Wer kennt sie, unsere Haffdörfer?
Wer weiß noch über ihre geographische Lage, ihre Bewohner, die vorhandenen Besonderheiten so genau Bescheid, dass er auch des nachts und aus jeder Richtung dorthin finden würde? Gewiss, es gibt noch viele Landsleute unter uns,die es können.Das sind aber nur die älteren, während die jungen Leute, die im Kindesalter die Heimat verließen, heute über sie kaum noch einen Schimmer haben. Denen und auch den anderen sollen diese Zeilen eine Heimaterinnerung bringen.
Unsere Haffdörfer: Starrischken, Schäferei, Klischen, Drawöhnen, Schwenzeln, Gaitzen, Prätzmen und Szauken, dazu gehören noch Feilendorf und Windenburg, wer kennt sie so genau, als wenn er dort noch wohnen würde? Wer weiß noch die genauen Entfernungen zum nächsten Nachbar, zum Wald und zum Moor, zur nächsten Eisenbahnstation, zum nächsten Marktort, zur Kirche? Wer kennt noch genau die nähere Umgebung, als wenn er erst gestern noch dort gewesen währe?
Lob den Haffdörfern, Lob des Wassers und der Heimatluft. Ihnen allen war der eigenartige, würzige, Wasser und Teer gemischte Geruch gegeben. Über den Haffdörfern schwebte die unermeßliche Heimatluft. Der Geruch nach Fisch, Teer, Tang und Wasser. Ihre Häuser lagen in der Nähe des Wassers, unmittelbar am Haff. Kleine Stege und Wege führten zum großen Wasser. Ihre Bewohner waren naturgemäß Fischer, Männer fest und erfahren im Wind und Wetter. Sturm- und Wellen gewohnt. heimatverwurzelt.
Das nördlichste Fischerdorf war:
Starrischken
langgezogen am Haff gelegen; im Süden Wald, im Osten und Norden der König-Wilhelm-Kanal und im Westen das Kurische Haff.
Blumengärten überall, dazwischen die großen, gelben Sonnenblumen. Stroh- und Ziegeldächer der Häuser und Gehöfte ragten einsam in das Landschaftsbild. Über die zwei Kanalbrücken führte das ganze Dorfleben. Der Verkehr nach Memel führte über die erste Brücke, während der Weg zur Kirche. nach Kairinn und nach Prökuls über die zweite Brücke führte. Diese alten vertrauten Brücken, sie waren das Wahrzeichen unserer Heimatdörfer. Der Sandweg zum Haff war die Hauptstrasse des Dorfes. Eben und flach war das Land. Getreide und Kartoffeln wuchsen dort. Und am Kanal die alten Kiesgruben. Schiffe und Flöße auf dem Kanal, sie waren das gewohnte Bild der Haffdörfer.
Nicht weit vor Starrischken lag:
Schäferei am Haff.
Dicht gedrängt die Häuser unmittelbar am Wasser. Die einzige Aussicht war die auf Wasser und Wald. Ein Dorf gebettet in Einsamkeit. Die Nehrung blickte herüber, und bei klarem Wasser war sogar Schwarzort wie eine Fata Morgana am Horizont zu entdecken. Und die Besonderheit von Schäferei? Schäferei und Starrischken hatten einen flachen Strand. Die Boote konnten im Sommer bei Niedrigwasser nicht am Ufer vertäut werden. So sah man die Fischerkähne weit draußen auf dem Haff ankern.
Die stolzen Zugvögel, die Schwäne dürfen nicht vergessen werden. Sie waren besonders im Frühjahr dort recht zahlreich vertreten. Sie bewegten sich etwa
bis 100 Meter vom Land entfernt auf dem Wasser, wo ihr Singen eine bekannte Frühjahrsmelodie war. Viele Memeler zogen deshalb in den Frühjahrstagen über Schmelz nach Starrischken hinaus, um die Schwäne aus nächster Nähe zu betrachten.
Wer könnte den Kiefernwald vergessen? Stämme kerzengerade, 30 bis 40 Meter hoch. Der Wald zog sich teils bis fast zum Wasser hin. Er gab Schatten und Kühle, gab Nutz- und Brennholz. Im Sommer sah man fleißige Beeren- und Pilzsammlerinnen. Sie hatten meist reiche Ernte. Das war besonders zu solchen Zeiten, in denen die Fischerei ruhte. Die Betreuer der Forsten sollen ebenfalls nicht vergessen werden. Das Forsthaus Starrischken lag dicht am Haff. Der letzte dort leitende Beamte war der Revierförster Haselmeier. Das Schäferei Forsthaus, es lag dicht am Kanal. Der letzte dort tätige Beamte war Oberförster Stielow. Beide Forstreviere hatten infolge der Rohr- und Schilfgürtel am Haff eine vortreffliche Entenjagd.
Klischen dürfte man das Dorf der Niederung nennen. Zu ihm führten zwei Flüsse: die Klischub und die Attack. Diese waren sehr fischreich und lieferten hervorragende Fänge. Die Ufer schilfumsäumt, dazwischen Wasserrosen. Liebliche Flüßchen der Wiesengegend. Ein Dorf weltverloren. Einige Gehöfte ganz am Haff. Dort wohnten Pieper und Ginsel, Geiszus. Nicht weit das große Tyrus-Moor. Im Frühjahr zur Zeit des Hochwassers Verkehr zur Außenwelt nur mit dem Boot. Der Schrei der Wildgänse war hier Tag und Nacht zu hören. Einsame Gehöfte in der Klischub. Wiesen überall, bis zum Haff.
Nun weiter südlich, das größte Fischerdorf am Haff:
Drawöhnen.
Eingebettet zwischen Fluss, Haff und Kanal, das ist Drahwöhnen. Das markanteste Wahrzeichen: der Drawöhnefluss. Tief, dunkel, das Wasser vom moorigen Grund, so strömen seine Wasser vom Kanal zum Haff. Straße der Fischer zum großen Wasser und der Hafen des Dorfes. Malerische Häuser, blumenumrankt, liegen eingebettet am Wasser. Und auch hier wieder der Weg nach Prökuls zur Kirche und zum Markt über zwei Brücken. Die Drawöhnehrücke, fast doppelt so lang wie ihre Schwestern, die Kanalhrücken. Eine Brücke an der Einmündung des Kanals in den Fluß. In der Ecke zwischen Kanal und Fuß das Gebäude der Strommeisterei. Am Kanal der Pegel, der unentbehrliche Wasserstandmesser. Das Besondere: die alte Windmühle. Zeitweilig war auch ein Sägewerk hier in Betrieb.
Schwenzeln, ein Dorf des Moores. Das Schwenzelnder Moor ist ein Grünland- und gleichfalls ein Hochmoor. Hier wurde Preßtorf gewonnen. Er war das schwarze Gold des Haffdorfes. Schwenzel ein Dorf, dessen Weg in der Hauptsache über Drawöhnen führte. Einsam und verlassen, könnte man sagen. Aber seine Bewohner hielten sich die Treue. Was gab es da Besonderes? Viel und wenig. Dunkle Moorgräben, umherziehende und schnatternde Gänsescharen.
Ebene Wiesen, die auch teils überschwemmt wurden. Und über allem der Segen des Wassers: die Fische. Drawöhnen und Schwenzeln waren ausgesprochene Fischerdörfer. Die Märkte in Prökuls, Memel, Heydekrug und Kinten legen dafür ein sprechendes Zeugnis ab.
Gaitzen und Prätzmen
lagen weiter südlich am Haff. Sie hatten einen größeren Strand. Neben kleinerer Landwirtschaft lagen ihre Erträge besonders bei der Hafffischerei. Unvergessen soll uns auch Feilendorf bleiben, das Gut am Haft. Dunkle Schilfwälder, Wiesen und Wasser. Eine eigenartige Landschaft, traumverloren am Kurischen Haft.
Und als letzter Ort südlich am Haff:
Windenburg.
Als markantestes Zeichen der Leuchtturm, Helfer und Freund unserer Haffbewohner. Wie vielen war dein Licht Wegweiser in dunkler Nacht. Du warst der beste Freund der Haffdörfer! Und im Hintergrund, an den Rändern dieser Dörfer, lagen sagenumwobene Häuser, die Jaujas. Hier wurde Flachs gebrochen. Und in diesen einsamen Häusern wurden Geschichten erzählt, die zum Fürchten anregten
Heute noch ziehen die Wildgänse über unsere Haffdörfer. Wir blicken ihnen sehnsüchtig nach. Inzwischen bleibt uns ein Trost: So sehr sich auch die Heimat verändert hat- den
Zauber, der über der Landschaft am Kurischen Haff liegt, werden wir immer unverändert vorfinden!