Landkreis Memel

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Die zum Regierungsbezirk Gumbinen gehörenden Kirchspiele - Deutsch Krottingen, Memel-Stadt, Memel-Land, Schwarzort und Prökuls wurden 1818 direkt der Königsberger Regierung unterstellt.

Am 1.September 1818 wurde dann daraus der Kreis Memel.

 

folgendes aus

"Das Buch vom Memelland" von Heinrich A.Kurschat entnommen

Die heidnische Zeit

Schon in der jüngeren Steinzeit, also im ersten Jahrtausend vor Christi Geburt, war das Gebiet des Kreises Memel besiedelt. Der damalige Mensch benutzte Werkzeuge aus Stein, Knochen und Holz, kannte aber auch schon mit Schnurornamenten verzierte Tongefäße und bearbeitete sogar den Bernstein. Er bewohnte vorwiegend die Küstengebiete der Ostsee und des Kurischen Haffes, insbesondere die Nehrung, wo auf der Seeseite der Wanderdünen über hundert steinzeitliche Scherbenplätze gefunden wur­den. Auch bei Lankuppen wurde ein Steinzeitgrab entdeckt.

Aus der älteren Bronzezeit sind mehrere Hügelgräber bei Schlaszen be­kannt, aus der jüngeren Bronzezeit kennen wir Funde aus Deutsch-Krottingen, Eglischken und Miszeiken. Auf der Stufe zur jüngeren Bronze­zeit (etwa 600 v. Chr.) löste die Leichenverbrennung die Leichenbestat­tung ab.

In der Zeit vor Christi Geburt bis zur Christianisierung gebrauchten die Bewohner nur noch Waffen und Werkzeuge aus Eisen, während Bronze zum Schmuck benutzt wurde. Zahlreiche Gräber, so bei Anduln, Balten, Kollaten, Dautzin-Niklau, Nimmersatt, Oberhof, Pleschkutten, Schemen, Stragna, Thaleiken-Jakob und Wilkieten, zeigen, dass zur Eisenzeit wieder­um Leichenbestattung eingeführt wurde. Aus dieser Zeit, in der das Kreis­gebiet schon verhältnismäßig dicht besiedelt war, reichen in die Gegen­wart zahlreiche Burgwälle, Burgberge, im Volksmund auch Schweden­schanzen genannt. Sembritzki irrt wohl, wenn er die baltische Bezeichnung „pilkalns" mit „aufgeschütteter Hügel" übersetzt. Die richtige Übersetzung ist „Burgberg". Wenn auch die Burgberge in Klein-Tauerlauken, Kallnischken, Gibbischen-Martin und Masuren-Jakob fast eingeebnet wurden, so blieben die Hügel in Piktaszen, Deegeln, Dwielen, Leisten-Jakob, Gut Ekitten, Dawillen, Czutellen, Schlaszen, Zarten und Stankeiten doch ganz oder teilweise erhalten. Grabungen auf den Hügeln erbrachten viel Holz­kohle und Teile von Feldsteinmauern. Sie waren teilweise von Teichen umgeben, die die Verteidigung erleichterten. In den Boden eingerammte Pfähle weisen sie wenigstens teilweise als künstliche Aufschüttungen aus.

Wir gehen nicht fehl, wenn wir die sog. Burgberge weniger als Burgen im herkömmlichen Sinne denn als hochgelegene Siedlungen oder Flieh­burgen betrachten. Ihr zahlreiches Vorkommen beweist, dass nicht etwa erst mit dem Orden Kampfeslärm in eine vormalige Idylle drang. Schon zu heidnischen Zeiten gab es blutige Auseinandersetzungen zwischen den an der Küste siedelnden Kuren und den aus der Tiefe des Hinterlandes kommenden Schameiten. Anhand der Gräberfunde können wir sagen, dass die damaligen Küstenbewohner, die auch die Ufer der Dange, der Minge und der Wewirsze besiedelt hatten, über eine hohe Entwicklungs­stufe verfügten. Die Gerätschaften, Waffen und Schmuckstücke in den Gräbern zeugen von Wohlstand und einem für damalige Zeiten erstaunlichen Tauschhandel, der nicht nur über die Ostsee, sondern auch quer durch Europa bis in den Mittelmeerraum reichte. Am 21. 9. 1685 fanden Hütejungen bei Wilkieten einen Tontopf mit über 90 römischen Münzen der Kaiserzeit. In und bei Prökuls wurden zwischen 1720 und 1735 drei Gefäße mit römischen Münzen ausgegraben. Weitere römische Münzen wurden bei Nimmersatt, Bernsteinbruch und Oberhof gefunden, wo auch eine arabische Münze zu Tage kam.

Der Kreis Memel umfasste Teile der Landschaften Megowe, Pilsaten, Ceclis und Bihavelanc. Der Küstenstreifen Megowe (zu ihm gehörte auch das Gebiet von Polangen) war infolge schlechten Sandbodens kaum besiedelt. Hier dürfte es nur einige Fischergehöfte gegeben haben. Pilsaten und Ceclis reichten weit bis Litauen hinein und hatten im Westen kurisch, im Osten schameitische Bevölkerung. Bihavelanc war rein kurisch besiedelt.

Eine Reihe von Ortsnamen ist uns aus der vorchristlichen Zeit überliefert, so Akutte (Ekitten), Calate (Kollaten), Sarde (Szarde) und Driwene (Drawöhnen). Mutine oder Mutone (wahrscheinlich Tauerlauken) und Pois (Gut Schaulen) sind in Namen der Gegenwart nicht mehr nachzuweisen.

Die Ordenszeit

Kurisch war die Bevölkerung des Kreises Memel im 13. Jh., und von Kur­land kamen das Christentum und die deutsche Kultur in diese Landschaft. Unter dem Orden erfolgte ein weiterer Zuzug von christianisierten Kuren. Livland wurde um 1200 christlich, Kurland ab 1230. 1252 wurden Burg und Stadt Memel von Kurland aus gegründet. Dabei teilten sich der Orden und der Bischof von Kurland das Gebiet derart, dass der Orden zwei, der Bischof aber ein Drittel erhielt. 1328 wurden Burg und Gebiet Memel von Kurland zur Ordensprovinz Preußen geschlagen, wobei die preußische Nordgrenze weit hinauf bis zur Heiligen Aa reichte. 1422 wurde diese Grenze nach der Schlacht bei Tannenberg und dem Frieden am Melnosee weit zurückgenommen und so festgelegt, wie sie bis 1944/45 bestand.

Der Kreis Memel besaß zur Ordenszeit nur zwei der Landbevölkerung dienende Kirchen: die St. Nikolai-Kirche (spätere Landkirche oder Jako­buskirche) in Memel und eine Kapelle in Prökuls.

Memel war Sitz eines Ordenskomturs, der nicht nur den Kreis Memel, sondern auch den Kreis Heydekrug zu verwalten hatte. Der Komtur unter­stand direkt dem Hochmeister und übte alle Befugnisse der Obrigkeit wie Landverleihungen, Steuerwesen, Gerichtsbarkeit usw. aus. Unterbeamte gab es nicht, da die Zahl der Untertanen doch recht klein war. Noch 1560 gab es im Amte Memel in 26 Bezirken nur 595 Zinsbauern mit ihren Familien, also ein Bevölkerung von etwa 3000 Personen.

Über die ersten Landverleihungen im Umkreis der Stadt Memel ist weiter vorn nachzulesen. Vom 19. 2. 1462 datiert die älteste bekannte Verleihung des Gutes Groß-Tauerlauken. Aus den Jahren 1483 und 1509 stammen Verschreibungen für Landbesitz zwischen Dange und Kollaten. Von 1509 stammt auch die Handfeste über den Krug „vom Schwentzell" (Schwenzeln), während die des Mingekruges in Prökuls von 1511 datiert. Im glei­chen Jahr erhielt Stanko Budevik Krug und Fähre über die Wewirsze bei Stankeiten und Georg Talat den Krug auf der Heide (Heydekrug) ver­schrieben.

Der größte Teil des Kreises blieb aber in der Hand des Ordens, der - nachdem er 1392 auch das Drittel des Bischofs im Tauschwege erworben hatte - alleiniger Besitzer wurde und hier Zins- und Scharwerkbauern ansiedelte.

Große Teile des Kreisgebietes waren zur Ordenszeit mit Wald bedeckt, und zwar gab es nördlich Memel bedeutende und alte Eichenbestände, deren Überreste bis ins 18. und 19. Jh. reichten und drei bis vier Meter dicke Stämme aufwiesen. Dazwischen gab es viel Nadelwald, Heidege­biete, Sümpfe und Moore, in denen Elch und Wolf heimisch waren. Noch Ende des 17. Jh. gab es im Kreisgebiet „Ludergärten", in die die Bauern und Abdecker krepierte Tiere brachten, um sie den Wölfen vorzuwerfen, damit diese die Herden in Ruhe ließen. 1779 wurden bei Wittauten vier und bei Schlappschill fünf junge Wölfe ausgehoben. Der letzte Wolf, schon aus Rußland übergewechselt, wurde im Kreisgebiet 1864 im Forstgebiet Aschpurwen erlegt. Häufig war der Biber im Gebiet der oberen Dange mit ihren Zuflüssen: Bebrune = Biberfluß. Im 17. Jh. gab es im Kreis einen besonderen Biberfänger, und Bibermützen waren die große Mode in Memel.

Ackerbau, Bienenzucht (in der Form der Beutnerei, also der Ausbeutung der Waldbienen) und Fischerei (hier besonders der Lachs- und Störfang) ernährten die Bewohner.

Die Kolonisation auf der Nehrung begann - nachdem die steinzeitliche Bevölkerung aus unbekannten Gründen keine Nachfolger gefunden hatte - erst nach der Ordenszeit wieder. In der Zwischenzeit war aber ein schöner Hochwald herangewachsen; letzte Spuren davon waren in Schwarzort zu finden, dessen Kruggerechtigkeit von 1697 datiert. 1680 entstanden dort die ersten Fischerhäuser. 1770 gibt es erst sieben Schatullbauern, darunter drei Pietsche!

Die Zeit des Hauptamtes

Nachdem Preußen durch den Frieden zu Krakau am 8. 4. 1525 ein welt­liches evangelisches Herzogtum unter Albrecht von Brandenburg geworden war, wurden die Komtureien zu Hauptämtern, Komture zu Amtshauptleuten. Das Hauptamt Memel gehörte zu einem der drei preußischen Kreise, und zwar zum samländischen. Es umfaßte die Kreise Memel und Heydekrug und reichte bis auf das Südufer des Memeldeltas. Die Amthauptleute waren herzogliche Beamte, mussten aber zugleich dem boden­ständigen Adel angehören. Sie versahen alle Funktionen der öffentlichen Gewalt, auch der Gerichtsbarkeit über Adel, Kölmer und Freie. Das mit dem Hauptamt Memel verbundene Kammeramt hatte sich um die Land­wirtschaft, die Überwachung der Domänenbauern, die Einziehung der Kammerabgaben, der Zinsen und Steuern zu kümmern. Um die Mitte des 17. Jh. entrichtete das Memeler Kammeramt 40 - 60000 damalige Mark an den Kurfürsten.

Der Geldbedarf des Kurfürsten war immer groß. Bei Bedarf forderte er außerordentliche direkte Abgaben von seinen Untertanen, die sog. Kontri­butionen. Dazu kamen die Extrakontributionen für militärische Zwecke. Adel, Kölmer und Amtsbauern zahlten eine Grundsteuer, die Gutsherren mussten für den ihnen erlassenen Ritterdienst ein Ritterdienstgeld erlegen. Kölmer und Amtsbauern mussten für die ihnen erlassene Einquartierung von Truppen und Verpflegung der Kavallerie Fourage- und Servisgelder zahlen. Wer keinen Grundbesitz hatte, also Handwerker, Losleute, Dienst­boten usw., zahlte Personalabgaben je Kopf der Familie und je Pferd, Ochse, Kuh, Schwein oder Schaf. Es war ein lückenloses Abgabensystem, aber es war wenigstens zum Teil notwendig, weil das Herzogtum weit­gehend schutzlos den Einfällen der Nachbarn preisgegeben war und erst nach und nach die Landesverteidigung aufbauen musste. 1609 konnte ein französischer Söldnerhauptmann mit 100 Reitern und 300 Mann Gefolge ins Hauptamt Memel einfallen, die Gegend von Prökuls plündern, Bauern erschießen und verschleppen, ohne dass ihm jemand wehren konnte.

Schon damals gab es eine ganze Reihe indirekter Steuern, mit denen Verbrauchsgüter belegt wurden. So waren in den Kaufpreisen von Ge­treide, Malz, auswärtigem Mehl, Handmühlen, Bier, Wein, Weinessig, Branntwein, Met, Tabak, Medikamenten, Stoffen, Spielkarten eine Akziseabgabe Inbegriffen. Auch eine Vergnügungssteuer für Komödianten und Gaukler sowie eine Gewerbesteuer für Hausierer (auch Schotten ge­nannt) war nicht vergessen.

An Beamten gab es auf einem Amte wie Memel neben dem Amtshauptmann einen Hausvogt für die Burg, der den Amtshauptmann bei Ab­wesenheit vertreten musste. Musste der Hausvogt die Amtsgeschäfte des Amtes für längere Zeit übernehmen, so wurde ihm ein Burggraf beige­geben. Die Geschäfte des Kammeramtes versah der Amtsschreiber, dem ein Hauskämmerer, zwei Landkämmerer in Prökuls und Krottingen und der Landschöppe in Heydekrug unterstellt waren. Unterste Behörde waren die Schulzenämter, zu denen immer mehrere Ortschaften gehörten. 1758 werden aus dem Amt Althof folgende Schulzenämter erwähnt: Bebrunische (am Fluß gleichen Namens), Rubeszen mit Lampsaten, Paupeln, Ramutten, Klauswaiten, Scheipen, Uszaneiten; Meddekarkel mit Brusdeilinen, Karkelbeck, Kunken-Görge; Abelsaath mit Alszeiken, Patrajahnen, Labatag-Michel, Szodeiken; Ekitten mit Purmallen; Kallnuwehnen mit Hennig-Hans, Kischken-Görge und Naußeden-Jakob; Meschitten mit Kallwen und Gedminnen; Schillgallen mit Mitzken und Spengen; Aglohnen mit Kissinnen und Stutten; Wiszeiken; Strandkreis mit Nimmersatt, Karkel­beck, Bernsteinbruch, Schmelz, Drawöhnen, Schwenzeln.

Die Amtsuntertanen waren erbuntertänig, durften also ihren Besitz nicht verlassen. Boden, Gebäude, lebendes und totes Inventar gehörten der Herrschaft. Veräußerte die Herrschaft den Boden, so gingen die Unter­tanen mit ihren Kindern an den neuen Besitzer über. Es handelte sich hier zwar um keine direkte Leibeigenschaft, da der Untertan über das, was er sich geschaffen und erarbeitet hatte, selbst verfügen konnte, aber der Zustand, in dem die Landbevölkerung lebte, kam der Leibeigenschaft sehr nahe. Wenn Sembritzki die Gebundenheit der Untertanen durch die Erbuntertänigkeit als weise Maßregel gegenüber für die Freiheit nicht reifen Leuten mit einem ihnen innewohnenden Wandertrieb gutheißt, so verkennt er, dass der „Wandertrieb" erst durch die drückenden Feudal­lasten erzwungen wurde. Letztlich war es ja der einfache Untertan, der nicht nur den Luxus der herzoglichen Hofhaltung, den Aufbau des Heeres und der Verwaltung, sondern auch den Lebensstandard des Gutsherrn mit seinem Schweiß garantieren musste. Jede Kontribution und Extrakontri­bution, die dem Gutsherrn abverlangt wurde, musste dieser aus seinen Erbuntertanen herauspressen - und noch einiges darüber hinaus. Die Ge­rechtigkeit gegenüber unseren Vorfahren erfordert es, deutlich auszuspre­chen, dass sie wohl für die Freiheit, deren sie sich durch die Jahrhunderte erfreut hatten, reif gewesen waren, nicht aber für die ihnen nun aufer­legte Fronarbeit, die von ihnen verlangte, ein Vielfaches der eigenen be­scheidenen Bedürfnisse herauszuwirtschaften.

Ein Bauer erhielt zumeist eine kölmische Hube oder Hufe zugeteilt. Sie bestand aus 30 neukölmischen Morgen oder etwa 67 preußischen Morgen (ca. 17 ha). In Kirchdörfern erhielt der Pfarrer 4 Hufen, der Krüger 2. Es handelte sich dabei um reines Ackerland. Wiesen und Weiden wurden gemeinsam benutzt und unterlagen keiner Steuer. Auch Gartenland wurde nicht besteuert. Zu leisten hatte der Bauer Scharwerk- und Naturaldienste, d. h. er musste bei seinem Grundherrn arbeiten gehen und ferner an Bau­arbeiten, Holzeinschlag, Holztransport, Fuhrdienst usw. teilnehmen. Das Scharwerk musste an zwei bis drei Tagen in der Woche geleistet werden, wurde aber oft auch täglich verlangt. Nur an Sonntagen und großen Fest­tagen sollte niemand zum Scharwerk gerufen werden. Die Scharwerker, die auch nachts zum Wachdienst bei den Pferden auf dem Roßgarten oder im Stall herangezogen wurden, mussten ihre eigene Verpflegung mitbringen. Eine Befreiung vom Scharwerk musste mit Geld oder Natu­ralien an den Gutsherrn abgegolten werden.

Tüchtige Erbuntertanen konnten sich soviel zusammensparen, um sich eigenen Landbesitz zu kölmischen Rechten kaufen zu können. 1638 kaufte sich Martin Gwilda mehr als drei Hufen für 200 Mark, das heutige Gwilden. Martin Gibbisch löste 1641 durch Zahlung von 500 Gulden sein Scharwerk ab. 1698 kaufte der Bauer Wilks das kleine Gut Keller-Kummetter für 100 Taler. Die Bauern Jahn und Heinrich übernahmen 1681 Matzmasuhren frei von Scharwerk und Kontributionen gegen festen Zins. Die Bauern Labrenz, Maure und Bendick kauften 1744 ein Stück Land von 10 Hufen bei Kollaten. Der Scharwerksbauer Kiaups erhielt 1784 bei Januschen-Peter 10 kölmische Morgen zu freien Rechten gegen Zins.

Zwischen den Scharwerksbauern und den Kölmern standen die Erbfreien, auch Hochzinser und Assekuranten genannt. Sie waren frei wie die Kölmer, hatten aber kleinere Besitzungen als diese. Sie erhielten ihr Land erblich und umsonst, mussten sich aber zu höherem Zins (daher Hochzin­ser) verpflichten.

Die schon mehrfach genannten Kölmer waren freie Gutsbesitzer, die dem Adel nahestanden. Sie konnten ihren Besitz veräußern, mussten aber Kon­tributionen, Ritterdienste und andere Lasten tragen. 1808 erhielten sie Sitz und Stimme im Landtag.

Nachdem die preußischen Stände dem Kurfürsten nach und nach die Kon­trolle über die Einnahmen abgetrotzt hatten, konnte dieser nur noch über seine eigene Schatulle verfügen, in die die Einnahmen aus dem Forst­wesen, dem Bernstein, dem Störfang und den Zöllen flössen. Um diese Schatulleinnahmen zu vergrößern, ließen die Kurfürsten Forstland an Bewerber ausgeben, die ihre Zinsen nicht der Kammer, sondern der Pri­vatschatulle des Kurfürsten entrichten mußten. Es ist zwischen Schatull-kölmern und Schatullbauern zu unterscheiden; erstere kauften ihre Hufen zu kölmischen Rechten, waren frei von Naturaldiensten an die Forstver­waltung, zahlten aber den Zins an diese, letztere erhielten ihre Hufen unentgeltlich, zahlten aber einen höheren Zins und waren zu Natural­diensten gegenüber der Forstverwaltung verpflichtet. Sie standen sich mit den Erbfreien gleich. Budwethen und Sziedellen im Kreise Memel waren schatullkölmische Orte, einfache Schatullorte u. a. Graumen und die durch den Zusatz Naußeden (Neusassen) gekennzeichnete Dörfer.

Wie erwähnt, spielten für die herzogliche Schatulle die Forsten eine große Rolle. Sämtliche Wälder (Wildnisse) unterstanden bis ins 18. Jh. einem Wildnisbereiter. Um 1770 wird als erster Förster Wilhelm Eckert genannt. Seine Nachfolger waren Forstrat von Wernstell und Oberförster Sporewitz. Anfang des 19. Jh. ist ein Landjäger H. L. Eckert Oberförster, 1812 Trentowius, 1818 Wendt. Die Förster erhielten Barlohn, Naturallieferungen an Roggen, Gerste und Hafer, die später durch den Gegenwert ab­gelöst wurden, und ein Rauchgeld von 6 Groschen je Feuerstelle, das sich zu einer hübschen Summe rundete. Sie wohnten nicht auf ihrem Dienst­land in Klooschen-Bartel, sondern in dem sich durch Verwandtschaft weiter­vererbenden Milkurpen, das in den Besitz des Fiskus überging und die Oberförsterei Klooschen wurde.

Der Große Kurfürst versuchte, eine Reorganisation der Verwaltung durchzuführen, indem er den ihm zu selbständig gewordenen Amthauptleuten die Verwaltung der Kammerämter abnahm und mit dieser die Amtsschreiber beauftragte. Diese wurden der Amtskammer in Königsberg unterstellt, die ihrerseits der Ostpreußischen Regierung mit vier Regi­ments- und Oberräten aus Kreisen des ostpreußischen Adels untergeordnet war. Der Versuch, das Kammerwesen von der Regierung zu trennen, schlug fehl. Erst unter Friedrich Wilhelm I. wurde 1712 die Reorgani­sation durchgeführt, die 1714 zur Teilung der Kammer in eine Ostpreu­ßische mit Sitz in Königsberg und eine Litauische mit Sitz in Gumbinnen führte. Beide Kammern unterstanden direkt dem König, während die Regierungen praktisch nur noch das Justizwesen behielten. 1714 wurden die Schatullbauern den Forstämtern entzogen und den Kammern unter­stellt, 1717 auch die Forstämter mit den Kammern vereinigt. Die seit 1684 neben der Domänenkammer bestehende Kriegskammer wurde 1723 ebenfalls der Finanzverwaltung angegliedert, wodurch die Kammern den Namen Kriegs- und Domänenkammern erhielten. 1721 - 1723 wurden die beiden Kammern wieder vereinigt und nach Königsberg verlegt. Ab 22. 11. 1723 erstand die Gumbinner Kammer jedoch erneut mit den Hauptämtern Insterburg, Ragnit, Tilsit und Memel. Zugleich wurden neue Kammerämter geschaffen, und zwar im Bereich unseres Kreises in Althof, Klemmenhof und Prökuls. Die Ämter wurden nicht mehr direkt durch den Amtshauptmann bewirtschaftet, sondern verpachtet.

Der Generalpächter pachtete die Domänenvorwerke mit Brauerei und Brennerei, musste die Steuern und Zinsen einziehen und an die Kammer abliefern. Er hieß beim Dienstantritt Amtmann und wurde dann zum Oberamtmann und Amtsrat befördert. Es gab Fälle, in denen sich zwei Pächter in ein Amt teilten, und es gab andere Fälle, in denen ein Pächter zwei Ämter inne hatte. Jeder Amtmann besaß als Unterbeamte einen Landreiter, einen Schießvogt und mehrere Dienst- oder Berittschulzen. Dazu kamen gelegentlich noch Strandknechte, die für die Einhaltung des Bernsteinregals zu sorgen hatten. Der Generalpächter erhielt die Recht­sprechung über alle Bauern, Kölmer und Freien seines Bezirks, wozu er sich, falls er sich nicht sachkundig fühlte, Aktuarien halten musste. Die Kriminalgerichtsbarkeit blieb jedoch dem Amtshauptmann, der auch für den Generalpächter in persönlichen Angelegenheiten die Gerichtsbarkeit bildete. Erst 1751 erhielt Memel ein Justizkollegium für das Hauptamt. Damit hatten die Amtshauptleute ihre letzte wesentliche Aufgabe verloren und wurden 1752 abgeschafft. Nun wurde Ostpreußen in zehn Kreise aufgeteilt, an deren Spitze Landräte standen. Dies waren der Kriegs- und Domänenkammer unterstehende Verwaltungsbeamte, die den Titel Amts­hauptmann nur noch ehrenhalber trugen. Das Hauptamt Memel kam mit den Hauptämtern Tilsit, Ragnit und Insterburg zum Kreis Insterburg, die Stadt Memel zum Kreis Gumbinnen.

Erst die Besetzung des Hauptamtes durch die Schweden 1629 - 1636 und die damit verbundenen Gewalttätigkeiten führten ab 1638 zu verstärkten Verschreibungen von amtseigenem Grund und Boden. Charlottenhof und Groß-Tauerlauken hatten schon adlige Rechte. Nun wurden folgende neue adlige Güter geschaffen: 1637 Deutsch-Krottingen, 1638 Bachmann, 1640 Klein-Tauerlauken, 1657 Götzhöfen, 1745 Miszeiken, 1753 Korallischken, 1812 Baugskorallen und Althof, 1866 Adl. Prökuls. Ab 1690 siedelte sich kurländischer und polnischer Adel im Hauptamt an, u. a. von Korff, von Koschkull, von Stein, von Sternberg, aber auch Gedmint, Pilsudzki und Sawinski.

Die Pest von 1710 kostete das Hauptamt Memel 9797 Menschen, während z. ß. 1711 nur 467 starben. 871 Bauernhöfe waren ausgestorben und wur­den durch litauische Siedler, zum Teil aus Preußisch-Litauen, zum Teil aus Schamaiten, übernommen. Der Plan Friedrich Wilhelm L, die ent­völkerten Gebiete mit Deutschen zu füllen, scheiterte an mangelnden Be­werbern. Lediglich in das Amt Prökuls kamen damals drei Deutsche. Ebenso verhielt es sich mit den Salzburgern, von denen nur einzelne im Amte Memel blieben. 1734 waren 158 Salzburger in Memel, 1744 immer noch 124, während auf dem Lande nur einzelne Salzburger Gärtnerfami­lien, Tagelöhner und Dienstboten anzutreffen waren.

Damit waren 1725 im Hauptamt Memel eigentlich nur die Adligen, Kölmer, Freien, Geistlichen, Beamten, Krüger, Schmiede und Müller auf dem Lande deutsch, die bäuerliche Bevölkerung aber vorwiegend litauisch, da die einst vorherrschenden Kuren von den Litauern verdrängt oder aufge­sogen worden waren und sich nur noch auf der Nehrung und nördlich Memel halbwegs rein hatten erhalten können. 1763 gab es unter den Amtsbauern im Amt Prökuls 21, im Amt Klemmenhof 8 und im Amt Alt­hof (1758) 24 Deutsche mit Namen wie Schmidt, Schuster, Schneider, Becker, Böttcher, Schillbach, Behrendt, Neu, Lappe, Conradt, Kuhsau, Böhm, Oehlert, Albrecht, Dietschmann, Dyricke, Hermann, Füllhaase, Lohrentz, Otto, Schwarz, Wiegand, Zander.

Die Zunahme der Bevölkerungszahl bedingte die Neugründung von Kir­chen und Kirchspielen. Wie schon erwähnt, gab es im Kreise Memel wahr­scheinlich schon zu Ordenszeiten neben der Memeler Landkirche St. Nikolai eine Kapelle in Prökuls. Nachrichten aus dieser Zeit liegen nicht vor. Wir wissen nur, dass der erste uns bekannte Prökulser Geistliche Caspar Radunius 1587 starb. Etwa um 1875 wurde hier ein zweiter Pfarrer ange­stellt, der durch Abzüge von der ersten Pfarr- und vor allem der Präzentorstelle besoldet wurde.

1652 wurde eine hölzerne Kapelle in Deutsch-Krottingen erbaut, bei der 1699 schon Turm und Glocken vorhanden waren. Ab 1654 war Deutsch-Krottingen selbständiges Kirchspiel mit 72 Ortschaften, wodurch die Arbeit der Memeler Geistlichen erheblich erleichtert wurde. 1741 wurde hier eine neue Kirche aus Feldsteinen erbaut, die einen hölzernen Turm erhielt. Als dieser 1801 bei einem Sturm schief wurde, trug man den oberen Teil ab und bedeckte den unteren Turmteil mit einer Haube.

Auf der Kurischen Nehrung gehörten die Dörfer Nidden, Negeln und Karweiten zum Kirchspiel Kunzen, doch gab es in Karweiten bis zur Ver­schüttung eine eigene Kapelle. Die Kunzener Kirche musste vor 1808 wegen Versandung nach Rossitten verlegt werden. 1709 wurde ein zweiter Geistlicher an der Memeler Landkirche angestellt, der jeden dritten Sonn­tag in Negeln und Karweiten predigen sollte, tatsächlich aber viel seltener dort zu sehen war. 1740 wurde Karweiten ein eigenes Kirchspiel. Da jedoch 1743 der Pfarrer die unwirtliche Gegend verließ und 1746 Kirche und Schule abbrannten, blieb die Stelle zehn Jahre unbesetzt. Erst 1753 wurde ein neuer Pfarrer eingeführt. Über seinen 1764 eingeführten Nach­folger Zudnochovius lese man bei Charlotte Keyser in dem ergreifenden Roman „Und immer neue Tage" nach.

Seit dem 17. Jh. befand sich im Hauptamt Memel bei jeder Kirche eine Schule, die von einem Präzentor geleitet wurde. Diese Präzentoren ( =Vor­sänger) waren zumeist junge Theologen, die in diesen Stellen auf ein freiwerdendes Pfarramt warteten. Sie mussten an Sonntagen, an denen der Pfarrer auswärts predigte, der Gemeinde den Katechismus eintrich­tern, das Evangelium vorlesen und die Melodie der Choräle vorsingen. 1638 wurde befohlen, dass aus jedem Dorf des Kirchspiels zwei Knaben im Winter (von Michaelis bis Ostern) die Kirchenschule besuchen sollten, um dann in ihrem Dorf die Einwohner im Beten zu unterrichten. Um die Mädchen kümmerte man sich damals noch nicht. Bis 1736 gab es keine Dorfschulen. Erst von diesem Zeitpunkt ab erfolgte auf Druck Friedrich Wilhelm L auch in diesem Kreise die Gründung von Schulen, und zwar im Amt Althof in Plucken-Martin, Hennig-Hans, Kairinn, Schmelz, Buddelkehmen, in der Gegend von Dawillen, in Klausmühlen und Klein-Tauerlauken. Im Kirchspiel Prökuls gab es Schulen in Aglohnen, Birszeninken, Deegeln, Dittauen, Drawöhnen, Gellszinnen, Lankuppen, Rooken, Sakuten, Schilleningken und Slutten. 1773 gab es im Kirch­spiel Deutsch-Krottingen die Schulen Gibbischen-Peter, Karkelbeck, Kunken-Görge. Für 1781 werden noch Schulen in Paupeln-Peter, Wallehnen und Wittauten erwähnt. 1743 kamen Schulmeister nach Schwarzort und Nidden, deren Schulhäuser 1745 erbaut wurden. Der Niddener Schul­meister war ein Schneider. Jeder Schulmeister erhielt um 1740 eine Be­soldung im Werte von 30 Talern, von denen jedoch nur 10 Taler in bar ausbezahlt wurden. Für 10 Taler gab es Korn, Gerste, Heu und Stroh und für die restlichen 10 Taler einen Morgen Ackerland sowie Brennholz. Wie dürftig die Volksbildung war, ergibt sich daraus, dass 1780 von den 18 Schulzen des Amtes Althof nur einer (Engelin aus Nidden) namentlich seine Gehaltsquittung unterschreiben konnte, während die anderen 17 Kreuze machten.

Bis 1829 weist die Matrikel der Universität in Königsberg 400 Namen aus Stadt und Kreis Memel auf, zumeist Söhne von Pfarrern, Gutsbe­sitzern, Oberförstern und Amtspächtern. Doch finden wir auch den Sohn des Ayssehner Müllers und fünf Studenten aus Karweiten und Nidden (u. a. Rhesa aus Karweiten).

Nicht nur die Zahl der Schulen wuchs, auch die der Mühlen und Krüge nahm zu. Zu den Mahlmühlen traten auch Schneidemühlen. Die Mühlen waren zum Teil mit Wasser, zum Teil mit Wind betrieben. Unter den Krügen muss man die alten kölmischen Krüge mit eigener Braugerechtigkeit und die neueren Amtskrüge unterscheiden, die ihre Getränke vom Amt zu nehmen hatten.

Schreckliches hatte der Kreis im Siebenjährigen Krieg unter den Russen zu leiden. Am 20. 6. 1757 fielen Kosaken in Nimmersatt und Karkelbeck ein und schleppten Menschen und Vieh mit sich fort. Eine Woche später trieben sie aus Althof 120 Kühe fort und raubten 15 Tonnen Bier. Das Amtsvorwerk Prökuls verlor 120 Kühe, 40 Stück Jungvieh und 600 Schafe. Pfarrer Wessel aus Prökuls wurde mit vielen Stichen und Hieben ums Leben gebracht. Als die Russen im Herbst aus Proviantmangel den Rück­zug antraten, nahmen sie das inzwischen geerntete Getreide mit, so dass die Bauern weder Vieh noch Brot hatten. Aber die Russen nahmen nicht nur - sie brachten auch, und zwar Flecktyphus und Syphilis. Mehr als 8000 Menschen wurden zwischen Ruß und Nimmersatt hingerafft. Wenn das Kirchspiel Prökuls 1757 noch 218 Taufen, 1758 aber nur 44 hatte, so sagt das alles. Die Dörfer waren so ruiniert, dass ihnen teilweise aus königlichen Magazinen Brotgetreide ausgeteilt werden musste. Jahrelang gab es keinen Schulunterricht, weil die Schulen verwüstet waren. Die Schulmeister mussten betteln gehen.

Dass im Siebenjährigen Krieg der Nehrungswald zum großen Teil ver­nichtet wurde, ist bekannt. Die Russen ließen Unmengen von Holz für ihre Feldküchen und Feldbäckereien sowie zum Bau von Frachtkähnen in Memel einschlagen. Ein Teil der Wanderdünen wurde durch diese Abholzungen entfesselt. Erst hundert Jahre später erfolgten die Auf­forstungen.

1759 gab es schon wieder 212 Taufen in Prökuls. Die Zeiten begannen sich zu normalisieren. 1761/62 wurde eine große Viehseuche eingeschleppt, die die neuen Bestände dezimierte. Als 1762 nach geschlossenem Frieden die letzten Russen abzogen, gab es nochmals Plünderungen. Im Septem­ber 1762 kamen österreichische Kriegsgefangene in den Kreis, für die Holz, Mehl und Lagerstroh geliefert werden mussten. Viele Bauernstellen blieben leer. Losleute wurden aufgerufen, die Bauernstellen zu besetzen. Friedrich der Große ließ von den Kanzeln die freien Stellen abkündigen. Gediente Soldaten wurden bevorzugt berücksichtigt. Pangirren, einst mit sechs Wirten besetzt, erhielt Unteroffizier Regge, Aschpurwen ein Pächter Sartorius (Schneider), Prangessen mit früheren drei Bauernstellen ein Jo­hann Jakob Schütz. Es ließen sich viele ähnliche Beispiele anführen. Wich­tig ist, dass durch die Neubesetzungen das deutsche Element verstärkt wurde. Die neuen Bauern und Pächter hießen Mertens und Günther, Bathalitius, Genske und Lange, Lau, Rauter, Grunsdorff und Mickoleit, Reinholdt, Pekow, Sturm, Bartsch und Friederici, Schmidt, Stoltz, Tiedts und Schleusner, Bartkus, Gronau, Weiß und Mierwald, Kusau, Wietzke, Woher, Reithardt, Fregien usw.

Mit der Normalisierung des Lebens erfolgte eine Neuordnung der Justiz. Da die Domänenämter mit der Rechtsprechung bei der wachsenden Zahl von Untertanen überfordert waren, wurden 1770 Domänen-Justizämter eingerichtet. Jedes Amt bildete zwar ein besonderes Domänen-Justizamt, gehörte aber zu einem Justizämterkreise. Der Justizämterkreis Memel umfasste die Domänen-Justizämter Althof, Klemmenhof, Prökuls und Heydenkrug. Die Besitzer der adligen Güter behielten ihre eigene Gerichtsbar­keit, konnten sich aber zur Besoldung eines Justitiars zusammenschließen. Die Justizbeamten übten ihr Amt im Herumziehen aus. Sie waren von Aktuaren und Schreibern begleitet und mussten von vorspannpflichtigen Bauern gefahren werden. Die Ladungen erfolgten durch die Landreiter, die einen sehr mühsamen, aber auch äußerst einträglichen Dienst hatten, da sie sich jeden Ritt von dem Betroffenen bezahlen ließen. Sie standen sich finanziell besser als die Richter und hielten sich eigene Kutsche mit livrierten Bediensteten. Erst 1810 erhielten die Justizämter feste Sitze. Oberste Justizbehörde war das Hofgericht in Insterburg. Ihm unterstand die Kreis-Justizkommission in Memel für die Hauptämter Memel und Tilsit. 1808 wurde das Hofgericht zum Oberlandesgericht. 1811 schuf die­ses ein Land- und Stadtgericht zu Memel sowie ein Justizamt zu Prökuls.

Vom 26. 12. 1808 erhielt die Kriegs- und Domänenkammer Gumbinnen unter Erweiterung der Amtsbefugnisse den Namen „Königlich Preußische Litthauische Regierung". Der Regierungsbezirk hieß „Litthauen", obwohl er fast zur Hälfte aus Masuren bestand. Bewohner Litthauens waren nicht etwa Preußen litauischer Nationalität, sondern sämtliche Einwohner des Regierungsbezirks wurden so genannt. 1905 fand in Memel das Litau­ische Musikfest statt, das abwechselnd in Memel, Tilsit, Insterburg, Gum­binnen und Allenstein durchgeführt wurde und auf dem von ostpreußi­schen Gesangvereinen natürlich deutsche Lieder gesungen wurden.

1804 waren bereits die Ämter Althof, Klemmenhof und Prökuls aufge­hoben. Ihre Vorwerke wurden in Erbpacht gegeben und später verkauft. Die Intendanturämter Memel und Prökuls übernahmen die polizeilichen und finanziellen Aufgaben der alten Domänenämter. Seit 1796 ging un­ter Minister von Schrötter eine Vermessung von Ost- und Westpreußen vor sich, deren Ergebnis die Schröttersche Karte ist, die auf den Sektio­nen I und II das Kreisgebiet zeigt.

Die Jahre 1807 bis 1813 brachten Preußens Erniedrigung. Memel wurde bekanntlich Residenz. Die königliche Familie besuchte 1807/08 mehrere Orte des Kreises, u. a. Groß- und Klein-Tauerlauken, Bachmann, Althof. Ekitten, Nimmersatt, Starrischken. Direkte Kriegsschäden traten im Kreis­gebiet nicht auf. Erst 1812 gab es viele Beschlagnahmungen und Aus­schreitungen beim Durchmarsch der Franzosen und Russen. Wieder hausten die Russen auf der Nehrung schrecklich. Zwei Regimenter lagen bei Schwarzort und zerstörten mutwillig den Wald. Über tausend Bäume wurden ihrer Rinde beraubt und starben ab. Aus dem Papier der Schwarzorter Kirchenbücher drehten die Russen Geschützpfropfen.

Nach erfolgreichem Befreiungskampf durfte auch der Bauer die Früchte des Sieges ernten, indem ihm das bisher nur zur Nutzung überlassene Land zu freiem Eigentum überlassen wurde. Da der Kreis Memel vom Kriege verschont geblieben war, ging hier die Umstellung gut vonstatten, so dass sich die Güter - nun ihrer Scharwerker und wichtiger Einnahmen beraubt - trotzdem halten konnten. Die Eigentumsverleihung geschah bei der schlechten Finanzlage Preußens sowie der Gutsbesitzer nicht kosten­los. Der Bewerber musste außer dem Domänenzins ein Scharwerkbefreiungsgeld, ein Rauchgeld für den Förster, Befreiungsgeld für Hand- und Spanndienste usw. leisten. Ein königlicher Bauer mit 4 Hufen im Kreise Memel hatte ein Kapital von 439 Talern aufzubringen.

Die Folge war, dass viele Bauern ihr Land dem Gutsbesitzer überließen und bei ihm Losleute wurden, weil sie sich damit aller finanziellen Sorgen entledigen konnten.

Nach der Schaffung der Regierungsbezirke ging man an eine neue Ein­teilung Preußens in Kreise. Nach den Befreiungskriegen wurden die Kreise endgültig festgelegt. Die Gumbinner Regierung musste die Kirch­spiele Deutsch-Krottingen, Memel-Stadt und Memel-Land, Schwarzort und Prökuls an die Königsberger Regierung abgeben, der sie als Kreis Memel einverleibt wurden. 13 Ortschaften des Amtes Prökuls, und zwar das Kirchspiel Kinten, blieben bei Gumbinnen und wurden dem Kreis Heydekrug zugeschlagen. Diese Einteilung wurde mit dem 1. 9. 1818 wirksam, seit welchem Tage der Kreis Memel bestand. Erster Landrat wurde Rittmeister a. D. Ernst Flesche. Er trat an die Spitze eines Kreises, dessen Bevölkerung immer stärker deutsch wurde. Lesen wir das Verzeich­nis der Landsturmmänner des Amtes Prökuls, so finden wir die Namen Albrecht, Becker, Behrendt, Böttcher, Brandt, Conradt, Hermann, Hopp, Jost, Kayser, Klein, Lange, Lehr, Meding, Nimmerjahn, Reinke, Schnei­der, Seidler, Steinberger, Steinwender, Zirkmann. Auf dem Gut Prökuls wohnen der Kämmerer Neumann und Wollenberg, der Brenner Heinrich, der Gärtner Dennert, ferner lesen wir von Reinholz und Seewaldt, von den Tischlern Conrad und Herrmann, von den Schmieden Deysing und Lippke. Das ist die Frucht der zielstrebigen Arbeit Friedrich des Großen, statt fremdvölkischer Elemente von jenseits der Grenze deutsche ausge­diente Soldaten anzusetzen.

Der Landkreis Memel ab 1818

Die auf die Einteilung der Kreise folgenden Jahrzehnte standen unter dem Zeichen der Not, der äußersten Sparsamkeit und Genügsamkeit. Durch ein Leben in spartanischer Einfachheit mussten die Bewohner Preußens sich über Wasser zu halten versuchen. Die Landwirtschaft geriet in den zwanziger Jahren des 19. Jh. in eine ausgesprochene Krise. Drei der größ­ten Güter des Kreises, nämlich Prökuls, Baugskorallen und Götzhöfen, gerieten unter den Hammer. Handel und Wandel erholten sich nur schlep­pend.

Der Kreis wurde auch in die Wirren des polnischen Aufstandes von 1831 hineingezogen. Die Kämpfe in Schamaiten verliefen für die Polen sehr unglücklich. Zwar waren zunächst 300 Russen aus den Grenzorten nach Memel geflüchtet, aber im Gegenangriff konnten sie die Polen aus dem brennenden Polangen vertreiben, und 2000 Polen unter General von Gielgud mußten nach Preußen übertreten und dort unter Niederlegung der Waffen Zuflucht suchen. Gielgud wurde von einem seiner Offiziere wegen Verrat an der polnischen Sache erschossen und liegt auf dem Fried­hof von Kissinnen unweit des Scherner Waldes bestattet. Die meisten der 2600 Polen, die in einem Lager an der Minge bei Schemen interniert waren, emigrierten nach Frankreich und England, um einem frühen Katyn zu entgehen.

1832 folgte der Dauperner Gutsbesitzer Wilhelm Martin Waagen dem verstorbenen ersten Landrat Flesche im Amt. Seine Frau, eine geborene Ruppel, verkaufte ihr in der Alexanderstraße gelegenes Haus, das ihr Vater von der Witwe Argelander erworben hatte, an den Fiskus. Nun wurden Landratsamt, Dienstwohnung und später auch die Hafenpolizei hierher verlegt. An der Stelle dieses Gebäudes wurde später das Postamt errichtet.

1834 wurde die Kreisgrenze gegen Rußland durch Pfähle und Graben fixiert. Mit der Eröffnung der Postverbindung Königsberg-Tilsit-Tauroggen-Rußland hörte die Reitpost zwischen Königsberg und Memel über die Nehrung auf. Die Poststraße auf der Nehrung behielt nur noch örtliche Bedeutung.

In diese Zeit fällt auch die Ablösung der Weide- und Holzberechtigungen, durch die die staatliche Forstwirtschaft rentabler gestaltet werden sollte. Geistliche und Lehrer mussten mit Torf statt mit Holz vorlieb nehmen. Wer sonst Berechtigungen für Bau- oder Brennholz hatte, z. B. die Müller und Krüger, wurde mit Ländereien abgefunden. Damit hörten die Forstreviere Schlappschill, Schnaugsten, Graumen, Plaknen und Paketurren auf zu bestehen. Im Kreise verblieben die Reviere von Aschpurwen, Bliematzen, Buttken, Lusze, Scheppothen und Schwarzort mit etwa 8600 Morgen Waldfläche. In diesem Zusammenhang kann erwähnt werden, dass Posthalter Kuwert in Nidden und Posthalter Lehmeyer in Nimmersatt eine Sandfläche durch Besäen und Bepflanzen, mit Kiefern, Birken und Weiden festzulegen versuchten. Kuwert erhielt in seinem Wäldchen ein Grabmal, auf dem in lateinischer Sprache seine Pioniertat gewürdigt wird.

Einen Einschnitt im Leben des Kreises bedeutete der Besuch des preußi­schen Königs Friedrich Wilhelm IV. in Memel, der 1842 begeistert emp­fangen wurde und den Bau der Chaussee Memel-Tilsit anordnete, für den sich Landrat Waagen bisher vergeblich eingesetzt hatte. Der Bau schritt wegen Geldmangels nur langsam voran. 1844 war die Chaussee bei Neuhof, 1845 bei Dumpen und 1846 bei Prökuls. Am 1.10.1853 wurde die Strecke bis Tilsit fertig. Zugleich war auch der Bau einer Chaussee von Memel nach Laugallen, bis in die letzte Zeit Garsdener Chaussee genannt, begonnen worden, die 1845 vollendet wurde. Der Weg Memel-Plicken wurde bis 1857 zur Kiesstraße ausgebaut. 1863 wurde die Chaussee Memel-Bajohren fertig, und die alte Poststraße an den Ufern der Dange entlang, die im Frühjahr oft überschwemmt wurde, konnte aufgelassen werden. 1874 konnte die Chaussee von Buddelkehmen bis Pöszeiten an der Grenze beendet werden, bei der 1871 die Minge bei Schemen überbrückt wurde. 1870 wurde die von der Bajohrer Chaussee abzweigende Strecke nach Nimmersatt befestigt. 1863 wurde der auch für den Kreis bedeutsame König-Wilhelm-Kanal zwischen Schmelz und der Minge begonnnen und 1873 vollendet.

Eine große Rolle spielte der Schmuggel, der durch die scharfen russischen Zollbestimmungcn gefördert wurde. Es kam zu regelrechten Gefechten zwischen preußischen Schmugglern und russischen Grenzsoldaten, wobei es Tote, Verletzte und Gefangene gab. 1849 machten 160 bewaffnete Schmuggler mit geschwärzten Gesichtern einen Angriff auf Garsden, um einen dort gefangen sitzenden Komplizen zu befreien, was ihnen jedoch nicht gelang. 1853 gab es ein Gefecht zwischen Russen und 16 berittenen Schmugglern etwa 30 km in russischem Gebiet, wobei drei Schmuggler so schwer verletzt wurden, dass sie bald nach Übertreten der preußischen Grenze starben. Wiehert schreibt, dass fast jeder Hof an der Grenze ein Warendepot war. Preußen hatte gegen diese unerlaubte Ausfuhr nichts einzuwenden, verbot aber den Waffengebrauch bei solchen Unterneh­mungen. Das Risiko der Schmuggler war groß. Wer gefangen wurde, dem winkten 70 Rutenhiebe, ein Jahr Besserungskompanie und Zwangsansied­lung in Ostsibirien.

1844 verlor das Kirchspiel Prökuls zehn Dörfer an die neubegründete Kirchengemeinde Saugen im Kreise Heydekrug, wodurch Sprengel- und Kreisgrenzen nicht mehr übereinstimmten. Saugen wurde erst 1861 voll­wertiges Kirchspiel. 1784 hatte es schon in Dawillen in der Schule einen Betsaal gegeben, der von der Bevölkerung unterhalten wurde. 1846 wurde es Hilfspredigerstelle. Mit dem 1. 1. 1854 wurde das neue Kirchspiel Da­willen begründet. Am 18. 9. 1862 fand die Einweihung des Gotteshauses statt. In Schwarzort wurde 1832 das schöne Pfarrhaus erbaut. 1835 erhielt Nidden einen Betsaal aus dem Material der Kunzener Kirche. 1847 wurde das Kirchspiel Nidden gegründet. Am 10. 10. 1888 wurde die neue Kirche geweiht.

Karitativen Charakter hatten die Erziehungsanstalten von Bachmann und Gropischken. 1847 begann die Bachmannsche Stiftung ihr Wirken. 1881 wurde der noch heute bestehende Neubau errichtet. Bis zum ersten Welt­krieg waren hier rund 20 Zöglinge untergebracht. Das Gebäude diente dann als Heil- und Pflegeanstalt, als Polizeischule und anderen öffent­lichen Zwecken. Die Schroedersche Erziehungsanstalt Gropischken wurde 1856 eröffnet und nahm elternlose Bettelkinder auf. Der Theologe Schroeder verband die Anstalt mit einer Druckerei, in der alle möglichen Er­bauungsschriften verlegt wurden. 1868 erfolgte der Umzug nach Gro­pischken, wo die durchschnittlich 15 Kinder mit einem Knecht in der Landwirtschaft tätig waren.

Das Schulwesen machte nur langsame Fortschritte. Neue Schulen wurden begründet 1837 in Barschken, 1828 in Kebbeln, 1842 in Matzkieken, 1846 in Mellneraggen, 1800 in Posingen, 1849 in Preil. Verlegungen gab es von Schilleningken nach Dräszen und von Birszeninken nach Wensken. Vor 1864 muss auch Gellszinnen eine Schule erhalten haben. Um diese Zeit kamen eine Reihe neuer Schulen hinzu, so 1862 Dawillen, 1864 Klausmühlen, Karkelbeck und Traschellen, 1866 Paupeln-Peter.

1844 erhielt Prökuls eine Apotheke. Ob der Wunsch der Regierung von 1823 nach Niederlassung eines Wundarztes dort in Erfüllung ging, ist nicht bekannt. Erst um 1850 wird ein Dr. Michaelis genannt. Ein Kreis­arzt wurde nach mehrfachen Versuchen erst 1852 gefunden.

1847 gab es den ersten Landbriefträger im Kreise, der zweimal wöchent­lich die Runde machte. 1867 waren es schon fünf Landbriefträger. 1860 wurden die ersten vier Landbriefkästen aufgestellt.

Um 1856 herum machte die Gegend von Prökuls als Bernsteinfundort von sich reden. Dass es auch auf dem Festland Bernsteinvorkommen gab, wusste man vom Bernsteinbruch bei Schmelz. 1856 konnte der Prökulser Gutsbesitzer für 2000 Taler auf seinem Grund gegrabenen Bernstein ver­kaufen. Weitere Grabungen gab es unweit der Holländischen Mütze und am Südrand des Klooscher Waldes, wo Wilhelm Stantin 1854 eine Wiese zu Grabungsversuchen erwarb. Stantin und Moritz Becker betrieben ab 1860 die Bernsteinbaggerei in Schwarzort auf industrieller Grundlage. Es wurden schließlich 21 Bagger eingesetzt, die über 150 000 kg (1883) för­derten. Becker kaufte 1872 das Rittergut Palmnicken und ist damit der Vater der ostpreußischen Bernsteingewinnung.

Von Bedeutung für die Schiffahrt war die Errichtung des Niddener Leuchtturms. 1874 auf dem Urbo-Kalns mit einem 32 sm sichtbaren Drehfeuer.

Ein landwirtschaftlicher Verein wurde 1838 im Kreise gegründet, aber erst 1844 begann die rege Vereinsarbeit. Es wurden neue landwirtschaft­liche Maschinen angeschafft und erprobt, u. a. eine Kleesämaschine, ein Kartoffelhäufelpflug. Weiter wurden Tierschauen abgehalten, auf denen Prämien für die besten bäuerlichen Zuchtstuten und Kühe verteilt wur­den. Die erste Schau fand 1846 in Prökuls statt. Der Geselligkeit dienten Sommerfeste, verbunden mit Pferderennen. 1862 wurde der erste Remontenmarkt in Prökuls gehalten, 1869 die erste Dampfdreschmaschine eingesetzt.

Nach dem Krimkriege gab es einen Aufschwung der Landwirtschaft, in dessen Gefolge sich mancher Konjunkturritter beim Kauf eines Gutes finanziell übernahm. 1867/68 waren zwei Notjahre mit nassem und kal­tem Wetter. Im Kirchspiel Prökuls mussten Suppenküchen eingerichtet werden. Der gerade neu gegründete Vaterländische Frauenverein erhielt dabei seine Bewährungsprobe.

Das Revolutionsjahr 1848 machte sich auch im Kreis Memel bemerkbar. Nachdem am 26. und 27. März die Schmelzer Arbeiter gegen Sonntags­arbeit und zu geringen Lohn demonstriert hatten, erschien am 29. März eine große Menschenmenge vor dem Justizamt in Prökuls, das vollkom­men demoliert wurde. Die Akten wurden vernichtet, das Mobilar des abwesenden Justizamtmannes wurde zerschlagen. Auch Steuereinnehmer Liedtke wurde mißhandelt, sein Anwesen verwüstet. Gutsbesitzer und Posthalter Mittelstaedt in Mingekrug ging es kaum anders. Ihm wurden 800 Taler genommen. Sein Haus wurde geplündert und dann zerstört. Auch Pfarrer Zippel wurde wegen der Kaiende in Bedrängnis gebracht. In der Nacht wurden 15 Rädelsführer verhaftet, unter ihnen der Land­reiter von Prökuls, also ein Beamter, der aus dem Dienst entlassen und zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Als am nächsten Tag Anstalten gemacht wurden, die Gefangenen zu befreien, mußte man 50 Mann Militär aus Memel heranschaffen, zu denen später noch 25 Dra­goner aus Tilsit kamen, die auf 40 Mann verstärkt wurden. Auch in Dawillen gab es Unruhen, weil die Gemeinde Rechenschaft wegen des für die Kirchenglocken gesammelten Geldes forderte. Die Unruhen dauer­ten bis Dezember an, wenn sie auch nicht mehr offen zum Ausbruch kamen.

1872 erschien nach mancher Unsicherheit in der Verwaltung eine neue Kreisordnung, die die Selbstverwaltung der Kreisinsassen durch den Kreisausschuss regelte. Die ländliche Polizeigewalt ging an die Amtsvorsteher über. An die Stelle der Schulzen traten die Gemeindevorsteher. Die Poli­zeigewalt der Rittergutsbesitzer wurde aufgehoben.

Im Zeitraum bis 1866 verschwand der kreisansässige Adel durch Tod und Fortzug bis auf die Familie von Schulze-Miszeiken (seit 1847 dort an­sässig). Früher hatten Graf von Klinkowström, Freiherr von Braun, von Etzel, von Gohr, von Mirbach, von Rosenberg und von Schmeling im Kreis Besitzungen gehabt.

Landrat Waagen verließ den Kreis aus Gesundheitsgründen. 1851 folgte ihm der Gerdauer Landrat Theodor Dieckmann, der in eine Zeit lebhaf­ten Handels hineingeriet, in der viele Knechte und Instleute nach Memel hineindrängten, um dort bei leichterer Arbeit zu mehr Lohn zu kommen. 1862 erkrankte Dieckmann so schwer, dass er sich 1864 pensionieren lassen mußte. Ihm folgte Dr. Hugo Schultz, der nicht mehr in das Land­ratsamt an der Alexanderstraße einziehen konnte, da dort inzwischen die Post erbaut wurde. Er mietete eine Wohnung in der Rosenstraße als Amtssitz. Als konservativer Politiker geriet er während der ganz Preußen erschütternden Debatte über den Militärhaushalt ins Kreuzfeuer der Mei­nungen, da er im Kreisblatt einen Aufsatz über die Notwendigkeit einer verstärkten Rüstung Preußens zugelassen oder selbst verfaßt hatte. Er heiratete übrigens die Tochter des Bernsteinbaggerers Stantin und wurde 1868 nach Posen versetzt. Von großem Wert für den Kreis war die durch ihn veranlaßte umfangreiche und genaue Kreisbeschreibung. Staatsanwalt Julius von Gramatzki wurde sein Nachfolger. Er verlegte Wohnung und Büro an den Neuen Park. In seine Zeit fällt der Kampf um die Eisen­bahnstrecke nach Memel, die lange umstritten war und die Gemüter in Memel stark erhitzte. Erst nach dem Krieg 1870/71 begann endlich der Bahnbau. 1874 wurde die Eisenbahnbrücke über die Dange erbaut, aller­dings ohne Durchlaß für Schiffe.

Seit diesem letzten Krieg gehörte der Kreis nicht mehr nur zu Preußen, sondern zum Deutschen Reich. Schon 1872 wurde die neue Kreis-, 1875 die Provinzialordnung des Reiches eingeführt. Nachdem nun die Eisen­bahn vorhanden war (zu der das Terrain kostenlos hatte abgetreten wer­den müssen), konnte der Kreis wieder mehr für sein Straßennetz tun. In den siebziger Jahren wurde die Chaussee von Prökuls über Wensken bis an die Kreisgrenze in Lankuppen gebaut. Eine weitere Chaussee von Krottingen bis Zarten konnte nach Fertigstellung der Dangebrücke dem Verkehr übergeben werden. Dann wurde die Dange auch bei Luisenhof überbrückt und die Chaussee von der Memeler Gasanstalt bis zum Sechsarmee-Weg in Raddeilen geschaffen. Leider wurde ein Vorschlag, die Chaussee nach Luisenhof mit einem Spazierweg ähnlich der Wieners Pro­menade (nach Königswäldchen) zu versehen, aus Kostengründen abge­lehnt. 1880 wurden die Provinzialchausseen vom Kreis übernommen, so dass nun eine einheitliche Straßenbauverwaltung entstand.

1884 folgte auf Gramatzki der Goldaper Landrat Heinrich Cranz, der in Memel die Tochter des Rittergutsbesitzers Edwin Frentzel heiratete. Mit großer Energie ging er ans Werk und setzte zunächst die Ergänzung des bestehenden Chausseenetzes durch, wodurch die Lappenischke, die Gegend um Plicken, das Gebiet Krucken-Görge-Dinwethen, Kebbeln und Paaschken, Baiten, Drawöhnen und andere Randgebiete des Kreises enger an das Zentrum gebunden wurden. Auf einem Grundstück Stantiens am Steintor von vier Morgen Größe, das der Kreis nach einem Brandunglück günstig erwerben konnte, wurde die neue Kreisheilanstalt erbaut, nachdem es bereits ab 1817 Anfänge eines Kreislazarettes an verschiedenen Stellen gegeben hatte. 1888 war das neue Kreiskrankenhaus fertig und natürlich - wie so oft bei öffentlichen Bauten - schon bald zu klein. Der schöne Bürgersinn der damaligen Jahre kommt in zwei Stiftungen zum Aus­druck. Gutsbesitzer Laurien-Raddeilen vermachte in seinem Testament der Anstalt 3000 Mark, deren Zinsen zur Pflege des parkartigen Gartens dienten. Konsul Hermann Gerlach aber stiftete 1902 einen Pavillon mit zwölf Krankenbetten und ließ diesen 1906 für nochmals zwölf Betten aufstocken. Gerlach stiftete 1911 weitere 10000 Mark als sog. Freibett­fonds für minderbemittelte Patienten.

Nach mancherlei Provisorien (im Landratsamt am Neuen Park regnete es ein, und die Akten lagen auf dem Flur oder in den Zimmerecken zu Stapeln) kaufte der Kreis das Grundstück Börsenstraße 9 an und erbaute auf diesem mit der Front zur Polangenstraße das neue Kreishaus, das am 27. 10. 1894 eingeweiht wurde. 1911 musste der Kreis das anstoßende einstöckige Gebäude Polangenstraße 3 erwerben, um seinen wachsenden Raumbedarf zu decken. 1895 wurde eine Bismarckbüste im Saal des Kreis­hauses aufgestellt, 1916 ein von Friedrich Boese aus Berlin gefertigtes Porträt des Landrates Cranz aufgehängt. Zur Einweihung des Kreishauses hatten die Gäste aus dem nördlichen Kreisteil bereits mit der Bahn kom­men können. Im Juni 1892 war der Personenverkehr auf der Strecke Memel-Kollaten, im November der gesamte Verkehr bis Bajohren auf­genommen worden.

An weiteren Chausseen wurden nun gebaut 1892 die Teilstrecke Da willen- Balten mit der Baitener Mingebrücke, Buddricken-Miszeiken, Baugstbrücke-Schattern 1893, Miszeiken-Dawillen, Schmelz-Marienthal, Rad-deilen-Schudebarsden 1896, Bratzischken-Gröszen-Paaschken und Me­mel-Pöszeiten 1905, 1906 Krucken-Görge -Grünheide -Korallischken - Baugstbrücke. Obwohl damit das gesteckte Bauprogramm von 1890 erfüllt war, ging man sofort daran, die Strecken Wilkieten-Ayssehnen mit der Wewirszebrücke und Mitzken-Schäferei bis 1910 auszubauen.

Im Spätherbst 1914 erhielt der Landrat ein Dienstauto für 10 000 Mark. Ab 1890 etwa wurden durch den Landrat sog. Wegeverbände ins Leben gerufen, die in eigener Initiative, aber mit finanzieller Hilfe des Fiskus, die Gemeindewege und Gemeindeverbindungswege in eigener Kraft schaffen sollten. 1896 gab es bereits sechs solcher Verbände, 1900 schon 14. Die Straße Sandkrug-Schwarzort wurde 1902/03 vom Staat befestigt. 1903 hörten die Land- und Heerstraßen auf zu bestehen. Ihre Unterhal­tung oblag dem Staate, der an ihnen längst kein Interesse mehr hatte. Auch die Bevölkerung benutzte fast ausschließlich die neuen Chausseen bzw. die Eisenbahn, so dass die Heerstraßen überflüssig wurden. Auf manchen von ihnen wuchs schon Gras. Wenn man vom Ende der Wieners Promenade am Tauerlauker Friedhof vorbei zur Dangebrücke spazierte, wandelte man auf einer solchen Heerstraße, die ein idyllischer Feldweg geworden war.

Die Eisenbahnstrecke nach Bajohren hatte auch das Seebad Försterei leich­ter erreichbar gemacht. 1894 schenkte Kommerzienrat Pietsch die dortige Strandhalle der Öffentlichkeit. Der schon erwähnte Hermann Gerlach bezahlte die Anlage am Enzianbach mit dem kleinen Teich, dem Inselchen und den Ruhebänken. Förster Wilhelm Weigel, seit 1891 in Försterei, ist die Erschließung des Waldes durch Spazierwege und Aussichtspunkte (Waldkapelle, Riesenbergkiefer, Holländische Mütze) zu danken.

Nun wurde ab 1900 das Schwergewicht der Entwicklung auf die Klein­bahnen gelegt. Nachdem 1904 Memel seine Straßenbahn erhalten hatte, wurde am 20. 10. 1906 der Betrieb der beiden Kleinbahnstrecken des Kreises eröffnet, und zwar vom Bahnhof Memel aus über die Luisenhofer Brücke nach Bachmann, Klemmenhof, Klausmühlen, Miszeiken und Dawillen nach den Grenzübergangspunkten Laugallen und Pöszeiten, ferner von Klemmenhof aus längs der Kiesstraße nach Plicken. Um die Kosten, die 2,8 Mill. Mark betrugen, nicht noch höher wachsen zu lassen, traten der Fiskus sowie die Gutsbesitzer ihr Land unentgeltlich für den Bahnbau ab, während die Bauern eine Entschädigung erhielten.

Für den Verkehr auf dem Wasser wurde 1900 der Perwelker Leuchtturm in Betrieb genommen. 1904 wurde der Niddener Hafendamm aufge­mauert. Ab 1900 begann der Ausbau der Südermole, der der Versandung der Memeler Hafeneinfahrt steuern sollte. 1902 war die Mole bereits 45 m lang, und die ersten erfreulichen Anzeichen waren vorhanden, dass die Versandungsgefahr gebannt werden könnte. Da die für den Molenbau benötigten Steine von den Bauern des Kreises geliefert wurden, die diese von ihren Feldern gewannen, war damit eine bedeutende Verbesserung der Arbeitsbedingungen im Ackerbau verbunden.

Der Verbesserung des Ackerbodens waren auch die unter Cranz einge­leiteten Meliorationsarbeiten dienlich. Der Boden des Kreises ist nur in der Umgebung der Stadt Memel gut, wo durch jahrhundertelange Düngung die natürlichen Verhältnisse verbessert werden konnten. Im übrigen ist der Boden entweder naßkalt und undurchlässig oder sandig bzw. moorig.

Unter Cranz entstanden in rascher Folge Dränage-, Vorflut- und Ent­wässerungsgenossenschaften sowie solche zur Umwandlung von Ödland in Äcker und Wiesen. 1912 waren bereits 25 solcher Genossenschaften im Kreise tätig. In diesem Jahr wurde der Verband zur Eindeichung und Entwässerung der Brukschwa-Wiesen zwischen Prökuls und Schwenzeln gegründet. 1913 wurde die Entwässerung des Iszluszemoores in Angriff genommen. Seit 1904 gab es einen Kreiswiesenbaumeister Klein, der die Meliorationen zu planen, anzuleiten und zu überwachen hatte.

Ab 1895 wurden im Kreise Raiffeisen-Darlehnskassen begründet, die ihren Mitgliedern verbilligt Düngemittel, Saatgut, aber auch Material für Fischnetze usw. liefern konnten und kleine zinsgünstige Darlehen aus­gaben. Sie schafften Dampfdreschmaschinen, Scheibeneggen und andere Geräte zur gemeinschaftlichen Benutzung an.

Landwirtschaftliche Ortsvereine wurden in Plicken (1891), Prökuls (1892), Truschellen (1896), Dawillen (1896), Deutsch-Krottingen (1902) und Klausmühlen (1912) begründet. Seit 1860 gab es eine planmäßige Pferde­zucht unter Benutzung königlicher Landbeschäler. 1911 kam die Körord­nung heraus, die der Pferdezucht neuen Auftrieb gab. 1913 deckten im Kreise 17 Hengste bereits 1417 Stuten. Das Interesse an einer planmäßi-.gen Rinderzucht erwachte erst später. Einige Gutsbesitzer des Kreises hatten die Kosten eines Bezugs von Zuchtrindern aus Holland nicht ge­scheut. Trotzdem gab es bis zum ersten Weltkrieg nur vereinzelte Züchter, die ihre Tiere beim Ostpreußischen Herdbuch angemeldet hatten. Auch die Milchkontrollvereine, die eine Zucht nach der Ertragsleistung hin fördern, brachen sich nur langsam Bahn. Gut entwickelt dagegen war die Schweinezucht. Der südliche Kreisteil ist für diesen Zweig der Landwirt­schaft besonders geeignet, und Prökulser Schweine wurden zum Qualitäts­begriff. 1913 wurden aus dem Kreis über 47 000 Schweine und Ferkel versandt. Stark im Rückgang begriffen war die Schafhaltung, für die in einer intensiven Landwirtschaft kaum noch Platz ist.

Immer wieder wurden die Bestände des Kreises durch Tierseuchen be­droht, insbesondere durch die Maul- und Klauenseuche. In einem Grenz­gebiet ist die Gefahr der Einschleppung aus Gebieten, die keine strengen Kontrollbestimmungen kennen, natürlich besonders groß, und doch konn­ten die Schäden im Kreise Memel bedeutend niedriger als in anderen ostpreußischen Kreisen gehalten werden.

1903 war die Gliederung des Kreises in Amtsbezirke vollendet. Hier mögen die 23 Bezirke in alphabetischer Reihenfolge erscheinen: Aglohnen, Barschkren, Bommelsvitte (später in die Stadt eingegliedert), Buddelkehmen, Dawillen, Dittauen, Gellszinnen, Groß-Jagschen, Kebbeln, Klausmühlen, Kollaten, Krottingen, Kunken-Görge, Nidden, Prökuls, Sakuten, Schmelz (ebenfalls zu Memel), Schwarzort, Süderspitze, Szarde, Truschellen, Wensken, Wittauten. 24. Amtsbezirk war das Kurische Haff, dessen Amtsvor­steher der Oberfischmeister. Ab 1890 musste jede Ortschaft wenigstens eine tragbare Handfeuerspritze besitzen. Oftmals schlössen sich mehrere Dörfer zu einem Spritzenverband zusammen und schafften eine Druckspitze an.

Der Norderballastplatz mit Navigationsschule wurde 1887, Budsargen 1888 an die Stadt abgegeben. 1900 kam Sandkrug zu Memel, 1917 Luisenhof. Weitere große Umstellungen gab es durch die neue Landgemeindeord­nung von 1891, durch die 183 Gemeinde- und Gutsbezirke vereinigt wur­den. Bis 1897 waren bereits 75 Gemeinden und Gutsbezirke mit anderen zusammengelegt worden und damit eingegangen, weitere sechs folgten bis 1899. Der Kreis trat auch der Ostpreußischen Landgesellschaft bei, welche sich die Vermehrung der Bauernstellen zur Aufgabe gesetzt hatte. Zu diesem Zweck wurde das Gut Pakamohren aufgekauft und parzelliert (1909). 1911 folgte das Gut Wittauten. Auf privatem Wege wurden die Güter Klemmenhof und kölm. Prökuls parzelliert. 1893 war schon das Gut Spirken aufgeteilt worden. 1917 wurden zwei Kleinsiedlungsgesell­schaften begründet, eine vor den Toren Memels, eine weitere auf 25 Hektar Prökulser Pfarrland. Der Kriegshilfsverein Baden (mit der Stadt Mannheim) unterstützte dieses Vorhaben.

Unter Landrat Cranz entstanden vier neue Kirchspiele: Plicken (1891), Karkelbeck (1899), Kairinn (1900) und Wannaggen (1904). 1896 wurde die Plickener Kirche eingeweiht,1911 die Karkelbecker, 1909 die Kairinncr.

Auf dem Gebiet des Schulwesens war seit 1873 ein hauptamtlicher Kreis­schulinspektor tätig. Nachdem seit diesem Jahr neue Volksschulen nur in Süderspitze (1879) und Janischken (1884) gegründet worden waren, brach­ten die Gesetze von 1888/89 über Erleichterung der Volksschullasten einen stürmischen Aufschwung. Es wurden von 1889 bis 1912 folgende neue Schulverbände gegründet: Darzeppeln, Brusdeilinen, Gabergischken, Grabsten, Kettwergen, Piaulen, Schäferei, Schwentwokarren, Starrischken, Wannaggen, Barschken (Stankaiten), Klauspuszen, Plicken, Schwenzeln, Gröszen, Schattern, Schnaugsten, Wilkieten, Paaschken, Löllen, Kollaten, Korallischken, Bajohren, Perwelk, Waaschken, Spengen, Götzhöfen und Laugallen, Baugskorallen, Szimken und Tauerlauken-Hohenflur, Pangessen, Woyduszen, die 81. Landschule des Kreises. Von der Jahrhundert­wende ab wurde auch den ländlichen Fortbildungsschulen, den sog. Winterschulen, mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Für die weibliche Land­jugend gab es ab 1912 Wander-Haushaltsschulen. Angestrebt wurde wei­ter, jede Landschule mit einer kleinen Volksbücherei zu versehen. Bis zum ersten Weltkrieg war das Vorhaben in 61 Schulen verwirklicht. Krie­gervereine entstanden ab 1873 in verschiedenen Dörfern des Kreises. Sie schlössen sich 1901 zu einem Kreiskriegerverband zusammen.

Was das Gesundheitswesen betrifft, so war 1894 die ägyptische Augen­krankheit oder Granulöse unter den Schulkindern epidemieartig verbreitet. Einige Schulen mussten geschlossen werden. 1898 gab es noch 470 granu­löse Kinder, 1913 waren es 15 Fälle. Schrecklicher war das Auftreten der Lepra im Kreise. 1848 brachte eine schameitische Magd die Krankheit nach Aschpurwen. 1863 schleppte sie ein jüdischer Händler nach Bommelsvitte ein und 1880 ein schameitischer Knecht nach Karkelbeck. Von Asch­purwen breitete sich die ansteckende Krankheit nach Wannaggen und anderen Dörfern und schließlich nach Schmelz aus. 36 Erkrankungen ent­standen aus diesem Herd. Ein zweiter Herd bildete sich mit Zentrum Wittauten und hatte 15 Kranke im Gefolge. Die anderen Herde blieben kleiner. Als zwei Kinder in der Memeler Sandwehr erkrankten, wurde die medizinische Fachwelt aufmerksam. Prof. Dr. Robert Koch kam nach Memel, worauf der Bau eines Lepraheimes in der städtischen Plantage beschlossen wurde. Bei der Einweihung 1897 wurden 15 Kranke aufge­nommen. Durch die strikte Isolierung verschwand diese Geißel der Mensch­heit aus dem Kreise. In das Lepraheim wurden später Kranke aus ganz Deutschland gebracht. Selbst aus Paris und Java kamen zwei Kranke. 1944 befanden sich noch fünf Kranke im Heim, die evakuiert wurden.

Der erste Weltkrieg sah schon am 2. August die ersten Russen auf dem Boden des Kreises, und zwar in Bajohren, Deutsch-Krottingen, Woyduszen, Laugallen, Baiten, Dawillen und Wilkieten. Sie zerstörten Bahnhöfe, Bahndämme, Schienen, Telegraphenlinien, Fernsprechanlagen und raubten und plünderten in den Dörfern. Die Memeler 41er wur­den mit der Bahn nach Wilkieten geschafft, wo sie die Kosaken zum Rückzug zwingen konnten. Ein Einfall bei Szagatpurwen wurde von Tilsiter Militär, das in Autos angerollt kam, abgeschlagen. Am 3. August gab es ein Gefecht bei Zarten und Überfälle auf Dwielen und Laugallen, wo der Bahndamm zerstört wurde. Am 4. August stie­ßen russische Reiter über Schemen bis zum Bahnhof Prökuls vor. Am 6. August wurden die 41er aus Me­mel abgezogen, und zwei Tilsiter Landsturmkompanien übernahmen

die Verteidigung von Stadt und Kreis mit 750 Mann und vier Kanonen, von denen zwei auf dem Gramboberg stationiert wurden. Sie wurden so­fort in ihr erstes Gefecht bei Bajohren verwickelt, dem ein zweites Gefecht am 8. August bei Laugallen folgte. Am 12. August überschritten 300 Russen die Grenze bei Bajohren und sprengten Verkehrs- und Fernmeldeanlagen.

Am 20. August wurden die noch vorhandenen 3200 Wehrpflichtigen des Kreises mit Dampfern und Prähmen fortgeschafft. Am 22. August wurde der Eisenbahnverkehr eingestellt, nachdem alles rollende Material nach Königsberg abgefertigt worden war. In Stadt und Kreis brach eine Panik aus, die noch zunahm, als am 26. August Tilsit fiel. Nun bedrohten die Russen den Kreis von drei Seilen, jetzt auch von Süden her. Am 4. September wurden in Wirkieten 44 Gebäude durch sie eingeäschert und drei Männer ermordet. Eine Entspannung brachte der große Sieg Hindenburgs, von dem Nachrichten am 13. September den Kreis erreichten. Am 16. und 17. September passierten Transporte mit 3800 gefangenen Russen Memel. Ende September wurde der Bahnverkehr mit Tilsit wieder eröffnet, Mitte November aber endgültig eingestellt, da die Russen die Kamon-Bahnbrücke gesprengt hatten. Nachdem Ende November auch das Haff zugefroren war, gab es nur noch geringen Verkehr über die plötzlich erneut zu Ehren gekommene Nehrungs-Poststraße. Die Lebensmittelpreise sanken auf ungeahnte Tiefen. Ein Ei kostete 6 Pfg., ein Pfund Butter 70 Pfg. und Vollmilch wurde für 8 Pfg. je Liter angeboten. Dagegen stiegen Kolonialwaren im Preise. Während der Kreis Tilsit im Winter durch die Russen noch viel zu erleiden hatte, gab es im Kreise Memel nur die

üblichen Grenzscharmützel. Von Mitte Februar bis Mitte März war prak­tisch Kampfstille. Dann folgte der große Schlag. Die Russen, die in Ost­preußen nicht zum Erfolg gekommen waren, suchten gegen den Land­sturm in den nördlich der Memel gelegenen Kreisen einen billigen Sieg. Am 17. März überschritten sie mit starken Verbänden bei Nimmersatt und Laugallen die Grenze und nahmen die Geschützstellung auf dem Gramboberg im Sturm. Landwehr und Landsturm konnten dem starken russischen Druck nicht standhalten und wurden zur Nehrung abgezogen. Am Nachmittag des 18. März marschierten die Russen am brennenden Gut Althof vorbei in die Stadt ein. Am 21. März war der Spuk schon vorbei, indem deutsche Truppen von Prökuls und Karlsberg aus nach Schmelz und zum Steintor eindrangen und die Russen durch das Libauer Tor die Stadt verließen. Am 22. März waren die Verfolger bis Bajohren und Deutsch-Krottingen vorgestoßen und entrissen den Russen 3000 mit­geschleppte Kreisbewohner. 485 Kreisbewohner wurden trotzdem nach Rußland verschleppt, 275 Gebäude wurden zerstört, 600 Pferde, 1300 Stück Rindvieh, 600 Schweine und 500 Schafe wurden Beute der Russen, dazu über 10000 Ztr. Getreide.

 

Die Nachkriegszeit

Die Nachkriegszeit mit der Abtrennung des Memellandes vom Reich, mit der Besetzung durch die Franzosen und die nachfolgende Litauerzeit ab 1923 brachte so viel Unruhe in den Kreis, daß größere Vorhaben nicht reifen konnten. Die schon vor dem ersten Weltkrieg geplante Elektrifi­zierung der Landgemeinden durch Überlandleitungen machte nur kleine Fortschritte. Die im Kriege 1917 vollzogene Weiterführung der Eisenbahn Memel-Bajohren nach Riga hatte wenig praktische Auswirkungen. Po­sitiv wirkte sich aus, dass die Bedeutung der Stadt durch die Abtrennung zugenommen hatte und die Ausstrahlungen dieser Bedeutung auch im Landkreis spürbar wurden. Nacheinander gab der Kreis an die Stadt die Randgemeinden Janischken, Bommelsvitte, Schmelz und Rumpischken ab, die damit ihr Wirtschaftsgebiet und ihre Bevölkerungszahl erheblich ver­größern konnte.

Für die unruhigen Zeiten bezeichnend ist, dass in der Zeit zwischen den beiden Kriegen sechs Landräte in der Nachfolge von Heinrich Crariz an der Spitze des Kreises standen, während Cranz allein über 30 Jahre kon­tinuierlich hatte wirken dürfen. Es sind dies die Landräte Dunger, Honig (dieser heiratete nach dem Tode seiner ersten Frau die älteste Tochter von Rittergutsbesitzer Conrad-Althof), Frentzel-Beyme (Gutsbesitzer aus Korallischken), von Schulze (Gutsbesitzer aus Miszeiken), Erdmonas Simonaitis (Großlitauer, der widerrechtlich eingesetzt wurde) und Herbert Kohlhoff, der die Geschicke des Kreises nach der Heimkehr ins Reich leitete.

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