Memel,29.Juli 2002.
Die Geschichte der Stadt Memel von der Gründung bis ins 2o.Jhdt.
(1252 bis 1945)
Auf der 750 Jahresfeier in Memel von Prof.Dr. Wolfgang Stribrny Deutschland vorgetragen
Am 29.Juli 1252, heute vor 75o Jahren, regelten der Statthalter und spätere Heermeister des Deutschen Ordens in Livland, Eberhard von Sayn (bei Koblenz) und der vom Deutschen Orden abhängige Bischof Heinrich von Kurland (ein Graf von Lützelburg, heute Luxemburg) die Gründung der Burg Memel und legten die Besitzverhältnisse fest (Urkunde des Bischofs vom 1.8.). Zwei Jahre nach der Burg sollte die Stadt mit einer Domkirche für den Bischof von Kurland, einem Bischofshof und einem Hof für das Domkapitel gebaut werden.
Der Deutsche Orden ist auch heute noch von prägender Kraft. Der lettische Staatspräsident residiert in Riga im Schloss des Deutschen Ordens. Die Macht des Staates Estland ist bis heute in der vom Deutschen Orden erbauten Burg von Reval konzentriert, Estland und Lettland sind seit der Zeit des Deutschen Ordens (1237-1561) mit Mitteleuropa durch das gemeinsame katholische und seit der Reformation evangelisch-lutherische Bekenntnis verbunden, nicht zuletzt auch durch die bis 1918 dominierende deutsche Sprache und Kultur.
Deutsch hat in beiden Ländern auch heute noch eine gewisse Chance, gelernt und verstanden zu werden.
Alle Versuche in den baltischen Ländern, besonders im Tourismus, die Bedeutung des Deutschen Ordens zu leugnen, vom Livländischen Orden oder dem Staat Livonia zu phantasieren, sind irreal.
In Litauen und Polen wird die militärisch-expansive Rolle des Ordens betont und kritisiert. In Deutschland heben wir die missionarische und kulturelle Bedeutung für Westpreußen, Ostpreußen, Lettland und Estland hervor. Das Land der Pruzzen, Verwandte der Litauer, wurde modernisiert und dicht besiedelt. Die zahlreichen backsteingotischen Burgen, die vom Orden gegründeten Städte und Dörfer zeugen von ihm.
Beide Seiten des Deutschen Ordens müssen gesehen werden. Im November 1990 hörte ich bei der 1.deutsch-litauischen Historikerkonferenz im sowjetisch belagerten Wilna davon, daß man in Memel unter Vladas Zulkus die Ordensburg ausgrabe und sie rekonstruieren wolle, ich hielt das für einen romantischen Traum.
Dass wir das Burgmuseum jetzt zum Jubiläum betrachten können, beweist, daß auch Litauen heute die Tradition des Ordens achtet und Memel seine Wurzeln kennt und respektiert.
Die Memelburg sollte den Weg von Livland zur Weichsel sichern und den Zugang zum Kurischen Haff und zum Gebiet des Memelstroms kontrollieren.
Auch schon vor 1252, das zeigen die neuen litauischen Ausgrabungen in Polangen, war die Gegend um Memel durch verschiedene Sprachen und Kulturen gesegnet: kurisch-lettische, litauische und nordgermanisch-wikingische Einflüsse lassen sich nebeneinander nachweisen.
Ob es in Memel vor 1252 schon eine litauische Befestigung gegeben hat, weiß ich nicht. So wie Twangste (Pruzzenwall) für Königsberg wäre auch ein mögliches Klaipeda für die nun einsetzende Entwicklung ohne prägende Bedeutung gewesen.
Zur immer neu auftauchenden Namensfrage Memel- Klaipeda nur so viel:
Alle Völker haben für die wichtigen Orte der Nachbarländer ihre eigenen Namen, die meistens anders lauten als die einheimischen. Es gibt wohl kein Volk in Europa, das die Stadt Köln am Rhein mit ihrem amtlichen Namen "Köln" nennt, die Deutschen natürlich ausgenommen.
Die Polen haben für alle bedeutenden Städte eigene Namen, ebenso die Italiener und Litauer von Amerikanern und Russen ganz zu schweigen. Deshalb sagen Deutsche Memel und Wilna, Königsberg und Tilsit wie die Litauer Klaipeda Vilnius, Karalaucius und Tilse.
Die Russen haben ja jetzt einen alten russischen Namen für Königsberg entdeckt, besser werden sie aber wie St. Petersburg, Jekaternburg und Oranienbaum wohl bald Königsberg sagen.
Sie brauchen sich dann nicht mehr zu schämen, den Namen des Massenmörders Kalinin, er war ein Spießgeselle von Stalin, im Schilde zu führen.
Niemand im heutigen Europa, der über einen Funken Vernunft verfügt, will Grenzen verschieben.
Der von Rückwärtsgewandten erhobene Vorwurf des deutschen Revanchismus ist absurd und ist der politischen Hetze zuzurechnen.
Nach diesen Vorbemerkungen zurück zu 1252.
Memel wurde von Norden her gegründet. Der Bischof von Kurland wollte hier residieren.
Kurland ist der südliche Teil des heutigen Lettland ; Mitau, Libau und Lindau liegen in Kurland.
Der Deutsche Orden wollte die Kuren, die im Norden des Kurischen Haffs vorwiegend siedelten unterwerfen. Die Verbindung zum Zentrum des Deutschen Ordens an der Weichsel sollte gesichert werden.
Die älteste Stadt des späteren Ostpreußens hat also die ersten Jahrzehnte über zum livländischen Ordensbereich gehört.
Erst 1328 legte der Orden fest, daß die Komturei Memel zu Preußen kam.
Die heutige Grenzlinie bei Nidden war aber schon seit etwa 1255 die Trennungslinie zwischen den Komtureien Memel und Königsberg eine bloße Verwaltungslinie, die kein Reisender spürte. Wir hoffen, daß es bald wieder so sein wird wie vor 700 Jahren und zu allen Zeiten, abgesehen von 192o bis 1939 und seit 1990.
"Die Memele war zu verne gelegen, Got der mußte ir selber pflegen", hieß es im Orden.
Schon 1253 wurde die Burg auf die östliche Seite der Dange verlegt, weil hier der Baugrund sicherer war. Pruzzische Samländer und litauische Schamaiten wollten sie gleich zu Beginn zerstören.
Bei der Burg siedelten sich Bürger an; die erste Kirche wurde geweiht.
1254 wurden die Städte Lübeck und Dortmund gebeten, ihre Stadtrechte zu übersenden.
Die junge Stadt erhielt wie die Städte in Livland und Kurland 1257/58 das lübsche Recht und man nimmt an, daß die ersten Bewohner der Stadt von Lübeck kamen. Erst 1475 bekam Memel, wie die übrigen Städte im Deutschen Ordensland Preußen, das Kulmer Recht. Damit verschwand eine letzte Erinnerung an die Gründung der Stadt von Norden her.
Memel wurde zum nordöstlichen und mit Abstand am weitesten nördlich gelegenen Teil des geschlossenen deutschen Sprachgebiets.
Es war die nördlichste Stadt Preußens und ab 1871 des Deutschen Reiches.
Bei deutscher Mehrheit siedelten sich auch Kuren und Liven an, wenn sie auch keine Vollbürger waren. Memel war und ist in seiner ganzen Geschichte eine mehrsprachige Stadt, darin lag und liegt ein Reichtum seiner Geschichte.
Memel war nur kurz eine Bischofsstadt, die Bischöfe von Kurland residierten nach wenigen Jahren wieder im Norden.
Trotz seiner günstigen Lage am Memeler Tief und der Dange, zwischen Ostsee und Haff, Nehrung und Festland, trotz seiner Brückenfunktion zwischen Preußen und Livland entwickelte sich Memel in der ersten 3 Jahrhunderten schlecht.
Wo gab es im Mittelalter nennenswerte Städte, die nur über eine einzige Kirche verfügten? Das Hinterland blieb litauisch und die Litauer brannten die Stadt mehrfach nieder.
Memels Handel war außerordentlich dadurch erschwert, daß bis 1567 nur über Königsberg Handel getrieben werden durfte. Alle Waren mußten über das Haff, die Deime und den Pregel erst in das 1255 gegründete Königsberg geschafft werden.
Die Stadtgründung von 1252 mußte noch dreimal nachgeholt werden:
1) 1365 durch den großen Hochmeister Winrich v. Kniprode, der das Rechtsleben ordnete.
2) der im Jahr darauf in der Schlacht von Tannenberg gefallene Hochmeister Ulrich v. Jungingen ließ die Stadt 1408/09 neu besiedeln.
3) 1475 erhielt die Stadt das Kulmer Recht.
In Polen und Litauen noch heute (und früher auch in Deutschland) wird die Schlacht von Tannenberg- Grunwald (1410) als nationaler Sieg der Polen und Litauer über die Deutschen verstanden. Tatsächlich siegte ein von König Wladislaw II. Jagiello und Großfürst Witold-Vitautas dem Großen geführte Armee über das Heer des Deutschen Ordens. Auf beiden Seiten kämpften deutsch- und slawisch sprechende Menschen. Es war eine normale Auseinandersetzung; die nationalen Akzente hat erst der Nationalismus des 19. Jahrhunderts hinein phantasiert. Spätestens der Friede vom Melnosee 1422 zeigte, daß der Abstieg des Ordensstaates und der Aufstieg des Unionsstaates Polen-Litauen Memels Lage völlig veränderte.
Im Friedensvertrag wurde die Grenze erstmals genau festgelegt und zwar so, wie sie bis 1945 (auch bei Memel) galt.
Litauen erhielt Polangen und so 1422 erstmals Zugang zur Ostsee. Memel wurde im Vertrag erwähnt:
"et castrum Memel in Samogitico Cleupeda appellaum" (und die Burg Memel, auf litauisch Cleupeda genannt).
Memel war bis 1945 eindeutig eine deutsche Stadt; doch gab es immer Kuren und Litauer, die als Minderheit in der Stadt lebten.
Der Hochmeister Albrecht von Brandenburg, ein Hohenzoller, trat auf Rat Martin Luthers 1525 zum evangelischen Bekenntnis über, legte sein Ordenskleid ab und wurde mit Zustimmung seines Onkels König Sigismund des Alten von Polen-Litauen l525 (Krakauer Huldigung) weltlicher Herzog von Preußen.
Memel wurde zum nordöstlichen Eckpfeiler des nun mehrigen Herzogtums Preußen, trat unter die Herrschaft der Hohenzollern und wurde eine evangelisch geprägte Stadt, die es bis 1945 blieb. Preußen wurde das erste evangelische Land der Welt mit der ersten evangelischen Landeskirche. Was bedeutet das ?
Die Reformation ist die Voraussetzung für die moderne Entwicklung, die vor Gott verantwortete Gewissensentscheidung des Einzelnen ist zentral. Die Autoritäten in Kirche, Staat und Volk werden kritisch befragt. Damit ist die Reformation die Voraussetzung für alle Freiheitsbewegungen und Revolutionen, auch in Litauen, Deutschland, Polen, Russland, Frankreich, England und den Vereinigten Staaten.
Im 16. Jahrhundert beginnt die litauische Zuwanderung in die bisher menschenleere Umgebung von Memel. Die zugewanderten Litauer wurden zu Preußisch-Litauern, indem sie evangelisch wurden. Damit wird ein entscheidender Trennstrich zwischen die lutherischen Preußisch-Litauer oder Kleinlitauer und die katholischen Großlitauer (Schamaiten und Aukstaiten) gelegt.
Dank Herzog Albrecht erschien das erste litauische Buch in Königsberg: Luthers Kleiner Katechismus. Die litauische Hochsprache entwickelte sich wesentlich in Ostpreußen. Als die litauische Sprache in Litauen von Polen und später Russen unterdrückt wurde, predigte man in Ostpreußen, wo es gewünscht wurde, weiterhin litauisch. Amtliche Dekrete erschienen oft in deutsch und litauisch. Christian Panalitius-Kristijonas Donelaitis (1714-178o), ein Zeitgenosse und Untertan Friedrichs des Großen, war Pfarrer von Tolmingkehmen (Kreis Goldap). Ein Drittel seiner Gemeinde sprach litauisch, zwei Drittel deutsch.
Die ländliche Umgebung war zunächst litauischsprachig und dann zweisprachig. Die Stadt blieb von 1252 bis 1945 eine durch und durch deutschsprachige Stadt, in der nur ein kleiner Prozentsatz der Bewohner eine andere, meist die litauische Sprache benutzte.
Simon Dachs Vater wirkte im Memeler Schloß als Dolmetscher für litauisch. Memel war die mit Abstand am weitesten nördlich gelegene Stadt des geschlossenen deutschen Sprachgebiets.
Diese Dinge müssen betont werden, weil nationalistische Töne im Tourismus diese Tatsachen bewußt verfälschen! Warum eigentlich? Memels ursprüngliche Marienkirche (Maria ist die Schutzpatronin des Deutschen Ordens) fiel 1529/3o der Befestigung zum Opfer. Nach 1562 entstanden die 1.Johanniskirche und die Landkirche für den litauischsprachigen Gottesdienst. Kaum 100 Jahre später mußten beide Kirchen wegen Überschwemmungsgefahr neu gebaut werden, bis sie (zusammen mit der reformierten Kirche von 1681) dem Stadtbrand von 1854 zum Opfer fielen.
Die Landpfarrkirche St. Jakobi und die reformierte Kirche wurden an der Friedrich-Wilhelm-Straße aufgebaut. An der Marktstraße baute August Stüler die neue St.Johanniskirche (1856-1858) mit ihrem 75 m hohen Turm, dem Wahrzeichen der Stadt, bis der Atheist Stalin kam.
1618 fiel das Herzogtum Preußen durch Erbgang an die brandenburgischen Hohenzollern in Berlin, deren Territorium sich nunmehr (wie das deutsche Sprachgebiet) zwischen Maas und Memel ausdehnte.
Memel mußte 1629-1635 den Schweden eingeräumt werden, die damals die Ostsee beherrschten. Unter dem Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm (l64o-1688) wurde die Festung Memel 1675 und 1676 gegen die Schweden verteidigt und 1679 verfolgte der Große Kurfürst persönlich die Schweden über das Eis des Kurischen Haffs. Der Große Kurfürst kümmerte sich um Memel. Er ließ die Festung ausbauen und verwandelte den bisherigen Botenkurs über die Nehrung nach Süden in eine Postverbindung, die zweimal wöchentlich von Memel über Königsberg und Berlin nach Kleve am Rhein führte. Unter den evangelisch-reformierten Kurfürsten kamen Niederländer, Schotten, Engländer als Kaufleute und französische Hugenotten als Glaubensflüchtlinge nach Memel und gründeten die reformierte Kirchengemeinde. Memel wurde zur blühenden Handelsstadt.
Am 18.1.1701 krönte sich der bisherige Kurfürst Friedrich III in der Königsberger Schloßkirche zum König Friedrich I. in Preußen. Am Vorabend wurde der Schwarze Adler Orden mit der Devise
"Suum cuique"= Jedem das Seine gestiftet. In den Statuten des Ordens wurde das mit "Gerechtigkeit gegen jedermann" übersetzt.
Preußen wurde zum 1. modernen Rechtsstaat auf dem Kontinent.
Das als Programm formuliert war, wurde unter Friedrich dem Großen vollendet: Auch der König steht unter dem Gesetz, vor dem alle Staatsbürger gleich sind.
1709 wird Mümmel, wie die Stadt zur Zeit Simon Dachs hieß, von der Pest (wahrscheinlich Thyphus) erfaßt. 2000 Tote, das wird mehr als ein Drittel der Bevölkerung gewesen sein, waren zu beklagen. Im gleichen Jahr endete durch den Sieg Peters des Großen bei Poltwa die schwedische Großmachtstellung an der Ostsee. An Schwedens Stelle tritt Rußland.
Von 1709 an beeinflußte das Verhältnis zu Rußland Memels Geschick entscheidend (bis heute!). Polen-Litauen wurde zum russischen Satelliten. Russische Truppen standen 1709 - 1992 in Polen und Litauen und bestimmten mit fester Hand den politischen Kurs. Das bekam auch das benachbarte Memel in guten und vielen schlechten Tagen zu spüren.
Kurland und Litauen waren von 1795 bis 1915 direkt ein Teil Rußlands.
Friedrich Wilhelm I., der geniale Bürger- und Soldatenkönig, (1713-l740) richtete mit Kaiser und Zar Peter dem Großen eine reitende Post(1713) von Memel nach St. Petersburg ein, die wichtigste Verbindung von Mitteleuropa zur russischen Hauptstadt.
1717 führte der König die allgemeine Schulpflicht für Mädchen und Jungen ein. 1750 war sie landesweit durchgesetzt. Preußen war das 1.große Flächenland der Welt mit der allgemeinen Schulpflicht, Frankreich erhielt sie 1880, Großbritannien l882, Rußland 193o.
Damals erlebte der Memeler Schiffbau einen gewaltigen Aufschwung. Um 1730 wurden jährlich etwa 30 Schiffe vom Stapel gelassen, 1749 waren es 110.
1758 bis 1762 annektierte Kaiserin Elisabeth von Rußland im Rahmen des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) 0stpreußen und damit auch Memel.
Vom 1. bis 6. Juli 1757 belagerten l0.000 Russen die Festung von der Land- und Wasserseite.110 Häuser wurden zerschossen. Zwar versprach General Fermor den preußischen Soldaten freien Abzug, aber sie wurden dennoch, als sie der Übermacht erlagen, nach Rußland verschleppt.
Als Morgengabe brachten die russischen Soldaten den Fleckthyphus mit, er forderte im Hauptamt Memel 8.000 Tote.
Andererseits führten sie ein flottes Leben, was den Ostpreußen behagte und brachten Geld unter die Leute.
Auf der Nehrung wurden die Eichenwälder gefällt und als Schiffsbauholz vertrieben, wodurch sich der an sich schon lebhafte Memeler Holzhandel belehrte. Trotz aller Kollaboration mit den Russen verdient hervorgehoben zu werden, daß der Memeler Kaufmann Roerdanß Getreide und Geld nach Kolberg schaffte, um Friedrich den Großen treu zu unterstützen.
Nach dem Siebenjährigen Krieg kam es zu einem neuen wirtschaftlichen Aufschwung der "Königlich Preußischen See- und Handelsstadt". Sie zog mit Königsberg gleich. Holz, besonders Holz für den Schiffsbau wurde aus den ostpreußischen und litauischen Wäldern über Memel exportiert, ebenso Flachs. Für die zahlreichen englischen Kaufleute entstand eine eigene Kirche. Dank Friedrich dem Großen wurde Preußen das 1.Land der Welt, in dem Glaubensfreiheit herrschte. Ein jeder konnte nach seiner Facon, das heißt, nach seiner Konfession leben und selig werden. Die Existenz der katholischen Gemeinde in Memel seit der Zeit Friedrich des Großen (1784)ist ein Beleg und Beweis für diese Tatsache.
Die heutige Kirche "Königin des Friedens" in der Töpferstraße wurde 1853- 1856 erbaut. Preußen war ein übernationaler Staat. Einmal aus christlicher Verantwortung und dann auch aus dem Denken der Aufklärung heraus. Erst nach 1871 im Zeichen des Nationalismus im jungen Deutschen Reich kam es zu vorübergehenden Spannungen zwischen Deutschen und Litauern in Ostpreußen. Sonst aber ist gerade Ostpreußen, wo Gottesdienste in litauischer und polnischer Sprache gehalten wurden, ein gutes Beispiel für das übernationale Denken im Königreich der Hohenzollern.
Vom 8. Januar 1807 bis zum 15. Januar 1808 weilten König Friedrich Wilhelm III. (1797-1840, geboren 1770) und Königin Luise (1776 - 18l0) in Memel.
Aus preußischer und deutscher Sicht ist dieses Jahr der Höhepunkt der Memeler Geschichte, hat doch dieses Memeler Jahr Auswirkungen auf die europäische Geschichte.
Hier in Memel wurde die Bauernbefreiung von der Erbuntertätigkeit verkündet. Nach der tiefen Demütigung im Frieden von Tilsit begannen hier die preußischen Reformen.
Hier wurden gültige Maßstäbe für die weitere Entwicklung gesetzt. Ein "Hauch beseligener Frische" geht von diesen Reformen aus. Dazu gehört auch die Gründung der modernen Universität in der Einheit von Forschung und Lehre. Was in Berlin mit der Friedrich Wilhelms- Universität 1809 realisiert und weltweit vorbildlich wurde für alle Universitäten -bis heute!-, begann in Memel. Hier empfing der König verjagte Professoren der Friedrichs-Universität Halle an der Saale (unter Führung der Professoren Schmalz und Reyl) und sagte zu ihnen: was man " an physischen Kräften" verloren habe, müsse "der Staat durch geistige Kräfte ersetzen".
Die Stein-Hardenbergischen Reformen werden selbst von den zahlreichen Gegnern Preußens noch heute als vorbildlich angesehen.
Jede Begegnung mit der Königin Luise war für ihre Zeitgenossen beglückend (selbst für den Erzfeind Napoleon) und auch heute -ich gestehe es gern- bin ich, wenn ich etwas von ihr lese, über sie spreche oder ihren Spuren begegne, innerlich bewegt.
In dieser Stadt und im Memelland bis Piktupönen hat sie bis heute lebendige Spuren hinterlassen. 1999 wurde am Haus Consentius- Lorck, dem späteren Rathaus, der jetzigen Industrie- und Handelskammer (dank der Ännchen von Tharau-Gesellschaft und Frau Maja Ehlermann- Mollenhauer) eine Tafel für Königin Luise angebracht, denn dort hat das Königspaar gelebt. Wer dabei war, freute sich der großen Anteilnahme. Hiesige Historiker hatten eine Ausstellung über Königin Luise aufgebaut, die dem Fachmann und begeisterten Preußen derart gefiel, daß er nur sagen konnte: besser kann man das nicht machen.
Königin Luise interessierte sich für die preußisch-litauischen Frauen auf dem Lande und suchte den Kontakt.Sie wollte Bildung und Gesundheit heben. Das Lehrerseminar bei Insterburg, wo die litauischsprachigen Lehrer für die zweisprachigen Schulen studierten, hieß ihr zu Ehren: Karalene(= Königin), ging es doch auf ihre Anregung zurück. Auch in der Gegenwart erscheinen ständig neue Bücher über Luise und seit vorigem Jahr haben wir in Neustrelitz, der mecklenburgischen Residenzstadt ihres Vaters und ihres Bruders, Festspiele zu ihren Ehren.
Erstmals hatte sich das preußische Königspaar schon am 10.6.1802 mit Kaiser Alexander I. von Rußland in Memel getroffen. Nach der Niederlage von Jena und Auerstedt 1806 war Memel die einzige preußische Stadt, die nicht von Truppen Napoleons erobert oder belagert wurde.
Die Königin erreichte Memel über die Kurische Nehrung bei eisigen Temperaturen und nahm das Schicksal der Vertriebenen und Flüchtlinge des 20.Jahrhunderts vorweg. Die Lage in Memel selbst war so bedrohlich, daß die Emigration in das Kaiserreich Rußland vorbereitet wurde. Riga sollte das Ziel sein.
Memel hatte 18o7 5.080 Bürger. Die Wohnungsprobleme für Hof und Militär waren erheblich. Einerseits profitierte die Stadt vom Hof, von den guten Absatzmöglichkeiten und vom Schmuggel, um Napoleons Kontinentalsperre zu umgehen, andererseits gab es viele Bettler und Arme.
Der König persönlich unterstützte 148 Arme.
Luise war in Memel oft der Verzweiflung nahe. "Hier muß unser Auge sich erheben und fragend gen Himmel sich richten, denn hienieden gibt es keine Antwort" (schrieb sie ihrer Schwägerin)...,mein Blick wendet sich oft dahin, tränenschwer, und fällt zur Erde zurück ohne Trost. "Ich glaube! Ich hoffe!" An ihren Bruder schrieb sie am Ende des Winters: "Kein Veilchen gibt es hier, doch es grünt in meinem Herzen und meine Zuversicht zu Gott stirbt nicht."
Beim Abschied bedankte sich der König für die Liebe und Treue, mit der die Memeler und Memelländer ihm, seiner Frau und seinem Haus begegnet sind. Aus Dankbarkeit schenkte der König später die große Fläche an der Ostsee : Melneraggen , Plantage, Försterei der Stadt.
Der spätere Kaiser Wilhelm I., der in Memel als knapp 10 jähriger in die Armee eintrat, wohnte im Hause Argelander. An seiner Stelle erhebt sich seit 1893 die uns allen wohlbekannte Kaiserliche Reichspost.
Nirgendwo sonst hat die Kaiserliche Post ein Dienstgebäude mit Glockenspiel errichtet -ein Zeichen der Dankbarkeit an die Memeler -.
Nach dem Scheitern Napoleons in Rußland rückten die Russen am 27.12.1812 in Memel ein und wurden (noch vor der Konvention von Tauroggen am 3o.12.)als Befreier begrüßt. Zunächst aber traten sie als Eroberer auf und gaben zu erkennen, daß sie Ost- und Westpreußen bis zur Weichsel annektieren wollten.
An der Erhebung gegen das französische Joch beteiligte sich Memel mit 79 Freiwilligen, die auf eigene Kosten zur Schlesischen Armee gingen. 194 Bürger meldeten sich zur Landwehr, 1.500 Mann gingen zum Landsturm. 50.000 Taler wurden als freiwilliges Opfer für das Militär gespendet.
Bis vor 30 Jahren hörte jeder deutsche Schüler, im Zusammenhang der Niederlage 1806/07 und dem Frieden von Tilsit, von Memel. Es gab wohl keine preußische Stadt dieser Größe, die so bekannt und berühmt war wie Memel.
Ich denke, daß in absehbarer Zeit der Geschichtsunterricht wieder so weit sein wird.
Alle Völker Europas bekennen sich zu den Höhen und Tiefen ihrer Geschichte, die Deutschen allein können und dürfen da keine Ausnahme machen. Selbstverständlich wünsche ich mir, daß auch litauische Schüler erfahren, was sich an großer Geschichte in Tilsit, Memel und Tauroggen abgespielt hat.
Der Wiener Kongreß schuf 1815 eine vorbildliche Friedensordnung, die hundert Jahre gegolten hat. Nur kleine Kriege unterbrachen die insgesamt glückliche Zeit.
Ich gebe die Hoffnung nicht auf, daß nach dem Zusammenbruch des Kommunismus 1989/90, dem größten geschichtlichen Ereignis, das die meisten von uns erlebt haben, es gelingt, mit Hilfe der NATO und der Europäischen Union eine ähnlich stabile Ordnung des Friedens für Europa zu schaffen.
Nach 1815 erlebte Memel einen langsamen, aber stetigen Aufstieg. Hatte die Stadt 1815 7.700 Einwohner, so waren es 1900 20.000. 1833 wurde der bisherige Postweg von Berlin nach St. Petersburg über Memel aufgegeben und über Tilsit und Tauroggen geleitet.
Am 4. Oktober 1854 entstand inmitten der Holzplätze (an der Dange) ein Brand, der fast 3.000 Menschen obdachlos machte. Der Wiederaufbau nach 1854 prägt bis heute das Bild der Altstadt; auch unser Theaterbau stammt aus dieser Zeit.
Unter König Wilhelm I.(1861-1888) entstand der König Wilhelm-Kanal. Das auf dem Memelstrom geflößte Holz wurde sicher auf ihm zum neuen Memeler Holzhafen geflößt und war nicht mehr von den Winden des Kurischen Haffs an der Windenburger Ecke gefährdet.
Friedrich der Große hatte 1770 die alte Festung aufgegeben.
Von 1866 bis 1900 gab es ein Fort in der Plantage (bei Bommelsvitte).
Das Wilhelmsfort oder Fort Südesspitze auf der Nehrung kennen wir alle. Der interessante Bau, nicht ohne ästhetischen Reiz, beherbergt seit 1979 das vorbildliche Meeresmuseum. Ob vom Wilhelmsfort je ein Schuss abgefeuert wurde?
Erst 1875 wurde Memel über Heydekrug, Pogegen, Tilsit an das Eisenbahnnetz angeschlossen. Wichtiger blieb der Wasserweg. Noch um 1900 ging mehr als die Hälfte des Memeler Exports nach England.
Der Reichtstagswahlkreis Memel- Heydekrug verfügte von 1867 -1891 über einen weltberühmten Reichstagsabgeordneten ,den Strategen Graf Helmuth v.Moltke. Der Sieger von Königgrätz und Sedan sprach häufig zu militärischen Fragen im Reichstag und wurde als Konservativer immer wieder in Memel demokratisch gewählt.
Das Deutsche Kaiserreich von 1871 war der 1.große Staat der Welt, in dem das demokratische Wahlrecht galt: allgemein, frei, gleich und geheim .
Frankreich erhielt das Wahlrecht 1875, Österreich 19o7 und Großbritannien 1918.
Freilich galt es nur für Männer.
Das Kaisereich war im Übergang von der konstitutionellen zur parlamentarischen Monarchie.
Es war auch seit der Sozialgesetzgebung ab 1881 der erste Sozialstaat der Welt.
Die Bauten der glücklichen und wohlhabenden deutschen Kaiserzeit vor 1914 bestimmen bis heute das Stadtbild: Luisenschule, Hotel Viktoria, das frühere Rathaus in der äußeren Formen von 1876, der alte Bahnhof (der überraschender Weise neben dem neuen stehen blieb), die Kaiserliche Post von 1893, das Königliche Lehrerseminar von 1908, die Auguste Viktoria-Schule von 1911 und die Kaserne, erbaut für das 3. Bataillon des Königlich Preußischen Infanterieregiments Nr.41 v. Boyen (der Stab und. die beiden anderen Bataillone lagen in Tilsit), heute von der jungen Universität genutzt.
Wie überall in den preußischen Ostprovinzen prägten auch in Memel preußische Amtsgebäude das Stadtbild (Schlesien, Pommern, Ost- und Westpreußen).
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs am 1.8.1914 bedeutete die Weltrevolution. Es begann der 30 jährige Krieg des 2o. Jahrhunderts, -der von kurzen Waffenstillständen unterbrochen- bis 1945 dauerte.
Es folgte ein 45 jähriger Kalter Krieg, der das Leben der meisten von uns entscheidend bestimmte. 1990 öffnete sich uns die Chance für einen wirklichen Frieden.
Vom eigentlichen Russenansturm auf Ostpreußen im August l914 blieb Memel zunächst verschont. Als Ostpreußen aber schon wieder von den Russen befreit war, wurde Memel am 17. März 1915 von Krottingen her erobert. Die schwachen Landwehr- und Landsturmeinheiten konnten gegen die Übermacht kaum Widerstand leisten und zogen sich auf die Nehrung zurück. 485 Bewohner des Kreises wurden nach Rußland verschleppt. Schon am 21.März wurde Memel von Heydekrug her befreit. Beim Rückzug sprengten die Russen den Wasserturm. Es verdient erwähnt zu werden, daß eine Telefonistin der Kaiserlichen Post in der Lindenstraße tapfer ausharrte und die deutsche Seite mit Nachrichten über das russische Militär versorgte.
Die Niederlage 1918 und das Ende der Monarchie erschütterten auch die besonders königstreuen Memelländer, ob sie nun deutsch oder litauisch sprachen.
Es begann eine Zeit der Unruhe und Ungewißheit, des Unfriedens, die letzthin erst 1990 mit der tapfer errungenen Unabhängigkeit Litauens und dem Abzug der russischen Truppen 1992/94 endete. Wir haben die sowjetischen Panzer am Lenin-Denkmal von Memel nicht vergessen.
Bei den Friedensverhandlungen in Versailles 1919 konnten sich die Sieger über das Schicksal Memels nicht einigen.
Deutschland hatte im März 1918 (Friede von Brest Litowsk) erreicht, dass Litauen das Selbstbestimmungsrecht erhielt und als eigenes Land von Deutschland und Rußland anerkannt wurde.
Litauen forderte das Memelgebiet in Versailles.
Polen aber forderte ebenfalls das Memelland und hätte am liebsten ganz Litauen und ganz Ostpreußen sich einverleibt.
Da Polen sich des besonderen Vertrauens der Franzosen und Briten erfreute, standen Litauens Karten schlecht. Im Artikel 99 des Friedensdiktats vom 28.Juni 1919 verzichtete Deutschland "zugunsten der alliierten und assoziierten Mächte" auf das Memelgebiet.
Das Deutsche Reich verpflichtete sich, die irgendwann einmal zu treffenden Bestimmungen der Siegermächte über die Zukunft des Gebiets zu akzeptieren.
Memels Schicksal blieb also offen und es dauerte sechs Jahre bis die hohen Herren eine gewisse Lösung fanden. Es war die späteste territoriale Festlegung aufgrund des Versailler Vertrages, noch später als in Oberschlesien.
Zwischen dem 11. und 13. Februar 1920 verließen die deutschen Truppen Memel; französische Hochgebirgstruppen (wie passend !) besetzten Memel. Franzosen regierten fortan in Memel.
Der litauische Staat setzte dem mit Hilfe der litauischen Armee am 10.1.1923 ein Ende.
Zu recht fürchtete man in Litauen, daß aus dem Memelland ein Freistaat nach Danziger Vorbild werden könne. Der von Kaunas vorbereitete Einmarsch von (nicht uniformierten litauischen Soldaten wurde nur von einigen wenigen litauisch gesinnten Memelländern unterstützt.
Die von litauischen Historikern aufgrund eindeutiger Aktenfunde längst widerlegte Behauptung, es habe sich um eine Erhebung der im Memelland unterdrückten Kleinlitauer gehandelt, sollte auch in der litauischen Öffentlichkeit aufgegeben werden.
Niemand will im heutigen Europa, in der Europaischen Union Grenzen verschieben.
Im Zeichen des Schengener Abkommens sind Grenzen bloße Verwaltungslinien.
Es besteht Niederlassungsfreiheit. Jeder kann Grund und Boden dort erwerben, wo er lebt.
Diese neue Lage erlaubt uns Wahrhaftigkeit in bisher empfindlichen nationalen Fragen.
Die Franzosen und die Memeler Landespolizei leisteten mehrtägigen Widerstand. Es sind auch französische Soldaten gefallen. Bald jedoch wurden die französischen Soldaten von französischen Schiffen abgeholt.
Der beschränkte Widerstand der Franzosen hing auch damit zusammen, daß sie selbst am gleichen Tag (am l0.1.1923) in das deutsche Ruhrgebiet einfielen und es okkupierten, was die litauische Seite vermutlich wußte und geschickt einplante.Jedenfalls waren die Franzosen militärisch im Januar 1923 mehr als strapaziert "die Memele war zu ferne gelegen". Deutschland war eine litauische Souveränität lieber als eine französische und insbesondere als eine drohende polnische Abhänigkeit des Memelgebiets. Mit Litauen konnte das Reich hoffen, einen vernünftigen modus vivendi zu finden. Leider kam es dazu nicht. Litauen übernahm die Souveränität und gewährte Autonomie. Frankreich Großbritannien, Italien und Japan unterzeichneten am 5.Mai 1924 mit Litauen die Memelkonvention, die die Autonomie innerhalb Litauens festlegte.
Ein gedeihliches Miteinander entstand nicht.
Litauen versuchte die Memelländer zu Litauern zu machen und bei den Memel-Deutschen, bei allen Deutschen in der Welt, war der Wunsch nach einer Revision des Versailler Diktats das einzige, was alle politischen Lager verband. kurzum: der Nationalismus der Epoche verhinderte einen Ausgleich. Trotz massiver und organisierter Einwanderung von Litauern, insbesondere von Beamten und anspruchslosen Arbeitskräften, trotz der Industrialisierung und den Hafenausbau konnten die litauisch gesinnten Parteien nur 2 bis 5 von 29 Abgeordneten im Memeler Landtag gewinnen.
Ständig gab es Konflikte zwischen dem deutsch gestimmten Direktorium in Memel und der Regierung in Kaunas.
Von 1926 bis 1938 galt im Memelland der Kriegszustand.
Das Unverständnis der Groß-Litauer für die örtlichen Verhältnisse verärgerte auch die kleinlitauisch gesinnten Memelländer.
Das konfessionelle Element die Preußischlitauer waren und sind evangelisch-lutherisch - und das sprachliche Element wurden in der Literatur unterschätzt. Wer weiß, daß es selbst nach 1945 Erhebliche sprachliche Verständnisschwierigkeiten zwischen Klein- und Großlitauern gab?
Nach 1933 wurden die deutschen Memelländer wie kaum vermeidlich- stark vom Nationalsozialismus beeinflußt.
1934 wurden 126 Memelländer in Kaunas angeklagt, "die Sicherheit des litauischen Staates gefährdet zu haben." 87 wurden zu hohen Freiheitsstrafen und 4 zum Tode verurteilt.
Gewiß auch aus Rücksicht auf die wachsende Macht Deutschlands wurden die Todesurteile nicht vollstreckt und die Verurteilten relativ bald entlassen.
Die freien Wahlen vom 11.12.1938 brachten bei einer Wahlbeteiligung von 97 % für die deutsche Einheitsliste 87,2 % und 12,8 % der Stimmen, für die litauischen Listen. Im Landtag saßen 25 deutsche und 4 litauische Abgeordnete.
Ende 1938 äußerte Litauen seine Bereitschaft, mit Deutschland über alle schwebenden Fragen zu verhandeln. Erst im März 1939 nahm Hitler diesen Faden auf. Auf deutschen Druck (man sprach von möglichen Unruhen im Memelgebiet, die das deutsche Militär zum Eingreifen zwingen könnten) war Litauen sogleich bereit, auf Memel zu verzichten (21.3 ).
Am 23.März marschierten deutsche Truppen in Memel ein. Während Hitler vom Balkon des Theaters sprach, verließen Juden und Litauer die Stadt und flohen nach Litauen.
Wie die meisten Grenz- und Auslandsdeutschen sahen die Memelländer nur die Erstarkung Deutschlands und verkannten die totalitären Strukturen.
Wie das russische Volk nur ein Instrument in der Hand der Kommunisten war, war das deutsche Volk ein Mittel zu weltumgreifenden Plänen, die ohne Rücksicht auf Menschenwürde, Menschenrechte und auf menschliches Leben durchgesetzt werden sollten.
Es hat wohl noch niemand untersucht, daß parallel zur Aussiedlung der 4o.ooo Litauendeutschen aus der damaligen Litauischen Sowjetrepublik nach Deutschland 1940/41 tausende von Memelländern, die ihre litauische Identität betonten oder zur deutschsprachigen Linken gehörten, von den Nationalsozialisten nach Osten abgeschoben wurden.
Im Oktober 1944 wurde die Stadt von der Zivilbevölkerung geräumt.
Am 10.10.1944 hatten die Sowjets bei Polangen die Ostsee erreicht und die Kurlandarmee abgeschnitten. Heydekrug hatten sie bereits am 9.lo.l944 erobert.
Erst am 28.1.1945 besetzte die Rote Armee das kaum verteidigte Memel. Stalins totalitäre Ordnung senkte sich auf Stadt und Land herab.
Am 18.11.1989 wurde in Memel auf Initiative der Ännchen von Tharau-Gesellschaft, entscheidend unterstützt von den Litauern, der Simon Dach-Brunnen wieder aufgestellt. Heinz Radziwill und Dieter Willoweit als Initiatoren sollen hier genannt werden.
Die deutschsprachigen Memelländer erschienen zu der Feier. Das schlimmste und nachhaltigste Erbe der 45 jährigen sowjetische Besatzung in Deutschland ist der Atheismus.
In Memel haben Stalin und seine Jünger dafür gesorgt, daß die Kirchen beseitigt wurden. Die Stadt sollte sozusagen geköpft, ihre Geschichte vergessen werden.
Daß die Litauer als erstes Volk im Kolonialreich UdSSR ihre Selbständigkeit tapfer erkämpften, konnte nicht verwundern.
Wer 1967 mit der ersten westdeutschen Reisegruppe in Wilna starke Eindrücke vom Freiheitswillen und dem nationalen Selbstbewußtsein der Litauer empfing , war nicht überrascht.
Das Simon Dach-Haus und die deutsche Schule in Memel bezeugen das deutsch-litauische Miteinander in Memel.
Wie kann die Zukunft der heute 750 jährigen Stadt aussehen ?
Der Beitritt Litauens zur Europäischen Union wird der Stadt endlich eine Blütezeit bescheren.
Wir hoffen, daß deutschgesinnte Memelländer im Rahmen des in Europa selbstverständlichen Rechts auf den Gebrauch der Muttersprache in der Öffentlichkeit dabei mitwirken.
Deutsche,die sich auf die litauische Leitkultur einlassen und hier für kurze oder längere Zeit arbeiten und wohnen wollen, sollten willkommen sein , so wie umgekehrt Litauer in Deutschland.
Ich ende - wie könnte es anders sein - mit Simon Dach:
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1252 -2002 Frieden und gute Zeit der 75o jährigen Stadt Memel ! |
"Du, werthe Mümmel, gute Nacht! Du müssest glückhaft leben. Kein Wehmuth, kein Verlust, kein Leid. Geb Ursach Dir zu trauern; Empfinde Fried und gute Zeit. Stets inner Deinen Mauern ! "
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