Die Fischerfahrzeuge des Kurischen Haffs,Kurenkähne oder auch
Keitelkähne genannt, führten auf ihrem Mast den Kurenwimpel.
Der diente nicht nur zur Feststellung der Windrichtung beim
Segeln, sondern auch als Zierde des Fahrzeuges.
Über den Kurenwimpel schreibt Dr.E.Riemann in seiner "Volkskunde des Preußenlandes" u.a. folgendes:
"Zu den merkwürdigsten und phantasievollsten Erzeugnissen de Volkskunst gehörten die holzgeschnitzten Schiffswimpel der Keitelkähne auf dem Kurischen Haff. In der Zeit des Schacktarp, wenn Haff, Flüsse und überschwemmte Niederungswiesen nur mit dünner Eisdecke überzogen waren, nahm der Fischer sein Taschenmesser vor und begann zu schnitzen.
Die Behörde hatte 1844 durch Gesetz für die einzelnen Fischerdörfer rund um das Kurische Haff bestimmte Farbzeichen festgelegt, die in den Stoffwimpel der Kähne geführt werden mußten. Die beiden "Scheren" aus Eichen- oder Eschenholz, in die man das Ortszeitchen einspannte, wurden nun zum Träger reicher Aufbauten, die aus weichem Holz geschnitzt und mit leuchtenden Farben bemalt wurden. Der ganze Wimpel drehte sich um den "Spieß", eine auf die Mastspitze aufgesetzte Eisenstange.Den Spießaufsatz krönte häufig ein geschnitzter Adler.
Die alten Wimpel zeigten eine geringe Anzahl von Einzelmotiven. Es waren auch nicht Abbilder, vor allem nicht Landschaftsmotive, sondern die überlieferten Sinnbilder der Volkskunst wie Sechsstern, Radkreuz,Herz,Anker und Schiff. Diese Zeichen waren in ein phantasievolles Gitterwerk eingebaut, das in mehrere Teile gegliedert war. Erst in jüngerer Zeit, als die Wimpelschnitzerei auf der Nehrung teilweise zu einer Fremdenindustrie zu werden begann, kamen neue Motive auf, die den Stil der alten Wimpel stark veränderten oder verdarben, zum Beispiel Elch, Leuchtturm, Matrose am Steuerrad, Matrose mit Flaggen, Wasserjungfrau, Meergott, Glaube-Liebe-Hoffnung, Dampfer oder sogar Inschriften.
Man verwandte reine, leuchtende Ölfarben, und zwar bevorzugte man auf der Nehrung und im Nordteil der Niederungsküste Schwarz, Weiß und Rot, in deren Südteil Grün, Blau, Weiß und Rot und an der Südküste des Haffes Blau, Gelb und. Grün. Die Keitelkähne, deren Schmuck sie bildeten, waren sehr urtümliche Boote mit flachem Boden, die entweder Sprietsegel oder Gaffelsegel führten."
Den Ausführungen Dr.Riemanns ist noch hinzuzufügen, daß die Verordnung von 1844 für die Fischerdörfer am Kurischen Haff folgende Ortsfarben bestimmte: Schwarz-Weiß für die Nehrung, Blau-Gelb für die Südseite des. Haffs(Samland) und Rot-Weiß für die Ostseite(Memelniederung) . Die Ortsfarben befanden sich in der Ortsfarbentafel (Wappen) des Wimpels.
Weiter ist zu sagen, daß im Laufe der Jahre nicht nur die als Wimpelaufsatz dienenden Motive und Figuren abgeändert worden sind, sondern auch die Rahmenform. Während die Nehrunger die alte Form beibehielten, bei der die beiden Spieße (Scheren) parallel zu einander standen, stellten die Samländer den unteren etwas schräge nach unten. An der Ostseite des Haffs(Gilge,Nemonien) wurde der untere Spieß ganz kurz gehalten und bogig nach unten gesetzt. Auch fehlte hier die Ortsfarbentafel(Wappen). Die Ortsfarben befanden sich in der ganzen Länge des Stoffwimpels, der bis 5 m lang war. Diese Wimpelform wurde auch von den Labagiener(Haffwinkel) übernommen. Manche Ortschaften änderten sogar die vorgeschriebene Ortsfarbe ab, z.B.Rinderort das Gelb in Rot Weiß.
So hat der Kurenwimpel Im Laufe der der Zeit hinsichtlich einer Form und der Gestaltung der Aufsätze eine Veränderung erfahren, daß er mit seinem ursprünglichen Stil fast nichts mehr gemein hatte. Vor allem hatte die Jugend in den letzten Jahren völlig neue Motive und Formen geschaffen weil, wie Dr. Riemann erwähnt hat, die Wimpelschnitzerei zu einer Fremdenindustrie ausartete, denn die Kurenwimpel wurden von den Sommergästen als Reiseandenken gern gekauft.