Die Geschichte der Nehrung

Es scheint erstaunlich, daß ein so armes und abgelegenes Land verhältnismäßig früh besiedelt war. Die Lage zwischen den zwei großen Wassern, vor allem am fischreichen Haff, die Lage auch zwischen dem östlichen und westlichen Europa mag dazu geführt haben. Als erstes Zeichen menschlichen Wirkens fand man in den unterseeischen Wäldern von Rossitten eine bearbeitete Rentierstange, die von den Forschern auf etwa 10 000 Jahre geschätzt wurde. Aus der jüngeren Steinzeit, also etwa 4000-5000 Jahre v. Chr., haben sich dann viele Überreste menschlicher Kultur gefunden, Trümmer von Steininstrumenten, Knochengeräte, Bernsteinschmuck und Scherben von besonders großen Urnen mit Schnurornamenten, so außerordentlich reichhaltig und übersichtlich wie sonst nirgends in Norddeutschland.
Sie beweisen, wie Professor Bezzenberger sagt, "daß die Kurische Nehrung von einer relativ zahlreichen, seßhaften und verhältnismäßig wohlsituierten Bevölkerung bewohnt war." Die ersten historischen Überlieferungen stammen aus dem 13.Jahrhundert, als die Ordensritter von diesem Land Besitz ergriffen. Da taucht auch die erste dokumentarische Bezeichnung als "neria curoniensis" auf, wohl im Gegensatz zu der einfach als "neria" bezeichneten Frischen Nehrung. Durch die anhaltenden Kriege zwischen dem Orden und den Litauern wurde die Nehrung, so weg- und steglos sie war, zu einer vielbenutzten Heerstraße. Ja, sogar zwei Burgen wurden gebaut, Neuhaus bei Cranz und das Schloß Rossitten.
Es mag eine unruhige Zeit gewesen sein, denn den Kirchenbüchern nach hat sich die Bevölkerung damals bedeutend verringert, aus Furcht vor den ewigen Kriegshändeln, die nicht einmal im Winter ein Ende fanden.
Noch verheerender hat sich die Pest ausgewirkt, die im Jahre 1709 besonders im nördlichen Teil herrschte und das Fischerdorf Nidden völlig verödet haben soll.
So ist die Nehrung immer in das große Weltgeschehen mit hineingezogen worden. In der Schule lernen wir schon, wie der Große Kurfürst von Brandenburg die Schweden über das vereiste Haff verfolgte, wir wissen von den Kurieren des Zaren, die die Nehrung als Poststraße benutzten, und wir wissen auch von der beschwerlichen, traurigen, winterlichen Fahrt der Königin Luise, als sie nach Memel flüchten mußte. Manche Erinnerungen an jene Zeit findet man noch erhalten, die drei "Luisen-Pfahle" an der Straße, wo man rastete, und im Dorfkrug von Nidden die sagenhafte Fensterscheibe, in die sie mit dem Diamanten ihres Ringes den Goethevers eingeritzt haben soll:


 

"Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
wer nie in kummervollen Nächten
auf seinem Bette weinend saß,
der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte."

 



Von der Mitte des 19. Jahrhunderts an trat die Nehrung durch die neuen Kultivierungsarbeiten und vor allem durch die geologischen und vorgeschichtlichen Forschungen immer mehr in den Vordergrund des allgemeinen Interesses. Auf die gründlichen Untersuchungen und Beobachtungen von dem Bergrat Dr. Berendt, von dem Geologen Hess von Wichdorff, von dem Sprachwissenschaftler Professor Bezzenberger und dem Altertumsforscher Tischler stützt sich alles, was wir jetzt noch von der Nehrung wissen. Das waren die friedlichen Jahre, wo der Kampf des Menschen gegen den treibenden Sand langsam zur Ruhe kam, wo die Menschen merkten, welch ein Quell der Gesundheit, der Freude und des Glücks das Leben in der freien Natur bedeutete, und wo den Menschen auch die Augen aufgingen für die seltsame und wunderbare Schönheit dieser Landschaft.
Doch von neuem fielen die Schatten des Krieges auf das Land. Wieder hasteten über die Nehrungsstraße flüchtende Menschen, die das brennende Memel im Winter 1915 verließen und in den Wäldern von Schwarzort Zuflucht suchten. Und es kamen die Jahre der litauischen Besetzung, gleich schmerzlich und schwer für alle, die auf der Nehrung lebten und für die, die sie Hebten. Und es kamen die Tage der höchsten Not, als in den Wintermonaten 1945 die Nehrung noch einmal zur großen Heerstraße wurde wie in alter Zeit. Rückzugstraße einer geschlagenen Armee und Fluchtweg einer zu bitterer Armut verdammten Bevölkerung, die doch an diesem Stückchen Erde hing mit ihrer ganzen Seele, mit ihrem ganzen Herzen und Gemüt.



Der Frost biß wie ein Wolf. Fast dreißig Grad -
und fußhoch Schnee, der alles Leben lahmte.
Gestalten, deren sich die Sonne schämte,
auf allen Wegen und auf dem kleinsten Pfad.

Gehetzte, Todesschatten im Gesicht,
die blindlings vor dem nahenden Feinde rannten,
wie wenn sie innerlich vor Qual verbrannten,
die Augen flackernd wie im Wind ein Licht.

Die Leichen häuften sich an diesem Strom.
Getier und Menschen lagen eng im Tod beisammen.
Und über allem dunkelrote Flammen:
Brandfackeln in der Heimat heiligem Dom!

Aus "Flucht und Einkehr" von Fritz Kudnig

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