Im Kreise Pogegen, zwischen der
Memeler Chaussee und Coadjuthen, liegt
am malerisch sich hinschlängelnden Flüß-
chen Kamon das wohlhabende Bauerndorf Pakamonen, das seinen Namen
vom genannten Wasserlauf (an der
Kamon) ableitet. Die geschichtliche Vergangenheit des Dorfes reicht sehr weit
zurück. Als unsere Heimat noch von
riesigen Urwäldern, der sogen. Wildnis
bedeckt war, sind bereits die Ordensritter bei ihren Kriegszügen nach dem
heidnischen Szameiten entlang dem
"fließ kamon" gezogen, wie aus den
damaligen Reiseberichten hervorgeht. Es
wird also zu der Zeit schon eine
menschliche Ansiedlung dort bestanden
haben.
Der Kriegspfad wurde später Reiseweg, denn im 16. und 17. Jahrhundert
ging hier die berühmte Handelsstraße
über Szameiten nach Riga und Reval
und brachte Wohlstand ins Dorf. Und
sie war auch der Anlaß, daß "im Dorf
Pakamonen so am Flüßgen Kamon gelegen" bereits Anno 1626 "zu Nothdurft und Speysung der Reysenden"
der erste Krug gebaut werden durfte,
was eine landesherrliche Gnade für diesen Ort bedeutete. Die Kruggerechtigkeit wurde dem "Lieben und Getreyen"
Tilsiter Bürger Lucas Dias vom da-
maligen Kurfürsten verliehen; zum
Kruge gehörten eine Hube Ackerland
und zehn Kulm Morgen Wiesen, wofür an Zins jährlich 10 Mark Silber
an die kurfürstliche Kasse zu zahlen waren.
Einige Jahrzehnte später, als der
Große Kurfürst die Schweden vernichtend bei Splitter geschlagen hatte, erlebte Pakamonen die Flucht der schwedischen Detachements nach Livland.
Im 18. Jahrhundert geriet die alte
Handelsstraße in Vergessenheit, da man
bequemere Verbindungen gefunden hatte.
Dafür erbaute im Jahre 1747 der Müller Schwederski hier in Pakamonen die
erste Wassermühle, dem Alten Fritz
zu Ehren "Königsmühle" benannt. Sie
war die größte des Kreises und von
weither kamen die Bauern als Mahlgäste, weil das hier ausgemahlene Mehl
sehr gut gewesen sein soll. Das Wasser
zum Betriebe lieferte der durch Verbreiterung der Kamon entstandene Mühlenteich, von damals 50 Morgen Größe.
Um dem Zustrom der Fremden zu genügen, mußte ein zweiter Krug gebaut werden.
Aber nicht immer sind goldene Zeiten in Pakamonen gewesen, und so
mancher harte Schicksalsschlag hat das
Dorf heimgesucht. Als 1709/10 in Preußen die Pest wütete, erlagen fast alle
Bewohner von Pakamonen der Seuche.
Unter den drei Überlebenden war auch
ein kleiner Junge, der ein hohes Alter
erreicht und später oft von der Schreckenszeit erzählt hat. Im Siebenjährigen
Kriege plünderte russische Soldateska
das Dorf, die Bewohner wurden mißhandelt oder erschlagen und fast alle
Häuser eingeäschert, darunter auch die
schöne "Königsmühle".
Es folgten dann Jahre des Aufbaues.
1810 errichtete Müller Felkeneyer an
Stelle der abgebrannten Wassermühle
eine neue, die ebenfalls regen Zuspruch hatte. Klägliche Reste der geschlagenen Grande Armee zogen Anno
1812 auch durch Pakamonen, von den
mitleidigen Dorfbewohnern gespeist und
mit warmer Kleidung versehen. Aber
den verschiedentlich auftretenden Marodeuren haben die Pakamoner tüchtig
auf die Finger geklopft. Im folgenden
Befreiungskriege sind auch Pakamoner
Söhne unter den Gefallenen gewesen.
Ein neuer Schicksalsschlag traf das
Dorf, als während der polnischen Revolution 1831 Flüchtlinge über die
Grenze in unser Gebiet kamen und die asiatische Cholera einschleppten.
Obwohl man die Geflüchteten vorsorglich
auf der Mühleninsel interniert hatte,
griff trotz aller Vorsichtsmaßnahmen
die Epidemie auf das Dorf über und
forderte viele Todesopfer.
Die Revolution von 1848 hat Pakamonen gar nicht berührt, denn es lag
ja so abseits vom großen Geschehen.
Die Kriege von 1864, 1886 und 1870
sahen wieder Pakamoner unter den
Fahnen; es sind nicht alle zurückgekommen.
Obwohl Pakamonen weitab vom Memeltal tief
im
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Binnenlande liegt, hat
im Frühjahr 1888 eine Hochwasserkatastrophe den Ort heimgesucht,
wie man sie hier noch niemals erlebt hatte. Nach
einem sehr harten und schneereichen
Winter trat vorzeitig Schneeschmelze
ein. Die sonst so zahme Kamon fand
in der noch vereisten Jage keine Vorflut und wuchs sich zu einem gigantischen Strom aus, Acker- und Wie-
senland, Häuser, Zäune und Bäume mit
sich reißend. Viele Anwesen von Pakamonen wurden zerstört, ebenso auch
die nach einem abermaligen Brande erst
1879 zum dritten Male wieder aufgebaute Wassermühle nebst Mühlenschleuse und Sperrdamm. Deren Gebälk und Mühlensteine wurden nach
Ablauf des Hochwassers in den Baumkronen am Kamonfluß gefunden, so
mächtig ist die Wassergewalt gewesen.
Menschenopfer waren ebenfalls zu beklagen. 1888 ist als Notstandsjahr in die
Geschichte des Dorfes eingegangen.
Doch die Pakamoner ließen sich nicht
unterkriegen. Im darauf folgenden
Jahre waren die meisten Hochwasserschäden beseitigt, und die Wassermühle
erstand zum vierten Male. Hierbei ist
sie auf den neuesten Stand der damaligen Mühlentechnik gebracht worden und bestand bis zu unserem Weggange.
Das dem Dorfe angrenzende Gut Pakamonen ist neueren Datums. Es entstand erst etwa 1840 durch Ankauf von ungefähr 1800 Morgen Pakamoner Bauernlandes. Seine Besitzer wechselten oft,
aber alle trugen zur Verbesserung des
Gutsbetriebes bei. Einer der bekanntesten Besitzer war wohl Amtsvorsteher
Zogeiser. Nach ihm ging Gut Pakamonen als Vorwerk in den Besitz des
Rittergutes Adl. Schillgallen bei Rucken über.
Die langen Friedensjahre brachten
Dorf und Gut Pakamonen zu neuer
Blüte, bis der 1. Weltkrieg jäh in das
friedliche Leben griff. Alle wehrfähigen Männer erfaßte die Mobilmachung
schon am 1. August 1914. Die Daheimgebliebenen erlebten gleich in den
ersten Kriegstagen die das Land westwärts überrollende russische "Dampfwalze", welche nach der Schlacht bei
Tilsit am 12. September 1914 wieder
nach Osten zurückgejagt wurde. Doch
wenig später bedrohte erneut die
Kriegsfurie den Landstrich. Seine Bewohner flüchteten sich hinter den schützenden Memelstrom und konnten
erst im Frühjahr 1915 in ihre teilweise verwüsteten Wohnstätten zurückkehren. Viele neue Gebäude, die gleich
nach der Rückkehr errichtet wurden,
bewiesen, daß der Staat damals großzügig alle Kriegsschäden bezahlt hat!
Mancher Pakamoner aber, der seinen
Hof nicht verlassen hatte, ist bis an
die Wolga oder hinter den Ural verschleppt worden. Wer diese Gefangenschaft überstand, kehrte erst lange
nach Kriegsende von dort zurück.
Dies alles aber war nur ein Auftakt
zu den Schrecken des zweiten Weltkrieges. In fast alle Familien zog Trauer ein; man weiß heute nicht
mehr, wieviel Männer von Pakamonen
draußen geblieben sind. Diesmal aber
kamen Flüchtlinge aus den großen
Städten des Westens und suchten bei
uns in ländlicher Ruhe Zuflucht vor
dem Bombenterror. Doch immer drohendere Wolken zogen sich über unserem Gebiet zusammen. Mit bangen
Blicken sah man nach dem Osten, wo
schon oftmals Geschützdonner zu vernehmen war. Im August 1944 war es
so weit. Wie 1914 ging die Flucht wieder hinter den schützenden Memelstrom. Nach ein paar Wochen schon
konnte jedoch alles wieder nach Hause.
Alles atmete auf. Es war aber nur
eine trügerische Atempause, die das
unerbittliche Schicksal einlegte. Eines
Morgens, es war Anfang Oktober 1944,
zogen auch die Pakamoner mit dem
großen Treck ins Ungewisse, mit der
stillen Hoffnung im Herzen, bald wieder zurückkehren zu können. Doch . für die, die den Treck überlebten, ist es
eine Flucht ohne Rückkehr geworden.
Geblieben aber ist unverlöschlich die
Erinnerung an das Heimatdorf und an
das Flüßchen Kamon, das dem Dörfchen einst den Namen gegeben.
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