Dorf Pakamonen
"so am Flüßchen Kamon gelegen"

Ein Dorf erzählt / Von Heinz Austin-Hannover
MD1958_0302

Im Kreise Pogegen, zwischen der Memeler Chaussee und Coadjuthen, liegt am malerisch sich hinschlängelnden Flüß- chen Kamon das wohlhabende Bauerndorf Pakamonen, das seinen Namen vom genannten Wasserlauf (an der Kamon) ableitet. Die geschichtliche Vergangenheit des Dorfes reicht sehr weit zurück. Als unsere Heimat noch von riesigen Urwäldern, der sogen. Wildnis bedeckt war, sind bereits die Ordensritter bei ihren Kriegszügen nach dem heidnischen Szameiten entlang dem "fließ kamon" gezogen, wie aus den damaligen Reiseberichten hervorgeht. Es wird also zu der Zeit schon eine menschliche Ansiedlung dort bestanden haben.
Der Kriegspfad wurde später Reiseweg, denn im 16. und 17. Jahrhundert ging hier die berühmte Handelsstraße über Szameiten nach Riga und Reval und brachte Wohlstand ins Dorf. Und sie war auch der Anlaß, daß "im Dorf Pakamonen so am Flüßgen Kamon gelegen" bereits Anno 1626 "zu Nothdurft und Speysung der Reysenden" der erste Krug gebaut werden durfte, was eine landesherrliche Gnade für diesen Ort bedeutete. Die Kruggerechtigkeit wurde dem "Lieben und Getreyen" Tilsiter Bürger Lucas Dias vom da- maligen Kurfürsten verliehen; zum Kruge gehörten eine Hube Ackerland und zehn Kulm Morgen Wiesen, wofür an Zins jährlich 10 Mark Silber an die kurfürstliche Kasse zu zahlen waren.
Einige Jahrzehnte später, als der Große Kurfürst die Schweden vernichtend bei Splitter geschlagen hatte, erlebte Pakamonen die Flucht der schwedischen Detachements nach Livland.
Im 18. Jahrhundert geriet die alte Handelsstraße in Vergessenheit, da man bequemere Verbindungen gefunden hatte. Dafür erbaute im Jahre 1747 der Müller Schwederski hier in Pakamonen die erste Wassermühle, dem Alten Fritz zu Ehren "Königsmühle" benannt. Sie war die größte des Kreises und von weither kamen die Bauern als Mahlgäste, weil das hier ausgemahlene Mehl sehr gut gewesen sein soll. Das Wasser zum Betriebe lieferte der durch Verbreiterung der Kamon entstandene Mühlenteich, von damals 50 Morgen Größe. Um dem Zustrom der Fremden zu genügen, mußte ein zweiter Krug gebaut werden.
Aber nicht immer sind goldene Zeiten in Pakamonen gewesen, und so mancher harte Schicksalsschlag hat das Dorf heimgesucht. Als 1709/10 in Preußen die Pest wütete, erlagen fast alle Bewohner von Pakamonen der Seuche. Unter den drei Überlebenden war auch ein kleiner Junge, der ein hohes Alter erreicht und später oft von der Schreckenszeit erzählt hat. Im Siebenjährigen Kriege plünderte russische Soldateska das Dorf, die Bewohner wurden mißhandelt oder erschlagen und fast alle Häuser eingeäschert, darunter auch die schöne "Königsmühle".
Es folgten dann Jahre des Aufbaues. 1810 errichtete Müller Felkeneyer an Stelle der abgebrannten Wassermühle eine neue, die ebenfalls regen Zuspruch hatte. Klägliche Reste der geschlagenen Grande Armee zogen Anno 1812 auch durch Pakamonen, von den mitleidigen Dorfbewohnern gespeist und mit warmer Kleidung versehen. Aber den verschiedentlich auftretenden Marodeuren haben die Pakamoner tüchtig auf die Finger geklopft. Im folgenden Befreiungskriege sind auch Pakamoner Söhne unter den Gefallenen gewesen.
Ein neuer Schicksalsschlag traf das Dorf, als während der polnischen Revolution 1831 Flüchtlinge über die Grenze in unser Gebiet kamen und die asiatische Cholera einschleppten.
Obwohl man die Geflüchteten vorsorglich auf der Mühleninsel interniert hatte, griff trotz aller Vorsichtsmaßnahmen die Epidemie auf das Dorf über und forderte viele Todesopfer.
Die Revolution von 1848 hat Pakamonen gar nicht berührt, denn es lag ja so abseits vom großen Geschehen. Die Kriege von 1864, 1886 und 1870 sahen wieder Pakamoner unter den Fahnen; es sind nicht alle zurückgekommen.
Obwohl Pakamonen weitab vom Memeltal tief im

 

Binnenlande liegt, hat im Frühjahr 1888 eine Hochwasserkatastrophe den Ort heimgesucht, wie man sie hier noch niemals erlebt hatte. Nach einem sehr harten und schneereichen Winter trat vorzeitig Schneeschmelze ein. Die sonst so zahme Kamon fand in der noch vereisten Jage keine Vorflut und wuchs sich zu einem gigantischen Strom aus, Acker- und Wie- senland, Häuser, Zäune und Bäume mit sich reißend. Viele Anwesen von Pakamonen wurden zerstört, ebenso auch die nach einem abermaligen Brande erst 1879 zum dritten Male wieder aufgebaute Wassermühle nebst Mühlenschleuse und Sperrdamm. Deren Gebälk und Mühlensteine wurden nach Ablauf des Hochwassers in den Baumkronen am Kamonfluß gefunden, so mächtig ist die Wassergewalt gewesen.
Menschenopfer waren ebenfalls zu beklagen. 1888 ist als Notstandsjahr in die Geschichte des Dorfes eingegangen. Doch die Pakamoner ließen sich nicht unterkriegen. Im darauf folgenden Jahre waren die meisten Hochwasserschäden beseitigt, und die Wassermühle erstand zum vierten Male. Hierbei ist sie auf den neuesten Stand der damaligen Mühlentechnik gebracht worden und bestand bis zu unserem Weggange.
Das dem Dorfe angrenzende Gut Pakamonen ist neueren Datums. Es entstand erst etwa 1840 durch Ankauf von ungefähr 1800 Morgen Pakamoner Bauernlandes. Seine Besitzer wechselten oft, aber alle trugen zur Verbesserung des Gutsbetriebes bei. Einer der bekanntesten Besitzer war wohl Amtsvorsteher Zogeiser. Nach ihm ging Gut Pakamonen als Vorwerk in den Besitz des Rittergutes Adl. Schillgallen bei Rucken über.
Die langen Friedensjahre brachten Dorf und Gut Pakamonen zu neuer Blüte, bis der 1. Weltkrieg jäh in das friedliche Leben griff. Alle wehrfähigen Männer erfaßte die Mobilmachung schon am 1. August 1914. Die Daheimgebliebenen erlebten gleich in den ersten Kriegstagen die das Land westwärts überrollende russische "Dampfwalze", welche nach der Schlacht bei Tilsit am 12. September 1914 wieder nach Osten zurückgejagt wurde. Doch wenig später bedrohte erneut die Kriegsfurie den Landstrich. Seine Bewohner flüchteten sich hinter den schützenden Memelstrom und konnten erst im Frühjahr 1915 in ihre teilweise verwüsteten Wohnstätten zurückkehren. Viele neue Gebäude, die gleich nach der Rückkehr errichtet wurden, bewiesen, daß der Staat damals großzügig alle Kriegsschäden bezahlt hat! Mancher Pakamoner aber, der seinen Hof nicht verlassen hatte, ist bis an die Wolga oder hinter den Ural verschleppt worden. Wer diese Gefangenschaft überstand, kehrte erst lange nach Kriegsende von dort zurück.
Dies alles aber war nur ein Auftakt zu den Schrecken des zweiten Weltkrieges. In fast alle Familien zog Trauer ein; man weiß heute nicht mehr, wieviel Männer von Pakamonen draußen geblieben sind. Diesmal aber kamen Flüchtlinge aus den großen Städten des Westens und suchten bei uns in ländlicher Ruhe Zuflucht vor dem Bombenterror. Doch immer drohendere Wolken zogen sich über unserem Gebiet zusammen. Mit bangen Blicken sah man nach dem Osten, wo schon oftmals Geschützdonner zu vernehmen war. Im August 1944 war es so weit. Wie 1914 ging die Flucht wieder hinter den schützenden Memelstrom. Nach ein paar Wochen schon konnte jedoch alles wieder nach Hause. Alles atmete auf. Es war aber nur eine trügerische Atempause, die das unerbittliche Schicksal einlegte. Eines Morgens, es war Anfang Oktober 1944, zogen auch die Pakamoner mit dem großen Treck ins Ungewisse, mit der stillen Hoffnung im Herzen, bald wieder zurückkehren zu können. Doch . für die, die den Treck überlebten, ist es eine Flucht ohne Rückkehr geworden. Geblieben aber ist unverlöschlich die Erinnerung an das Heimatdorf und an das Flüßchen Kamon, das dem Dörfchen einst den Namen gegeben.

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