An der Sziesze blauen Fluten liegt das schöne Coadjuthen.
Dieses kleine Verschen weckt heute noch bei so manchem der Erlebnisgeneration Erinnerungen an diesen Ort. Dort, wo das Flüßchen Sziesze aus seinem litauischen Quellgebiet kommend die litauisch-deutsche Grenze überquert hat, liegt nur ca. 3km von dieser Grenze entfernt Koadjuthen, das bis Ende des 18. Jh. ausschließlich "C" also Coadjuthen geschrieben wurde. Es war ein freundlicher Kirch- und Marktort, der beinahe städtischen Charakter trug: die Häuser waren massiv, ein großer Marktplatz war vorhanden und er besaß ein Postamt, einen Arzt, eine Apotheke, zwei Drogerien, zwei Bäckereien, eine Fleischerei sowie 13 Kaufläden mit Gastwirtschaften und Filialen der Kreissparkasse und der Raiffeisenkasse. Im Gegensatz zu dem weiter südlich gelegenen Grenzort Laugßargen hatte Coadjuthen keinen Bahnanschluß. Doch 14 km südlich lag die Bahnstation Stonischken an der Strecke Tilsit - Memel, wohin es eine Busverbindung gab.
Nach dem Sieg der vereinigten Polen und Litauer über den Deutschen Orden bei Tannenberg im Jahre 1410 wurde die Macht des Ordens gebrochen. Im endgültigen Friedens- vertrag von Melnosee 1422 wurde die Grenze zwischen Litauen und Preußen festgelegt, wobei der Orden einen großen Teil des Landes nordöstlich der Memel verlor. Es handelte sich um das Land des litauischen Stammes der Schameiten (lit.: Zemaitija). Die Grenzziehung verlief ungefähr durch Coadjuthen und es wurde in der Folge lange Zeit um den Ort gestritten. So gehörte zu Beginn des 16. Jh. Coadjuthen dem Sohn des poln. Königs Sigmund, der dies Gebiet verwaltete. Herzog Albrecht von Brandenburg, der im Jahre 1511 vom Dtsch. Orden zum letzten Hochmeister gewählt wurde trat 1522 zum Protestantismus über. Auf Luthers Rat wandelte er den Ordensstaat in ein weltliches (protestantisches) Herzogtum unter polnischer Lehenshoheit um (Vertrag von Krakau vom 8.4.1525).
Danach (oder dadurch?) fiel Coadjuthen an Preußen und wurde nun vom Tilsiter Burggrafen verwaltet.
In vielen litauischen Publikationen wird behauptet, daß nur die Stadt Memel deutsch, das Memelland aber immer von Litauern besiedelt gewesen sei. Gewiß gab es, wie im gesamten ostpreußischen Grenzgebiet, auch in der Coadjuther Gemeinde zahlreiche Familien litauischer Herkunft. Bereits seit dem Ende des 15. Jh. sickerten sie lautlos in das Gebiet des Ordens, später in das Herzogtum Preußen, ein. Es handelte sich anfänglich um Flüchtlinge aus wirtschaftlichen und später auch aus religiösen Gründen. Der Orden hatte diese " Läuflinge", wie die Flüchtlinge damals genannt wurden, nicht gerufen aber sie waren ihm und nach 1525 auch den Behörden des Herzogs willkommen und wurden bei der Besiedlung der sogenannten "Wildnis" nach Kräften gefördert. Sie wurden zu treuen preußischen Bürgern auch wenn sie ihre litauische Muttersprache beibehielten.
Das Auf und ab im täglichen Geschehen sowie den Status der überwiegend litauisch sprechenden Bevölkerung erkennt man am besten, wenn man sich die Chronik des Kirchspiels von Coadjuthen ansieht. Obwohl die Gemeinde schon 1568 fundiert war, wurde die erste Kirche nebst Pfarrhaus erst 1574 unter Herzog Albrecht Friedrich erbaut. 1656 wurde diese Kirche durch einfallende Schameiten (katholisch) zerstört. Die Fenster wurden zerhauen und die Glocke geraubt. 1678 wurde die Kirche zum zweiten Male durch Schameiten "aus Polen" (Litauen wurde damals von polnischen Adligen beherrscht) geplündert. Die Gräber wurden geöffnet, die Leichen herausgeworfen und der Altar geschleift. 1679 kamen die Schweden nach Coadjuthen und verfeuerten das Holz der Kirche mitsamt den Türen. 1685 baute man sich einen neuen Turm. Trotzdem blieb die Kirche lange Zeit sehr baufällig. Erst unter Pfarrer Johann Richter, der aus Memel nach Coadjuthen kam, gelang der Bau eines neuen Gotteshauses, in dem am 1. Weihnachtsfeiertag 1733 der erste Gottesdienst abgehalten werden konnte. 1734 wurde auch das Pfarrhaus neu errichtet. Diese Kirche steht heute noch.
Seit Gründung des Kirchspiels 1574 wurde hier, wie überall in "Preußisch-Litthauen" deutsch und litauisch gepredigt. Zunächst im vierzehntägigen Wechsel, seit 1681 jedoch allsonntäglich in beiden Sprachen. Da am Anfang ein großer Mangel an Pfarrern war, die deutsch und litauisch predigen konnten, bediente man sich einiger Laien, die ihre Sache mehr schlecht als recht machten.
Der erste Pfarrer war der Hutmacher Thomas Sitt, der 16 Jahre amtierte. Ihm folgte Florentinus Krause, der an der neu gegründeten Universität in Königsberg auch die litauische Sprache erlernen mußte.
Die 1733 erbaute Kirche steht heute noch. Leider wurde sie von den Kommunisten ihres Turmes und der Glocken beraubt. Die letzten Pfarrer waren Bömeleit, Müller, Strasdas und Sziel.
Wie wenig die memelländischen, protestantischen Litauer mit ihren doch ebenfalls christlichen, wenn auch katholischen, Vettern aus Schameiten noch gemein hatten, geht aus den obigen Schilderungen der Überfälle hervor.
Doch nicht nur die Kirche und der Friedhof wurden geschändet, die Bewohner erlitten ebenfalls Schaden an Leib und Gut. Aus dem Jahr 1557 gibt es ein noch schwer lesbares Dokument, in dem sich Einwohner von Coadjuthen an Herzog Albrecht mit der Bitte um Schadenersatz wenden. Einer beschwert sich, daß man die Grenze verlegt habe und damit seinen Landbesitz verkleinert habe. Ein Anderer behauptet, die "Heiden" aus der Zemaitija hätten seine Häuser und sein Vermögen verbrannt. Dabei wäre auch sein Sohn umgekommen. Ein Schaden von 240 Gulden wäre entstanden.
All das Ungemach, das die Menschen im Mittelalter erleiden mußten, ging auch nicht an dem Land nördlich des Memelstroms und somit auch nicht an Coadjuthen vorüber. So wurden viele Einwohner um 1662 von der Pest dahingerafft. Zweimal wurde der Ort von großem Feuer heimgesucht. 1757 brannten die Russen das ganze Dorf nieder, in der Nacht vom 3. auf den 4. September 1817 brach aus unbekannter Ursache ein Feuer aus. Doch gelang es dem Gendarm Seiffert zusammen mit dem Heydekruger Leutnant von Adelstein, unter Lebensgefahr das Feuer zu bekämpfen und das Dorf vor erneuter Vernichtung zu bewahren. 1831 wütete die Cholera im Kreis Heydekrug, wobei in Coadjuthen alleine in den ersten Tagen 20 Menschen erkrankten.
Trotz allem ging das Leben weiter. Bereits 1565 ist in Coadjuthen schon ein Krug erwähnt, der sich im Besitz des Christoph Gelber befand. Diesem "seinem lieben Getreuen" verlieh Herzog Albrecht im genannten Jahr 31/2 Hufen Land. 1740 gehörte der inzwischen baufällig gewordene Krug einem David Engel, der Branntwein und Bier aus dem Amt Baubeln holen mußte und die Verpflichtung hatte, nie ohne diese Getränke angetroffen zu werden. In seiner Hökerei mußte er Ingwer, Pfeffer, Essig, Zwiebeln, Teer und Tabak führen.
Zu den ältesten Mühlen des Memellandes gehört sicher die von Coadjuthen. Dort, wo die Sziesze das Dorf durchfließt, gab es schon im Mittelalter eine Wassermühle. Den Verkauf der der Gumbinner Domänenkammer gehörigen Mühle an den Müller George Holdstein wurde von Friedrich dem Großen 1753 höchst eigenhändig bestätigt. Holdstein mußte laut dem königlichen "Erb-Kauf-Contrakt" 1700 Taler Kaufgeld sowie eine laufende Pacht entrichten. Außerdem ging er noch weitere Verpflichtungen ein. Aber damit der Müller stets sein Auskommen hatte, stand den Bauern die Wahl der Mühle nicht frei. Sie waren Zwangs-Mahlgäste, d.h. sie mußten die ihnen zugewiesene Mühle nutzen. Der letzte Besitzer der Wassermühle war August Preugschat, der sie auch elektrisch betreiben konnte; er hatte ihr auch ein Sägewerk angegliedert. Außerdem war auch eine Windmühle vorhanden, die zuletzt von F. Krüger betrieben wurde.
Bis 1944 blühte auch ein reges Vereinsleben mit Schützenverein, Turnverein, Handwerkerverein, Frauenverein, Gesangverein und Orchesterverein. Der letzte Bürgermeister war Otto Brust, Amtsvorsteher Ernst Tramp. Die Schule war dreiklassig. Die letzten Lehrer waren Sprogies, Jurkschat und Frau Spingies. Ein Spritzenhaus, das 1830 entstand, war wegen Alters abgebrochen worden. Die Feuerspritze war beim Kommandanten der Freiwilligen Feuerwehr Otto Wohlgemuth untergestellt.
Unter den Kaufleuten und Gastwirten sind zu nennen Naubur, Westphal, Puschwadt, Tramp, Klein, Freimann, Nelaimischkies, Quesseleit, Karpowitz, Bergner, Haupt und Kwauka.
Von den etwa 45 Bauernhöfen waren die meisten um 50 Morgen groß. Die größte Besitzung umfaßte 120 Morgen, die kleinste 10 Morgen. Zwei Drittel der Häuser trugen Pfannendächer, der rest Strohdächer.
Unter den Handwerkern sind zu nennen: die Zementwerkstätte H. Schiewe, die Tischler Vogt und Schulz, die Schlosser Pokallnischkies und Puplicks. Auch gab es Stellmacher, Polsterer und Kürschner. Bedeutend war auch eine Ziegelei. Der Ort hatte ein eigenes Elektrizitätswerk, wurde aber nach der Rückgliederung an das Deutsche Reich an das ostpreußische Überlandwerk angeschlossen.
Beim Russeneinfall im Februar 1915 wurde auch Koadjuthen von Russen besetzt, die allerdings bald vom Tilsiter Landsturm zurückgeschlagen wurden.
Bis zum Ende des ersten Weltkrieges gehörte Koadjuthen zum Kreis Heydekrug und wurde dann, unter französischer Besatzung, in den neu gebildeten Kreis Pogegen eingegliedert. Dieser Kreis wurde 1939 wieder aufgelöst und Coadjuthen gehörte wieder zum Kreis Heydekrug.
Obwohl beinah über 50% der Bewohner (genaue Einwohnerzahlen sind z.Zt. nicht bekannt) des Kirchspiels Koadjuthen litauisch sprechend waren, wählten sie während der Litauerzeit deutsch. Deshalb setzten die Litauer bei den immer wiederkehrenden Wahlen Militär gegen die erbitterte Bevölkerung ein.
Nachdem der Ort schon im ersten Weltkrieg durch die Russen gelitten und Tote zu beklagen hatte, starben auch im zweiten Weltkrieg zahlreiche Einwohner. Man spricht von etwa 150 Gefallenen und Vermißten. Da die meisten Männer im Kriegseinsatz waren, wurden in der Landwirtschaft zahlreiche belgische Kriegsgefangene eingesetzt. Etwa 200 Evakuierte aus Köln und Berlin mußten aufgenommen werden. Bei der ersten eigenen Evakuierung am 2. August 1944 kamen die Bewohner nach Hohenbruch. Sie kehrten Ende August zurück flüchteten um den 8. Oktober 1944 endgültig. Bereits am 11. Oktober rückten die Russen nach einem Panzergefecht in den Ort ein, der zunächst kaum zerstört war. Die litauischen Neusiedler richteten dann jedoch bedeutende Zerstörungen an, indem sie nach und nach die unbewohnten Gehöfte abrissen und verheizten. Einige alteingesessene Familien, die auf der Flucht überrollt wurden, mußten nach Koadjuthen zurückkehren. Im März 1949 wurden die Familien Kestenus (4 Personen), Pieper (3 Personen) und Pokallnischkies (2 Personen) nach Sibirien verschleppt.
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Der Name "Koadjuten" ist aller Wahrscheinlichkeit aus dem Wort "Koadjutor" entstanden.
Das Wort "Kuadjutor" ist lateinischen Ursprungs und heißt auf deutsch "Gehilfe". Dieses
Wort wurde in der katholischen Kirche für den Gehilfen eines Bischofs verwendet, der mei
stens ein "Titularbischof' ist. Ein Titularbischof wiederum ist ein geweihter Bischof ohne
Jurisdiktionsgewalt, d.h. ohne irgend einen Besitz. In dem Buch "Wir Ostpreußen" von Gun
ter Ipsen findet sich auf S. 100 folgende Bemerkung bei dem Markgrafen Albrecht von Bran
denburg-Ansbach: ". . . .sein Ringen um die enge Verbindung mit Livland, mit jenen noch
dem Orden gehörenden Besitztümern, deren Bistümer er brandenburgischen KOADJUTO-
REN vorbehalten wissen will ". Danach vermute ich, daß das Bistum in dem der fragli
che Ort lag, einem solchen Koadjutoren verliehen wurde und dadurch seinen Namen erhielt.
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Koadjuthen gehört heute zum Rajon Silute (Heydekrug) der Republik Litauen. Sein litauischer Name ist KATYCIAI. Der Sage nach wütete Anfang des 15. Jh. bereits schon einmal die Pest in Coadjuthen, die viele Opfer fand. Die danach neu siedelnden Menschen entdeckten in dem leeren Dorf in einem Haus eine Katze mit kleinen Kätzchen. Daher der lit. Name Katyciai = Kätzchen.
Diese Zusammenstellung erhebt nicht den Anspruch vollständig zu sein. Für fundierte Richtigstellungen bzw. Ergänzungen wäre der Autor dankbar!