Das Fischerdorf Mellneraggen

von M. JURASCHKA
MD- September 2004

Das Fischerdorf Mellneraggen und das angrenzende Seebad Försterei gehörten zu den bekannten und gern besuchten Orten des Kreises Memel. Sie liegen nördlich der Memeler Hafeneinfahrt am feinsandigen Ostseestrand und erstrecken sich von der Höhe am Memeler Leuchtturm bis zur "Holländischen Mütze". Beide Orte sind auf der Seeseite durch Dünen geschützt, die mit Strandhafer, Weiden und kleinen Kiefern bewachsen sind. Auf der Ostseite sind sie von Wald und Heide umgeben, eingebettet in eine schöne Küstenlandschaft.
Noch zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges war diese Küsten-landschaft ein wüstes Dünenfeld mit fliegendem Sand. Man konnte von der Leuchtturmhöhe bis zur "Holländischen Mütze" eine Strecke von gut sieben Kilometern überblicken. Schon damals gab es an geschützten Stellen einige Fischerhütten, jedoch keine geschlossene Ortschaft.
Diese ersten Wohnstellen wurden durch Kriegsereignisse zerstört und verlassen. Erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts siedelten sich junge Fischer aus den älteren Nachbarorten Kakelbeck, Purmallen, Gwilden, Wirkutten, Bommelsvite und Schmelz in Mellneraggen an.
Deren Grundstücke entstanden auf einem schmalen Ausläufer des Höhenzuges nördlich des Memeler Leuchtturmberges. Diese Ecke war bereits mit Kiefern und Tannen bestanden und hob sich deutlich aus dem weißen Dünensaum ab, besonders wenn man sich mit dem Boot dem Strande näherte. Die kurischen Fischer nannten diese Stelle Melln Rag, was so viel wie Blaues Kap oder Blaues Horn bedeutet. So kam der Ort zu seinem Namen "Mellneraggen".
Nördlich der Nordermole etwa entstand die Seenotrettungsstation, und ein neuer Friedhofsplatz wurde angelegt. Der alte Friedhof lag im Wald am Erzenningsbach. Im nördlichen Mellneraggen siedelten sich Fischer aus Karkelbeck und Kollaten an geschützten Stellen an, nachdem sie schon vorher Fischerkaten in der Nähe des späteren Bahnhofs Försterei erbaut hatten.
Försterei selbst blieb von Fischern unbesiedelt, weil das Waldgebiet der Stadt Memel übereignet worden war, die Mitte des 19. Jahrhunderts dort eine Försterei eingerichtet und den Fahrweg Strandvilla durch den Wald ausbaute. Später kamen ein Promenade und ein Radweg hinzu. Memeler Kaufleute begannen in Försterei ihre Villen zu errichten, und schließlich entstanden auch Hotels.
Die Fischer übten die Küstenfischerei mit Stellnetzen und kleinen Zugnetzen aus. Es gab noch keine fabrikmäßig hergestellten Netze. Das Garn wurde von den Frauen, die als Bauerntöchter alle spinnen und weben konnten, gesponnen. Die Fischer strickten ihre Netze selbst.
Die Sprache der Fischer ist ein Kapitel, das bis heute noch nicht durchforscht ist. Sie sprachen, wie es natürlich ist, einen kurischen Dialekt, der jedoch mit zahlreichen niederdeutschen Ausdrücken durch setzt war. Memel nannten die Fischer Pilsate, mit einem Ausdruck also, der in die Anfänge schriftlicher Überlieferung reicht und soviel wie "Sitz der Burg" bedeutet. Andererseits war die Mutter die Maud, das Mädchen hieß Mäd, der Sohn Sähn, die Schule Schoul, der Lehrer Schoulmeester. Der Wald hieß Mische, und die "Holländische Mütze" dürfte mit der Mütze nichts, mit dem Wald aber viel zu tun haben.
Mit dem Schulbesuch und dem deutschen Unterricht, mit den durchweg deutschsprachigen Begegnungen der Jugend in Memel, sowie mit dem Dienst in der Kaiserlichen Marine kam es dazu, dass schließlich fast nur noch Deutsch gesprochen wurde. Litauisch wurde zwar verstanden, spielte aber bei den Kuren - auch auf der Nehrung - nie eine Rolle. Durch Zuwanderung aus dem Norden wurde die kurische Sprache weiterhin lebendig gehalten.
Anfang der neunziger Jahre wurde ein neues Schulhaus erbaut, in das der junge Lehrer Fritz Blode aus Nidden einzog. Über 30 Jahre blieb Lehrer Blode in Mellneraggen. Als Sohn der Kurischen Nehrung sprach er Kurisch wie die Fischer. Als die Zahl der Einwohner von Mellneraggen und Försterei 2000 überschritten hatte, wurde ein Bürgermeister eingesetzt. Charles Gott, Stauermeister im Hafen, bekleidete als erster dieses Amt.
Obwohl die Fischerfamilien in Mellneraggen untereinander Kurisch sprachen, war ihre Liebe zum deutschen Vaterland immer besonders ausgeprägt. Litauische Propaganda brachte in der Abtrennungszeit keinerlei Ergebnisse. Der Kure fühlte sich dem Litauer immer überlegen, nicht zuletzt durch seine starke Anlehnung an die deutsche Kultur.
Im Zweiten Weltkrieg standen die Männer aus Mellneraggen wie andere Deutsche an allen Fronten und opferten Gesundheit und Leben für ihr Vaterland. Es ist ein schönes Zeichen, dass sich heute noch Menschen finden, die sich der Erforschung der kurischen Sprache annehmen.

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