Durch Zufall entdeckten die Taucher des archäologischen Instituts der Universität Klaipeda (Memel hatte noch keine Universität) in der Ostsee vor der litauischen Küste ein Wrack aus dem letzten Krieg. Es handelte sich um ein Schiff der Deutschen Kriegsmarine und zwar des zuletzt als Truppentransporter eingesetzten Motorschiffes "Füsilier".
Dieses Schiff, mit einer Größe von 10 800 Tonnen, war am 19. November 1944 von Pillau ausgelaufen, um deutsche Wehrmachtsangehörige zum Einsatz in den Brückenkopf Memel zu bringen. Im Dunkel der Nacht, wegen der Frontnähe gab es keine Leuchtfeuer mehr, verfehlte das Schiff die Einfahrt von Memel.
Nachdem diese weitere Tragödie der letzten Kriegsmonate der Vergessenheit entrissen war, nahm sich der Volksbund Deutsche Kriegsgräberstätten e.V. der Angelegenheit an.
Ich erhielt vom Volksbund eine Einladung für Sonntag, den 25. Mai auf die Kriegsgräberstät-te in Memel zur Einweihung eines besonderen Gedenksteins für die Toten der "Füsilier".
Zur Geschichte dieser deutschen Kriegsgräberstätte, die eine der schönsten und meistbesuch-ten im Baltikum ist, muß Folgendes in Erinnerung gerufen werden:
Ein sogenannter Heldenfriedhof im Hindenburghain wurde nördlich der Stadt Memel für 146 Gefallene des ersten Weltkrieges bereits 1930/31 geschaffen. Im zweiten Weltkrieg wurde diese Anlage stark erweitert, da in den Memeler Lazaretten sehr viel Schwerverwundete ihren Verletzungen erlagen. In den letzten Monaten des Krieges, im immer enger werdenden Brückenkopf Memel, wurden dann auch die jetzt hier Gefallenen bestattet.
Nachdem der Brückenkopf und somit auch die Stadt Memel am 28. Januar 1945 endgültig in die Hände der sowjetischen Truppen fiel, ließen die Sowjets alle im Brückenkopf vorgefundenen Toten im Waldgebiet hinter dem deutschen Soldatenfriedhof in Massengräber vergraben. Einige Jahre später wurden die noch bestehenden Zeugen der Kriegsgräberstätte geschliffen und man legte darauf einen Vergnügungspark an.
Als wir nach der Unabhängigkeit Litauens auf der Suche nach der Kriegsgräberstätte diesen Zustand vorfanden, waren wir entsetzt und machten die litauische Stadtverwaltung auf diesen unmöglichen Tatbestand aufmerksam. Denn nach litauischem Gesetz ist jedes Soldatengrab ehrwürdig und geschützt. Gemeinsam mit dem Archivar der AdM, Helmut Berger, konnte ich zwei Memeler Einwohner, einen Deutschen und einen Litauer, ausfindig machen, die alles über die Vernichtung der Grabstätten dokumentiert hatten. Mit ihrer Hilfe fanden wir die Fundamente der einstigen Umfassungsmauer. Wir fertigten eine Dokumentation, die wir dem Volksbund überreichten. Nach Genehmigung durch die lit. Stadtverwaltung Memels wurde durch den Volksbund die Kriegsgräberstätte in ihrem vollen Umfang wieder hergestellt. Doch noch während der Arbeiten, die unter der Leitung von Hans Linke durch deutsche und litauische Jugendliche ausgeführt wurden, erfuhren wir von den oben bereits erwähnten Massengräbern. Der Volksbund konnte die Bauarbeiten zu der neuen Kriegsgräberstätte erweitern und somit konnte das gesamte Areal bis auf eine kleine Teilfläche, die mit einer Straße überbaut war, in seiner Gesamtheit erhalten werden. In dreijähriger Arbeit entstand eine schöne und ehrwürdige Kriegsgräberstätte, bei deren feierlichen Einweihung am 02. August 1998 ich selbst auch anwesend war.
Um ein Hochkreuz liegen z.B. 14 große Schrifttafeln, auf denen man die Namen der 146 aus dem ersten Weltkrieg und über 1300 weitere ermittelte Namen von deutschen Soldaten findet, die während der Abwehrkämpfe im Brückenkopf Memel gefallen sind. Weitere Gefallene von kleineren Anlagen im Memelgebiet sollen in den nächsten Jahren dorthin umgebettet werden, um auch diese auf Dauer zu sichern.
Doch nun zurück zum 25. Mai 2003: um 11.00 Uhr begann die Feierstunde, von der nicht nur ich, sondern alle Anwesenden und das waren nicht wenige überrascht wurden. Angetreten war nämlich ein Ehrenzug der litauischen Seestreitkräfte (diese bestehen aus 4 Kampfschiffen und mehreren kleineren Einheiten mit insgesamt 577 Mann Personal) und der Musikzug der litauischen Armee.
Es wehten die Fahnen Litauens und Deutschlands sowie die Europaflagge. Zu Beginn wurden Reden zum Gedenken an das Geschehen vor langen Jahrzehnten gehalten.
Es sprachen der Generalsekretär des Volksbundes, die stellvertr. Bürgermeisterin Klaipedas, der Vertreter des Deutschen Botschafters aus Vilnius und unser Uwe Jurgsties, der Bundesvorsitzenden der AdM. Dann sprachen die Kirchenvertreter, ein kath. lit. Geistlicher sowie der lit. Militärgeistliche der Seestreitkräfte, deren Worte mit Gebeten und der Segnung der Anlage endete. Die anschließende Kranzniederlegung (durch Volksbund, Botschaft, Deutscher Verein, wir die AdM, Stadt usw.) wurde von Trommelwirbel der Militärkapelle untermalt. War ich davon schon angerührt, so liefen mir regelrecht Schauer den Rücken hinab als danach die Marinesoldaten in Achtungsstellung übergingen und die Kapelle das Lied vom "Guten Kameraden" spielte. Danach erklangen jeweils die deutsche und die litauische Nationalhymne.
Im Anschluß daran lud der Volksbund zur Fahrt mit einem Schiff der lit. Marine zur Position des Wracks der "Füsilier"
Um 15.00 Uhr waren wir wieder in der Stadt zurück und wurden jetzt in das neue Restaurant mit eigener Brauerei namens "Memelis" eingeladen. Hier war im obersten Stockwerk ein großes Büfett aufgebaut, an dem wir uns labten, nachdem noch einmal einige kurze Reden gehalten wurde.
Außerdem war hier ein Fernsehgerät aufgebaut und die Taucher der Universität zeigten einen einstündigen Film mit den Unterwasseraufnahmen des Wracks.
Der Volksbund hatte aus Anlaß dieser Veranstaltung zu einer Kriegsgräberfahrt aufgerufen und brachte eine größere Gruppe Angehöriger von Gefallenen mit. Wie diese Reisegruppe, so waren wir alle der Überzeugung, einer großartigen Veranstaltung beigewohnt zu haben.
Ich erinnere in diesem Zusammenhang an die segensreiche Arbeit des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge und meine , ein Jeder von uns sollte regelmäßiger Spender für diese Arbeit sein.