Wischwill am Memelstrom

im Wandel der Zeiten


Erinnerungen an das schöne Kirchdorf

Nach Veröffentlichungen v Richard Grigat im "Memeler Dampfboot" vor etwa 40 Jahren (1958 u 1966?)

Aufgenommen in die Wischwill -Chronik Band III - 1999

 von Hans-Erhardt von Knobloch aus Riedelsberg bei Wischwill jetzt Berlin-Dahlem

Richard Grigat kannte noch das alte Wischwill und hat als Mitarbeiter der Zeitung "Memeler Dampfboot" in verschiedenen Artikeln ein Bild der alten Heimat gezeichnet. Seine vor etwa vierzig Jahren verfaßten Erinnerungen an das schöne Kirchdorf zeigen insbesondere die Zeit um die Jahrhundertwende und vor dem ersten Weltkrieg auf und sind damit Dokument eines wichtigen Teiles der Wischwiller Dorfgeschichte.


Bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts bestand der Ort Wischwill aus zwei Teilen: aus Bäuerlich Wischwill, dem Dorfende bei der Kirche, und aus dem Rittergut Adlig Wischwill, dem Gutsende. Das Dorf war nur klein und bestand aus etwa zwei Dutzend mittleren Bauernhöfen und vielleicht 800 Einwohnern inter denen sich ein halbes Dutzend Schifferfamilien befanden. Der Ort enthielt eine alte Kirche mit Pfarramt, fünf Gastwirtschaften, drei Dorfschmieden, ein Stellmacherei, zwei Tischlereien, zwei Bäckereien, einen fliegenden Barbier eine Hebamme und eine Dampferverbindung auf der Memel von Schmalleningken nach Ragnit und Tilsit.
Natürlich dürfen wir den alten Schettlerschen Eisenhammer nicht vergessen der sich durch ständiges Gedröhn im Dorf bemerkbar machte. Die Lage des Hammerwerkes war sehr idyllisch, um einen aufgestauten See standen Tannen und Laubbäume. Da der See vom Wischwillfluß stets neuen Zulauf erhielt, war immer Wasserkraft für das Hammerwerk verfügbar.

In der Nähe dieses Eisenhammers befand sich der Waldspielplatz der Wischwiller, ein herrliches Fleckchen Erde am Ufer des Teiches, von hohen alten Bäumen umstanden. Mit Musik und Tanz wurden hier im Sommer di verschiedensten dörflichen Feste gefeiert, ob sie nun von der Schule, den Sängern, der Freiwilligen Feuerwehr oder den Handwerkern veranstaltet wurden kn diesen Festen nahm immer die ganze Gemeinde großen Anteil.

Gar nicht feierlich war es jedoch in Wischwill, wenn das in jedem Frühjahr eintretende Osterhochwasser hereinbrach. Dann trat die Memel über die Ufer und überschwemmte die fetten Wiesen, die zum Reichtum Wischwills gehörten. Von Kallwehlen bis nach Pagulbinnen war die Flußniederung überflutet. Das in Bewegung geratene Eis wurde bis in das Dorf hineingedrängt, und gar nicht selten war Not am Mann, um noch zu retten, was zu retten war. Zahlreich Bauern mußten ihr lebendes und totes Inventar bei Nachbarn in Sicherheit bringen, um den Hof gegen die Wut des Eises und des Hochwassers zu verteidigen.

Auch die alte Mühle lag manchmal wochenlang wahrend des Hochwassers still, weil das Wasserrad sich nicht drehen konnte. Es gab kein Mehl und später, nachdem das Wasserrad auch einen Generator antrieb, keinen Strom für die Häuser im Ort.

Brachte das Frühjahr die Wassersnot, so gab es im Sommer hin und wieder die Feuersnot. Wischwill ist in weitem Bogen von herrlichen Wäldern umgeben. Wenn die große Hitze den Waldboden ausgedörrt hatte, genügte ein Zigarettenstummel, eine ausgeklopfte Pfeife oder ein Blitzschlag, um den Wald n Brand zu setzen. In der Kaskalnis und auf dem Abschrutberg standen hoch über den Gipfeln des grünen Tannenmeeres die zwei Feuertürme, die in der trockenen Jahreszeit ständig besetzt waren.

Adlig Wischwill war ein schönes Gut. Es besaß 2500 Morgen Ackerland und Wiesen, dazu unermeßliche Wälder. Der Waldbestand an Tannen, Kiefern und Laubholz betrug gut und gern eine Million Stämme. Eigentümer dieses Gutes war zur Zeit, als Richard Grigat in Wischwill lebte, ein Major Schmidt.

Oberhalb des Mühlenteiches lag das Anwesen Riedelsberg. Hier hatte die Papiermacherfamilie Riedel seit 1767 eine Papiermühle für kostbares Büttenpapier und später für gutes Maschinenpapier betrieben. Dieser Betrieb war um 1885 eingestellt worden.

Die Witwe des letzten Papiermachers war Mathilde Riedel. Sie war die Schwester des Wischwiller Rittergutsbesitzers Eduard Cautius, der kinderlos blieb. Dieser vermachte das Gut Adlig Wischwill seiner Schwester. Sie übertrug ihr Anwesen Riedelsberg, wie auch das 1885 ererbte Gut Adl.Wischwill, dem Ehemann ihrer Tochter Maria, dem Major Adolf Schmidt.

Dieser wurde somit der letzte Gutsherr von Adlig Wischwill. Schmidt war als Major beim 1. Dragoner-Regiment in Tilsit aktiv und ließ sich nur von Zeit zu Zeit auf seinem angeheirateten Besitztum blicken, vornehmlich zur Ernte, zu der er vom Regimentstab stets Urlaub erhielt. Gewiß hing er auf seine Weise an dem Gut, aber in Kontakt mit der Wischwiller Bevölkerung kam er nie. Wenn er über seine Felder ritt, begleitete ihn ein berittener Bursche in Uniform und eine große Hundemeute umkreiste die beiden Männer.

Wehe dem Bauern, dessen Kuh sich auf einen Kleeschlag von Major Schmidt „verirrt“ hatte. Sie wurde unbarmherzig in Pfand genommen und erst herausgegeben, wenn die vom Major willkürlich festgesetzte Pfandsumme erlegt worden war. Schlecht erging es auch den Frauen und Kindern, die sich in seiner Waldungen ohne Beeren- oder Pilzschein sehen ließen. Auch sein Verwalter Ambuhl, der viel auf sich allein gestellt war, hielt die Zügel in fester Hand.

Wenn der Herr Major Langeweile hatte, lud er vielleicht den Wischwille Pfarrer zu sich. Mit anderen Dorfbewohnern gab es für ihn keinen Umgang. Trotz  seines sehr bürgerlichen Namens fühlte er sich als vollendeter Aristokrat, dessen Verkehr erst aufwärts vom Ragniter Landrat, einem Grafen Lambsdorff, begann.

 

Als das 19. Jahrhundert seinem Ende zuging, erfolgte für Wischwill ein Aufstieg sonderbarster Art. Schon langst war über das Projekt einer Kleinbahn von Pogegen nach Schmalleningken gesprochen worden, die auch Wischwill berühren würde. Und eines Tages war es dann soweit. Der Gemeindevorsteher schickte den Pulkuszettel herum, der Umlauf, der, in ein Holzstäbchen geklemmt, von Haus zu Haus ging: „Wer nimmt Bahnarbeiter in Unterkunft und Kost?“. Natürlich fanden sich viele Familien, die einen oder mehrere Arbeiter gegen Bezahlung aufnehmen wollten.

Das war eine Sensation für Wischwill, als die Landmesser, die Ingenieure und Arbeiter erschienen und in ihre Quartiere zogen. Ein Landmesser war allein damit beschäftigt, die von der Bahn benötigten Landstücke der Bauern zu vermessen und die Kaufpreise festzusetzen. Denn es wurde alles in bar bezahlt.

Der Bahnbau ging flott von der Hand, bald war der Bahnkörper in der Gemeinde erstellt, und auch erste Wellblechhäuschen für die Stationen Wischwill-Ost und Wischwill-West standen schon da. Dann dauerte es noch vierzehn Tage, bis der erste Zug der Insterburger-Kleinbahn-Gesellschaft IKB nach Schmalleningken durchdampfte. Wie überheblich haben die Leute später über das Bimmelbähnchen gelächelt. Damals war es der Gipfel des Fortschritts, und jeder Wischwiller glaubte, hier ganz stark und ursprünglich den Pulsschlag der modernen Zeit zu hören.

So hatte jetzt ab 1902 das Dorf Wischwill neben der Dampferverbindung auch den Anschluß an das Bahnnetz. Vorbei waren die schrecklichen Winterzeiten, da der Simonsche Schlitten die einzige Verbindung mit Tilsit gewesen war, was im Krankheitsfall von lebenswichtiger Bedeutung sein konnte.

Noch im gleichen Jahr schlug eine andere Nachricht wie eine Bombe ein:

Major Schmidt hatte sein gesamtes 9.000 Morgen großes Rittergut Adlig Wischwill mit allem Wald an die Königsberger Holzfirma Hildebrandt verkauft, er wollte in das vornehmere Berlin übersiedeln. Und der Kaufpreis? Man sprach von einer Million Goldmark. Schon nach kurzer Zeit erschienen Beamte der Firma Hildebrandt, um auf dem Schwedenberg ein Kontor einzurichten und mit der Zählung des Holzbestandes zu beginnen. Die Zählung der Bäume ergab tatsächlich fast eine Million Stämme, so daß Hildebrandt eine Goldmark je Stamm gezahlt hatte, von den Wiesen, den Ländereien und Gebäuden ganz zu schweigen.. Niemand weiß, warum der Major seinen Besitz zu solch einem Preis verschleudert hatte. Gewiß gab es nicht jeden Tag einen Käufer, der eine Million Goldmark auf den Tisch legen konnte, aber für die Dorfbewohner stand es nach der Bestandsaufnahme fest, daß der Major sich sicher hatte übervorteilen lassen.

Nun, der Vertrag war abgeschlossen, und alsbald begann das Fällen der Bäume im Gutswald. Für das arme Wischwill begann eine fette Zeit, an der alle ihren Teil hatten. Bauern stellten Holzfuhrwerke. Arbeiter wurden benötigt. Ein großes Sägewerk sollte errichtet werden, um die Stämme zu Bauholz zu verarbeiten.

Die Holz- und Bauindustrie Ernst Hildebrandt AG hatte damit im Dort ein großes Entwicklungsprogramm ausgelöst. Eine Generalkommission teilte das Gut auf, Haus- und Hofparzellen wurden verkauft, eine Reihe stattlicher Gutshöfe rings um das Dorf entstanden. Die staatliche Oberförsterei Wischwill wurde im schloßartigen Gutshaus eingerichtet, einem prächtigen Bau mit vielen Zimmern und einem schönen Park. Für Wischwill begann damit ab 1903 eine blühende Entwicklungsphase.
Mit der Errichtung des Sägewerks an der Alten Memel, einem toten Arm des Memelstroms, wurde eine nicht geringe Menge Fabrikarbeiter und Handwerker von auswärts herangezogen. Eine Wohnungsnot entstand. Dieser ging das Sägewerk zu Leibe, indem es eigene Werkswohnungen errichtete. Ein ganzer Ortsteil, Brodsende genannt, entstand am Weg nach Pagulbinnen, mit Wohnhäusern für die Leute des Sägewerks und einer Reihe von schönen Gehöften. Unweit des Bahnhofs Wischwill-West wurde eine sogenannte Schlipper-Fabrik errichtet.
Geschäfts- und Privatleute ließen sich von der Baulust anstecken. Auch in geschäftlicher Hinsicht verfeinerte und vergrößerte sich Wischwill. Bald hatte sich die Einwohnerzahl verdoppelt, sie zählte jetzt fast 1500 Personen.
Es war so, als ob Wischwill in einer Glückssträhne steckte. Zu beiden Seiten der Hauptstraße, Lindenallee genannt, entstanden massive Wohn- und Geschäftshäuser, in denen sich auch die Mitarbeiter der Ämter und anderer öffentlicher Stellen niederließen. Schließlich baute sich auch der Arzt ein villenartiges Haus, die ganze lange Wischwiller Hauptstraße war letztlich auf beiden Seiten von der Kirche bis zur Mühle mit neuen Gebäuden besetzt.Eine große Anzahl von Arbeitern und Beamten fand in Wischwill Lohn und Brot. Die Wischwiller Handwerker konnten wirklich dicke Zigarren rauchen, denn sie alle verdienten ihren Teil am Ausbau ihres Heimatortes.
Bald war es soweit, daß wegen des starken Anstiegs der Bevölkerung ein neues Amtsgericht notwendig wurde. Als eine Zierde wurde in der Lindenallee das neue stattliche Amtsgericht erbaut, zum Leidwesen der schlechten, aber zur Freude der guter Menschen.
Wieder rollten die Bauernwagen in langer Kette, um Kies, Ziegel Zement und Kalk herbei zu fahren. Wochenlang dauerte der Umzug. Gefangene kamen gefahren, die in kleinen Karren die verstaubten Aktenschwarten aus den alten Amtsgericht ins neue Gebäude transportierten.
Nach dem Amtsgericht wollte die Post einen Neubau. Die Schule ruhte nicht, schließlich war die Zahl der Kinder gestiegen, und eine Schule, die einst für ein Dorf mit 800 Seelen gereicht hatte, war für einen Flecken mit 2000 Menschen zu klein. Das alte Schulgebäude in nächster Nähe der alten Kirche verwaiste, es entstand ein neues und modernes in der Nähe de Amtsgerichtes. Nur das alte, ehrwürdige Pfarrhaus blieb von allem unberüht neben der Kirche.
Daß Wischwill laufend weiter wuchs und von Wirtschaftskrisen fast unberührt blieb, verdankte es damals dem Leiter des Sägewerkes Erich Schimanski. Er hatte frühzeitig erkannt, daß sich das Sägewerk nicht nur auf die Verarbeitung der Wischwiller Holzbestande abstützen kann. Er hatte sich in weiser Voraussicht den Zugang über die Alte Memel zum Sägewerk gesichert, die entsprechenden Anlagen bauen lassen. So konnten russische, später litauische Flößer ihr Holz aus den großen litauischen Waidgebieten am Oberlauf der Memel direkt zum Werk flößen, wo sie weiter verarbeitet wurden. Täglich wurden auf dem Werksgelände die Loren mit Schnittholz beladen, das weit nach Deutschland und sogar nach Übersee transportiert wurde.
An Krügen und Restaurationen mangelte es keineswegs in Wischwill. Das Hotel Baumann, nahe beim Bahnhof Wischwill-West, erfreute sich vieler Gäste zu jeder Jahreszeit, noch mehr aber die alten Dorfkrüge, welche zum Ärger vieler Frauen eine vorzügliche Anziehungskraft auf die Ehemänner hatten. Unentwegt wurden hier gewaltige Mengen Schnaps, genannt „Bomchen“, getrunken. Die regelmäßigen Kunden waren die Kleinbauern, die sich im Winter mit dem Langholzfahren ihr Geld verdienten.
Wischwill war unverkennbar im Aufstieg begriffen.
Die Einwohner verstanden nicht nur zu arbeiten, sondern auch zu feiern. Gab es doch eine ganze Menge Vereine:
Lehrerverein,Försterverein, Handwerkerverein u. a., welche sich im Veranstalten von Feiern von Zeit zu Zeit abwechselten.
Fast immer ging es hoch her bei diesen Festen im Tanzsaal beim alten gemütlichen Wirt Gutzeit. Und wie wurde hier gezecht, getanzt und Theater gespielt. Wie elegant hatten sich die jungen Damen herausgeputzt, um den Kavalieren zu gefallen. Ein Wetteifer herrschte unter den scharmanten, jungen Frauen, welche sich doch bei diesen Gelegenheiten besonders besehen und verstehen konnten.. Ja, ja das waren noch die guten, alten Zeiten.
Zum Wachstum des Gerichts- und Kirchdorfes am Strom trug nicht nur die günstige Verkehrslage bei. Es war auch die überaus günstige Lage in der schönen Landschaft. Eingefriedet von prächtigen Wiesen und der ruhig dahinströmenden Memel auf der einen Seite, andernteils berührt vom herrlichen Tannen- und Kiefernforst mit seinem belebenden frischen Duft, wurde das Dorf ein Anziehungspunkt für Besucher und Ferienurlauber von weither. Man schätzte die Wanderungen durch den stillen Forst und vergnügte sich am hellen Sandstrand der mächtigen Memel, wo die Dampfer, die Segelboydaks und die Holzflöße gemächlich vorbeizogen. Man wanderte durch das breite Wiesental und sah den gepflegten Viehherden zu, die Milch, Butter und Käse in hervorragender Qualität lieferten. Der besondere Geschmack kam von den kräftigen Wiesenkräutern, die es nur hier gab.
Wen kann es wundern, daß Wischwill Ehrgeiz bekam, ein Kurort zu werden Wischwiller, die in die Städte gewandert waren, meldeten den Ruhm ihres schönen Heimatortes weithin, und schließlich kamen sogar aus dem fernen Berlin Anfragen nach Unterkunftmöglichkeiten und Pensionspreisen.
Wischwill wurde tatsächlich amtlicher Kurort, Luftkurort würde man heute sagen, die Gäste nutzten die damit verbundenen Möglichkeiten für günstiger Wechselkurse. Ja, Wischwill hatte viel zu bieten, was die Großstadtmenschen inzwischen schätzen gelernt hatten, eine herrliche Ruhe, die romantische Lage viel Wald ohne Menschen, reine Luft und eine echte memelländische Küche zu unglaublich niedrigen Preisen. Das schöne an Wald und Fluss gelegene Gut Riedelsberg mit seinen vielen Zimmern wurde ein begehrtes Erholungsheim für erschöpfte Städter. Beste Verpflegung und das Leben auf dem Gutshof zusammen mit den liebenswürdigen Gastgebern blieb vielen Gästen in bleibende Erinnerung. Und die Dorfeinwohner gewöhnten sich schnell an die urkomisch ratternde Pferdekutsche voll fröhlicher, ausgelassener Menschen, die täglich zum Baden an die Memel fuhren, Weil Beispiel Schule macht, nahmen bald auch andere Höfe ihre „Gäste auf dem Bauernhof‘.
Wer weiß, wie die Entwicklung Wischwills auch als Kurort weiter verlaufen wäre, wenn der unselige Krieg und die ungebetenen Gäste aus dem Osten nicht gekommen wären.



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