Die evangelischen Kirchen im Kreis Pogegen

von Walter Kubat

MD-Dezember 2000

Elf Kirchen waren es im Kreis Pogegen an der Zahl, doch wenn man dieses Kapitel heute betrachtet, sieht man, dass der 2. Weltkrieg 1939-1945 auch hier seine Spuren hinterlassen hat. Es ergibt sich ein dreigeteiltes Bild. Die noch voll erhaltenen Kirchen Pogegen, Koadjuthen, Rucken und Laugszargen bilden den 1. Teil. Den 2. Teil, welcher sich im Wiederaufbau befindet, bilden Willkischken, Szuken und Plaschken und zum 3. Teil, welcher durch den Krieg total zerstört wurde, gehören Wischwill, SchmalIeningken, Piktupönen und Nattkischken.
Beginnen wir mit den vier erhaltenen Gotteshäusern in Pogegen. Die kleinste Kirche im Kreis ist ein Aushängeschild. 1932 erbaut, wurde sie nach dem Krieg als Vielzweckhaus genutzt, unter anderem als Kino. Nach dem Fall des eisernen Vorhangs und der Öffnung der Grenzen zeichnete sich auch auf dem kirchlichen Sektor ein neues Leben ab. Viel Hilfe bot sich aus der Bundesrepublik an, so auch der nordelbische evangelische Kirchenverband. Dank seiner Hilfe bekam die Kirche sogar eine Diakonie, die neben der Kirche steht. Hier finden Kinder minderbemittelter Eltern bis 12 Jahre eine warme Mahlzeit täglich, welche auch eine Unterstützung aus der Bundesrepublik erhält (s. "Neues aus Pogegen" in dieser Ausgabe). Hervorheben möchte ich die Leistung eines alleinstehenden Mannes, unseres Landsmannes Herbert Mattukat aus Hamburg, früher Pogegen. Er war derjenige, der sich am Wiederaufbau aufopferungsvoll beteiligte und zum Schluss des Wiederaufbaus die Kirche mit einer Glocke versah.
Die Kirche Koadjuthen war auch dem Vielzweck zum Opfer gefallen. Als wir diese 1993 besuchten, war hier der Wiederaufbau schon in vollem Gange, und im Sommer 1994 fand die Neueinweihung statt. Die Laugszarger Kirche hatte den Krieg gut überstanden und der vor ihr liegende Soldatenfriedhof machte einen gepflegten Eindruck. Als wir im letzten Jahr drüben waren, weilte hier gerade ein Team der jungen Ostpreußen, welches den Friedhof betreute. Die Kirche Rucken hatte auch das Glück duf ihrer Seite und überstand den Krieg heil. Wir Rucker waren stolz, bei unserm 1. Besuch 1989 alles so in Ordnung vorzufinden. Doch die Freude währte nicht allzu lange. Am 14. Januar 1997 um 14 Uhr brannte das Dachgeschoss durch Selbstverschulden ab. Dank der Ortsgemeinschaft Kirchspiel Rucken, welche ich 1987 ins Leben gerufen hatte, ist es uns gelungen, die Kirche wieder aufzubauen. Zu Pfingsten dieses Jahres wurde sie neu eingeweiht.
Die im Wiederaufbau am weitesten fortgeschrittene Kirche ist die Kirche Willkischken. Sie diente bis in die neunziger Jahre als Getreide-speicher. Auch hier kam Hilfe aus der Bundesrepublik zustande. Ein Sponsor stellte materielle Hilfe zur Verfügung, so dass der Kirchturm wieder nach dem altem Entwurf aufgebaut werden konnte. Dank der Willkischker Ortsgemeinschaft konnte das Empore-Mauerwerk sein altes Aussehen wiedererhalten. Diesem Wiederaufbau der Kirche konnte auch die Memeler Verwaltung nicht tatenlos zusehen. Eine Notbühne wurde in der Kirche aufgebaut, und das Memeler Syrnphonieorchester der Stadt Memel gab ein Konzert.. Der Reinerlös war für den Wiederaufbau der Kirche. Schade, dass Kantor Wilhelm Schneider dieses nicht mehr erleben durfte. Weiter führt uns unser Weg nach Szuken. Auch diese Kirche hatte man als Getreidespeicher umfrisiert, Emporen und Altar waren abgebaut. Die Holzdecke war wieder neu eingebaut, aber zum Weiteraufbau reicht das Geld nicht mehr. Etwa 200 000 Litas benötigte man noch dafür. Trotzdem versucht man, den Weiteraufbau mit kleinen Schritten voranzubringen.

Erinnerungen, die man bis heute nicht vergessen kann

Plaschken an der Jäge: Welch ein herrliches Bild, wenn die Kirche sich beim Sonnenschein in der Jäge wiederspiegelte. Ich denke an das große Erntedankfest 1935. Zum Abendgottesdienst ertönte von der Empore von den gemeinsamen Posaunenchören Plaschken, Koadjuthen und Rucken der Choral "Herr, Deine Güte reicht so weit'. Ein Abend, den man selbst heute noch nicht vergessen hat. Heute muss die einst so schöne Kirche als Getreidespeicher herhalten. Frau Gerullis stellte uns den Schlüssel zur Verfügung, und somit konnten wir den Innenraum filmen. Im Altarbogen kann man heute noch den Spruch "Ehre sei Gott in der Höhe" entziffern. An dieser Stelle möchte ich die Plaschker Landsleute ansprechen und bitten, diesem einst so schönen Gotteshaus als unser aller Symbol einen anderen Anblick zu verleihen. Ich glaube, auch Generalsuperintendent Otto Obereigner würde seinen Dank zum Ausdruck bringen, wenn er noch lebte. Er sagte einst, wir wollen in Plaschken bleiben und nicht nach Memel gehen. Aber schließlich ging Otto Obereigner doch nach Memel, um Generalsuperintendent zu werden. Seine Nachfolger in Plaschken waren Pfarrer Lokis und Pfarrer Doligkeit.
Kommen wir zu den einst gewesenen vier Kirchen, die während des 2. Weltkrieges zerstört worden sind. Die Standorte sind alle durch ein Mahnmal ersetzt worden, und zwar in Nattkischken, Piktupönen, Wischwill und Schmalleningken. In Piktupönen versah auch Pfarrer Podszus seinen Dienst. Er wurde zum nächsten Superintendenten des Kreises Pogegen ordiniert, somit der Nachfolger von Otto Obereigner. In Wischwill hat man an die Kirchenstelle auch ein Holz-kreuz gesetzt und etwa 50 m weiter einen langen Pfahl eingeschlagen, wo in Zukunft die neue Kirche gebaut werden soll. Nachdem die Schmalleningker schon ihre Kirche verloren hatten, nahmen die Sowjets ihnen auch noch das schöne Gemeindehaus weg. Die Fenster wurden zugemauert und eine Disko daraus gemacht. Am Wochenende hörten die Leute nur laute Musik und ihren beliebten Kasatschok. Als die Sowjets nach der Wende Schmalleningken verließen, bekamen die Einwohner ihr Gemeindehaus zurück und sind jetzt dabei, sich eine Kirche daraus zu bauen. Die zugemauerten Fenster sind wieder aufgebrochen, und neue stehen schon bereit, um eingebaut zu werden. Langsam bekommt das Haus sein ursprüngliches Aussehen zurück. Zu erwähnen ist noch, dass sich in Rucken auch eine schöne Privatkirche befand, die neu reformierte evangelische Kirche. Pfarrer Laukant erbaute diese im 19. Jahrhundert. Anfang des 20. Jahrhunderts verkaufte er diese an Pfarrer Abromeit. Da dieses Gotteshaus baufällig geworden war, ersetzte er es 1927-28 durch einen Neubau. Dieser wurde 1944 durch einen Bombenangriff zerstört.

Die Erbauungs- bzw. Gründungsjahre der Kirchen im Kreis Pogegen:

Wischwill 1517
Willkischken 1560
Coadjuthen 1568
Piktupönen 1574
siehe auch Liste der ev.Kirchenliste im Memelland
Plaschken 1645
Schmalleningken 1878
Rucken 1886
Laugszargen 1887
Nattkischken 1895
Szuken 1900
Pogegen1932
Pr. Kirche Rucken1927-28

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