Wenn man beim Wandern über die Nehrung auch meinen könnte, sie wäre nur aus Sand gebaut und wäre schon seit Ewigkeiten so gewesen, so sind die Dünen selbst doch, erdgeschichtlich gesehen, jüngeren Datums, aus der Steinzeit, etwa 5000 Jahre v. Chr. Der Sockel aber, auf dem sie ruhen und der noch in den fruchtbaren Äckern um Rossitten zutage tritt, reicht bis ins Diluvium zurück. Das sind wohl eine Millionen Jahre, während das sogenannte Eocän, das Zeitalter der Bernsteinwälder, noch um das 10- und 20fache ferner liegt. Infolge einer langsamen Senkung, wie man sie ja auch heute noch an vielen Meeresküsten beobachtet, wurde das ganze Festland vom Samland bis zu den Memeler Höhen überflutet. Aus dieser Periode stammen auch die Bernsteinablagerungen, die man später vor allem im Haffgrund bei Schwarzort gefunden hat.
Begünstigt durch die Meeresströmung, die gewaltige Sandmassen vom Samland herantransportierte, bauten sich dann auf dem flachen Meeresboden und um die nicht überfluteten Diluvialreste von Rossitten, Cranz und Sarkau langsam die Dünenketten auf, während durch die Schlammablagerungen der Memel das Flußdelta sich immer weiter vorverlegte und der Salzgehalt des Haffs verringert wurde. Wie bei der Ostfriesischen Inselgruppe bestanden auch hier zuerst einzelne Inseln. Die natürlichen Dünendurchbrüche zeugen noch heute davon, z. B. der "Kolk" bei Sarkau und die dicht hinter Cranz gelegene schmalste und auch niedrigste Stelle der Nehrung, wo noch zu unserer Zeit eine Überflutung befürchtet wurde. Die klimatischen Verhältnisse und die interessante Tatsache, daß die anscheinend so trockene Düne schon in 1-11/2m Tiefe sehr wasserhaltig ist, begünstigte die Entwicklung einer starken Vegetation. Allerdings haben erneute Senkungen und neue Versandungen den starken Baumbestand immer wieder zerstört. Man hat auf der Nehrung stellenweise vier verschiedene alte Waldböden festgestellt, durch Sandschichten voneinander getrennt. Vor allem aber hat man vor der Seeküste Reste von untergegangenen Wäldern gefunden, die wie unheimliche stumme und doch beredte Zeugen aus der Brandung herausragen.
Vorgeschichtlichen Funden nach bestanden die ältesten Wälder aus 50 Prozent Eichen, 40 Prozent Kiefern, 6 Prozent Linden und hatten Bäume von 1-11/2 m Durchmesser. Es muß sich also um einen Mischwald von großer Schönheit gehandelt haben. Später gewannen die Kiefern immer mehr die Überhand, wie man noch aus den alten Wäldern bei Sarkau, Nidden und Schwarzort erkennen können, Schon die Ordensritter haben dort große Holzmengen schlagen lassen für ihre vielen Burgen und ließen Teerbrennereien und Köhlereien anlegen. Andererseits war man sich auch damals schon bewußt, welche Bedeutung der Wald als Schutz gegen den treibenden Sand hatte. So wurde der Sarkauer Wald schon 1624 zum Hegewald erklärt, und in allen Schriften findet man immer wieder die Verwarnung, daß man das Holz "nicht hart an der Neringe, sondern an denen Orten, die es uns nicht Schaden gibt" holen solle.
Es mögen vielerlei Gründe zusammen dazu geführt haben, daß ab Mitte
des 18.Jahrhunderts die Versandung immer schneller vorschritt: wiederholte Waldbrände, große Sturmfluten und als letztes die durchgreifenden Abholzungen durch die Russen in den letzten Jahren des Siebenjährigen Krieges. Alten Chroniken nach blieben in dem Rossitter Forst von
17 000 Morgen Wald nur noch 380 Morgen übrig! Da war der Vormarsch der Dünen, der durchschnittlich mit 5-8 Metern jährlieh errechnet worden ist, in seiner gigantischen Größe und seiner schweigenden Unerbittlichkeit nicht mehr aufzuhalten. Der langsame Untergang von sieben blühenden Nehrungsdörfern gehört zu den erschütterndsten Ereignissen jener Zeit.
Obwohl schon Friedrich II. die ersten Anordnungen traf zur Neubepflanzung, konnte doch erst im neuen Jahrhundert mit durchgreifenden Maßnahmen zur Bekämpfung des Flugsandes begonnen werden. In mühevoller, ungeheuer kostspieliger, zum Teil von Staatsgefangenen ausgeführter Arbeit wurde durch das Stecken von Reisig das Anwachsen und durch Pflanzen von Strandhafer die Befestigung einer Vordüne am Seestrand gefördert und dadurch dem Flugsand der erste Einhalt geboten. Dahinter wurde dann die sogenannte Plantage angelegt, dichter Mischwald aus Birken, Erlen und Weiden, noch heute die Freude aller Nehrungswanderer. Besonders schwer war der Kampf gegen die Wanderdüne. In regelmäßigen Karrees wurden Buschzäune gesteckt und der Sand mit Reisig bedeckt, bevor darin mit etwas Lehmbeigabe die jungen Bergkiefern eingesetzt werden konnten. In ihrem niedrigen, weitverzweigten Wuchs bedeckten sie langsam die ruhelose Düne und zwangen sie in ihren Bann. So entwickelte sich mit der Zeit das Bild der Nehrung, wie wir es gekannt haben: zwischen der brandenden See und dem schimmernden Haff das gewaltige Naturwunder der Wanderdünen und unter dem grüngoldnen Samtteppich der Bergkiefern die bewaldeten Höhen, in deren Schutz die Nehrungsbewohner beruhigt leben konnten.