen.
In manchen Dörfern blieb nicht einer am Leben.
Durch Zuzug vorbildlicher Landwirte und Handwerker, auch der Salzburgert im Jahre 1732 unter Friedrich Wilhelm I gelangte das Land allmählich wieder zur Blüte.
Im Siebenjährigen Krieg, den Friedrich der Grosse führte, schickte die russische Kaiserin ein starkes Heer auch gegen Memel und hielt das Memelgebiet 6 Jahre besetzt.
Als König Friedrich Wilhelm III. zur Regierung gekommen war, wollte er Kaiser Alexander I. von Russland besuchen. Am 8. Juni 1802 traf Friedrich Wilhelm III., begleitet von Königin Luise, in Memel ein.
Kaiser Alexander kam von Polangen her. Beide Herrscher ritten sich entgegen und trafen sich auf halbem Wege nach Tauerlauken. An dieser Stelle entstand "Königswäldchen".
Gelegentlich dieser Monarchenzusarnmenkunft erhielten in der Stadt die Luisen-, Friedrich-Wilhelm - und Alexanderstraße ihre Namen.
In dem unglücklichen Krieg von 1806 - 1807 war Memel die einzige preussische Stadt, die damals von den Franzosen weder besetzt noch belagert wurde.
Memel war in den Jahren 1807 - 1308 der Sitz der königlichen Familie und der obersten Staatsbehörden.
Am 15. Januar 1808 vormittags verliessen. der König und die Königin die Stadt, um ihre Residenz nach Königsberg zu verlegen. Am 14. Januar 1808 hinterliess der König der Memeler Bürgerschaft folgendes Handschreiben.
(entnommen aus "Geschichte der Stadt Memel von Johannes Sembritzki)
" Ich danke der braven und guten Bürgerschaft von Memel für die während Meiner Anwesenheit so vielfach und herzlich geäußerten Beweise der Treue, Liebe und Anhänglichkeit an Meine Person, Meine Gemahlin und Mein ganzes Haus. So wie es unvergesslich sein wird, dass Memel allein von allen Städten Meines Reiches von den Kriegsdrangsalen unmittelbar verschont geblieben, so werde Ich Mich stets dankbar erinnern, dass die göttliche Vorsehung Meine Familie hier eine Freistätte finden ließ.
Die vielen rührenden Beweise der Liebe und unerschütterlichen Treue, welche sämtlich Bewohner dieser Stadt und Gegend Mir, selbst bei Annäherung der grössten Kriegsgefahr, gegeben, erhöhen den Wert dieser Erinnerung- und sichern der Stadt Mein immerwährendes Wohlwollen. Mit Freuden werde Ich jede Gelegenheit ergreifen, ihr solches tätig zu bezeugen als
Ihr gnädiger König Friedrich Wilhelm "
Von Memel ist die Reform des preussischen Staates ausgegangen.
In Memel hat Freiherr vom Stein die Pläne einer inneren Wiedergeburt und äusseren Befreiung, entworfen.
Standbilder der Generäle und Staatsmänner aus dieser Zeit umsäumen das 1907 in Gegenwart des Deutschen Kaisers enthüllte Borussia-Denkmal.
Nicht unerwähnt will ich lassen,dass kein Geringerer als der alte Generalfeldmarschall von Moltke in den Jahren 1867 - 1891 Deutscher Abgeordneter des Kreises Memel war.
Nach dem unglücklichen Krieg und dem Befreiungskrieg begann im Memelgebiet wieder ein neues und frisches Leben. Das Land wurde in Kreise eingeteilt, Brücken,. Chausseen und Wege wurden gebaut. Es entstanden Kranken und Wohlfahrtshäuser. Heideland, Sümpfe und Moore wurden urbar gemacht.
Von 1863 - 1873 entstand der König-Wilhelm-Kanal, und 1875 wurde die Eisenbahn Tilsit-Memel" eröffnet.
Rückschläge blieben nicht aus, wie. das Überschwemmungsjahr.
1929 und auch 1906 (mehrere Dörfer standen unter Wasser), das Cholerajahr 1831 (die "orientalische Pest" war nach Russland gekommen und wurde von den Polen eingeschleppt), und der grosse Brand in Memel 1854 (ein Hanf- und Talgspeicher am Ballastplatz gerieten in Brand, das Feuer griff auf den naheliegenden Holzplatz über, sprang von Strasse zu Strasse und verschlang in kürzer Zeit fast den ganzen.Stadtteil, nördlich der Dange und griff auch auf das südliche Dange-Ufer über.
516 Familien wurden obdachlos).
Nach diesen schweren Jahren nahmen Wohlstand und Behaglichkeit stetig zu,bis dann der Weltkrieg kam.
Bis zum Frühjahr 1915 war das Memelgebiet Kriegsschauplatz. Besonders die Stadt Memel hatte in jenen Tagen viel durchzumachen. Vom 18. - 21. März 1915 waren die Russen Herren der Stadt.
Nach Kriegsschluss wird in Artikel 99 des Versailler Vertrages vom 28. Juli 1919 die Abtretung des Landes nördlich der Memel (Memelland) bestimmt.
Das Memelgebiet wurde zuerst an die Allierten Mächte abgetreten.
Von 1920 - 1923 hatten französische Truppen das Memelgebiet besetzt. Die Selbstverwaltung in Memel wurde nicht angetastet.
Am 10. Januar 1923 überschritten litauische Freischärler die Memelländische Grenze. Das Memelland wurde Litauen als autonomes Gebiet zuerkannt. Die litauische Herrschaft im Memelland dauerte von 1923 - 1939. In dieser Zeit wurden verschiedene Wahlen abgehalten, die immer wieder das eindeutige Ergebnis hatten, dass das Memelland deutsch war.
Am 1. November 1938 fiel der Ausnahmezustand, der seit 1926 geherrscht und die Tätigkeit der autonomen Behörden weitgehend ausgeschaltet hatte.
Der 22. März 1939 brachte dann die Angliederung an das Deutsche Reich. Die Zugehörigkeit des Memellandes zum Reich sollte nur von kurzer Dauer sein. Durch den zweiten Weltkrieg, der mit dem furchtbaren Zusammenbruch Deutschland, endete, verloren wir Memelländer auch unsere schöne, unvergessliche Heimat.
Heute wohnen in der Stadt Memel, jetzt Klaipeda, ca 220 000 Bürger. Die Stadt Memel ist die drittgrösste Stadt Litauens. Das Land wird immer weiter zum wichtigsten Fenster des unabhängigen Litauen nach Westen hin.
Die Bevölkerung und ihre gewählten Vertreter sind heute offen und aufgeschlossen für die Belange der nicht durch ihre Schuld vertriebenen Memelländer. Die Universität beweist mit der Begründung des Forschungszentrums und einer Abteilung für evangelische Theologie, dass sie ebenfalls die Tradition des Landes ehrt. Der Wunsch, die eigenen kulturellen, wirtschaftlichen und menschlichen Beziehungen wieder zu beleben, kann somit Wirklichkeit werden.
Quellenangabe Broschüre "Mein Memelland" von Erika Rock
Das Memelland von 1920 bis 1939 ein Bericht von Prof.Dr.Walther Hubatsch.