Das Memeland ist wieder deutsch! Als am 24.März in eindrucksvoller Machtentfaltung die deutsche Flotte auf der Reede von Memel ankerte; als viele Tausende memeldeutscher Volksgenossen dem Führer bei seinem ersten Besuche in der alten Ordensstadt Memel einem begeisterten Empfang bereiteten: da ging nicht nur der glühende Wunsch aller Memeldeutschen in Erfüllung, sondern auch der Sehnsuchtstraum all derer, die diesen begnadeten Küstenstreifen und seine kernigen Bewohner kennen und lieben gelernt haben.
Das Memelland ist wieder deutsch: so schön dieser Satz klingt, so falsch ist er. Denn das Memelland ist seit 700 Jahren deutsch gewesen. Es ist wieder heimgekehrt ins Reich, aus dessen Schoß es vor 20Jahren wider jedes Recht und alle Billigkeit gerissen wurde. Wer die aufrechte , unerschrockenen Haltung und den selbstlosen, zähen und opfervollen Kampf, den unsere geknechteten Brüder mit beispielloser Hingabe um ihr Deutschtum und ihre Freiheit geführt haben, verfolgt und erlebt hat, der wird zugeben, dass die Heimkehr des Memellandes nur ein Akt ausgleichender Gerechtigkeit weltgeschichtlichen Geschehen unserer Tage gewesen ist. Schon vor der Machtübernahme grüßte man sich überall im Memellande offen mit dem deutschen Gruß: solange, bis ein beispielloser Terror den deutschen Menschen das offene Bekenntnis zu ihrem Volkstum und ihrer angestammten Wesenart verbot. Wenn heute über allen Gemeinden das Hakenkreuzbanner flattert, dann ist das der verdiente Lohn für ein in zielbewusstem und hartem Kampfe bewahrtes Volkstum. Aber auch wer ohne jedes Wissen um Gesinnung, Sprache und Bekenntnis seiner Bewohner das Memelland nur in flüchtiger Schnellzugsfahrt durcheilt, der wird schon aus der Landschaft einwandfrei erkennen, dass dieses Gebiet seit vielen Jahrhunderten kerndeutsch gewesen sein muß. Ob er auf der großen Hauptstrecke von Tilsit nach Libau das fruchtbare Land durchfährt, oder hinter Pogegen nach Tauroggen zu abbiegt: er wird überall die gleichen gepflegten Äcker, die gleichen saftigen Weideflächen sehen, auf denen - ganz wie im übrigen Ostpreußen - Herden von stattlichen schwarzweißbunten Rindern grasen. Sobald man jedoch hinter Bajohren oder bei der historischen Mühle von Poscherunp die alte und jetzt wieder neue Reichsgrenze überquert, klafft scharf wie mit dem Messer gezogen eine uralte Kulturscheide vor dem Reisenden auf: aus der gepflegten deutschen Kulturlandschaft gleitet er in einer Minute in das ungestaltete Ödland des Ostens; in eine Landschaft, die eine ausgeprägt extensive Wirtschaftsform und eine uralte Holzkultur seit den Tagen der Jüngeren Steinzeit über Jahrtausende hinweg bewahrt zu haben scheint: ein grenzenloses Land, dessen Weiträumigkeit und Urwüchsigkeit gewiß hoher Reize nicht entbehrt, das jedoch die jahrhundertelange planvolle Gestaltung des deutschen Kulturbodens völlig vermissen läßt.
Abb.2 Steinzeitwohnplätze am Hange der Binnendünen auf der Kurischen Nehrung zwischen Rositten und Pillkoppen
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Die einzigartige Vorzugstellung, die das Memelland gegenüber seinen litauischen Nachbargebieten einnimmt, wird nur aus seiner vorgeschichtlichen und geschichtlichen Entwicklung sowie seiner glücklichen geographischen Lage verständlich. Nicht zufällig ist die Stadt Memel an jener Stelle emporgewachsen, die nicht nur zum Eintritt ins Kurische Haff, sonder auch zur Gewinnung der Memelmündung selbst durchfahren werden mußte. Wie ein halbangewinkelter Arm umschlingen Memelstrom und Haff den schmalen, fruchtbaren Küstenstreifen, von dem außer der Jura, Minge und Dange ein Netz kleiner Wasseradern überall den Zugang zum Binnenlande erschließt. Fette Weiden und ertragreiche Äcker machen gerade diesen Küstenstreifen zu einem Garten Gottes, dessen landwirtschaftlicher Reichtum vorteilhaft gegen die kargen Sumpf- und Sandgebiete des angrenzenden Binnenlandes absticht. Bei Ragnit, wo der Memelstrom in einem landschaftlich reizvollen Durchbruchstal die Tilsit-Willkischker Höhen durchnagt hat, liegt der Schnittpunkt zweier großer Fernhandelsstraßen: des von Preußen aus dem Instertale über die Tilsit-Willkischker Höhen längs der Küste ins Ostbaltikum führenden Landweges und der vom Haff und der See her ins osteuropäische Binnenland führende Wasserstraße in Gestalt des Memelstromes. Von Memel aus bot sich zudem eine bequeme Verbindung mit dem bernsteinreichen Samland: sei es im Sommer auf dem Wasserwege, sei es im Winter über das zugefrorene Haff oder den schmalen Sandstreifen der Kurischen Nehrung. Bis heute klingen die alten Beziehungen zwischen Kurenland und Samland in altlettischen Volksliedern wieder:
Bei der herrschenden Schlüsselstellung, die das Memeler Tief nach jeder Richtung hin besitzt, kann es nicht überraschen, dass sich der Deutschritterorden hier frühzeitig einen Stützpunkt schuf: schon 1252 wird die Memelburg gegründet, bezeichnenderweise übrigens nicht vom preußischen, sonder vom livländischen Zweig des Ordens, und zwar mit vierfache Absicht: um die Eroberung des südlichen Kurlandes zu erleichtern; um die Einfahrt ins Haff und die Memel zu beherrschen; um die feindlichen Litauer in Schach zu halten; und nicht zuletzt, um die Landverbindung zwischen Livland und Preußen zu sichern. Man darf wohl ohne Übertreibung sagen, dass das Memelland sein Deutschtum der Gründung der Memelburg und der Bedeutung des Küstenweges von Preußen nach Livland verdankt. Und damit ist zugleich die wichtigste Rolle gekennzeichnet, die es dank seiner dazu vorbestimmten Lage seit grauer Vorzeit gespielt hat: Brücke zwischen West und Ost, zwischen Mitteleuropa und dem Ostbaltikum zu sein.Wie ein roter Faden spiegelt sich diese Aufgabe in seiner vorgeschichtlichen Kulturentwicklung und zwar zu allen Zeitaltern.
Als 1201 die Schwertbrüder mit der Bekehrung Liv-,Est- und Kurlands, 1231 die Deutschordensritter mit der Eroberung Preußens begannen, waren das Memelland und seine Nachbargebiete von baltischen Völkern bewohnt, die ein loses und unzusammenhängendes Gefüge von Stämmen, die sich ihrer völkischen Gemeinsamkeit kaum bewußt, zum mindesten noch nicht zu festeren Staatsverbänden zusammengeschlossen waren.
In den frühgeschichtlichen Chroniken (Heinrichs von Lettland, Peters von Dusburg und der Livländischen Reimchronik) werden uns im memelländischen Küstengebiet eine Anzahl von Landschaften genannt, die den Siedlungsgebieten baltischen Einzelstämme entsprechen: Megowe, Ceclis und Pilsaten stoßen im nördlichen Zipfel des Memellandes aneinander, Lamotina nimmt die Mitte ein und die Willkischker und Tilsiter Höhen bilden die Landschaft Schalauen (Karte Abb.14) .
Während erstere ganz unzweideutig zu Kurland zählen, will man Schalauen (hauptsächlich auf Grund vereinzelter sprachlicher Zeugnisse) dem Preußenlande zurechnen. Der Streit darüber ist müßig und weder mit Hilfe der spärlich überlieferten frühgeschichtlichen Personennamen noch der geschichtlichen Überlieferung eindeutig zu klären. Auch die gelegentlichen Reste altertümlicher kurischer Dialekte, die sich auf der Kurischen Nehrung (z.B. in Nidden) erhalten haben, sind nicht beweisend: könnten sie doch von einer schon in geschichtlicher Zeit längs der Küste nach Südwesten zu vordringenden kurischen Fischerbevölkerung herrühren, deren letzte Ausläufer noch die Samlandküste erreichten, worauf Namen wie Granzkuhren, Gr. Und Kl. Kuhren im Samland hinweisen.
Das entscheidende Wort gebührt somit der Vorgeschichtsforschung, die an Hand einer Fülle von Bodendenkmälern eindeutig die innere Geschlossenheit der vorgeschichtlichen "Memelkultur" zu erweisen vermag. Wenigstens seit der Zeitwende (wahrscheinlich aber schon seit der Bronzezeit) bildet das Küstengebiet von der Tilsiter Höhe bis hinauf zur Windaumündung eine kulturelle Einheit von scharf umschriebener und klar gegen die Nachbargebiete abgegrenzter Wesensart.
Abb.4 VÖLKERWANDERUNGSZEITLICHES SKELETTGRAB DER MEMELLANDKULTUR Linkuhnen, Kr.Niederung. |
Die Frage nach Volkstum und Stammeszugehörigkeit der vorgeschichtlichen Memelkultur ist nationalpolitisch von um so größerer Bedeutung, als ihre Beantwortung darüber zu entscheiden hat, ob die Urbevölkerung des Memellandes litauisch, kurisch oder preußisch gewesen ist. Und ihre eindeutige Lösung erwächst mit um so zwingenderer Dringlichkeit, als gerade ein bedeutender ostpreußischer Forscher, der Indogermanist Bezzenberger,
auf Grund der Verbreitung litauischer Orts-, Flur- und Flussnamen nicht nur das Memelgebiet, sondern auch das nordöstliche Ostpreußen als litauisches Urheimatgebiet angesehen hat. Zur einwandfreien Klärung dieser Frage müssen außer sprachwissenschaftlichen Untersuchungen vor allem die geschichtlichen Quellen herangezogen werden.
Versuchen wir zunächst einen ganz knappen Überblick über die vorgeschichtliche Entwicklung des Memellandes zu gewinnen, so können wir die ältesten Zeitalter verhältnismäßig kurz abtun.
Bald nach dem Abschmelzen des letzten Eiszeitgletschers ist auch das Memelland von Menschen besiedelt worden, wie das Vorkommen einer Reihe von mittelständischen Knochen- und Geweihgeräten im Memeler Tief und auf der Kurischen Nehrung zeigt.
Aus der Jüngeren Steinzeit ist die ältere kammkeramische Besiedlung bisher nur durch wenige Scherbenfunde auf der Kurischen Nehrung erschlossen.
Weltberühmt sind jedoch die prachtvollen Bernsteinschnitzereien geworden, die in großer Zahl bei Schwarzort aus dem Kurischen Haffe gebaggert wurden. Die eigenartig stilisierten Menschen- und Tierfiguren von Schwarzort (Abb.1) gehören neben den finnländischen Elchkopfwaffen und den naturalistischen Felsritzungen Skandinaviens zu den bedeutsamen Kunsterzeugnissen des kammkeramischen Kreises.
Ein ähnlich reicher, jedoch formenärmerer Bernsteinschatzfund ist kürzlich auch im litauischen Küstengebiet bei Polangen gemacht worden.
Mit einer höchst bemerkenswerten Zahl von Denkmälern ist dann die jüngere schnurkeramische Streitaxtkultur vertreten.
Insbesondere haben die zahllosen steinzeitlichen Wohnplätze am Fuße der großen Wanderdünen (Abb. 2) auf der Kurischen Nehrung eine Fülle von schnurverzierten Scherbenfunden geliefert, die zum Teil noch eindeutliches Nachschwingen der kammkeramischen Unterschicht erkennen lassen. Mehrfach finden sich Schnur- und Kammverzierungen auf den gleichen Gefäßen vergesellschaftet. Auch einige Streitaxtgräber sind sowohl von der Nehrung wie vom festländischen Memelgebiet bekannt geworden. So gehört auch das Memelland - wie das übrige Ostpreußen und seine baltischen Nachbargebiete - zu jenem Landschaftsraum, in dem aus einer Verschmelzung der kammkeramischen und der schnurkeramischen Streitaxtkultur die baltische Völkergruppe erwuchs. Eine Reihe von kennzeichnenden Bronzefunden (Abb.3) belegen die urbaltische Wesensart des Memellandes während der Bronze- und Ältesten Eisenzeit.
ABB.7Darüber hinaus aber hebt sich das Memelland durch seinen Reichtum an Bronzefunden schon während der Älteren Bronzezeit auffällig gegen die litauischen Nachbargebiete ab. Wie eine Reihe von kennzeichnend westlichen Bronzeformen erweisen, muß das Memelland schon in der Älteren Bronzezeit lebhafte überseeische Handelsbeziehungen zum Samland und zu Ostpommern unterhalten haben; die reich ausgestatteten Hügelgräber von Schlaszen (Kr. Memel) haben ihre vollkommenen Entsprechungen an der Samlandküste und in Pommerellen. Der Fund einer hettitischen Bronzefigur aber zeigt, daß auch memelaufwärts gelegentliche Beziehungen quer durch Osteuropa nach Südrussland und über das Kaukasusgebiet bis nach Kleinasien bestanden haben: Verbindungen, die durchaus nicht vereinzelt dagestanden haben, wie das Vorkommen von zwei verwandten Stücken aus Inner- und Ostlitauen erweist. Auch während der Jüngeren Bronze- und Ältesten Eisenzeit sind
Beziehungen zwischen dem Samland und dem Memelgebiet besonders rege gewesen. Hügelgräber von ostpreußisch-samländischer Wesensart sind nicht nur im Memelgebiet, sondern auch im südwestlichen Kurland nachgewiesen und bezeugen die Zugehörigkeit dieser Küstenlandschaften zum Kulturkreis der ostpreußischen Hügelgräberkultur.
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ABB.8 KOPFPLATTENFIBEL aus einem Grabe der Memelkultur - Linkuhnen, Kr. Niederung |
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"Memelkultur" auf, die von da ab in zwar mannigfacher Abwandlung, jedoch sich stets gleich bleibender Wesenart über ein Jahrtausend lang dem Memellande ihre Wesensart aufprägt: solange, bis sie im 13.Jahrhundert von der deutschen Kultur abgelöst wird.
Das fast unvermittelte Aufblühen der "Memelkultur" erfolgte im Zuge jenes großen germanischen Kulturstromes, der kurz nach der Zeitr. Ostpreußen und das Ostbaltikum erfaßt und in Form der "gotischen Hanse" ganz besonders eindringlich die memelländischen und estnischen Küstengebiete beeinflußt.
Will man der Bedeutung der vorgeschichtlichen Memelkultur gerecht werden, so darf man sie schon damals nicht in enger landschaftlicher Begrenzung sehen, sondern muß sie den weiteren Gesichtspunkten in ihrer Wirkung über die heutigen Grenzen hinaus bewerten. Erst dann tritt die bedeutsame Mittlerrolle, die das Memelland zwischen Ostpreußen und dem Ostbaltikum gespielt hat, in voller Klarheit zutage. Sie beschränkt sich keineswegs darauf, daß sich in ihrem Formenschatze und ihren Kultbräuchen west- und ostbaltische und ostpreußische Formen dem Ostbaltikum vermittelt hat: vielmehr erwächst sie von Jahrhundert zu Jahrhundert in ständig sich steigender Fülle zum beherrschenden Kulturzentrum des Ostbaltikums, das vor allem den Ostbaltischen Küstengebieten aber auch dem benachbarten Litauen und Semgallen entscheidend westliche Kultureinflüsse zugeführt hat.
Die Memelkultur ist uns in allen Einzelheiten ihrer Entwicklung auf zahlreichen großen Sippenfriedhöfen erschlossen, die vom Beginn u. Ztr. Bis in die Ordenszeit hinein fortlaufend und folgerichtig belegt worden sind und damit die Siedlungsstetigkeit der Bevölkerung über ein Jahrtausend hinweg eindeutig erweisen.
ABB.10. SPÄTVÖLKERWANDERUNGSZEITLICHER SCHMUCK -der Memellandkultur aus dem 8. - 9. Jhdt. |
Um den auf der Kuppe eines Hügels gelegenen Kern der ältesten Bestattungen reiht sich am Hange gleichmäßig Ring auf Ring der jüngeren Beisetzungen.
Als man unter preußischen Einfluß erst spät und allmählich (im 9. und 10.Jahrhundert n. d. Ztr.) zur Verbrennung übergeht (Abb.12), werden dann nicht selten die jüngeren Brandbestattungen über den älteren Körpergräbern beigesetzt. So entstehen jene eigenartige mehrstöckige Friedhöfe, als deren eindruckvollstes Beispiel das auf der Tilsiter Höhe gelegene Gräberfeld von Linkuhnen an manchen Stellen sechs Schichten von Beisetzungen übereinander enthielt.
Nicht minder deutlich wird die Bodenständigkeit der memelländischen Bevölkerung durch eine einzigartige Stetigkeit der kulturellen Entwicklung belegt, die sich in der allmählichen Abwandlung bestimmter Sachformen vom Beginn unserer Zeitrechnung bis in die Ordenszeit hinein verfolgen und an Hand einer Reihe von bezeichnenden Beispielen (Waffen, Ring- und Kettenschmuck, Schmucknadeln) (Abb. 5-13) belegen läßt.
Überaus kennzeichnend für den Reichtum der vorgeschichtlichen Memelkultur sind die zahlreichen oft geradezu verschwenderischen Metallbeigaben, die man den Toten zu allen Zeiten in die Gruft legt. Während der Mann vorwiegend mit Waffen und Ackergeräten ausgestattet wird (Abb. 4, 6, 9, 11 u. 12), enthalten die Frauengräber fast mannigfachen und prunkvollen Schmuck; neben verschiedenartigen Arm- und Halsringen gehören vielgliedrige Hals- und Brustketten (Abb. 5, 7), Schmucknadeln, Anhängsel (Abb. 10, u. 13) sowie reichverzierte Kopfhauben zu den beliebtesten Grabbeigaben.
Zweimal hat die Memelkultur eine tiefgreifende germanische Beeinflussung erfahren: erstmalig zur Gotenzeit in den ersten Jahrhunderten u. Ztr., als der Grundstock für ihren Formenschatz gelegt wurde; zum anderen Male während der Wikingerzeit, in der sie eine so nachhaltige skandinavische Überfärbung erlebte, daß sie sich dank dieser zur reichsten und vielseitigsten baltischen Kultur der spätheidnischen Zeit (9.- 12. Jahrhundert n. d. Ztrw.) entfalten und entscheidende Anregungen in die Nachbargebiete senden konnte.
Nach Ausweis der zahlreichen Wikingerfunde sind das Memeler Tief und der Unterlauf der Memel gern und häufig von den Wikingern befahren worden. Die Zahlreichen Wikingerschwerter und andere Einfuhrstücke (Abb.11, 12), die insbesondere die Gräberfelder von Likuhnen und Wischwill geliefert haben, lassen darauf schließen, daß wir in der Gegend von Tilsit-Ragnit mit einer skandinavischen Niederlassung zu rechnen haben, deren genaue Lage sich vorläufig noch unserer Kenntnisse entzieht.
Die wenigstens seit der Wende u. Ztr., wahrscheinlich aber schon seit der Bronzezeit bodenständige Kultur des Memellandes bildet mit derjenigen Südwestkurlands und der Tilsiter Höhe eine so scharf umschriebene und deutlich gegen die Nachbargebiete abgegrenzte Einheit, daß sie nur einer einheitlichen Volksgruppe zugeschrieben werden kann. Und für diese kommt auf Grund der frühgeschichtlichen Überlieferung allein eine Zuweisung an die Kuren in Frage, während der stärker westbaltisch beeinflußte Südteil des Memelgebietes einschließlich der Tilsiter Höhe den Schalauern eingeräumt werden muß, die eine Art Mittelstellung zwischen Kuren und Preußen eingenommen haben mögen. Denn die westlitauischen Schamaiten siedelten damals noch viel weiter östlich im litauischen Binnenlande und haben sich erst in geschichtlicher Zeit weiter nach Westen zu vorgeschoben.
Als 1252 von Livland aus die Memelburg gegründet ward, kam das Memelland zu Kurland und unterstand zunächst dem Komtur von Goldingen. Mit dem Christentum hielt auch die deutsche Kultur ihren Einzug und gewann die altansässige Bevölkerung schnell und auf friedlichem Wege für sich. In der Ordenszeit bildet dann das Memelland die Brücke zwischen Preußen und Livland und erfüllt damit von neuem seine uralte Sendung, Mittler zwischen West und Ost zu sein.
Vergeblich suchen wir in den frühgeschichtlichen Quellen nach dem Namen auch nur eines einzigen Litauers, der damals im Memellande ansässig gewesen wäre. Erst gegen Ende des 15., hauptsächlich aber im 16. Jahrhundert wanderten mit ausdrücklicher Genehmigung des Ordens landfremde Litauer in größerer Zahl ins Memelgebiet ein, wurden planmäßig angesiedelt und gingen schnell und freudig im deutschen Volkstum auf.
In mehreren Volksbefragungen und sechs Landtagswahlen hat sich die memeldeutsche Bevölkerung trotz allen fremdvölkischen Terrors mit überwältigender Mehrheit (fast 90%) zu ihrem Deutschtum bekannt und damit - zuletzt am 11.Dezembeer 1938 - den Grundstein zu ihrer wohlverdienten Rückgliederung an das wieder erstarkte Reich gelegt.
Voll Stolz kann das Memelland auf eine große und reiche Vor- und Frühgeschichte zurückblicken. In seiner Wesenart spiegeln sich die Geschicke eines vorgeschobenen Grenzlandes, einer Landschaft mit ausgeprägt östlicher Kulturmission.
Diese Mission wurde erst zerrissen durch den Zerfall des Deutschordensstaates und die damit künstlich aufgetürmte Mauer, die nördlich Nimmersatt und östlich des Juraflusses erwuchs. Das kulturzerstörende Zwischenspiel des russischen Reiches, das seine Fänge zum Meer vorschob, trennte das Memelland von Livland und führte zu seiner Angliederung an Preußen. Dafür begann nun die deutsche Kulturgestaltung des Landes, die es jener einzigartigen mitteleuropäischen Kulturlandschaft angliederte, hinter deren Grenzen jäh und unvermittelt das noch immer der Gestaltung harrende Unland des Ostens aufdämmert.
ABB.12 WINKINGERZEITLICHES BRANDGRAB.Der Memellandkultur mit Hufeisenfibel, Streitaxt, Wikingerschwert, und kleinem Beifuß (Linkuhnen, Kr. Niederung) |
Die harten Zeiten, während deren die von ihrem Mutterlande abgeschnittenen Memelländer 20 Jahre lang einen erbitterten Existenzkampf um die Bewahrung ihres Volkstums führen mußten, haben zu einer friedlichen Durchforschung des Landes nur wenig Zeit gelassen. Jetzt, nach der Heimkehr, wird die gerade im Memellande so lohnende vorgeschichtliche Forschung mit doppelten Eifer nachgeholt werden. Die Grundsteine dazu sind - dank der unermüdlichen Tätigkeit Tischlers und Bezzenbergers - gelegt.
ABB.13 WINKINGERZEITLICHES SCHMUCK.Trensen u.a.der Memellandkultur aus dem 9 - 11. Jhdt. |
Aber die fortschreitende Forschung wird noch viele ungeklärte Fragen zu lösen haben und wird dazu beitragen, die vorgeschichtliche Bedeutung des Memellandes seit grauer Vorzeit in ein immer helleres Licht zu rücken.
ABB.14 DIE MEMELKULTUR und ihre Nachbargebiete |
Wichtigstes SchrifttumDie völkische Bewertung der vorgeschichtlichen Bevölkerung des Memellandes hat in den d es Verfassers Büchlein
"Einführung in die vorgeschichtliche Kultur des Memellandes" (Memel 1931)
sowie in dem Beitrag
Zur Vorgeschichte der Kurischen Nehrung (Mannus Erg.- Bd.VIII, S.97ff)
Eine erste Klärung erfahren. Ferner ist die Vorgeschichte des Memelandes in des Verfassers
Aus ostpreußischer Vorzeit (Königsberg 1929)
im Rahmen der gesamtostpreußischen Vorgeschichte gewürdigt worden. Auch im Atlas zur ost- und westpreußischen Landesgeschichte und dem zugehörigen Textbande Engel-La Baume (Königsberg 1937) ist das Memelland selbstverständlich mit der gleichen Eindringlichkeit behandelt worden wie die übrigen ostpreußischen Landschaften. |
Eine für lange Zeit hinaus maßgebliche Zusammenfassung aller völkischen Fragen der memelländischen Frühzeit bringt das i Erscheinen begriffenen große, dreibändige Werk von Hans und Gertrud Mortensen: Die Besiedlung des nordöstlichen Ostpreußens bis zum Beginn des 17.Jahrhunderts, von dem bisher 2 Bände vorliegen (Leipzig 1937 u. 1938). |