Die Mündungsarme des Rußstromes
Heimatkundliche Betrachtung von Dr. Gerhard Willoweit
Es begann mit dem Roman von Erich Karschies "Der Fischmeister". Da läßt Karschies den alten, weißhaarigen Fischer Michael Trauschien die Mündungsarme des Rußstromes aufsagen, wie er sie bei Schulmeister Jessat gelernt hat. Das hatte er nach dem Roman vor 60 Jahren, etwa 1870 gelernt. Von den damals 10 Mündungsarmen waren nach Angaben von Karschies um 1930 inzwischen fünf versandet. Diese Feststellung weckte mein Interesse. Und so begann ich zu stöbern, in all den Unterlagen und Karten, die sich bei mir angesammelt haben und es kam einiges zusammen, was festgehalten werden sollte. Auf Martin Behaims Erdapfel, dem berühmten ersten Globus der Welt aus dem Jahre 1492 - er steht im Germanischen Museum in Nürnberg - wird der Memelstrom nur angedeutet, ohne daß er wie die meisten Flüsse auf diesem Erdapfel näher bezeichnet ist. Die Weltkarten des großen Gelehrten aus dem Altertum, Claudius Ptolemäus, nach seiner Rückkehr aus New York, bei der Uberreichung habe er feststellen können, daß im UN-Generalsekretariat durchaus ein offenes Ohr für europäische Menschenreditsprobleme vorhanden sei. Die Petitionslisten werden noch weitergeführt. Einmal gezeichnet in der "Cosmographia" hrsg. von Leonhard Holle, Ulm 1482, und dann in stark überarbeiteter Form gedruckt im "Geographiae opus", Straßburg 1513, zeigen den Memelstrom nur als gerade erkennbares Rinnsal ohne jegliche Beschriftung. Diese beiden Weltkarten sind im Mainzer Johannes Gutenberg Museum zu besichtigen. In demselben geographischen Werk, welches erst im Mittelalter gedruckt wurde, findet sich auch eine 1507 veröffentlichte Karte von Mittel- und Osteuropa, die auf eine vom Humanisten Nikolaus von Cues (1401 -1464) entworfene Arbeit zurückgehen soll. Hier wird der Memelstrom in einer sehr vereinfacht dargestellten Landschaft mit noch sehr ungenauen Flußläufen und maulwurfsartigen Hügeln als " NyemoFl." (fluvius = Fluß) bezeichnet. Die älteste gedruckte Seekarte Ostpreußens im Seeatlas "Spieghel der Zeevaert von 1555 spricht vom "Memel flu." Bis zu diesem Zeitpunkt findet sich noch keine Darstellung des Memelstromdeltas auf Landkarten, nicht einmal eine Andeutung. Dies geschieht erstmals in Form eines dreigeteilten Deltas auf der als Wandgemälde ausgeführten Preußenkarte im Palazzo Vecchio in Florenz. Die Karte wurde gegen 1560 in einem Saal des Palastes neben 51 weiteren großen Landkarten gemalt. Sie geht wahrscheinlich auf eine Darstellung des Danziger Geographen Heinrich Zell am Hofe Herzog Albrechts von Preußen im Jahre 1542 zurück (vgl. dazu das Ostpreußenblatt v. 30. 5. 70, 5. 9). Die 1576 von Pastor Caspar Hennenberger,Mühlhausen, mit herzoglicher Unterstützung herausgebrachte Preußenkarte spricht vom "Mimmel fluvius', ebensoderen Neuauflagen, z. B. um 1600 in Amsterdam, angefertigt von Nicolaus Johann Piscator, im Verlag Visscher, oder im Jahr 1633 bezw. 1684. Die bekannte Deutschland-Karte von Janssonius ungefähr aus dem Jahr 1675 übernimmt die Schreibweise " Mimmel -fluvius. Eine 1743 von Johann Math. Hasio herausgegebene Europa-Karte weist wiederum den "Niemen f." aus. An schriftlichen Quellen wollen wir nur zwei der ältesten heranziehen. Die päpstliche Bulle Innozenz IV vom 23. 8. 1253 spricht bereits vom Memel-Fluß, wie er allgemein genannt werde ( per quod (scil flumen), Memelo vulgariter appelatum,...). Im 1423 zwischen dem Deutschen Orden, Polen und Litauen abgeschlossenen Vertrag am Memo-See wird vom "fluvius Memel alias Niemen" gesprochen. Die Preußenkarte des Kartographen Gerhard Mercator, erschienen 1595 in Duisburg, bezeichnet endlich präzise die Mündungsarme des Rußstromes. Sie lehnt sich offensichtlich an Hennenbergers Preußenkarte an, denn diese bringt die gleichen Angaben. Wir wollen die Karte Mercators mit der Karte des Memelgebiets, Maßstab 1: 100 000, hrsg, vom Reichsamt für Landesaufnahme, Berlin, aus dem Jahre 1932 vergleichen. Und damit beginnen die Schwierigkeiten. Für das Jahr 1595 werden 13 Mündungen des Rußstromes in das Haff (Rusnae fluminis ostia) genannt. Sie hießen:
| 1. Ackmena | 2. Schirwinde | 3. Alte Ruße | 4. Newcupe | 5. Theuppe |
| 6. Ruße sine Holm | 7. Kalanippe | 8. Tazaszagis | 9. Ulmis | 10. Bunduluppe |
| 11.Sclada | 12. Stilbeck | 13. Athmath | . | . |
Diese Mündungsarme erscheinen außer der Atrnath - die als Ruß bezeichnet wird
- auch auf der in Heinrich A. Kurschats Buch vom Memelland abgebildeten Preußenkarte des Caspar Hennenherger aus dem Jahre 1633. 1932, d. h. ca. 340 Jahre später, flossen direkt in das Haff noch die
1. Atmath
2. Skirwiet - a) Ostraginnis Ost, Abzweigung Breite Ost
b) Wittinis Ost
3. Alte Warruß
4. Pokalina, von dieser zweigt kurz vor der Mündung noch ab die
5. Rußneit,
Hier ergibt sich im Roman von Karschies eine Ungenauigkeit. Seine Angabe für etwa 1930 vergißt die Rußneit. Die anderen Flüsse werden genannt. tJbrigens spricht auch Kurschat, 5. 26, nur von Atmath, Skirwiet, Warruß und Pokallna.
Gehen wir zurück auf das Jahr 1870, welches von Karschies herangezogen wird. Hier nannte - wie bereits erwähnt
- der alte Fischer Trauschies zehn Mündungsarme, d. h. zusätzlich noch die Neukopp, Skatull, Szakutt und Rindschak. Kurschat spricht davon, daß vor 100 Jahren noch die Ulme, Wilkinn, Rußneit und Neukupp existierten, inzwischen aber versandet und verschilft seien. Unschwer sind hier aus dem Jahre 1595 zu erkennen die Newcupe = Neukupp und wahrscheinlich die Sclada = Skatull, dazu kommt die Ulme = Ulmis.
Im Jahre 1932 waren folgende Flüßchen noch vorhanden und hatten ein Ausfluß zum Kurischen Haff, aber keine Verbindung mehr zum Rußstrom:
1. Neukuppstrom
2. Stadtszoge
3. Ulm
4. Abraham-Szoge u. Szeißdrup-Fluß mit gemeinsamer Mündung
5. Pelintek
6. Kallnüpszoge (1595: Kalanippe)
7. Skatull (1595: Sclada)
8. Ackminge (1595: Ackmena)
Inzwischen zu Brackgewässern geworden waren die Flüsse Praszuknipp und Jedwilk, d. h. es bestand keine Verbindung mehr zum Haft noch zu einem Mündungsarm der Ruß.
Es bleibt einiges ungeklärt und harrt des Sprachforschers. Adalbert Bezzenberger, der bekannte ostpreußische Forscher in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts hat seinem Aufsatz "Die Kurische Nehrung und ihre Bewohner" aus dem Jahre 1889 eine Karte beigefügt. Diese zeigt leider nur die großen Rußmündungen Skierwieth, Warrus, Pokallna und Atmath. Der Maßstab 1: 300 000 erweist sich als zu grob.
So ist festzuhalten, daß die literarische Aussage von Karschies über das Versanden verschiedener Rußmündungen durch die alten Landkarten bestätigt wird. Dieses Versanden war nach Karschies' Roman sogar innerhalb von ein oder zwei Generationen verstärkt festzustellen. Geht man weiter zurück in die Vergangenheit, ergibt sich, daß das Memelstromgebiet im Mittelalter weitaus zerklüfteter war, als dies im 19. und 20. Jahrhundert der Fall ist.
Der Abfluß der Wassermassen des Memelstromes in die Ostsee lenkt unseren Blick nun fast automatisch zum Kurischen Haff.
Hier sind die sprachlichen Aussagen auf allen Karten eindeutig. So heißt es auf der Seekarte, die zum ersten Mal das Haff benennt, im Jahre 1555 das "Kurlantsche Haff". Hennenberger gebrauchte in seiner Preußenkarte die Bezeichnung "Curonensis Lacus - Curisch haff" (1576, 1600, 1633, 1684). Dabei blieb es auch später, bis die lateinische Bezeichnung wegfiel. Auch zur Zeit der litauischen Besetzung (1923 - 39) hieß es auf der Memelkarte in den Hafenberichten der Hafendirektion Memel "Kuršiu ilanka".
Die älteste schriftliche Quelle über das Kurische Haft befindet sich im Text des Friedensvertrages vom Melnosee aus dem Jahre 1423. Hier wird vom "lacum qui dicitur Happ" gesprochen, also vom "See, der Haft genannt wird". Irgendwann in der Zeit zwischen 1423 und 1555 muß demnach die zusätzliche Bezeichnung "kurisch" für das Haff gebräuchlich geworden sein.
Bisher haben wir von Gewässern berichtet. Bevor wir uns der Ostsee zuwenden, können wir auf einen Abstecher nach Memel nicht verzichten.
Memel - Klaipeda
Immer wieder wurde die Frage nach der Herkunft der heute erneut Verwendung findenden Stadtbezeichnung "Klaipeda" gestellt. Dieses Wort könnten auch die Litauer nicht aus ihrer Sprache deuten, wie H. A. Kurschat feststellt. Wir können dazu keine wesentliche neue Erkenntnis beisteuern. Es ist daran zu erinnern, daß der bereits erwähnte Vertrag vom Melnosee sagt: castrum Memel, in Samogitico Cleupeda appelatum (= die Burg Memel, in Schameiten Klaipeda genannt). Das ist die einzige uns bekannte Quelle aus dem Mittelalter, die von Klaipeda spricht. Bruno Schumacher stellt in seiner "Geschichte Ost- und Westpreußens", Würzburg 1959, 5. 41, lediglich fest, es sei nicht mit Sicherheit erwiesen, ob an der gleichen Stelle, vor der Gründung Memels, eine ältere Siedlung Klaipeda gelegen hat. In der Handschrift des Lübischen Rechts im Jahre 1257 wird bereits von "Memele castrum", d. h. von der Burg Memel gesprochen. Wir wollen wiederum anhand einer Reihe von Karten ermitteln, wie unsere Heimatstadt im Laufe der Jahrhunderte bezeichnet wurde.
Martin Behaims Globus von 1492 zeigt Memel nicht an. Von den Karten des Ptolemäus verzeichnet nur diejenige von 1507 für das Gebiet Ost- und Mitteleuropa die Burg Memel als "Memole castru". Die Seekarte Ostpreußens von 1555 zeigt "Memel", eine Karte aus dem Atlas des Ortelius im Jahre 1580, verlegt in Amsterdam, ebenfalls "Memel", ebenso die Preußenkarte von Mercator von 1595. Die Preußenkarten Hennenbergers sprechen von "Memmel". Und so geht es weiter:
Hasios Europakarte von 1743, die 1622 in Paris verlegte Karte "Scandinavia" oder die 1740 von Matthäus Seutter gestochene Karte "Borussia Regnum", alle zeigen Memel an und nichts anderes. In diesent Zusammenhang erhebt sich die Frage, woher nach 1945 in Memel eigentlich das Recht hergeleitet wird, das erst in deutscher Zeit entstandene Memeler Wappen in Verbindung mit dem alten Wort "Klaipeda" zu verwenden. Klaipeda ist sicher ein sehr altes Wort, gleich welcher Herkunft, ob prussisch, kurisch oder schameitisch. Es steht aber sicher nicht mit dem Memeler Wappen im Zusammenhang, wie es uns seit der 2. Hälfte des 13. oder spätestens seit dem 14. Jahrhundert überliefert ist.
Das Memeler Wappen - ohne ein vergleichbares Beispiel in Europa - ist einerseits auf den mittelalterlichen Burgenbau und andererseits auf die Schiffsaufbauten hansischer Koggen des 13. Jahrhunderts, die sog. Kastelle, zurückzuführen. Wir wissen durch die livländische Reimchronik, wie Memel gegründet wurde. Während das Ordensheer auf dem Strandweg ("Pruscie litus" = preußischer Strand, so genannt in der Ptolemäus-Karte von 1507) von Norden heranzog, wurden die notwendigen Lebensmittel mit Koggeu über See aus Liviand herbeigeführt. Bei dem im unteren Teil des Wappens abgebildeten Boot handelt es sich zweifelsfrei um die Darstellung der Fährverbindung zwischen der Nehrung und dem Festland, denn der Strandweg entlang der Küste hat seit dem Bestehen des livländischen und des preußischen Ordensstaates eine wesentliche Funktion im Verkehr zwischen beiden Provinzen gespielt. Die Deutung von Heinrich Neu, noch 1958, es handele sich um die Andeutung einer Werft, ist mit Sicherheit falsch. Zu diesem Ergebnis kam auch Kurschat in seinem Beitrag im Memelland-Kalender 1963. Kurschat verweist in seinem Memelandbuch, S. 150, darauf, daß zum Zeitpunkt der Gründung Memels eine nicht klar lokalisierte Heidenburg Pois im Bereich der späteren Memelburg bestand - der Name Klaipeda sei zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt gewesen und erst später aufgetaucht. Die ostpreußische Wissenschaftlerin Gertrud Mortensen stellte 1927 in ihrer Schrift "Beiträge zu den Nationalitäten- und Siedlungsverhältnissen von Preußisch-Litauen" fest, daß zum Zeitpunkt des Erscheinens des Ordens in der Nähe Memels die Befestigungsanlagen oder Fliehburgen Cretyn.
Mutine und Pois bestanden. Der manchem älteren Memeler sicher noch bekannte Stadtbaurat Weber aus Memel hat im Jahre 1924 in einem Aufsatz über den Memeler Hafen im Jahrbuch der Hafenbautechnischen Gesellschaft, Hamburg, auf einer Karte die Lage der heidnischen Burgen Mutine und Pnis angegeben. Und damit versiegen die Quellen zum Thema Klaipeda.
Natürlich ergibt sich genauso die Frage, woher die Bezeichnung "Memel" stammt und wie sie zu deuten ist. Geht diese auf eine sprachliche Angleichung der litauischen Flußbezeichnung Njemen ins Mittelhochdeutsche zurück? Der Orden spricht in seinen Urkunden nur von "Mimmel" "Mymmel", "Mümmel" "Memmel" oder "Memel". Auf der Europakarte des
Ptolemäus von 1507 wird - wie bereits erwähnt - die latinisierte Bezeichnung "Memole" verwendet, auf den erhaltenen Stadtsiegeln steht "Memela". Woher kommen die Worte Memel und Klaipeda? Vielleicht finden wir eines Tages neue aussagekräftige Quellen. Noch bleibt manches im Dunkel, was uns nicht daran hindern sollte, immer wieder über diese uns interessierenden Fragen nachzudenken.
Die Ostsee
Das Stöbern brachte noch etwas an Land. Wie unterschiedlich doch die Ostsee im Laufe der Jahrhunderte auf verschiedenen Landkarten bezeichnet wurde, obwohl eine gewisse Entwicklung nicht zu übersehen ist. Beginnen wir mit Martin Behaim. Auf seinem Globus finden wir 1492 für die Ostsee die Bezeichnung "das mer von alemagna", also "Das deutsche Meer - eine mittelhochdeutsch-romanische Sprachmischung. Zwischen 1492 und 1501 datiert eine Europakarte, welche die verschiedenen Wege nach Rom darstellt. 1-her wird die Ostsee als "Das pomerisch mer", die Nordsee als "Das groß deutsch mer" bezeichnet.
Die Karte des Ptolemäus nennt die Ostsee um 1507 "Mare Germanicum", im Gegensatz dazu die Nordsee "Occeanus Germanicus". Diese Bezeichnungen wie die vorgenannten weisen auf die damalige Machtstellung der deutschen Hansestädte sowohl in der Nord- wie in der Ostsee hin. Die mehrfach zitierte Seekarte von 1555 nennt die "Ooster Zee"'. Die Karte Preußens von Mercator aus dem Jahre 1595 spricht zum ersten Mal vom "Mare Balticum", dem baltischen Meer, mit dem Untertitel "Ost-See". Die Preußenkarten von Hennenberger sprechen immer vom "Maris Balthici Pars vulgo Oost See". Die Deutschland-Karte von Janssonuis (1675) sagt "Maris Baltici Pars" und deutsch "Oostzee".
Die Weltkarte des Johann Baptistam Vrient, Antwerpen, etwa, 1600- 1650 zeigt die "Oostze" und das "Mare Germanicum" (Nordsee). Die in Paris 1622 herausgegebene Skandinavienkarte des V. Perveaux weist zwar keine Bezeichnung für die Ostsee auf, dafür aber die Teile Mare Botnici, Mare Finonicum, Mare Sveticum und Mare Gothicum.
1743 betitelt die Europakarte von Hasio die Ostspe als "Mare Balticum", den Finnischen Meerbusen als "Sinus Finnicus", den Bottnischen Meerbusen als "Sinus Bothnicus". Die Nordsee wird noch immer "Mare Germanicum" genannt, allerdings jetzt mit dem Zusatz "vulgo De Noord Zee", d. h. "allgemein die Nordsee"
In den schriftlichen Quellen verwendet schon Adam von Bremen um das Jahr 1075 den Namen "Mare balticum". H. Ludat leitet das Wort "baltisch" vom litauischen baltas = weiß her, wobei er auf den Namen der im Frischen Haff liegenden Insel "Witland" (= weiß) hinweist, deren Bezeichnung noch in der Ordenszeit vorkommt und vielleicht eine germanische Übersetzung einer eigenständigen baltischen Land- und Volksbezeichnung darstellen könnte (vgl. Schumacher, Geschichte Ost- und Westpreußens, S. 330).