Das Memelland ist ein Teilgebiet des bedeutenden preußischen Pferdezuchtgebietes. Ostpreußen deckte bis zum ersten Weltkrieg und auch noch lange danach weit über die Hälfte des Remontebedarfs des Heeres.
Die Blüte der Pferdezucht ist mit dem Namen des Hauptgestütes Trakehnen, einer Schöpfung Friedrich Wilhelm I, unlösbar verbunden.
Das Memelland besaß einen ständigen Pferdebestand von über 30 000 Tieren. Urahnen des edlen ostpreußischen Halbblutes, das auch im Memelland gezüchtet wurde, sind die halbwilden Pferde der Pruzzen und Litauer. Diese wurden u. a. in der Stuterei Georgenburg schon zu Ordenszeiten mit den aus Thüringen, Holland und Dänemark mitgebrachten schweren Schlägen gekreuzt. Auf diesem Unterbau wurde 1732 das Trakehner Stutamt gegründet, wo nach anfänglichem planlosen Herumzüchten durch Verwendung von orientalischen und englischen Vollbluthengsten das einheitliche Modell des Trakehner Edelhalbblutes geschaffen wurde.
Vom litauischen "Panjepferd" erhielt der Trakehner die Genügsamkeit, vom Orientalen die edle Form, die Gewandtheit und Gelehrigkeit, vom englischen Vollblut Drahtigkeit, zähes Stehvermögen und Tempo. Die Pferde mit dem Elchschaufelbrand auf dem rechten Hinterschenkel wurden nicht nur in Deutschland zu einem Begriff. Die Halbblüter sind anders als die Kaltblüter keine Schritt-, sondern Laufpferde. Wenngleich ihre große Zeit mit der Motorisierung der Armeen vorüberging, erfreuen sie sich als Reitpferde nach wie vor großer Wertschätzung.
Eigentliche Züchter der Remonten waren kleinere und mittlere Landwirte, sie verkauften die Absatzfohlen für 300-400 Mark, gute Hengstfohlen auch bis zu 600 Mark an die großen Güter, die die weitere Aufzucht der Remonten übernahmen. 1909 betrug der Durchschnittspreis für ostpreußische Remonten 1065 Mark. Wichtig für die Begründung einer Pferdezucht war der Besitz einer Stute mit dem doppelten Elchschaufelbrand des "Ostpreußischen Stutbuches für edles Halbblut Trakehner Abstammung" Pferde, die von einer Stutbuchstute und von einem Haupt- oder Landbeschäler oder einem angekörten Privathengst abstammten, erhielten als Wertmarke den Litauischen Kontrollbrand mit einer Elchschaufel, über der eine stilisierte Reichskrone schwebt.
Nach dem ersten Weltkrieg wurde die Pferdeausfuhr schwierig, und die Pferdezucht mußte sich zum großen Teil auf die Deckung des Bedarfs an Spannpferden beschränken. Neben dem ostpreußischen Stutbuch, das 1937 etwa 400 eingetragene Stuten umfaßte, wurde 1920 ein Pferdestammbuch Memelland e. V. geschaffen, in dem 800 Stuten eingetragen waren.
Beide Verbände hatten das Ziel, die Trakehnerzucht auch während der Abtrennungszeit rein zu erhalten und zu verbessern. 70 % der Pferdezucht lagen im Kreis Pogegen, 20 % im Kreis Memel. 1937 gab es 49 gekörte Stutbuchhengste, davon 13 auf großen Gütern, 26 bei Bauern und 10 bei Hengsthaltungsgenossenschaften. 1921 konnten die memelländischen Bauern 3129 Pferde ausführen, fast alle ins Reich. 1926 war die memelländische Pferdeausfuhr auf 1143 Pferde gefallen, 1931 sogar auf 325 und 1935 auf 87.
Diese Ausfuhrzahlen verstehen sich ohne Fohlen. 1935 und 1936 durften keine Fohlen nach Deutschland ausgeführt werden. Erst im Herbst 1936 konnten wieder einige Remonten und Volljährige in Tilsit verkauft werden. Allerdings kaufte 1936 das litauische Heer über 1000 Remonten im Memelland. Um diese Zeit erhielten jährlich rund 700 Füllen den Kontrollbrand, von denen mindestens die Hälfte als Ein- und Zweijährige zum Verkauf standen.