Die Bevölkerung der Nehrung

Wer die Nehrungsmenschen gekannt hat, wird ihr Bild und Wesen nicht so leicht vergessen: meist große, kräftige, gesunde Gestalten, die Männer bärenstark, braunverbrannt und wetterhart, die Frauen mit feinen, stillen Gesichtern und tiefgründigen Augen, aus denen manch geheime Sorge, manch stummes Leid und stille Ergebenheit sprach. Und doch waren sie alle irgendwie erfüllt von einer großen Freude am Leben. Den Fremden gegenüber waren sie gastfrei und aufgeschlossen und ohne Scheu. Wenn auch Bezzenberger feststellte, daß man die Sangeslust des litauischen Volkes vergeblich auf der Nehrung suche, und dies mit dem schweren Kampf ums Dasein erklärte, so haben wir uns doch oft genug an den hellen Stimmen der Mädchen erfreut, wenn sie in ihren alten, kleidsamen Trachten über die Dorfstraße schlenderten und die schönen litauischen Dainos sangen. Oder Sommergäste und Fischerwirte saßen in den Abendstunden friedlich beisammen vor der Tür, und zu dem gemütlichen Schifferklavier erklangen die altbekannten, oft ein wenig wehmütigen Fischerweisen.
im Hafen von Nidden Natürlich waren die Nehrunger fast alle untereinander verwandt; die Namen Toll und Gulbis, Schekahn, Pietsch, Rhesas und Blode, und wie sie alle heißen mögen, waren in jedem Ort meist mehrfach vertreten. Von Amts wegen wurden sie numeriert, aber im nachbarlichen Leben waren sie durch treffende Spitznamen wohl zu unterscheiden. Der "Afrikaner" oder der "Bong" (weil er französisch sprach), der "Schalli" oder der "Cognac", sie werden ihren Namen behalten, ob sie nun unter der Erde liegen oder irgendwo ein neues Leben begannen.
Der Abstammung nach waren die Nehrunger zumeist Deutsche und im nördlichen Teil Litauer. Dazu gab es noch Reste des alten, von den Letten abstammenden Kurenvolkes. Die kurische Sprache hatte sich bei den alten Fischern noch bis in die letzte Zeit erhalten; sie hatte einen seltsam geheimnisvollen Klang und wird nun wohl leider bald ganz vergessen sein. Die Christianisierung ist verhältnismäßig spät zu der abgelegenen Nehrung gedrungen und vor allem sehr spät wahrhaft in die Herzen der Nehrunger eingedrungen. Sonst hätten sich nicht die Spuren alten Heidentums bis in das 18. Jahrhundert erhalten. Um diese Zeit wird noch von Opferfeuern berichtet, die im geheimen von einem "Weideler", das ist ein Zauberer, auf den Dünen angezündet wurden, um den treibenden Sand zum Stillstand zu bringen. Und was man tun mußte, um die Fische zu behexen und ins Netz zu bringen, das wußten die Weideler auch. Die Pfarrer hatten daher oft keinen leichten Stand, abgesehen davon, daß sie von einem Ort aus meist drei Dörfer versorgen mußten. Als die große Versandung begann, haben die Nehrunger unermüdlich um ihre Gotteshäuser gekämpft, bis sie das Gebälk abbrachen und an einem anderen Ort wieder aufbauten, unerschütterlich in ihrem Vertrauen und ihrer Lebenskraft. So waren sie denn auch von einer tiefen, schlichten Frömmigkeit. Ihr feierlicher Kirchgang, ihre Liebe zu den alten Bräuchen, ihre Sorge um ihre Toten und ihre stille Dankbarkeit, wenn sie einen Ertrunkenen doch noch in geweihter Erde bestatten konnten, zeugen davon. Nicht zuletzt auch die Sinnsprüche, die man in den Bug ihrer Kähne eingeschnitzt fand: "In Gottes Hut - da fährt sich's gut!" oder "De salten See, de nimmt, wat se hett gewen - de gode Gott givt, wat he nimmt".

LITAUER FISCHERFRIEDEN
Große schwarze Netze schweben Die am Alltag oft mit Fluchen
vor den Hütten um den Hafen. sich zu Garn und Steuer wenden,
Kähne ohne Segel heben weither heute, ihn zu suchen,
sich und senken sich und schlafen.    schwarz Gesangbuch in den Händen
Sonntag heiligt. Jesu Christ - schon seit gestern abend still -
fischt heut Seelen fromm. kommen sie durchs Land,
Der du bei den Fischern bist, wie auch Wind sie halten will
wenn sie beten, komm! und der weite Sand.
 
Walther Heymann

Die Fischerei, ja um die Fischerei drehte sich alles auf der Nehrung, auch wenn es im Sommer manchmal so schien, als wäre der Kurgast das Wichtigste. Gewiß, schon im Frühjahr wurden die besten Räume für die Gäste instand gesetzt und die Fischerfamilie selbst verkroch sich in die unmöglichsten Ecken, oben auf der "Lucht" und wo nur eben eine Lagerstätte aufgeschlagen werden konnte. Das schwere Tagwerk aber ging trotzdem weiter. Es ist erstaunlich, wie weit die Nehrunger mit ihren offenen, verhältnismäßig kleinen, aber sehr tüchtigen Booten auf See hinausfuhren, um Flundern, Steinbutt, Dorsch und auch Lachs zu fischen. Wie häufig der Lachs früher in den Ostseegewässern vorgekommen ist, kennzeichnet ein Hinweis in alten Büchern, wonach das Gesinde verlangte, nicht häufiger als zweimal wöchentlich Lachs essen zu müssen!
Netze trocknen Während in Schwarzort hauptsächlich mit Stellnetzen, den Reusen oder Aalwentern gearbeitet wurde (man sah immer wieder die langen Stangen aus dem Haffwasser ragen), betrieben die Fischer von Nidden und Pillkoppen hauptsächlich die Kurenfischerei. In langer Reihe sah man die stattliche Flottille durch das Wasser pflügen, zwischen zwei Kähnen immer das große Schleppnetz, Kurre genannt. Daß jeder Kahn an der Mastspitze einen selbstgeschnitzten, buntbemalten Holzwimpel trug mit dem Zeichen seines Heimathafens und vielerlei Figuren und Gestalten, gab den Kurischen Kähnen immer eine besondere Eigenart, und sie sind schon allein deswegen so viel gemalt und fotografiert worden. Von der größten Bedeutung im Erwerbsleben der Fischer aber war die bei den steifen Winden und der bitteren Kälte so sehr beschwerliche und bei dem brüchigem Eis um die Schacktarpzeit auch sehr gefahrvolle Eisfischerei, eine ausgesprochene Gemeinschaftsarbeit. Auf kleinen Schlitten mit der langen Deichsel als Sicherung bei Einbrüchen wurde oft kilometerweit aufs Haff hinausgefahren. Mit Eisäxten wurde eine große Wuhne geschlagen und das Zugnetz eingelassen, das dann an langen Stangen von kleinen Löchern aus unter der Eisdecke immer weiter geschoben werden mußte bis zur "Holung", wo das schwere Netz mit einer Winde mühsam herausgeholt wurde. Dort warteten meist schon die Händler, die "Kupscheller", die in ihren Schlitten oft in abenteuerlicher Fahrt herbeigebraust kamen, um als erste das beste Geschäft zu machen. Vom frühen Morgen bis zum späten Nachmittag waren die Fischer so auf dem Eis, nur geschützt durch ein aufgespanntes Windsegel, durch eine entsprechend warme Kleidung (sie sahen alle aus wie die Urweltmenschen!) und durch einen kräftigen Schluck aus dem mächtigen Schnapskrug. Der gehörte dazu. Auch die Pferdchen mußten solange aushalten. Kein Wunder, daß man auf der Nehrung stets gut gepflegte, widerstandsfähige Pferde hielt, die man in den Sommermonaten frei in den Wäldern herumlaufen ließ, zur Verwunderung mancher Gäste und gar manches Mal mit einem Elch verwechselt! "Pferde holen", das war ein besonderer Sport, und es gab wohl kein Fischerkind, Junge oder Mädel, das nicht auf einem bloßen Pferderücken mit großem Geschick zu reiten verstand. Auch die Fischräucherei wurde eifrig betrieben, hauptsächlich Flundern und die ebenso köstlichen und Trocknende Flunder fettriefenden Aale. In kleinen, verdeckten Gruben schwelten die "Schischken", die Kienäpfel des Waldes, und daneben saßen dann die alten Fischerfrauen mit ihrem Strickzeug, um den Rauch zu beaufsichtigen. All dieses, der feine, etwas beißende Qualm aus den Räuchergruben, die ziehenden Segel am Horizont, die ruhenden Boote im Hafen, die trocknenden Netze im Wind, der sein Garn flickende alte Fischer vor der Tür und die bereiften, erstarrten, vom Haff heimkehrenden Fischer, all dieses gab den Nehrungsdörfern ihr eigentliches Gepräge und schloß die ganze Romantik, aber auch die ganze Härte eines Fischerlebens in sich ein.
Natürlich war auch ein großer Teil der Bevölkerung bei den umfangreichen Waldarbeiten und bei der immer wieder notwendigen Dünenbefestigung eingesetzt. Eingesessene Bootsbauer hat es auf der Nehrung kaum gegeben, sie kamen von der anderen Seite des Haffs herüber, und die Taufe eines festlich bekränzten neuen Kahns war dann immer ein großes Volksfest, bei dem das Begießen mit Wasser eine ganz große Rolle spielte.

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