Industrie (und Handel)
Wenn von Industrie die Rede sein soll, ist es wichtig zu wissen, was das Wort „Industrie“ eigentlich bedeutet. Dieses Wort ist dem Lateinischen industria (= Fleiß) entliehen. Und man versteht darunter die gewerbliche Be- und Verarbeitung von Rohstoffen und Halberzeugnissen. Als diese Gütererzeugung noch vornehmlich von Hand gemacht wurde, handelte es sich um die sogenannte Manufaktur. Erst die wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen im Gefolge der technischen Erfindungen im 18. Jh. (industrielle Revolution) brachten den Übergang von der Manufaktur- zum Fabrikbetrieb.
Die Industrie des Memelgebietes, hiermit ist in dieser Hinsicht das platte Land gemeint, war nur wenig entwickelt. Es lagen hier und da verstreut einige eigentlich nur als landwirtschaftliche Nebenbetriebe zu bezeichnende Unternehmen wie Brennereien, Ziegeleien, Kartoffeltrocknungsanstalten usw., die aber in der Regel jeweils nur einen ganz eng begrenzten Wirkungskreis hatten und daher als unwichtig unberücksichtigt bleiben können.
Interessanter ist dagegen die Vielfalt der Handwerker in einer Zeit, die noch keine Industrie kannte. Neben den auch heute noch verbreiteten Handwerksbetrieben gab es Böttcher, Bechler (Kleinböttcher), Drechsler, Färber, Grob-, Kupfer- und Nagelschmiede, Hutmacher, Kleinschmiede, Leinweber, Nadler, Reepschläger, Riemer, Rotgerber, Sattler, Seiler, Steinhauer, Stellmacher, Tabakspinner und Töpfer.
Umfassendere Bedeutung auch für den vorgelagerten Hafen in Memel hatte auf dem Lande neben den weiter unten behandelten Sägewerken lediglich eine Torfstreufabrik bei Heydekrug.
Im Jahre 1882 wurde in Trakseden bei Heydekrug die Ostpreußische Torfstreufabrik in Betrieb genommen. Sie hatte mit dem Augstumalmoor ein Areal von rund 5000 ha Moor zur Verfügung und beschäftigte vor dem 1. Weltkrieg im Sommer bis zu 400 Arbeiterinnen und Arbeiter, die jährlich bis zu 16 000 t Torfstreu produzierten. Während des Krieges verringerte sich die Produktion auf 10 000 t. Durch den Versailler Vertrag brachte die Abtrennung von den ostpreußischen Absatzmärkten einen weiteren Rückgang, da im Memelland nur ein Eigenbedarf von rund 1000 t vorhanden war. Allerdings hat diese Fabrik auf dem Land alle Zeiten und Kriege überlebt und ist bis heute noch in Betrieb.
Größere Bedeutung hatten auf dem Land die Schneidemühle.
Aufgrund der großen Waldungen in Litauen, Polen und Rußland war naturgemäß die Holzbearbeitung schon in ältester Zeit eine Manufaktur. Und so entstanden auf dem flachen Land Sägewerke. Es waren Betriebe, die den örtlichen Bedürfnissen entsprachen. Als Beispiel sei hier nur das Gut Wischwill, im Süden des Memellandes, genannt, wo es ein kleines Sägewerk gab, das vom Wischwillfluß getrieben Schnittholz für den Eigenbedarf des Gutes lieferte. Nachdem der letzte Gutsbesitzer Ende des 19. Jh. das Gut aufgeteilt verkaufte, errichtete der neue Besitzer, die Holz- und Bauindustrie Hildebrand aus Maldeuten, an gleicher Stelle ein großes Sägewerk. In diesem wurden in der Folgezeit gewaltige Mengen Holz aus den umliegenden Staatsforsten sowie russisches Importholz verarbeitet. Dieses Wischwiller Werk entwickelte sich, zuletzt im Besitz von Garmeister, zu einem modernen Betrieb, in dem 160 Arbeiter in mehreren Schichten an fünf Sägegatter, zwei Spundmaschinen, einer Bauholzkreissäge und mehreren anderen Sägen lohnenden Verdienst fanden. Das Werk besaß zum Antrieb all dieser Maschinen schließlich sogar ein eigenes Elektrizitätswerk.
Größere Bedeutung hatten die Schneidemühlen von Ruß. Hier spielte schon immer die Flößerei und der Holzhandel eine große Rolle und so gab es hier zum Ende des 19. Jh. sechs Dampfschneidemühlen. Eine davon brannte im ersten Weltkrieg ab und drei andere stellten ihren Betrieb nach dem ersten Weltkrieg, als das Memelland vom Deutschen Reich abgetrennt wurde, ein.
Danach befanden sich in ländlichen Gemeinden nur noch sieben Schneidemühlen.
In der Stadt Memel spielten die Sägewerke trotz mancher Konjunkturschwankungen stets eine große Rolle. Sie lagen entweder am Dangeufer oder –zum größten Teil- am Haffufer. Hier am Haffufer war der sandige Untergrund der Holzplätze besonders geeignet, das aus den geflößten Hölzern tropfende Wasser aufzunehmen. Hier trieben die ständigen Westwinde die im 19. Jh. noch zahlreich vorhandenen Windmühlen und förderten ein gutes Trocknen der Schnittware.
Unter Friedrich dem Großen erfuhr der Handel der Stadt mit seinem Hafen einen beachtlichen Aufschwung durch den Export bzw. Umschlag unbearbeiteter Hölzer und Schiffsmasten. Auch während der gut fünfjährigen Besatzung durch die Russen (1757 – 1762) florierte der Handel. In der Mitte des 18. Jh. setzte aber die Nachfrage nach geschnittenen Holzwaren ein. England benötigte während des Amerikanischen Krieges (1776 – 1783) viel Holz zum Schiffsbau und führte es in Flotten von 40 bis 50 Schiffen aus dem Memeler Hafen aus. So wurde im Jahre 1759 die erste Memeler Schneidemühle von Beerbohm gegründet, der bald weitere folgten. Diese erste Windschneidemühle stand dort, wo sich heute die Zellulosefabrik befindet. Bereits 1791 hatte Memel 14 Windschneidemühlen und vor dem ersten Weltkrieg waren es sogar noch 18 Sägewerke mit bis zu 1700 Arbeitern. Nach der Abtrennung des Memellandes ging die Arbeit auf den Sägemühlen stark zurück und die Zahl der Beschäftigten sank auf 500 und weniger.
Das Holz wurde während der russischen Besatzungszeit (im 18. Jh.) aus den Wäldern nördlich von Memel und von der Nehrung genommen (die Folge war die Versandung der Nehrung und der Landschaft nördlich von Memel).
Die Gründer der Holzindustrie waren nicht nur Memeler Kaufleute, sondern auch eingewanderte Engländer und Schotten. Diese Holzplätze mit ihren Sägemühlen spielten in der Stadt Memel stets eine große Rolle. Von besonderer Bedeutung war der Zusammenschluß der größten Memeler Holzhändler zu einer Handelskompanie, die sich verpflichtete, nur reines Kronholz zu verkaufen und schlechtes Brackholz bereits aus den Flößen in Ragnit oder Ruß aussondern zu lassen. Dadurch wurde Memeler Bord eine Qualitätsbezeichnung des europäischen Holzhandels.
Wenn wir uns dieser Industrie erinnern, dann ist es unumgänglich notwendig, die bekanntesten dieser Holzfirmen bei ihrem Namen zu nennen, denn sie waren die Ursache für das Ansteigen des Wohlstandes der Memeler Bürger. Der wachsende Holzhandel mit seinen Holzschneidemühlen war bis zur Abtrennung vom Deutschen Reich, wenn auch noch von anderen Industriezweigen zu berichten ist, die Hauptindustrie Memels. Die älteste Firma mit über hundertjähriger Tradition war I.G. Gerlach, deren Holzplatz gleich hinter der Zellulosefabrik lag. Südlich davon schlossen sich zwei kleinere Sägewerke an, das Berliner Holzkontor und die Rote Mühle. Letztere wurde zum Schluß unter Franz Schickedanz von der Baltikum GmbH betrieben. Im Anschluß daran folgte das große Sägewerk von Alfred Ehmer & Co AG mit modernsten Einrichtungen. Auf dem nächsten Platz, dem der Bismarckmühle entstand zur Litauerzeit in den dreißiger Jahren des 20. Jh. das Exportschlachthaus der halbstaatlichen „Maistas“, das hauptsächlich dem Bacon-Export nach England diente. Das letzte große Sägewerk in Schmelz war dann E. Appelhagen. Auf dem Gelände dahinter bis zum Holzbassin befand sich das Zweigwerk der Schälfabrik, welches aber in den letzten Jahren kaum noch in Betrieb war.
Das Holzbassin war ein großes Kanalbecken in das der König-Wilhelm-Kanal mündete.
An dieser Stelle muß auch dieser Kanal erwähnt werden, da er unmittelbar mit der Holzindustrie im Zusammenhang steht. Wir haben oben gehört, daß während der russischen Besatzungszeit in der Mitte des 18. Jh. das erforderliche Holz durch Abholzung der Waldungen um die Stadt Memel herum beschafft wurde. In der übrigen Zeit jedoch bezogen die Holzhandlungen das Rundholz ausschließlich aus Rußland, Polen und Litauen. Dieses Holz wurde auf dem Wasserweg, dem Memelstrom, geflößt. Ruß war dann der Umschlagplatz für die großen Flöße, die die hier ansässigen Holzspeditionsfirmen über das Haff nach Memel weiterleiteten. Hierbei mußte die Windenburger Ecke umschifft werden, was besonders bei Weststürmen gefahrvoll war und oftmals nicht nur zu großen Verlusten führte, sondern sogar Menschenleben forderte. Nachdem die Speditionsunternehmen im Oktober 1862 durch Herbststürme an der Windenburger Ecke wiederum Verluste von 70 000 Taler hinnehmen mußten, wurde auf Anordnung des Preußischen Königs der bereits aus dem Jahre 1765 vorhandene Plan zum Bau des Kanals von Lankuppen bis nach Drawöhnen 1863 in Angriff genommen. Das letzte Ende dieses Kanals, von Drawöhnen bis zum Holzbassin in Schmelz, wurde durch französische Kriegsgefangene 1871 bis 73 gegraben.
Die Länge des Kanals beträgt 23,870 km. Er hatte 10 Brücken, von denen heute nur noch drei oder vier vorhanden sind. In Lankuppen ist die Schleusenkammer noch vorhanden, die den Pegelstand des Wasserspiegels von Minge und Kanal auszugleichen hatte.
Nach der Fertigstellung des König-Wilhelm-Kanals wurden die Holztransporte durch diesen Kanal gezogen, so daß der gefahrvolle Weg über das Haff und die Umschiffung der Windenburger Ecke nicht mehr notwendig war. Hatten die Flöße den Kanal passiert, so wurden sie im Holzbassin am Ende der Schmelz abgestellt. Hier wurden sie wieder von den Holztransporteuren übernommen, welche die Verteilung der Triften an die einzelnen Empfänger bewerkstelligten.
Die lange Reihe der einst bedeutenden Holzhandels- und Sägewerksfirmen ist aber mit den oben genannten noch lange nicht vollzählig. Nördlich der Dangemündung säumten außer H.W. Plaw, Pitcairn und Mason noch viele weitere Holzlager mit ihren Wassergärten das Haffufer.
Dangeaufwärts zwischen der Börsenbrücke und der Eisenbahnbrücke lagen auf beiden Ufern ebenfalls Sägewerke. Hier nur die wichtigsten Namen wie Ehmer, R. Schack & Co., V. Rosenberg sowie Nafthal & Co. Außerdem existierte noch an der Contre Escarpe (am Festungsgraben) das große Werk von Z.S. Schmidt, wo zwei Sägewerke arbeiteten.
Es soll aber nicht vergessen werden, daß es noch weitere Zweige der Holzindustrie in Memel gab. Aus bedeutend kleineren Anfängen als die noch zu schildernde Zellulosefabrik hatte sich ein
zweites Werk der holzverarbeitenden Industrie Memels zur Weltgeltung hinaufgearbeitet,
die Schälfabrik. So wie das oben erwähnte Memeler Bord längere Zeit auf dem Weltmarkt gefragt war, so wurden Sperrholzplatten aus Memel ebenfalls ein fester Begriff auf dem Weltmarkt.
Mehrere Memeler Kaufleute gründeten 1898 die Aktiengesellschaft für Holzbearbeitung. 1902 wurde der Betrieb an der Dange in Luisenhof mit einer Schneidemühle in Betrieb genommen. 1905 wurde die Produktion von Sperrplatten aufgenommen. Bereits 1914 wurde 36 000fm Holz verarbeitet. Es entstand ein Zweigwerk am Ende von Schmelz. Die Memeler Schälfabrik wurde zum größten Hersteller von Schälplatten in Osteuropa. Der Pressensaal war sogar der größte Europas. Während des ersten Weltkrieges mußte das Werk still gelegt werden und 1919 gingen die Werke Luisenhof und Schmelz in den Besitz der holländischen Fa. Bisdom&Zoon über, die in beiden Werken bis zu 1300 Beschäftigten Arbeit bot.

Vor dem ersten Weltkrieg stellte die bereits erwähnte Fa. I.G. Gerlach Faßdauben für England in einem Werk auf der Norderhuk her.
Entlang der
Haffküste und der Dange dröhnten die Gatter und sangen die Kreissägen. Es roch
überall
nach
Holz und Harz. Es war eine stattliche Anzahl von Holz verarbeitenden Betrieben,
die vielen Menschen Lohn und Brot gaben.
Der Rohstoff Holz war wohl auch der Anlaß zum Bau einer Zellstoffindustrie, die am Eingang zu dem Vorort Schmelz am Haffufer lag und von großer Bedeutung für das Memeler Wirtschaftsleben war. Die Zellulosefabrik Memel AG wurde 1898 in Hannover begründet, im Mai 1899 erfolgte der erste Spatenstich und am 20. Mai 1900 wurden erstmals die Kocher der Fabrik beschickt. Doch man hatte zu groß und zu kostspielig gebaut, die technischen Einrichtungen litten unter Kinderkrankheiten und die Arbeiterschaft war noch nicht genügend geschult. Dazu kam der Brand der chemischen Abteilung im März 1900. Auswege suchend, ging das Werk 1905 durch Fusion in den großen Aschaffenburger Papierkonzern über. Diesem gelang es das Memeler Werk zu einem der bedeutendsten Zellstoffbetriebe des europäischen Festlandes auszubauen. Die Abtrennung des Memellandes machte die formelle Lösung von der Aschaffenburger Muttergesellschaft nötig. Eine Aktiengesellschaft für Zellstoff- und Papierwarenfabrikation in Memel erwarb das Memeler Werk, deren umfangreiche Fabrikanlagen sich auf einer Fläche von 35 ha ausdehnten. Zuletzt fanden hier über 1000 Menschen Arbeit und Lohn. Der Rohstoff für das Werk, das Holz, 200 – 220 000 Raummeter jährlich, wurde durch Flößerei, eigenen Schiffen und der Bahn in die Anlage geschafft. Vor dem ersten Weltkrieg wurden rund 30 000 t Zellulose jährlich produziert. Die Leistung verminderte sich auf etwa 15 – 20 000 t während der Kriegsjahre, um dann wieder auf ca. 30 000 t anzusteigen. Für die Fabrikation wurden ca. 40 000 t Kohle, 8000 t Schwefelkies und 5000 t Kalksteine jährlich benötigt. Diese Einfuhren kamen hauptsächlich mit dem Schiff über See nach Memel. Die Zellulosefabrik stand neben den auf die bloße Verarbeitung von Holz eingestellten gewerblichen Betrieben (der Schälfabrik und den Sägewerken) hinsichtlich der Bedeutung der Industrie für das Memeler Wirtschaftsleben an zweiter Stelle.
Nach dem 1. Weltkrieg entstand der Konflikt zwischen Litauen und Polen wegen des Wilnagebiets und die Holzflößerei auf dem Memelstrom kam darauf fast ganz zum Erliegen. Nur noch litauisches Holz kam stromab. So verlor auch Russ seine Bedeutung als Holzumschlagplatz und in Memel verschwanden einige dieser auf das Holz angewiesenen Werke. Der einstige Wohlstand schwand langsam dahin auch wenn andere Industrien versuchten in die Bresche zu springen.
Wenn bis dahin auch die Holzüberschüsse des Hinterlandes sowie die günstigen Holzbezugsmöglichkeiten zu der geschilderten Säge- und holzverarbeitenden Industrie führten, so entstanden nebenbei immer wieder andere größere und kleiner Industrieunternehmungen, die die Konjunkturschwankungen auszugleichen versuchten.
So ist uns schon aus sehr früher Zeit übermittelt, daß, nachdem die Handwerker sich zu sogenannten Gewerken zusammengeschlossen hatten, die Schuhmacher der Stadt Memel 1568 an der Dange eine Gerberei errichteten. Wahrscheinlich entstand daraus die erste Fabrik Memels, denn 1725 erhielt hier ein Johann Gottschalk das Privileg für eine Leder- und Juchtenfabrik. Leider wurde sie während des siebenjährigen Krieges von den Russen zerstört.
Eine weitere Fabrik war die „Harte-Blau-Asch-Fabrique“, zu der Friedrich Wilhelm Engel 1771 das Privileg erhielt. Diese Fabrik wurde auf der Commandantenwiese eines Außenforts der Festung Memel errichtet. Diese Art Asche wurde damals als Wäschewaschmittel benutzt. Die einstige Commandantenwiese ist heute die Insel im Aschhof. Wir kannten den Aschhof im Winter als Schlittschuhparadies und im Sommer als Bootsliegeplatz. Die litauische Stadtverwaltung hat diese Anlage in den 90er Jahren zu einer besonderen Freizeitanlage gestaltet.
Für den Bedarf der Stadt arbeiteten zwei Dampfmahlmühlen, die bis zum 1. Weltkrieg vor allem grobes Mehl herstellten. Doch während des Krieges und besonders nach der Abtretung des Memelgebiets wurden die Betriebe modernen Anforderungen entsprechend ausgebaut und stellten nun auch feinere Sorten her.
Die Genußmittelindustrie war in Memel auch durch Zigaretten- und Likörfabriken und zwei Brauereien vertreten.
Seiner Stellung als Hafen verdankte Memel, daß es außer den durch den lokalen Bedarf bedingten kleinen Industriezweigen eine Reihe industrieller Unternehmen besaß, die einerseits auf der Möglichkeit des Imports von Rohstoffen zur Weiterverarbeitung für den Konsum des Hinterlandes und der Schiffahrt, anderseits der Zufuhr von Rohstoffen aus diesem Hinterland und der bequemen Gelegenheit des seewärtigen Exports der Fabrikate beruhten.
Trotz dieses Hafens war Memel als Schiffsbauplatz ohne große Bedeutung. Es existierte zwar eine Schiffswerft, die nach dem ersten Weltkrieg bedeutend vergrößert und modern ausgebaut wurde. Das Unternehmen war bis 1918 Eigentum der Schiffszimmerer-Genossenschaft gewesen, war dann aber infolge Unbeweglichkeit seiner Genossen nicht mehr mit der Zeit gegangen. Eine Kommanditgesellschaft erwarb 1918 die kleine Werft für einen billigen Preis. Grundstücke wurden hinzugekauft, alte Anlagen durch neue ersetzt, es entstanden Schlosser,- Schmiede- und verschieden andere Werkstätten sowie eine Gießerei. Dies waren schließlich die Anfänge der Memeler Lindenau-Werft, die heute in Kiel-Friedrichsort zu einem international bekannten Unternehmen geworden ist.
Konsumorientiert, nämlich dem Bedarf der Landwirtschaft entsprechend, existierte in Memel eine Fabrik für künstliche Düngemittel. Diese unter „Union, Fabrik chemischer Produkte“ firmierend, war auf dem Nordufer der Dange an der Eisenbahnbrücke angesiedelt. Es war ein Zweigwerk des dem Hauptwerkes in Stettin-Stolzenhagen. Es gehörte in seinen besten Zeiten, z.B. bis zum Sommer 1914, mit durchschnittlich 300 Beschäftigten mit zu den größten industriellen Unternehmungen Memels. Im ersten Weltkrieg stellte das Werk seine Produktion ein, weil durch die Feindblockade keine Rohstoffe mehr nach Memel gelangten. Bis dahin wurden jährlich rund 35 000 t Rohphosphat, 4500 t Schlacke, etwa 3500 t Kohle und ca. 3000 t schwefelsaures Ammoniak für die Herstellung der Fabrikate gebraucht. Diese Rohstoffe stellten einen bedeutenden Teil der Memeler Einfuhr dar.
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Unions-Fabrik an der Dange |
Nach der Abtrennung des Memellandes zögerte das Hauptwerk in Stettin wegen der unsicheren Verhältnisse lange Jahre bis im April 1928 die Produktion wieder aufgenommen wurde. Doch 10 Jahre später bereits wurde das Werk infolge einer Brandkatastrophe erneut lahmgelegt. Die Erneuerung und Modernisierung kam bis zum zweiten Weltkrieg jedoch nicht über die Fundamente hinaus.
Die Abtrennung des Memelgebiets vom Mutterland Deutschland nach dem ersten Weltkrieg und die damit auftretenden Einfuhrschwierigkeiten durch hohe Zölle ließen verschiedene kleinere Fabrikationsbetriebe für den örtlichen Bedarf entstehen. So entwickelte sich im Gebiet am Janischker Mühlenteich und auf dem rechten Dangeufer eine aufblühende Textilindustrie. Auf dem rechten Dangeufer war es die Memelländische Wollspinnerei und Tuchfabrik Otto Scheffler & Co, die in Tag- und Nachtschichten täglich bis zu 500 m Tuche herstellte. Der Bedarf war groß, denn durch die erwähnten hohen Zölle wurden so gut wie keine deutschen oder englischen Tuche eingeführt. Auf der gegenüberliegenden Flußseite am Janischker Mühlenteich entstand eine Textilfabrik mit einer Baumwollspinnerei- und Weberei. Hier waren tschechische und sudetendeutsche Fachkräfte tätig.
Gegenüber der Textilfabrik auf dem Gelände des ehemaligen Sägewerks Jaschwitz am Dangeufer wurde eine Streichholzfabrik errichtet. Sie nannte sich Memeler Holzdrahtfabrik (mit Holzdraht bezeichnet man die ungetauchten Zündhölzer).
Auch eine Kistenfabrik entstand auf dem Gebiet der Unionfabrik.
Die Betätigungsmöglichkeit einer ebenfalls gegründeten Waggonfabrik wurde bereits Mitte der zwanziger Jahre stark eingeschränkt.
Als weitere kleinere Industriebetriebe, die ebenfalls zwangsläufig entstanden, sind noch folgende zu erwähnen: eine Hufeisenfabrik von Preukschat in der Ferdinandstraße, eine Gießerei von Gamsa in der Steintorstraße, eine Nagel- und Kleineisenfabrik von Liedtke am Dreiblatt, sieben Schokoladen- und Bonbonfabriken (die bekanntesten waren Lascha und Maigrat), Seifenfabriken (Kaestner und Mesefa), eine Fabrik für elektrische Elemente von Eduard Skwar, die Margarine- und Kerzenfabrik Dania.
H. A. Kurschat : Das Buch vom Memellend
Dr. Louis Jahn : Memel als Hafen und Handelsstadt
Memeler Dampfboot
Zusammengestellt v. Viktor Kittel