Die geschichtliche Entwicklung des Memellandes

von Viktor Kittel

Ehrlich gestanden: die Stadt Memel und das Memelland waren schon seit altersher immer ein bißchen Aschenbrödel in der deutschen Familie.
Während andere Städte in Samt und Seide gingen, hatte Memel, abgesehen von kurzen Zeitabschnitten, immer mit Unglück und schwerer wirtschaftlicher oder politischer Not zu kämpfen.
Daß die Stadt Memel nicht an der Memel liegt, daß der Memelstrom, der im Deutschlandlied besungen wird, 100 km weiter südlich der Stadt fließt, wußte und weiß auch heute so mancher Gebildete nicht.
Es mag wohl daran liegen, daß das Memelland kein geschichtlicher Begriff ist. Bis zum Ende des ersten Weltkrieges fand das Wort Memelland für den nördlichsten Teil Ostpreußens keine Anwendung. Es hatte höchstens eine geographische Bedeutung.
Das Gebiet, von dem wir als das Memelland oder auch Memelgebiet sprechen, umfasste die früheren preußischen und zum Teil zeitweise zum Regierungsbezirk Gumbinnen gehörenden Kreise Memel und Heydekrug sowie die am nördlichen Ufer des Memelstromes gelegenen Teile der Kreise Tilsit und Ragnit.
Nach Beendigung der Befreiungskriege wurde auf dem Wiener Kongress 1815 eine neue Verwaltungseinteilung vorgenommen. Diese hatte zur Folge, dass im Jahre 1816 das bis dahin geschlossen von Gumbinnen aus regierte memelländische Gebiet die nördlichen Kirchspiele, die zum Kreis Memel zusammengefasst wurden, an den Regierungsbezirk Königsberg abgeben musste. Der Rest blieb bei Gumbinnen. Grund für diese merkwürdige Aufteilung war das Bestreben, die Regierungsbezirke nach ihrer Küstennähe aufzuteilen, um eine einheitliche Verwaltung der Seeverkehrswege zu haben.
Während der Abtrennungszeit von 1919 bis 1939 entstand ein neuer Kreis Pogegen aber die Zugehörigkeit zu einem preußischen Regierungsbezirk entfiel folgerichtig.
Nach der Rückgabe des Memelgebiets wurde dieser Kreis Pogegen, der aus der Not der Abtrennung geschaffen worden war, wieder aufgelöst und alle Kreise wurden jetzt dem Regierungsbezirk Gumbinnen unterstellt."
Wurde demnach beispielsweise ein Student aus unserer Heimat, der vor dem ersten Weltkrieg in Leipzig oder München studierte, gefragt, woher er stamme, so konnte er nicht anders antworten als:
Ich bin Ostpreuße und stamme aus dem Kreis Memel, Heydekrug, Tilsit oder Ragnit.
Den Begriff des Memellandes kannte er nicht, höchstens den Begriff Memelgebiet und damit konnte man das Gebiet beiderseits des Memelstromes bezeichnen.
Das Memelland ist oder vielmehr war 2708 qkm groß und hatte damit ungefähr die Größe von Luxemburg. Im Jahre 1939 lebten dort gut 152 800 Einwohner. Davon alleine 39 000 in der Stadt Memel, der ältesten Stadt Ostpreußens!
Wenn wir die Vergangenheit dieses Gebietes kennen lernen wollen, müssen wir weit zurückgreifen.
Wenn wir in dem Gebiet, nach den uns bekannten historischen Ursprüngen der dortigen Bevölkerung fragen, wissen wir eindeutig, das im nördlichen Teil von Livland herunter bis zum heutigen Heydekrug bzw. Silute kurische Stämme siedelten. Südlich von ihnen waren prussische Stämme heimisch und zwar die Schalauer, die Samen und die Nadrauer.
Östlich dieser an der Küste entlang lebenden aufgezählten Volksstämme, waren litauische Stämme, die Schamaiten und Aukstaiten seßhaft. Heute behaupten viele Litauer, daß auch sie zu den prussischen Stämmen gehören.
Am 29 Juli 1252, also vor 750 Jahren, regelten der Statthalter und spätere Heermeister des Livländischen Schwertbrüderordens in Livland, Eberhard von Sayn (bei Koblenz) und der von dem Orden abhängige Bischof Heinrich von Kurland (ein Graf von Lützelburg, das heutige Luxemburg) die Gründung der Burg Memel und legten die Besitzverhältnisse fest. Zwei Jahre nach der Burg sollte, gemäß dem Gründungsdokument, die Stadt mit einer Domkirche für den Bischof von Kurland, einem Bischofshof und einem Hof für das Domkapitel gebaut werden. Man wollte zum einen die Haffeinfahrt oder wie man damals annahm die Mündung des Mümmelstromes sichern und zum anderen die noch auf der Nehrung lebenden Kuren nach der Art "Christ oder Tod" missionieren. Schon zu Beginn des 13. Jh. hatte dieser Schwertbrüderorden, über die Ostsee von Gotland kommend, mit der Eroberung von Livland begonnen. Erst drei Jahrzehnte später, als dieser Orden bereits weite Ländereien im Baltikum beherrschte, trat der sogenannte Deutsche Orden hier in Erscheinung. Einer der polnischen Teilfürsten (ein geeintes Polen existierte noch nicht), der Herzog, Konrad von Masowien, rief den Deutschen Orden zur Hilfe im Kampf gegen die noch heidnischen Prussen. Diese Nochheiden sollten durch das Schwert zum Christentum bekehrt werden, wie ich es schon eben beschrieb. Der Orden war, nach den Befreiungskämpfen der christlichen Stätten in Palästina, arbeitslos.
Und so marschierten sie also los, um im Auftrag des polnischen Herzogs die prussischen Stämme zu bekehren. Übrigens hatten der Kaiser des Hl.Römischen Reiches deutscher Nation und der Papst ihr Einverständnis dazu gegeben. Dieser Deutsche Orden begann die Eroberung aus dem Kulmer Land heraus, dem späteren Westpreußen, und unterwarf bis zum Jahre 1283 das gesamte dünn besiedelte Prussenland bis hinauf zum Memelstrom.
Durch die Ansiedlung deutscher Bauern und Handwerker in ihrem Gefolge wurde das Land eingedeutscht und es erfolgten viele uns bekannte Städtegründungen. Zu Beginn dieser Unternehmungen war ein abgestimmtes Vorgehen der beiden Orden nicht geplant. Doch ist es verständlich, daß sie schließlich doch eine Verbindung zwischen den beiden Orden von Kurland und vom Prussenland her anstrebten. Einmal, um einen Nachschubweg auf dem Landweg nach Norden frei zu bekommen und zum anderen wollte man den Waffenschmuggel der skandinavischen Länder zu den litauischen Stämmen abriegeln.
Aufgrund der eingangs erwähnten Gründungsurkunde des Jahres 1252 entstand also an der südlichsten Grenze des Schwertbrüderordens, schon in der sogen. Wildnis, eine erste hölzerne Burg. Diese Burg stand am Haffufer auf einer Insel im Mündungsdelta des Dangeflusses, der heute noch durch Memel fließt. Man kannte den Memelstrom, der im damaligen Sprachgebrauch Mümmel oder auch Mummele genannt wurde und glaubte der Ausfluß des Haffes sei die Flußmündung dieses Flusses und nannte deshalb die Burg und entstehende Siedlung Mümmelburgk, Mummelburgk dann Memeleburg usw. Doch bereits ein Jahr später, im Jahre 1253, baute man eine Burg aus Stein und setzte sie etwas weiter landeinwärts. Zum einen war der erste Untergrund morastig und schlecht und zum anderen griffen die Litauer, zum Wasser drängend, diese hölzerne Burg immer wieder an und zerstörten sie, auch noch in der Folgezeit sehr oft, solange Burg und Siedlung noch nicht stark genug waren. Die aus der Siedlung schnell entstehende Stadt bekam als Memel im Jahre 1257 lübisches Stadtrecht. In späteren Jahren übernahm man kölmisches Stadtrecht. Im folgenden Jahrhundert, nämlich 1328, trat der livländische Schwertbrüderorden Stadt und Land Memel an den Deutschen Orden ab, da ihm die Stadt und die Ländereien zu weit ab lagen. Nun erfolgte auch hier, in dem bisher zwischen den Orden gelegenen Land, der Wildnis, eine Siedlungstätigkeit. Da aber nur wenige Siedler aus deutschen Landen in das weit entlegene Gebiet kamen, wurden anfangs Kuren aus Livland angesiedelt. Die Nachkommen von ihnen lebten noch bis 1945 auf der Kurischen Nehrung. Im 13. und 14.Jh. sickerten auch schon Litauer in das Ordensland ein. Es handelte sich um getaufte Litauer, die aus dem noch heidnischen Litauen als Flüchtlinge kamen und gerne aufgenommen wurden. Übrigens rühmte sich Litauen im Mittelalter, am längsten der Christianisierung widerstanden zu haben. Sie erfolgte erst ab 1386, als Litauen und Polen sich vereinigten.
Nach dieser Vereinigung der Polen und Litauer verlor der Deutsche Orden am 15. Juli 1410 gegen die vereinigten Heere die Schlacht bei Tannenberg (Zaigiris auf litauisch oder Grunwald auf polnisch. Im ersten Thorner Frieden von 1411 wurde der Orden gezwungen, das von ihm besetzte schamaitische Land wieder abzutreten. Aber Memel war dabei kein Verhandlungsthema. Weitere kriegerische Handlungen mit den vereinigten Litauern und Polen endeten schließlich im Jahre 1422 mit dem Frieden von Melnosee.
Dieser Frieden wurde nun ausschließlich von den Siegern diktiert. Mit diesem Diktat des Friedensvertrages von Melnosee wurde die östliche und nördliche Grenze Preußens festgelegt und das Gebiet, das wir heute als das Memelland kennen, gehörte damit 500 Jahre lang unbestritten zu Preußen und somit zum Deutschen Reich.
Nach der Reformation, die sehr bald auf ganz Preußen übergriff, war die so gezogene Grenzlinie gleichzeitig die Scheidelinie zwischen dem Protestantismus und dem Katholizismus. Bis 1945 kannte jeder Einwohner des Memellandes folgenden Ausspruch: „Protestant = Deutscher, Katholik = Litauer".
Das gesamte litauische Volk wurde gleichzeitig mit Preußen von der Reformation erfaßt.
Doch von Polen ausgehend begann eine harte Zeit der Gegenreformation, die von Jesuiten ausgeführt wurde. Als Folge davon strömten weitere Litauer, diesmal als Glaubensflüchtlinge, die nicht wieder katholisch werden wollten, in das tolerante Preußen. Seit der Zeit ist Großlitauen bis auf den heutigen Tag streng katholisch.
Zum Verständnis der Geschichte sollte man in diesem Zusammenhang aber Folgendes nicht vergessen, es gehört als Hintergrund einfach dazu: der Deutsche Orden war ja, wie erwähnt, von einem polnischen Herzog zur Hilfe im Kampf gegen die Heiden gerufen worden, er war also im Dienste des Polen. Nachdem der Orden nun das gesamte Prussenland besetzt hatte, kam dieser, nunmehr Ordensstaat, seit dem 2.Thorner Frieden von 1466 unter die Lehenabhängigkeit der polnischen Königskrone. Der letzte Hochmeister des Ordens, Albrecht von Brandenburg, wandelte diesen Ordensstaat 1521 in ein weltliches Herzogtum um, in dem sich Kurfürst Friedrich der III. 1701 zum König Friedrich l. in Preußen krönte. Auch dieses nun königliche Preußen stand weiterhin unter polnischer Lehenshoheit und gehörte nicht zum Hl. Römischen Reich Deutscher Nation!
Erst 1722 durch die 1. polnische Teilung in der Zeit der Regentschaft von Friedrich II. konnte die Lehenshoheit gegenüber Polen abgeschüttelt werden und Friedrich II. gewann dabei für Preußen auch gleichzeitig Westpreußen und das Ermland hinzu. Fortan nannte der Herrscher sich jetzt König von Preußen!
Bei der Betrachtung dieser historischen Vergangenheit sollte folgende Tatsache nicht vergessen werden:
wir sollten uns hüten, die Ereignisse von damals, vor mehr als fünf Jahrhunderten, im Sinne der nationalen oder gar nationalistischen Vorstellungen unseres zwanzigsten oder nunmehr einundzwanzigsten Jahrhunderts zu verstehen. Die Völker und Mächte damals empfanden sich offenbar noch in erstaunlichem Maße allesamt als Kinder der einen Mutter Europa (die wir heute erst wieder suchen); dies gilt im Hinblick auf das, was ich ihnen vortrage auch für Polen oder Litauen, die in den nach Osten und Westen hin fließenden Bestand des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation einzurechnen waren. Polen und Litauen blickten nach Westen, nicht nach Osten, hatten das Christentum in römischer, nicht in byzantinischer (orthodoxer) Form angenommen. Nationalistische Vorurteile konnte es in einem solchen ewig wogenden und sich wandelnden Verband von staatlichen Einheiten und Abhängigkeiten der verschiedensten Art nicht geben. Das große vereinigte litauisch/polnische Königreich umfaßte in seinen weitgestreckten Grenzen (von der Ostsee bis zum Dnjestr und Dnjepr) viele verschiedene Völkerschaften und Sprachen. Das deutsche war dort nirgendwo fremd. Im Gegenteil: vor und nach dem Thorner Frieden von 1466 waren deutsche Siedler, Handwerker, Kaufleute und Künstler in diesem großen Reich willkommen und arbeiteten zum Vorteil beider Seiten zusammen.

Doch zurück zum Thema:

Nach Beendigung der Ordenskriege begann im Memelland, wie im ganzen Land Preußen, eine neue Siedlungsperiode. Neben Deutschen aus den verschiedensten Gauen wanderten nunmehr vermehrt auch Litauer ein. Sie kamen, wie schon erwähnt, aus Glaubens- und Wirtschansgründen. Sie ließen sich vorwiegend auf dem Land nieder und behielten ihre litauische Muttersprache. Dieses wurde durch die jeweiligen preußischen Herrscher sogar gefördert. Doch durch die Vermischung mit deutschen Siedlern entstand eine Mischsprache, bei uns im Memelland das Memelländisch-Litauische, das sich wesentlich vom Hochlitauischen im katholischen Litauen unterschied.
Im 17. und 18. Jh. wurden die Bewohner dieses Landstriches durch feindliche kriegerische Überfälle und Besetzungen und in deren Gefolge durch Mord, Plünderung, Brandschatzung und schließlich durch Pest und Cholera sehr stark vermindert. Ganze Ortschaften waren entvölkert. Das Preußische Königreich ersetzte die menschlichen Verluste durch Neuansiedler. Es waren allesamt Glaubensflüchtlinge und sie kamen aus allen Teilen Europas. Aus Böhmen/Mähren, der Schweiz. Frankreich, England, Schottland und letztendlich auch aus Polen und Litauen. Ich bin der Auffassung, daß wir, die Ostpreußen, in der Mehrzahl der multikulturellen Gesellschaft jener Zeit entstammen.
In den dann folgenden Jahren bis 1919 konnte sich in Ostpreußen und somit auch im Memelland, ein blühendes Leben entwickeln.
Nach dem verlorenen 1.Weltkrieg wurde das ostpreußische Gebiet nördlich der Memel gelegen durch das Diktat von Versailles genauso wie verschiedene andere Grenzgebiete vom Deutschen Reich abgetrennt. Man wußte anfangs aber nicht wohin mit diesem nördlichsten Zipfel deutschen Landes. Polen und Litauen, beides Länder, die durch das Ende des 1.Weltkrieges erst wieder, mit Hilfe des noch im Kampf stehenden Deutschen Reiches aus der russischen Herrschaft befreit, neu entstanden waren, erhoben Anspruch auf dieses Gebiet. Aber durch deren Streit darum, zögerte die Botschafterkonferenz eine Entscheidung hinaus. Man sandte erst einmalein Bataillon französischer Alpenjäger als Besatzung in das Memelgebiet. Übrigens war es ein Graf Lambsdorf, der das Memelland im Namen des Deutschen Reiches an die Franzosen übergab. Als im Laufe der folgenden Jahre bei dem ewigen Hin und Her das neu entstandene Litauen befürchten mußte, daß aus dem abgetrennten Gebiet ein Freistaat ähnlich wie Danzig werden sollte, entschloß sich die litauische Regierung zu handeln.
Am 10. Januar 1923 überschritt litauisches Militär, allerdings in Zivil als Freischärler getarnt, die Grenze zum Memelland. Man behauptete dann, und auch heute hängen noch viele Litauer dieser Darstellung an. es würde sich um einen Aufstand der memelländischen Bevölkerung handeln, um das französische Joch abzuschütteln. Die Franzosen leisteten nur schwachen Widerstand. Es fielen 2 Franzosen und 12 Litauer. Am 15.Januar rückten die Litauer in die Stadt Memel ein. Die Franzosen hatten sich ergeben und durften Memel über See verlassen.
Da sich zum gleichen Zeitpunkt in Europa politisch vieles ereignete, fanden sich die Alliierten nach anfänglichen Protesten mit diesem Gewaltakt ab.
Eine Sonderkommission wurde beauftragt, der Botschafterkonferenz in Paris einen Bericht über die Vorgänge im Memelland vorzulegen. Aufgrund deren Bericht verabschiedete der Völkerbund eine Memelkonvention, die das Memelstatut enthielt. Darin wurden der Bevölkerung des abgetrennten Gebiets bestimmte Autonomierechte, und zwar für die Verwaltung, die Justiz, das Schulwesen, die Polizeigewalt, die Wirtschaft, die Kultur und Verkehr zuerkannt. Bahn, Post, Zoll und der Hafen fielen in den Zuständigkeitsbereich Litauens.
Mit diesem Statut wurde erstmalig der Begriff Memelland und Memelländer festgelegt. Die Bewohner, die Memelländer, erhielten einen litauischen Paß mit dem Zusatzvermerk Bürger des Memelgebiets.
Die Siegermächte hatten die Einhaltung dieses Statuts garantiert, konnten aber in der Folgezeit die Einhaltung der Bestimmungen des Memelstatuts aber nie verwirklichen. Denn Litauen versuchte von Anfang an diese Konvention zu unterlaufen, indem sie fortlaufend versuchten, nicht nur alle garantierten Rechte zu unterlaufen, sondern auch die Bevölkerung selbst zu litauisieren. Dadurch nahmen die politischen Spannungen im Gebiet zu und führten schließlich zu einem anhaltenden Volkstumskampf. Obwohl auf dem Lande der größere Prozentsatz der Bevölkerung Litauisch als seine Muttersprache angab, stand auch diese Landbevölkerung zum überwiegenden Teil im Volkstumskampf auf der deutschen Seite.
Im Jahre 1926 wurde aufgrund einer Regierungsumbildung über ganz Litauen der Kriegs- und Belagerungszustand verhängt. Während er für Großlitauen nach kurzer Zeit aufgehoben wurde, blieb er für das Memelgebiet 12 Jahre lang weiter bestehen.
Von einer autonomen Landespolitik, wie es das Statut vorsah, konnte in diesen Jahren nicht die Rede sein, da die litauischen staatlichen Organe immer wieder in den normalen Ablauf eingriffen, indem sie nach jeder Wahl das gewählte Landesdirektorium absetzten, einzelne Mitglieder sogar verhafteten oder auch auswiesen und den gewählten Landtag auflösten.
So konnte es geschehen, daß in den Jahren von 1923 bis 1938, also in 15 Jahren, 16 mal ein neuer Landtag gewählt werden mußte!
Zu jeder Neuwahl erfanden sie neue schikanöse Wahlregeln, die für den Wähler die Wahl immer komplizierter und undurchschaubarer machten. Im Jahre 1935 verhaftete die litauische Geheimpolizei, die es widerrechtlich im Memelgebiet gab, 126 führende Mitglieder der memelländischen Parteien. Gegen sie begann am 14. Dezember 1935 vor dem Obersten Litauischen Kriegsgericht in Kaunas ein Prozeß wegen Aufstandsversuch. Es handelte sich um einen fingierten Schauprozeß, der mit 4 Todesurteilen, die später in lebenslange Zuchthausstrafe umgewandelt wurden, einer Reihe von Zuchthausstrafen zwischen 12 und 1 1/2 Jahre sowie 37 Freisprüchen endete.
1938 bemühte sich Litauen um eine Verbesserung des Verhältnisses zum Deutschen Reich. Denn sein Konflikt mit Polen verschärfte sich gefährlich.
Litauen brauchte Hilfe. Der Außenminister v. Ribbentrop mahnte als Gegenleistung die politische Freiheit für die deutschen Bevölkerung des Memellandes an.
Daraufhin erfolgte am 01.November 1938 die Aufhebung des über das Memelland verhängten Kriegsrechts.
Sofort danach, am 11. Dezember 1938 wurde erneut eine Wahl zum memelländischen Landtag durchgeführt. Diese Wahl erbrachte bei einer Wahlbeteiligung von 97 % eindeutig wieder den Willen der Bevölkerung zum Ausdruck, sich dem Deutschen Reich anzuschließen. 87,2 % hatte die jetzt deutsche Einheitsliste gewählt. Als dann zu Beginn des Jahres 1939 der Druck Polens auf Litauen (sie zogen ihr Militär zur Grenze Litauens zusammen) immer größer wurde, reiste der damalige litauische Außenminister erneut von einer europäischen Hauptstadt zur anderen und bat um Hilfe gegen Polen. Aber nur in Berlin, wohin er zuletzt hinfuhr, fand er Gehör. Es empfing ihn allerdings nur noch der Staatssekretär Herr von Weizsäcker, der ihm im Namen des Reiches zwei Möglichkeiten zu verstehen gab:
1.   Die friedliche Regelung einer Rückgabe des Gebietes an das deutsche Reich würde ein freundschaftliches und unterstützendes Verhältnis zwischen den beiden Ländern zur Folge haben.
Oder
2.  Sollte Litauen aber nicht zu diesem Weg bereit sein, würde Deutschland seine Truppen einmarschieren lassen, um für die Sicherheit der Deutschen Bevölkerung Sorge tragen zu können. Litauen lenkte ein und es begannen die Verhandlungen um den Abschluß des deutsch - litauischen Staatsvertrages über die Rückgabe des Memellandes. Er wurde um 1 Uhr am Morgen des 23. März 1939 unterzeichnet. In dem Vertrag heißt es, daß das Deutsche Reich und Litauen übereingekommen sind, durch einen Staatsvertrag die Wiedervereinigung des Memelgebietes mit dem Deutschen Reich zu regeln.
Als Gegenleistung erhielt Litauen für 99 Jahre Freihandelsrechte im Memeler Hafen.
Leider war dies nicht von langer Dauer denn aufgrund des deutsch - sowjetischen Geheimabkommens vom 28. September 1939 wurde auch Litauen der sowjetischen Einflußsphäre zugewiesen.
Wie bekannt, besetzte die Sowjetunion Litauen im Juni 1940 militärisch und verleibte sich das Land als Litauische Sowjetrepublik ein.
Während des deutschen Rußlandfeldzuges war Litauen dann von 1941 bis 1944 von deutschen Truppen besetzt. Doch als sich im Sommer 1944 die sowjetische Front nach Litauen hineinschob, war das auch für das gesamte Memelgebiet entscheidend. Nach der Besetzung ganz Litauens wurde auch die Stadt Memel und das umliegende Gebiet am 28. Januar 1945 von den sowjetischen Truppen eingenommen.
Über 90 % der deutschen Bevölkerung flüchtete nach Westen. Russen und Litauer siedelten sich im Memelgebiet an, das kraft Gesetz am 07. April 1948 ebenfalls in das sowjetische Staatsgebiet eingegliedert wurde.

Memel hieß jetzt Klaipeda und wurde Hauptstadt der gleichnamigen Provinz.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion konnte Litauen am 11.März 1990 seine Unabhängigkeit verkünden.

Heute ist Memel bzw. Klaipeda Hauptstadt eines der zehn neuen litauischen Großkreise gleichen Namens. Dieser Großkreis Klaipeda erstreckt sich von der lettischen Grenze bis zum Memelstrom und reicht außerdem weit in das frühere Großlitauen hinein. Er umfaßt eine Fläche von 5740 qkm (wir erinnern uns, das Memelland hatte eine Größe von nur 2708 qkm). Von den jetzt in dem neuen Großkreis lebenden rund

415 000 Einwohnern leben alleine knapp 200 000 in der Stadt Klaipeda/Memel.

Schlüsseln wir die Gesamteinwohnerzahl dieser 415 000 nach ihrer Nationalität auf, so sind ca. 81 % Litauer, 14 % noch Russen, 1,3 % Weißrussen, 0,3 % Polen und eine kleine Minderheit Deutsche.

Diese Geschichte eines Landstriches, der 500 Jahre lang unfraglich deutsch war, wurde während der sowjetischen Ära verleugnet. Als wir in den Jahren 1988 bis 1990 die ersten Male wieder in die Heimat kamen, mußten wir feststellen, daß für die hier jetzt lebende neue Generation die Geschichte erst 1945 begann. Im Höchstfall gab es das Wissen von jahrhundertlanger deutscher Besetzung. Hier mußte nachgeholt werden. Nicht von uns. Zwar wurde ich selbst zu zwei Seminaren als Referent geladen, bei denen ich versuchte die wahre Geschichte aus unserer Sicht litauischen Lehrerinnen und Lehrern, die Germanistik studiert hatten, nahe zu bringen. Nachdem in unsrer Heimatstadt aber eine Universität gegründet wurde, ist dort in der historischen Fakultät in Zusammenarbeit mit dem Institut Norddeutsches Kulturwerk in Lüneburg ein Forschungszentrum für die Geschichte Westlitauens und Preußens geschaffen worden, mit dessen erstem Leiter wir engen Kontakt pflegten. Der Grund für die Bildung eines solchen Zentrums war nach Ihren eigenen Aussagen folgende Erkenntnis, die ich ihnen hier in Auszügen vorstelle:

„lange Zeit (gemeint ist die Zeit von 1919 bis zum Ende der Sowjetzeit) galt das Memelland für die Litauer als litauische Erde, von alters her, deren Bewohner stets von der Vereinigung mit Großlitauen träumten ......

"Die in Jahrhunderten entstandenen Bande und Beziehungen sowie die Tradition des friedlichen Zusammenlebens wurden während der ersten Hälfte des 20. Jh. zerstört. Nach dem Vertrag von Versailles, durch den das Memelland vom Deutschen Reich abgetrennt worden war, schloß Litauen 1923 diese Region an sein Territorium an. Die aus Großlitauen entsandten Beamten verstanden die durch gemeinsamen gewachsene Tradition des Zusammenlebens von Litauern und Memelländem nicht und wollten sie oft auch gar nicht verstehen. Sie nannten die hier lebenden Litauer, die sich bei allen Wahlen immer wieder für die deutschen Parteien entschieden, Kleinlitauer. Und da diese ebenso wie die rein deutsche Bevölkerung gegen die unbedachten Handlungen der litauischen Regierung protestierten, wurden sie in der Propaganda als Verräter und Deutschtümler beschimpft. Verständnis dafür, daß die Kleinlitauer eine eigene ethnische Gruppe, schon alleine des Glaubens wegen, gewesen waren, kam in der litauischen Bevölkerung erst in den Jahren 1988 und 1989 auf. ...........Es wurde uns immmer noch die Erklärung der litauischen Universität in Klaipeda bald klar, daß wir über die deutsch-litauischen Beziehungen, die Geschichte des Memellandes und Ostpreußen nicht im luftleeren Raum forschen können ........ sondern uns nur an den öffentlichen Defiziten in Litauen und Deutschland orientieren müssen. ....... und uns war klar, daß wir nur durch die Bewältigung der Geschichte einen Weg in die gemeinsame Zukunft finden können."

Soweit diese beachtlichen Zitate der litauischen Wissenschaftler, die sich seit 12 Jahren bemühen, dem litauischen Volk die Wahrheit ans Herz zu legen. Wie konnte es zu diesen Defiziten kommen, was geschah, nachdem das Memelland von den sowjetischen Truppen eingenommen war?

Da die litauischen Historiker nach und nach die Unterlagen, Dokumente und Aktennotizen durchforsten und auch uns die Einsicht ermöglichen, kann ich ihnen heute darüber berichten.
Memel war eine der bestevakuiertesten Städte. In der Stadt selbst meldeten sich lediglich 28 Einwohner der sowj. Kommandantur. Und im Oktober des gleichen Jahres wurden von den 152.800 Einwohnern des Memellandes nur noch 2.800 alteingesessenen Memelländer gezählt. Danach kehrten noch im gleichen Herbst eine nicht sehr große Anzahl, nach Zählung Litauens, 7 - 8000, in ihre verlassenen Anwesen zurück. Diese fanden sie aber bereits besetzt vor. Es hatten sich schon Ankömmlinge aus fernen Gebieten der Sowjet-Union und aus Großlitauen niedergelassen. Die Rückkehrer standen oft mittellos vor den Türen ihrer Häuser. Nicht selten ließen die Neusiedler diese Menschen nicht einmal eine Nacht hier übernachten, ja - oft verweigerten sie ihnen sogar vom eigenen Brunnen zu trinken. Es gab aber auch die Fälle, wo sie sich in den Anwesen niederlassen konnten und von den neuen Hausherren als Untermieter aufgenommen wurden. Andere wiederum gingen bis nach Großlitauen. Nach und nach wurden sie alle, ohne daß sie es anfänglich merkten, zweitklassige oder drittklassige Menschen. Neben dem Schmerz, der Erniedrigung und der Vernichtung vieler Kirchen und Friedhöfe begannen nach einigen Jahren die Verschleppungen nach Sibirien. In die Vernichtungslager von Kasachstan wurden über 3000 Memelländer verbracht.

Als dann Adenauer im April 1958 den Freundschafts- und Handelsvertrag unterzeichnete, konnten die Memelländer, die ihre Nationalität bewahrt hatten, nach Deutschland ausreisen. In der Zeit von 1958 bis 1960 siedelten 8232 Personen nach Deutschland über.
Und trotzdem haben wir heute noch 6 - 8000 Deutschstämmige in dem Gebiet des Memellandes vorgefunden.
Durch die rapide Abnahme der Bevölkerung standen viele Gebäude und Höfe leer. So wurden auf einen Beschluß der Sowjet-Union 9,6 Tausend Familien in das Memelland umgesiedelt.Auch diese Menschen waren Opfer der sowj.Politik, weil sie aus ihren Häusern in ihrer angestammten Heimat herausgerissen und in ein ihnen unbekanntes Land verbracht wurden. Auf diese Weise kamen

Dem physischen Völkermord folgte der raffinierte, geistige und kulturelle Völkermord.
Indem die Sowjets immer wieder an das durch Hitlerdeutschland den Litauern angeblich zugefügte Leid erinnerten, dachten die litauischen Menschen schließlich nicht mehr, an das ihnen von dem zaristischen Rußland und den Sowjets zugefügte Unrecht. So wurde absichtlich das Schicksal der Litauer ausgenutzt, sie faktisch zu Verbündete des Kommunismus gegen alles Deutsche und dem lange währenden Widerstreit zwischen Deutschland und Rußland zu machen. Diese wurde mit so großer Intensität durchgerührt, daß trotz aller Bemühungen auch heute noch Litauer vorhanden sind, die uns als Faschisten beschimpfen und uns unterstellen, das Land zu Regermanisieren oder gar wieder in unseren Besitz zu bekommen.

Nach dem Zerfall der Sowjet-Union konnte Litauen am 11. März 1990 seine Unabhängigkeit verkünden. Die darauffolgenden zwölf Jahre bis zur Gegenwart waren eine unheimlich schnelle Verwandlung der Wirtschaft und der Menschen. Wir haben ähnliches auch bei uns in Mitteldeutschland erleben können. In unserer Heimat war der Beginn aber wesentlich schwieriger und noch schlimmer als in Mitteldeutschland.

Dort hatte nach 1945 eine neue historische Zeitrechnung von Memel/Klaipeda begonnen. Die deutsche politische und kulturelle Tradition der Stadt und des Landes ging im Feuerbrand zugrunde. Zum ersten Mal in der Staatsgeschichte hatte Litauen die beiden Städte ihrer Sehnsucht und zwar seine Hauptstadt Wilnius und die Hafenstadt Memel/Klaipeda in seinem Besitz. Diese Tatsache hat die kommunistische Propaganda Litauens (nicht die der Sowjets) ständig hervorgehoben und der Roten Armee immer wieder den tiefsten Dank dafür ausgesprochen, daß nur der heldenhafte Kampf der Sowjetarmee das von dem seinerzeitigen Präsidenten Smetona an Hitler verkaufte Memelland Litauen zurückgegeben hat. Auch hier wieder das Schüren von Haß gegen alles Deutsche!

In der Nachkriegszeit war Memel einem Dorf ähnlich, obwohl hier im Jahre 1946 bereits wieder 30.000 Einwohner lebten. Die leer stehenden Häuser und Wohnungen wurden verteilt aber es mangelte an Lebensmitteln und Heizmaterialien.

In der Stadt wurden nicht nur Hühner und Kaninchen gezüchtet, sondern auch Schweine und Kühe. Morgens wurde das Vieh durch die Stadt zu irgendwelchen Weiden getrieben und am Abend wieder zurück.

Bis zum Ende 1947 bestand in der SU das Kartensystem. Danach erhielt jeder Werktätige 600 Gramm Brot pro Woche, Nichterwerbstätige erhielten nur 250 Gramm und Kinder 300 Gramm.

Nach der Kartenzahl, die verteilt wurden, kann man fast genau die Einwohner von September 1947 feststellen - es wurden nämlich 29022 Lebensmittelkarten ausgegeben. Klaipeda unterschied sich von den anderen Städten Sowjetlitauens dadurch, daß es hier keine Kulturschicht, keine intellektuelle Elite gab. Die Deutsche Elite war geflüchtet, ermordet oder verschleppt. Die litauische Elite war wegen des Partisanenkrieges (der sich bis 1952 hinzog) und der Massendeportationen in die Weiten Sibiriens nur sehr gering. Die Stadt, die zu 68 % zerstört war, war bis Ende 1947 von Ruinen gesäubert und man begann die Straßen usw. nach alten Plänen wieder herzustellen.
Allerdings wurden alle Kirchen der Stadt, ob beschädigt oder nicht restlos zerstört. In den Dörfern sah es damit etwas anders aus.

Der Zugang zum Haff und zum Meer war für die Bevölkerung verschlossen. Bis 1950 gab es auch keine Verbindung mit der Nehrung. Baden durfte die Bevölkerung nur in Mellneraggen, zu unserer Zeit ein Fischerort, heute ein nördlicher Stadtteil von Memel/Klaipeda und dort 300 m vom Leuchtturm entfernt.

Auch gab es keine Bahnverbindung.

Das Leben im Memelland und ganz Litauen hat sich wie im gesamten Sowjetimperium erst 1953 nach dem Tod von Stalin geändert. Von 1959 bis 1988 erfolgte in ganz Litauen, so auch im Memelland, eine Erleichterung der Lebensverhältnisse. Der Hafen von Memel wurde um ein vielfaches vergrößert, vertieft und mit Krananlagen aus der DDR technisch modernisiert.

Ab Dezember 1981 wurde zwischen der Sowjetunion und der DDR eine gewaltige Fähranlage geplant und gegründet, um den Transport der militärischen Güter in die DDR zu sichern, nachdem in Polen die Solidarnost herrschte. Auch die Fährschiffe, es handelte sich um Eisenbahnfähren, die zwischen Memel/Klaipeda und Mukran auf der Insel Rügen verkehren sollten, wurden in der DDR gebaut. Dieses für die Sowjetunion wichtige strategische Objekt kam nicht zum Zuge, denn als der Fährbetrieb im Oktober 1989 in Betrieb genommen wurde, begann der Zerfall des kommunistischen Regimes und die Fährlinie wurde nach dem Wiedererstehen der Unabhängigkeit Litauens für den Staat von großer Bedeutung.

Nach der Wiederherstellung der Unabhängigkeit in Litauen kehrte die außerordentliche wirtschaftliche Bedeutung Memels für Litauen zurück. Der Hafen Memels war und ist für Litauen einfach ein MUSS!

Die neue politische Situation, der offene Markt Westeuropas, der 1991 begonnene Privatisierungsprozeß des staatlichen Eigentums haben die sozioökonomische Lage von Klaipeda/Memel stark beeinflußt.

Die große Fischfangflotte und der Fischfangbetrieb „Jura" wurden ausgeplündert und gingen bankrott. Die Fährlinie, die ich erwähnte, hat nach den ersten kritischen Monaten wegen Mangels an Eisenbahngütem ihre Tätigkeit reorganisiert und transportiert jetzt, nach einigen Umbauten, Lastwagen und Passagiere von und nach Deutschland."

Memel/Klaipeda gilt heute als eine der dynamischsten Städte Litauens. Als wir das erste mal nach der Öffnung wieder nach Memel kamen, hatte unser Heimatstadt 206.000 Einwohner.

Laut Statistik vom 1.Januar 2001 hatte Memel durch Umsiedlung Deutscher nach Deutschland und der Rückkehr von Russen nach Rußland nur noch 194 400 Einwohner. Diese Einwohnerzahl von 5,47 % der gesamten Einwohner Litauens produzieren ca.10 % der Industrieproduktion Litauens.

Fünf der größten Betriebe von 100 in ganz Litauen befinden sich in Klaipeda/Memel. Darunter „Svyturis", die einstige, heute stark vergrößerte Aktien-Brauerei Memels, „Phillip Morris", die amerik. Zigarettenfirma investierte über 40 Millionen Dollar für eine Zigarettenfabrik, die Firma „Siemens" hat u. a. ein Werk aufgebaut, in dem knapp 1000 Beschäftigte Arbeit finden, des weiteren eine Möbelfabrik (in unserer einstigen Schälplattenfabrik) und schließlich „Klasco", die Hafenbetriebsgesellschaft. Der Hafen nimmt übrigens eine Sonderstellung ein. Aufgrund der Reorganisation und Modernisierung ist ein Hafen von europäischem Niveau entstanden, für den allerdings noch um Güter geworben wird, da er noch nicht ausgelastet ist. Er könnte jährlich bis zu 20 Millionen Tonnen Güter aller Art umschlagen.

Außerdem gibt es über 250 sogenannte „Join-Venture" - Firmen deutscher, dänischer und schwedischer Unternehmer.

12 % der Auslandsinvestitionen Litauens sind in Klaipeda untergebracht. Damit bekommt die Stadt zweimal mehr Geldmittel als der Durchschnitte des Landes. Nur die Hauptstadt Vilnius erhält mehr.

Trotzdem sind in dem heutigen Memelland weiterhin große wirtschaftliche und soziale Probleme zu bewältigen. Die Zahl der Arbeitsplätze ist seit 1993 auf nur noch 40% gesunken. Und z.Zt. sinkt sie in allen Industriebetrieben weiter. Die Ursache ist die gleiche wie überall - auch bei uns - der weiter fortschreitende Übergang von manueller Arbeit zur Dienstleistung durch immer neue Technologien. Für die Industrie der Stadt ist das hohe Niveau der Produktion typisch. Dadurch hofft man, daß die Industrie und der Transport auch weiterhin ihre hohe Position in der allgemeinen Wirtschaftsstruktur behalten.

Memel/Klaipeda ist heute die drittgrößte Stadt Litauens. Es ist eine rasch wachsende Stadt, deren Dynamik nicht nur für das Staatsbudget und die Auslandsinvestitionen, sondern auch für die Gründung des humanitären Zentrums bereits wichtig waren:

am 05. Oktober 1990 wurde die Universität Klaipeda gegründet, die nach anfänglicher örtlicher Zerrissenheit, heute ihren eigenen Campus in den ehemaligen Kasernen gefunden hat. Dieses Kasernengelände im Norden der Stadt gelegen, entstand in der 2. Hälfte des 19. Jh. und hat preußisches, französisches, litauisches, deutsches russisches und wieder litauisches Militär beherbergt.

Zur Zeit studieren dort 5200 Studenten.

30 865 Schüler besuchen eine Vielzahl von Schule. Darunter befindet sich auch eine deutsche Schule, die Hermann-Sudermann-Internatsschule, die im Jahre 1992 mit 98 Schülern begann und heute über 500 Schüler zählt. Diese Schule nimmt z.Zt. nur deutschstämmige Kinder auf und führt zwei- bis viersprachig bis zum deutschen Abitur. In diesem Jahr konnten das zweite mal Abiturienten diese Schule erfolgreich abschließen und wenn sie wollen, an deutschen Universitäten studieren.

Kulturell hat Memel auch wieder viel zu bieten: da ist unser altes Stadttheater (heute: „Dramentheater" genannt), ein Musiktheater, das Burgtheater, ein städtisches Musikzentrum, vier Konzertsäle, einige Kinos und eine ganze Reihe von Museen.

Derzeit gibt es 10 städt.medizinische Einrichtungen, davon drei große Krankenhäuser. Auch gibt es bereits 50 Privatkliniken und Arztpraxen.

Auf dem Weg in die EU öffnen sich für das Memelland sowie für ganz Litauen gute Perspektiven für die Unterstützung durch die EU. Bereits 1999 wurde die Stadt Memel/Klaipeda mit der Ehrenstandarte und 2001 mit dem Ehrenzeichen des Europarates ausgezeichnet.

Für die Stadt stehen folgende Projekte an erster Stelle, um durch die Festigung des wirtschaftlichen

Potentials und eine intensivere Beschäftigung, die Aufnahme in die EU zu ermöglichen:

Wenn es gelingt, die Finanzierung der EU für die Durchsetzung dieser Vorhaben zu bekommen, würde die Stadt Klaipeda/Memel und auch das gesamte Gebiet für den Beitritt in die EU besser vorbereitete sein.

Im Hinblick auf diese Informationen kann ich sagen, unsere Heimatstadt ist auf dem besten Weg in die EU. Die Stadt und das Land hat eine gute Basis für eine attraktive Stadt und einen attraktiver Landstrich für die Einwohner und Touristen zu werden.

Ich persönlich sehe darin die Zukunft des Memellandes, unserer Heimat.
Oktober 2002 Viktor Kittel
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