Seit die Stadt besteht, wurde in Memel Schiffahrt und Handel getrieben. Im Jahre nach ihrer Gründung wird bereits darauf Bedacht genommen, die Brücken über die Dange so einzurichten, daß die Schiffe nicht gehindert werden. Immer wieder bestätigen Privilegien im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert das Recht auf freien Handel und freies Holz zum Schiffbau.
Aber Memel war nicht Hansestadt. Das hansische Hauptkontor Danzig beherrschte daher nicht nur seine Faktoreien Elbing, Thorn, Braunsberg, Königsberg, sondern zwang auch Memel, seinen auswärtigen Handel über Danzig zu leiten.
Als die Hanse verfiel und als gleichzeitig Danzig durch die Angliederung Westpreußens an das Königreich Polen isoliert und sein Handel empfindlich behindert wurde, da gewann mit den anderen preußischen Häfen auch Memel die Möglichkeit, seine Handelsbeziehungen selbstständiger auszubauen, nicht mehr gebunden an das Danziger Stapelrecht, sondern nach den Gesichtspunkten des besten Weges und des besten Marktes.
Das geschah jedoch nicht ohne gewalttätigen Widerstand. Noch 1520 versenkten die Danziger mit Steinen beladene Schiffe im Tief und in der Dangemündung, um den Hafen zu sperren, nachdem sie die halbe Stadt Memel in Flammen aufgehen ließen.
Zäh und unverdrossen wurde die Stadt wieder aufgebaut und der Handel mit Flachs, Hanf, Leinsaat, Getreide, Fellen und was sonst das Hinterland bot, allmählich wieder aufgenommen, soweit der Zustand der Fahrrinne in Tief und Dange es gestattete. Natürlich führten auch jetzt noch die vielfachen alten Beziehungen die Schiffe aus Memel nach Danzig. Mehr und mehr jedoch begann der unmittelbare Absatz nach der westlichen Ostsee, nach den skandinavischen Ländern, nach England und nach Holland sich zu entwickeln.
Zwar versuchte Königsberg, Danzigs Erbe sich für das Herzogtum Preußen zu sichern, für sich selbst den preußischen Städten gegenüber das Stapelrecht zu nehmen, das Danzig als hansisches Hauptkontor besessen hatte. Nicht selten schien es im Laufe des sechzehnten und des siebzehnten Jahrhunderts, als wollte ihm das gelingen.
Aber Rat und Kaufmannschaft in Memel waren hartnäckig, auch von unbeugsamem Trotz, wo es nötig war, oder von großzügiger Opferbereitschaft.
![]() Siegel der Kaufmannszunft 1667-1822 | Eine der Etappen dieses Kampfes um die wirtschaftliche Gleichberechtigung war das Jahr 1597. In diesem Jahr wurden in mehrfacher Hinsicht berechtigte Memeler Wünsche vom Landesherrn, dem Herzog Georg Friedrich von Brandenburg, anerkannt und in urkundlicher Form bestätigt. Es wurde eine "Ordnung im Kaufschlagen" für den Flachshandel erlassen, in Zusammenhang damit ein Gericht für Handelssachen errichtet, das "Wettgericht" (wetten = schlichten), und es wurde für eine bereits bestehende Zunft der Kaufmannschaft eine Ordnung erlassen und bestätigt. |
Obwohl der älteste Urkundenband, das sog. "Rote Buch" der Memeler Kaufmannschaft aus den Jahren 1597 - 1642, leider schon bei der Erstausgabe der Schrift "Die Selbstverwaltung der Kaufmannschaft in Memel" durch die Memeler Industrie- und Handelskammer im Jahre 1929 verloren war, konnten Ergänzungen anhand sonstiger kaufmännischer Unterlagen vor-genommen werden. So erfaßt die älteste "Matrikel der Älterleute und Mitglieder der Kauf-mannszunft" die Periode von 1597 bis 1822. Erst in letzterem Jahre wurde sie von der Kam-merliste der neuen "Obervorsteher, Beisitzer und Mitglieder des Vorsteheramts der Kauf-mannschaft" abgelöst. Diese fand mit der Abtrennung Memels vom Deutschen Reich im Jahre 1939 ihr Ende. Das nachfolgende "Verzeichnis der Präsidenten, Ehrenmitglieder und Mitglie-der" der auf einstimmigen Beschluß konstituierten "Handelskammer Memel" wurde anläß-lich des 10jährigen Bestehens der Kammer zum ersten Male im Druck festgehalten.
Allgemein dürfte es interessieren, daß die Zunft der Memeler Kaufleute, die sich schon am 12. Oktober 1597 eine erste "Ordnung" gab, keineswegs eigensüchtig darauf bedacht war, Ausländern den Weg zur Mitgliedschaft zu versperren, finden wir doch in der Matrikel unter 870 überwiegend deutschen Kaufleuten etwa 75 als "Ausländer" bezeichnete Zunftmitglieder. Abgesehen davon war die Grenzziehung bei den Ausländern recht flüssig; hatte zum Beispiel ein Schotte oder ein Brite schon vorher das "Preußische Bürgerrecht" in Königsberg oder in einer anderen altpreußischen Stadt erworben - was familiengesichtliche Forschungen nicht selten ergeben -, so galt er als Preuße und brauchte nicht das für Ausländer erhöhte "Einkaufsgeld" zu zahlen.
Das britische und schottische Element gab Memel lange Zeit hindurch einen besonderen Akzent. Auch in deutschen Kreisen sprach man mit Vorliebe englisch, kleidete sich englisch und lebte nach englischer Sitte. Es wurde sogar eine englische Kirche erbaut. Russischen Besuchern der Stadt fiel das wiederholt auf, und es kam angesichts des regen Memeler Handels mit den russischen Ostseeprovinzen ein solches Verhalten eigenartig vor. Der Nichtgebrauch der russischen Sprache entsprang indessen keineswegs einer Abneigung. Man brauchte das Russi-sche einfach nicht, waren doch die Kaufleute aus dem Baltikum, wie der rege "kurländische Zuzug" zeigt, ausnahmslos Baltendeutsche. Russische Namen wird man in den Memeler Kaufmanns-Matrikeln vergeblich suchen.
Wenn auch die Familienforschung in Memel bei den vielen englischen und schottischen Na-men seit der Jahrhundertwende (1900) recht eifrig betrieben wurde und namentlich freund-schaftliche Beziehungen zu Schottland gepflegt wurden, so hat die genannte vorliegende Schrift mit genaueren Jahreszahlen bezüglich der Mitglieder der Memeler Kaufmannschaft als "Kompane", Jüngste", Beisitzer", Stadtälteste" usw. zur Erleichterung der Forschungsarbeiten wesentlich beigetragen. So ist ein "Barclay" schon 1679 in Memel festzustellen. Typisch schottische Namen wie Bruce, Douglas, Duncan, Fenton, Murray (auch Morray), Ogilvie (auch Ygelbe und Oggelby), Pitcairn, Stuart und Wattson entbehren eigentlich des Hinweises "aus Schottland". Aus England sind beispielsweise Biggs, Drake, Fowler, Fraser, Mackenzie, Moir und Waterstone gebürtig. Einige Familien treten wiederholt hervor, so die Moir, Muttray und Simpson. Litauische Namen erscheinen bei der Memeler Kaufmannschaft erst ab 1920, jedoch in verschwindend geringer Zahl."
Bemerkenswert in der Geschichte der Memeler Kaufmannschaft ist es, daß die Älterleute bei Zunftversammlungen und auf der Börse vor dem Jahre 1675 als besondere Tracht lange Män-tel mit Pelzwerk trugen. Die junge Kaufmannschaft erhielt anläßlich des Empfangs eines rus-sischen Großfürsten im Jahre 1776 das Recht, ein uniformiertes Korps, die "Blaue Garde", mit Stiefeln Sporen, Säbeln und zwei Pistolen aufzustellen, eine Einrichtung, die erst im Jahre 1810 abgeschafft wurde.

Außerdem gab es seit 1703 in Memel zwei Bürgerkompanien, die Altstädtische und die Fried-richstädtische. Dieser Dienst war jedoch bei der jungen Kaufmannschaft "alles andere als beliebt".
Die von 1822 bis 1919 bestehende "Korporation der Kaufmannschaft" hatte neben dem Recht auf Selbstverwaltung zahlreiche weitere Sonderrechte, insbesondere die polizeiliche Ordnung in den Versammlungen und auf der Börse wahrzunehmen und gegen Ruhestörer, ungeachtet des Anspruchs auf gerichtliche Ahndung, Geldstrafen bis zu 50 Taler zu verhängen.
An dem Ausbau des Hafens und an den Verbesserungen des Lotsenwesens hatte die Memeler Kaufmannschaft bis in die Neuzeit wesentlichen Anteil. Schwierigkeiten mannigfacher Art, namentlich während einer dreitägigen Besetzung Memels durch russische Truppen im Jahre 1915 und nach der Abtrennung aufgrund des Versailler Diktats verstand die Memeler Kauf-mannschaft zu meistern. So gelang es der rührigen Handelskammer im Jahre 1923, von der französischen Besatzungsbehörde die Erlaubnis zur Ausgabe von Notgeld zu erhalten. Der Gesamtbetrag der Noten-Emission zu 75,- und 100,- Mark stieg bei der rasch fortschreitenden Inflation von zunächst geplanten 10 ¼ Millionen Mark bald auf 21 Millionen und 175 000 Mark. Für die Memeler handelskammer selbst sprang bei diesem "Geschäft" so viel heraus, daß sie auf ihrem Grundstück, Bahnhofstr. 3, ein Wohnhaus errichten konnte.
Überhaupt hat die Memeler Kaufmannschaft im Laufe der Zeit außer den Börsengebäuden von 1777 und 1857 mit Erweiterung von 1908 eine ganze Anzahl von Liegenschaften zu erwerben verstanden, z. B. das "Kaufmannswitwenstift" Ecke Simon-Dach-Straße/Grünstraße und "Wieners Kaufmanns-Stift" in der Libauer Straße 8 (heute im lit. Klaipeda das Hotel "Navalis"). Im Jahre 1927 kaufte sie auf der Süderspitze ein früheres Schulgebäude und wandelte es in ein Erholungsheim um.
![]() Siegel des Vorsteheramtes der Kaufmannschaft 1822-1919 |
![]() Siegel der Handelskammer 1920-1925 |
Quellen: | .. | Zusammengestellt und bearbeitet von |
"Die Selbstverwaltung der Kaufmannschaft in Memel" | V. Kittel Nov. 2003 |
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und Ostpreußenblatt |