MD-Januar 1974

Die Mündungsarme des Rußstromes

Heimatkundliche Betrachtung von Dr. Gerhard Willoweit


Rußdelta.jpg

Es begann mit dem Roman von Erich Karschies "Der Fischmeister". Da läßt Karschies den alten, weißhaarigen Fischer Michael Trauschien die Mündungsarme des Rußstromes aufsagen, wie er sie bei Schulmeister Jessat gelernt hat. Das hatte er nach dem Roman vor 60 Jahren, etwa 1870 gelernt. Von den damals 10 Mün­dungsarmen waren nach Angaben von Karschies um 1930 inzwischen fünf ver­sandet. Diese Feststellung weckte mein Interesse. Und so begann ich zu stöbern, in all den Unterlagen und Karten, die sich bei mir angesammelt haben und es kam einiges zusammen, was festgehalten wer­den sollte. Auf Martin Behaims Erdapfel, dem be­rühmten ersten Globus der Welt aus dem Jahre 1492 - er steht im Germanischen Museum in Nürnberg - wird der Memelstrom nur angedeutet, ohne daß er wie die meisten Flüsse auf diesem Erdapfel näher bezeichnet ist. Die Weltkarten des großen Gelehrten aus dem Altertum, Claudius Ptolemäus, nach seiner Rückkehr aus New York, bei der Uberreichung habe er feststellen können, daß im UN-Generalsekretariat durchaus ein offenes Ohr für europäische Menschenreditsprobleme vorhanden sei. Die Petitionslisten werden noch weiter­geführt. Einmal gezeichnet in der "Cosmographia" hrsg. von Leonhard Holle, Ulm 1482, und dann in stark überarbeiteter Form ge­druckt im "Geographiae opus", Straßburg 1513, zeigen den Memelstrom nur als gerade erkennbares Rinnsal ohne jegliche Beschriftung. Diese beiden Weltkarten sind im Mainzer Johannes Gutenberg Museum zu besichtigen. In demselben geographischen Werk, welches erst im Mittelalter gedruckt wurde, findet sich auch eine 1507 veröffentlichte Karte von Mittel- und Osteuropa, die auf eine vom Humanisten Nikolaus von Cues (1401 -1464) entworfene Arbeit zurückgehen soll. Hier wird der Memelstrom in einer sehr vereinfacht dargestellten Landschaft mit noch sehr ungenauen Flußläufen und maulwurfsartigen Hügeln als " Nyemo­Fl." (fluvius = Fluß) bezeichnet. Die älteste gedruckte Seekarte Ostpreu­ßens im Seeatlas "Spieghel der Zeevaert von 1555 spricht vom "Memel flu." Bis zu diesem Zeitpunkt findet sich noch keine Darstellung des Memelstromdeltas auf Landkarten, nicht einmal eine Andeu­tung. Dies geschieht erstmals in Form eines dreigeteilten Deltas auf der als Wandgemälde ausgeführten Preußenkarte im Palazzo Vecchio in Florenz. Die Karte wurde gegen 1560 in einem Saal des Pa­lastes neben 51 weiteren großen Landkar­ten gemalt. Sie geht wahrscheinlich auf eine Darstellung des Danziger Geogra­phen Heinrich Zell am Hofe Herzog Al­brechts von Preußen im Jahre 1542 zurück (vgl. dazu das Ostpreußenblatt v. 30. 5. 70, 5. 9). Die 1576 von Pastor Caspar Hennen­berger,Mühlhausen, mit herzoglicher Un­terstützung herausgebrachte Preußenkarte spricht vom "Mimmel fluvius', ebensoderen Neuauflagen, z. B. um 1600 in Am­sterdam, angefertigt von Nicolaus Johann Piscator, im Verlag Visscher, oder im Jahr 1633 bezw. 1684. Die bekannte Deutschland-Karte von Janssonius ungefähr aus dem Jahr 1675 übernimmt die Schreibweise " Mimmel -fluvius. Eine 1743 von Johann Math. Hasio herausgegebene Europa-Karte weist wiederum den "Niemen f." aus. An schriftlichen Quellen wollen wir nur zwei der ältesten heranziehen. Die päpst­liche Bulle Innozenz IV vom 23. 8. 1253 spricht bereits vom Memel-Fluß, wie er allgemein genannt werde ( per quod (scil flumen), Memelo vulgariter appela­tum,...). Im 1423 zwischen dem Deut­schen Orden, Polen und Litauen abge­schlossenen Vertrag am Memo-See wird vom "fluvius Memel alias Niemen" ge­sprochen. Die Preußenkarte des Kartographen Gerhard Mercator, erschienen 1595 in Duisburg, bezeichnet endlich präzise die Mündungsarme des Rußstromes. Sie lehnt sich offensichtlich an Hennenbergers Preu­ßenkarte an, denn diese bringt die glei­chen Angaben. Wir wollen die Karte Mercators mit der Karte des Memelgebiets, Maßstab 1: 100 000, hrsg, vom Reichsamt für Landesaufnahme, Berlin, aus dem Jahre 1932 vergleichen. Und damit beginnen die Schwierigkei­ten. Für das Jahr 1595 werden 13 Mündungen des Rußstromes in das Haff (Rus­nae fluminis ostia) genannt. Sie hießen:

1. Ackmena 2. Schirwinde 3. Alte Ruße 4. Newcupe 5. Theuppe
6. Ruße sine Holm 7. Kalanippe 8. Tazaszagis 9. Ulmis 10. Bunduluppe
11.Sclada 12. Stilbeck 13. Athmath . .

Diese Mündungsarme erscheinen außer der Atrnath - die als Ruß bezeichnet wird - auch auf der in Heinrich A. Kurschats Buch vom Memelland abgebildeten Preu­ßenkarte des Caspar Hennenherger aus dem Jahre 1633. 1932, d. h. ca. 340 Jahre später, flossen direkt in das Haff noch die
1. Atmath
2. Skirwiet - a) Ostraginnis Ost, Ab­zweigung Breite Ost b) Wittinis Ost
3. Alte Warruß
4. Pokalina, von dieser zweigt kurz vor der Mündung noch ab die
5. Rußneit,
Hier ergibt sich im Roman von Kar­schies eine Ungenauigkeit. Seine Angabe für etwa 1930 vergißt die Rußneit. Die anderen Flüsse werden genannt. tJbrigens spricht auch Kurschat, 5. 26, nur von At­math, Skirwiet, Warruß und Pokallna. Gehen wir zurück auf das Jahr 1870, welches von Karschies herangezogen wird. Hier nannte - wie bereits erwähnt - der alte Fischer Trauschies zehn Mün­dungsarme, d. h. zusätzlich noch die Neu­kopp, Skatull, Szakutt und Rindschak. Kurschat spricht davon, daß vor 100 Jah­ren noch die Ulme, Wilkinn, Rußneit und Neukupp existierten, inzwischen aber versandet und verschilft seien. Unschwer sind hier aus dem Jahre 1595 zu erkennen die Newcupe = Neukupp und wahrschein­lich die Sclada = Skatull, dazu kommt die Ulme = Ulmis. Im Jahre 1932 waren folgende Flüßchen noch vorhanden und hatten ein Ausfluß zum Kurischen Haff, aber keine Verbin­dung mehr zum Rußstrom:
1. Neukuppstrom
2. Stadtszoge
3. Ulm
4. Abraham-Szoge u. Szeißdrup-Fluß mit gemeinsamer Mündung
5. Pelintek
6. Kallnüpszoge (1595: Kalanippe)
7. Skatull (1595: Sclada)
8. Ackminge (1595: Ackmena)
Inzwischen zu Brackgewässern geworden waren die Flüsse Praszuknipp und Jedwilk, d. h. es bestand keine Verbindung mehr zum Haft noch zu einem Mündungsarm der Ruß.
Es bleibt einiges ungeklärt und harrt des Sprachforschers. Adalbert Bezzenber­ger, der bekannte ostpreußische Forscher in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts hat seinem Aufsatz "Die Kurische Nehrung und ihre Bewohner" aus dem Jahre 1889 eine Karte beigefügt. Diese zeigt leider nur die großen Rußmündungen Skier­wieth, Warrus, Pokallna und Atmath. Der Maßstab 1: 300 000 erweist sich als zu grob.
So ist festzuhalten, daß die literarische Aussage von Karschies über das Versan­den verschiedener Rußmündungen durch die alten Landkarten bestätigt wird. Die­ses Versanden war nach Karschies' Roman sogar innerhalb von ein oder zwei Generationen verstärkt festzustellen. Geht man weiter zurück in die Vergangenheit, ergibt sich, daß das Memelstromgebiet im Mittelalter weitaus zerklüfteter war, als dies im 19. und 20. Jahrhundert der Fall ist.
Der Abfluß der Wassermassen des Memelstromes in die Ostsee lenkt unseren Blick nun fast automatisch zum Kurischen Haff.
Hier sind die sprachlichen Aussagen auf allen Karten eindeutig. So heißt es auf der Seekarte, die zum ersten Mal das Haff benennt, im Jahre 1555 das "Kurlantsche Haff". Hennenberger gebrauchte in seiner Preußenkarte die Bezeichnung "Curonensis Lacus - Curisch haff" (1576, 1600, 1633, 1684). Dabei blieb es auch später, bis die lateinische Bezeichnung wegfiel. Auch zur Zeit der litauischen Besetzung (1923 - 39) hieß es auf der Memelkarte in den Hafenberichten der Hafendirektion Memel "Kuršiu ilanka".
Die älteste schriftliche Quelle über das Kurische Haft befindet sich im Text des Friedensvertrages vom Melnosee aus dem Jahre 1423. Hier wird vom "lacum qui dicitur Happ" gesprochen, also vom "See, der Haft genannt wird". Irgendwann in der Zeit zwischen 1423 und 1555 muß demnach die zusätzliche Bezeichnung "kurisch" für das Haff gebräuchlich ge­worden sein.
Bisher haben wir von Gewässern berichtet. Bevor wir uns der Ostsee zuwenden, können wir auf einen Abstecher nach Memel nicht verzichten.

Memel - Klaipeda
Immer wieder wurde die Frage nach der Herkunft der heute erneut Verwendung findenden Stadtbezeichnung "Klaipeda" gestellt. Dieses Wort könnten auch die Litauer nicht aus ihrer Sprache deuten, wie H. A. Kurschat feststellt. Wir können dazu keine wesentliche neue Erkenntnis beisteuern. Es ist daran zu erinnern, daß der bereits erwähnte Vertrag vom Melno­see sagt: castrum Memel, in Samo­gitico Cleupeda appelatum (= die Burg Memel, in Schameiten Klaipeda ge­nannt). Das ist die einzige uns bekannte Quelle aus dem Mittelalter, die von Klaipeda spricht. Bruno Schumacher stellt in seiner "Geschichte Ost- und Westpreu­ßens", Würzburg 1959, 5. 41, lediglich fest, es sei nicht mit Sicherheit erwiesen, ob an der gleichen Stelle, vor der Gründung Memels, eine ältere Siedlung Klaipeda gelegen hat. In der Handschrift des Lübi­schen Rechts im Jahre 1257 wird bereits von "Memele castrum", d. h. von der Burg Memel gesprochen. Wir wollen wiederum anhand einer Reihe von Karten ermitteln, wie unsere Heimatstadt im Laufe der Jahrhunderte bezeichnet wurde.
Martin Behaims Globus von 1492 zeigt Memel nicht an. Von den Karten des Ptolemäus verzeichnet nur diejenige von 1507 für das Gebiet Ost- und Mitteleuro­pa die Burg Memel als "Memole castru". Die Seekarte Ostpreußens von 1555 zeigt "Memel", eine Karte aus dem Atlas des Ortelius im Jahre 1580, verlegt in Amster­dam, ebenfalls "Memel", ebenso die Preußenkarte von Mercator von 1595. Die Preußenkarten Hennenbergers sprechen von "Memmel". Und so geht es weiter:
Hasios Europakarte von 1743, die 1622 in Paris verlegte Karte "Scandinavia" oder die 1740 von Matthäus Seutter gestochene Karte "Borussia Regnum", alle zeigen Memel an und nichts anderes. In diesent Zusammenhang erhebt sich die Frage, woher nach 1945 in Memel eigentlich das Recht hergeleitet wird, das erst in deut­scher Zeit entstandene Memeler Wappen in Verbindung mit dem alten Wort "Klaipeda" zu verwenden. Klaipeda ist sicher ein sehr altes Wort, gleich welcher Herkunft, ob prussisch, kurisch oder schameitisch. Es steht aber sicher nicht mit dem Memeler Wappen im Zusammen­hang, wie es uns seit der 2. Hälfte des 13. oder spätestens seit dem 14. Jahrhundert überliefert ist.
Das Memeler Wappen - ohne ein vergleichbares Beispiel in Europa - ist einer­seits auf den mittelalterlichen Burgenbau und andererseits auf die Schiffsaufbauten hansischer Koggen des 13. Jahrhunderts, die sog. Kastelle, zurückzuführen. Wir wissen durch die livländische Reimchro­nik, wie Memel gegründet wurde. Wäh­rend das Ordensheer auf dem Strandweg ("Pruscie litus" = preußischer Strand, so genannt in der Ptolemäus-Karte von 1507) von Norden heranzog, wurden die notwendigen Lebensmittel mit Koggeu über See aus Liviand herbeigeführt. Bei dem im unteren Teil des Wappens abge­bildeten Boot handelt es sich zweifelsfrei um die Darstellung der Fährverbindung zwischen der Nehrung und dem Festland, denn der Strandweg entlang der Küste hat seit dem Bestehen des livländischen und des preußischen Ordensstaates eine wesentliche Funktion im Verkehr zwi­schen beiden Provinzen gespielt. Die Deu­tung von Heinrich Neu, noch 1958, es handele sich um die Andeutung einer Werft, ist mit Sicherheit falsch. Zu diesem Ergebnis kam auch Kurschat in seinem Beitrag im Memelland-Kalender 1963. Kurschat verweist in seinem Memelandbuch, S. 150, darauf, daß zum Zeitpunkt der Gründung Memels eine nicht klar lokalisierte Heidenburg Pois im Bereich der späteren Memelburg bestand - der Name Klaipeda sei zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt gewesen und erst später aufgetaucht. Die ostpreußische Wissenschaftlerin Gertrud Mortensen stellte 1927 in ihrer Schrift "Beiträge zu den Nationalitäten- und Siedlungsverhältnissen von Preußisch-Litauen" fest, daß zum Zeitpunkt des Erscheinens des Ordens in der Nähe Memels die Befestigungsanlagen oder Fliehburgen Cretyn.
Mutine und Pois bestanden. Der manchem älteren Memeler sicher noch bekannte Stadtbaurat Weber aus Memel hat im Jahre 1924 in einem Aufsatz über den Memeler Hafen im Jahrbuch der Hafenbautechnischen Gesellschaft, Hamburg, auf einer Karte die Lage der heidnischen Burgen Mutine und Pnis angegeben. Und damit versiegen die Quellen zum Thema Klaipeda.
Natürlich ergibt sich genauso die Frage, woher die Bezeichnung "Memel" stammt und wie sie zu deuten ist. Geht diese auf eine sprachliche Angleichung der litauischen Flußbezeichnung Njemen ins Mittelhochdeutsche zurück? Der Orden spricht in seinen Urkunden nur von "Mimmel" "Mymmel", "Mümmel" "Memmel" oder "Memel". Auf der Europakarte des Ptolemäus von 1507 wird - wie bereits erwähnt - die latinisierte Bezeichnung "Memole" verwendet, auf den erhaltenen Stadtsiegeln steht "Memela". Woher kommen die Worte Memel und Klaipeda? Vielleicht finden wir eines Tages neue aussagekräftige Quellen. Noch bleibt manches im Dunkel, was uns nicht daran hindern sollte, immer wieder über diese uns interessierenden Fragen nachzudenken.

Die Ostsee
Das Stöbern brachte noch etwas an Land. Wie unterschiedlich doch die Ostsee im Laufe der Jahrhunderte auf verschiedenen Landkarten bezeichnet wurde, obwohl eine gewisse Entwicklung nicht zu übersehen ist. Beginnen wir mit Martin Behaim. Auf seinem Globus finden wir 1492 für die Ostsee die Bezeichnung "das mer von alemagna", also "Das deutsche Meer - eine mittelhochdeutsch-romanische Sprachmischung. Zwischen 1492 und 1501 datiert eine Europakarte, welche die verschiedenen Wege nach Rom darstellt. 1-her wird die Ostsee als "Das pomerisch mer", die Nordsee als "Das groß deutsch mer" bezeichnet.
Die Karte des Ptolemäus nennt die Ost­see um 1507 "Mare Germanicum", im Gegensatz dazu die Nordsee "Occeanus Germanicus". Diese Bezeichnungen wie die vorgenannten weisen auf die damalige Machtstellung der deutschen Hansestädte sowohl in der Nord- wie in der Ostsee hin. Die mehrfach zitierte Seekarte von 1555 nennt die "Ooster Zee"'. Die Karte Preußens von Mercator aus dem Jahre 1595 spricht zum ersten Mal vom "Mare Balticum", dem baltischen Meer, mit dem Untertitel "Ost-See". Die Preußenkarten von Hennenberger sprechen immer vom "Maris Balthici Pars vulgo Oost See". Die Deutschland-Karte von Janssonuis (1675) sagt "Maris Baltici Pars" und deutsch "Oostzee". Die Weltkarte des Johann Baptistam Vrient, Antwerpen, etwa, 1600- 1650 zeigt die "Oostze" und das "Mare Germanicum" (Nordsee). Die in Paris 1622 herausgegebene Skandinavienkarte des V. Perveaux weist zwar keine Bezeichnung für die Ostsee auf, dafür aber die Teile Mare Botnici, Mare Finonicum, Mare Sveticum und Mare Gothicum.
1743 betitelt die Europakarte von Hasio die Ostspe als "Mare Balticum", den Finnischen Meerbusen als "Sinus Finnicus", den Bottnischen Meerbusen als "Sinus Bothnicus". Die Nordsee wird noch immer "Mare Germanicum" genannt, allerdings jetzt mit dem Zusatz "vulgo De Noord Zee", d. h. "allgemein die Nordsee"
In den schriftlichen Quellen verwendet schon Adam von Bremen um das Jahr 1075 den Namen "Mare balticum". H. Ludat leitet das Wort "baltisch" vom litauischen baltas = weiß her, wobei er auf den Namen der im Frischen Haff liegenden Insel "Witland" (= weiß) hinweist, deren Bezeichnung noch in der Ordenszeit vorkommt und vielleicht eine germanische Übersetzung einer eigenständigen baltischen Land- und Volksbezeichnung darstellen könnte (vgl. Schumacher, Geschichte Ost- und Westpreußens, S. 330).



Ergänzung


von Daniel Mantwill, Hohenlimburg

MD-Februar 1974 Seite 25
Auf den Spuren der Sklade
Zu unserem Titelbild

mit dem Mündungsdelta des Russstromes Mit großem Interesse habe ich im "Memeler Dampfboot" die Betrachtung "Die Mündungsarme des Rußstromes" von Dr. Willoweit gelesen.
Bei einem im Delta des Rußstromes in Warruß Gebürtigen ist dieses Interesse verständlich. Hinsichtlich der Bezeichnungen stieß ich auf den Mündungsarm Sclada, den Dr. Willoweit in Skadull abwandeit, Ich möchte annehmen, hier sei ein Fehler unterlaufen, und vielleicht kann ich etwas zur Klärung beitragen. Auf dem Meßtischblatt 1: 25000, Landesaufnahme 1911, ist nordwestlich von Ruß, etwa 500 m vom Russer Friedhof entfernt, ein langgestreckter Wasserarm (etwa 200-300 m lang) verzeichnet. Diesen langen Teich kenne ich noch aus eigener Anschauung. In meiner Jugend befanden sich dort, soweit ich mich erinnere, an dem unmittelbar am Teich entlangführenden Weg ein oder zwei Gebäude, Dieser Teich und Ortsteil von Ruß wurde als Sklade oder "an der Sklade" (Skloda) bezeichnet. Ich neige zu der Annahme, daß dieser Teich Teil des verlandeten Mündungsarmes Sklade ist, der einst durch die Dumbelwiesen in nordwestlicher Richtung zum Haff strebte. Meine Annahme kann ich als untermauert betrachten, wenn ich weiter feststelle, daß ein nicht unbedeutender Wasserarm westlich von Kuwertshof im genannten Meßtischblatt als Sklade bezeichnet wird. Dieser Skladearm, der aufwärts über die Szeißdrup und Abrahamsszoge zwar keine Verbindung mehr zum Skladeteich bei Ruß hat, weist jedoch in diese Richtung und nähert sich dem Teich weitgehend. Daher ist mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß hier ehemals eine Verbindung bestand, die ebenso verlandete wie die Abzweigung vom Rußstrom.
Allerdings stellt sich dann die Frage, weshalb unter den 13 im Jahre 1595 genannten Mündungen die Skadull nicht erwähnt wird. Die Gründe sind nicht zu erkennen, doch andere bereits verlandete Mündungen sind dort ebenso nicht genannt worden.
Ein Beispiel dafür, wie verhältnismäßig schnell Mündungen versanden, habe ich selber erlebt. Die Alte Ruß wurde während meiner Kindheit noch von Warrusser Fischern zur Ausfahrt auf das Haff benutzt. In den zwanziger Jahren war dieses nicht mehr möglich. Auch besaßen meine Eltern eine Wiese, die an das Haff grenzte. Hier erzählten mir damals alte Fischer, sie erinnerten sich, daß deren Väter dort noch mit dem Zugnetz gefischt hätten. Zweifellos wird es heute, nach einem Menschenalter, in dieser Hinsicht manche Veränderungen geben, von denen wir nur ahnen können. Willy Aschmann 4 Düsseldorf 13, Graudenzer Str, 20 * Wir haben Dr. Gerhard Willoweit dazu um eine Stellungnahme gebeten. Er schreibt uns: Es zeigt sich, daß eine Karte mit dem Maßstab 1: 25 000 erheblich mehr hergibt als eine solche mit dem Maßstab 1:100000, die mir vorlag. Ich bin wirklich kein Sprachforscher, und deshalb ging ich zu­nächst davon aus, daß Sclada vielleicht eine latinisierte Form darstellt, da in der Karte von 1595 nicht nur die Ackemena erscheint, sondern bereits die Formulie­rung "Ruße sine Holm". Weil eine ge­wisse lautliche Verwandtschaft zu "Ska­tull" zu bestehen schien und die 1932 auf­geführte Skatull andererseits in der Karte von 1595 nicht wiederzufinden war, zog ich den zugegebenermaßen etwas kühnen Schluß:,, Sclada = Skatull". Die Ausführungen von Willy Aschmann schei­nen mir aber schlüssig dafür zu sein, daß meine Annahme nicht aufrechterhalten werden kann. Bei einer weiteren Uberprüfung meiner Angaben muß anhand der Karte von 1932 nachgetragen werden, daß die Ulm eine in südlicher Richtung fließende Abzweigung Willkinn aufwies und zusätzlich ein krumme Ost genannter nördlicher Abfluß der Ackminge vorhanden war. MD * Die Mündungsarme des Rußstroms "Zu Dr. Willoweits Artikel über die Mündungsarme des Rußstroms (5. 4/1974) möchte ich mitteilen, daß die Wittinnis Ost, die Ostraginnis Ost und die breite Ost nichts mit der Himmelsrichtung zu tun haben, sondern mit gedehntem O gesprochen wurden: Oost. Das aber heißt im Kurischen soviel wie Einfahrt in ein größeres Gewässer: hier in den Skirwietstrom. Die Verwandtschaft zum litauischen Wort "uostas" = Hafen, Flußmündung fällt auf. In besagter Abhandlung wird der linke Arm der Wittinnis Ost, die Schwertfege­rin, nicht erwähnt. Ob sie früher einen anderen Namen hatte? Bei uns ging die Sage, daß einst die Insel Helenawerder einen gewissen Schwertfeger als einzigen Bewohner hatte; nach ihm wurde der Mündungsarm benannt. Die Rohrflächen um die Jedwilk, die wir Girwilk nannten, waren seit altersher bis zur Vertreibung in Gemeinschafts­nutzung verschiedener Bauern der drei benachbarten Dörfer. Der Freigabetermin für die Rohrernte war immer der 1. No­vember. Um Mitternacht begann pünkt­lich der Schnitt bei Laternenlicht. Wer gut ausgeschlafen am Morgen des 1. 11. zum Schneiden erschien, fand kaum noch etwas zum Ernten vor."
Daniel Mantwill, Hohenlimburg

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