Chronik Wischwill

Über 1.000 Jahre Lebensraum Wischwill - Viesvilé.
Zeittafel - Einige historische Daten
von Hans-Erhardt von Knobloch - 14.3.1999 / 8.10.2000

Vor 1.ooo

Am Ufer der Alten Memel befinden sich Wehrsiedlungen der Wikinger (Normannen, Waräger, Rus) Bei Ausgrabungen in den 1920er Jahren werden auf dem Schwedenberg am Sägewerk Wikingergräber mit Wikingerschwertern und Germanenfibeln gefunden.

Um 1200

Im Raum Wischwill soll es ein Apanagengut (Lehen)von Wiszeviltis, Urenkel des litauischen Großfürsten Remund, Herrscher von Uktana (Utena), gegeben haben. Hierauf geht der Name Wischwill - Viesvilé zurück.

1226 Goldbulle von Rimini, Missionsauftrag von Kaiser Friedrich II. an den Orden
1231

Der Deutsche Orden, gerufen vom Herzog Konrad von Masovien, beginnt mit der Christianisierung im Osten, Kämpfe gegen die ansässigen Pruzzen (=Preussen), Anlegen von Ordensburgen als militärische Schutzburgen.

1258

wird Georgenburg erreicht, ab diesem Zeitpunkt wird das Memeltal und auch das Juratal nördlich der Memel von Ragnit aus besiedelt, das Gebiet östlich ist noch nicht gerodet.

1252

entstand an der Mündung der Dange in das Kurische Haff die Memelburg, errichtet vom livländischen Zweig des Deutschen Ordens auf dem Siedlungsgebiet der westbaltischen Kuren.

1257

erhält die neben der Burg entstehende Hanse-Siedlung Memel lübische (=Lübecker) Stadtrechte erst 1328 fällt die Stadt Memel an den Deutschordensstaat Preußen.

1251

läßt sich der Litauerfürst Mindaugas taufen, um die Unterstützung des Ordens bei innerlitauischen Auseinandersetzungen zu erhalten und überließ gleichzeitig dem livländischen Orden die Herrschaft über das Gebiet Samaiten ab, das der Orden aber selbst in hundert Jahren Kriegführung nicht erobern konnte

6. Juli 1253 wurde Mindaugas zum König in Litauen gekrönt, (Litauischer Nationalfeiertag)
1263 König Mindaugas von litauischen. Gegnern ermordet.
1283

ist Preußen befriedet und ein vom Orden geleiteter selbständiger Staat mit guten Beziehungen zu den Hansestädten, Brandenburg und Böhmen. Getaufte Pruzzen waren mit anderen deutschen Einwanderern gleichgestellt.

Um 1300

erste Siedlungen östlich Ragnit über die Scheschuppe hinaus beiderseits der Memel. Deutsche Siedler und einheimische bekehrte Pruzzen gründen kleine Dörfer. In dieser Zeit entsteht das erste Dorf Wischwill. Erfolglose Heidenkriege des Ordens im nördlich angrenzenden Szamaiten.

1400 Ragnit erhält eine feste Burg, nachdem zwei Holzburgen von einfallenden Szamaiten wiederholt zerstört wurden.
1422

Im Frieden vom Melnosee wird zwischen dem polnischen König, dem litauischen Großfürsten Witold (Vytautas) und dem Orden der Grenzverlauf (u.a.des Memellandes) zu Szamaiten festgelegt. Der Orden verzichtet verbindlich auf Szamaiten, das damit bei Litauen bleibt. Die Melnosee-Grenze hatte bis 1923 unverändert Bestand.

1408 war in Tilsit (damals Tyls, Tilse) vom Orden ein festes Schloß und eine Siedlung errichtet worden, die Stadtrechte erhielt Tilsit 1552.
Im 15 Jhdt entwickelt sich der Nordosten Ostpreußens zügig, unterbrochen von Tartareneinfällen in die Grenzgebiete.
1514

Der Wirt Werner Schwabe erwirbt (von einem Vorgänger namens Dawtfyn). Krug und Schankgerechtigkeit in Wischwill. Nach Schwabe wird die sich um den Krug bildende Siedlung Schwaben genannt. Der Ortsname Schwaben findet sich bis ca 1700 auf Landkarten des Preußenlandes .Erst danach wird auf alten Karten der Ort wieder mit Wischwill bezeichnet

1517

Albrecht von Brandenburg-Ansbach legt als Ordens-Hochmeister den Platz für eine Kirche in Wischwill fest, die erste hölzerne Kirche wird von heidnischen Szamaiten zerstört.

1525

der katholische Ordensstaat wird weltliches Herzogtum, seine Bewohner treten zum Protestantismus über. Der Hochmeister wird der erste Herzog

1544 Herzog Albrecht gründet die Universität zu Königsberg, die "Albertina"
1546 Gut Adlig Wischwill wird erstmalig urkundlich erwähnt, umfaßt 15oo ha
1553 Offizielles Gründungsjahr des evangelischen Kirchspiels Wischwill
1556 Zweite Holzkirche in Wischwill, von heidnischen Szamaiten zerstört.
1565 Dritte Holzkirche in Wischwill
1650 Pagulbinnen kommt durch Privileg an Gut Wischwill
1656 schwedische Lehnshoheit löst die polnische in Ostpreußen ab,
1658

Tartareneinfall in Ostpreußen und Polen, Zerstörung von Dorf und Kirche in Wischwill Verschleppung vieler Bewohner auf türkische Sklavenmärkte In Wischwill blieben von 250 Familien nur 75 übrig

1663/64 Verkauf des Gutes Adl. Wischwill urkundlich belegt
1675 Kurfürst und GenFeldmarschall Derfflinger besiegen Schweden bei Fehrbellin.
1678 Erneuter Tartareneinfall mit weitgehender Zerstörung des Dorfes Wischwill.
1679 Gen.Feldmarschall Derfflinger besiegt Schweden bei Tilsit/Splitter
1700-1721 Großer Nordischer Krieg zwischen Schweden-Polen-Rußland, hatte weniger militärische Auswirkungen auf Ostpreußen, aber entscheidende politische
17.1.1701

wird der Kurfürst von Brandenburg im Dom zu Königsberg zum König Friedrich I. in Preußen gekrönt. Das bisherige Herzogtum (Ost)preußen gehört danach fest zum Königreich Preußen.

Um 1700 Gut Wischwill gehört der Familie von Buchholz aus Riga
1709 -1711 die Große Pest in Ostpreußen, weite Gebiete des Landes wurden entvölkert
1713-1740 unter König Friedrich Wilhelm I. kann sich das Land erholen
1716 aus ihrer Heimat vertriebene Schweizer kommen in die Tilsiter und Ragniter Gegend, sie bringen die moderne Milchwirtschaft mit.
1721 zahlreiche Mennoniten wandern auch in die Tilsiter Gegend ein.
1724

Thorner Blutgericht. Der katholische polnische König läßt die protestantischen deutschen Ratsherren und den Bürgermeister von Thorn auf grausame Art öffentlich hinrichten, weil sie ihrem Glauben nicht abschwören In Ostpreußen herrscht dagegen weitgehend religiöse Toleranz.

1730 Anlage einer Juchtenfabrik in Wischwill durch einen "Schutz"juden.
1732

zum "Retablissement" des Landes kommen die Salzburger Emigranten in das leere Land, besiedeln 60.ooo Höfe, 12 Städte, 332 Dörfer, 49 Domänengüter

1734-1737 in Wischwill kann eine massive Kirche mit Holzturm gebaut werden
1744

Johann Friedrich.von Domhardt wird Besitzer des Gutes Wischwill, später -1774 - verleiht ihm Friedrich II das Kirchenpatronat.Wischwill

1748

die Wischwiller Kornmühle geht in Erbpacht an Johann Heinrich Schulz. Mühlenteich mit Staudamm und Mühlengebäude mit Wasserrad bestehen bereits seit Anfang des 18.Jahrhunderts.

1756-1763 Siebenjährig. Krieg, Russische Kosaken in Ostpreußen und Wischwill bis 1762
1757

werden die Kirche und Teile des Dorfes, u.a. das Gut Wischwill von Kosaken geplündert und zerstört, viele Bewohner verschleppt oder ermordet. Die russische Armee unter den deutschstämmigen Generälen Graf Fermor und Freiherr von Korff beließ die deutschen Verwaltungen im Amt, an ihrer Spitze den in Wischwill beheimateten "Domänen-Aristokraten" J.F.Domhardt.

ab 1764 wurde das zerstörte Gutshaus Adlig Wischwill von Domhardt neu errichtet
1767

werden von Domhardt in Wischwill mit königlichem Privileg wichtige Manufakturen errichtet. Dies gehörte zur Politik Friedrichs II., dem der Aufstieg der entfernten Provinz und der Wohlstand seiner Bewohner sehr am Herzen lag. Für Wischwill bedeutete dies den großen Schritt in eine Modernisierung und gute wirtschaftliche Entwicklung.

1767

wurde das später so genannte Haus "Riedelsberg" für eine Papiermanufaktur errichtet. Baumaterial waren große Feldsteine sowie an Ort und Stelle aus Lehm geformte und hart gebrannte Ziegel und Dachpfannen, sogenannte Biberschwänze, die sich übrigens 200 Jahre ohne Schaden zu nehmen bewährten. Der Papiermacher Zieser installiert die neue Papiermühle. Der Wischwill-Fluß wurde nun auch oberhalb des Mühlenteiches aufgestaut. Für die Papiermühle wird der Mittelteich mit Wehr und Wasserad eingerichtet. Flußaufwärts entsteht der Hammerteich zum Betrieb eines Kupferhammers.. Das Gutshaus zum "Eisenhammer" wurde gleichzeitig errichtet.Christoph Schettler richtet als erster Hammerschmied den Kupferhammer ein.

1772

Friedrich der Große erläßt als erster Landesherr eine Instruktion an den Domänenpräsidenten Domhardt "alle Sklaverei und Leibeigenschaft" abzuschaffen und die Untertanen als freie Leute anzusehen.und so zu behandeln. dies sollte damals insbesondere für die Domänen und ihre Dörfer gelten, in Wischwill wurde aber schon lange entsprechend verfahren.

1806/o7

die napoleonischen Feldzüge führen bis nach Tilsit, wo zwischen Napoleon, Friedrich Wilhelm III. und dem Zaren Alexander am

9.7.1807 der Tilsiter Friede geschlossen wird.
1808 brennt die Kirche in Wischwill nach einem Blitzschlag aus, des Kirchenschiff ist jedoch bald wieder errichtet.
1812

Napoleons Zug nach Rußland bis Moskau und der vom Winter erzwungene Rückzug. Für die preußischen Truppenkontingente schließt am

30.12.1812

General Hans David von Yorck in der Poscheruner Mühle bei Tauroggen mit dem Befehlshaber der russischen Truppen, Generalmajor J. von Diebitsch einen Vertrag über die Neutralität seines Korps, die "Taurogger Konvention". Sie wurde Ausgangspunkt der Befreiungskriege gegen Napoleon I.

Okt.1813 Völkerschlacht bei Leipzig, sie ist die bis dahin größte der Weltgeschichte.
1815

Schlacht bei Waterloo und Wiener Kongreß mit Neuordnung Europas. In der Dorfkirche zu Wischwill befanden sich die Ehrentafeln der in den beiden Befreiungskriegen gefallenen Soldaten des Kirchspiels Wischwill .

11.7.1815 Das Etablissement der Papiermühle erhält offiziell den Namen Riedelsberg
nach 1815 Ungestörte wirtschaftliche Entwicklung in Ostpreußen.
1840 Das Hammerwerk erhält einen Eisenhammer, die Papiermühle die erste kontinuierlich arbeitende Papiermaschine
1867 Im heißen Sommer brennen alle strohgedeckten Häuser in Wischwill-Ost ab.
1867/68 Hungerwinter der verarmten Bewohner in Wischwill.
1868-72 Bau der befestigten Landstraße (Chaussee) Schmalleningken-Wischwill- Jurabrücken-Willkischken-Mikieten.
1870/71

Deutsch-französischer Krieg, Kaiserkrönung in Versailles. Ehrentafeln der Kirche enthielten Namen von Wischwiller Gefallenen dieses Krieges

1885

Das Gut Adlig Wischwill fällt durch Erbgang an die Besitzerin von Riedelsberg, die Witwe Mathilde Riedel, geborene Cautius.

1885/86 Die Papierfertigung in Riedelsberg wird eingestellt
1895 Die evangelische Kirche in Wischwill erhält einen massiven Kirchturm
1900-03

Auflösung des Gutes Adlig Wischwill, danach großer Aufschwung des Dorfes Einrichtung des landwirtschaftlichen Gutes Riedelsberg durch Hans Hoepfner Bau eines modernen Sägewerkes an der Alten Memel mit großen mechanischen Verladeanlagen für Wasser- und Schienentransport

12.8.1902

Eröffnung der Kleinbahnlinie Tilsit/Pogegen - Miekieten. Schmalleningken mit Stationen Riedelsberg-Wischwill/West und Wischwill/Ost.

1902 Bau eines großen Amtsgerichtes mit angeschlossenem kleinen Gefängnis.
1903

Der Fiskus richtet eine Oberförsterei im alten Gutshaus Adl.Wischwill ein. es entstehen acht zugehörige Förstereien in den umliegenden Waldgebieten.

nach 1903

Bau vieler moderner Häuser in Wischwill-West Bau des Ortsteiles Brodsende mit Werkswohnungen für Sägewerkarbeiter. Neubau der Post mit handvermitteltem Telefonamt für 30 Teilnehmer

1903

Umzug der seit mehr als 250 Jahren bestehenden Dorfschule von Wischwill-Ost in den Neubau in Dorfmitte mit 4 großen Klassenräumen und Lehrer-Wohntrakt

1914-18 Erster Weltkrieg
3.8.1914 In Wischwill fallen die ersten Soldaten des Krieges Deutschland-Rußland.
22.11.1914

Besetzung des Dorfes durch die Russische Armee im November 1914 Flucht der meisten Bewohner in unbesetzte Landesteile, zunächst in das gegenüberliegende Trappönen, später bis nach Königsberg. Im Gut Riedelsberg bezieht ein russisches Generalkommando Quartier. 420 im Dorf verbliebene Bewohner, Alte, Frauen und Kinder werden am

11.1.1915

von den Russen verschleppt, in der Wolgaregion interniert. viele Menschen starben schon beim Transport und wegen Hungers. Die Überlebenden kehren erst 1918 oder später zurück.

13.2.1915

"Sturm auf Wischwill", eine Radfahrabteilung unter einem Major von Knobloch stürmt von Trappönen aus über Strom und Memelwiesen und befreit das Dorf. Die geflüchteten Bewohner können im Frühjahr und Sommer 1915 zurückkehren.

16.2.1918 Der litauische Landesrat (Taryba) erklärt die Unabhängigkeit Litauens von Rußland
1919

Der Versailler Vertrag stellt das Memelland unter internationale Kontrolle Das abgetrennte Memelland erhält einen französischen Kommandanten. In Memel und anderen Orten wird französisches Militär stationiert,

1920 quartieren sich in Wischwill-Ost acht französische Soldaten ein, sie bleiben dort bis Januar 1923.
10.1.1923 Litauische Freischärler besetzen das Memelgebiet, die Franzosen ziehen ab.
8.5.1924

Das Memelstatut wird vom Völkerbund beschlossen und tritt Mai 1924 in Kraft. Seine Garantiemächte sind Frankreich, England, Italien und Japan. Die Bewohner des Memellandes erhalten eine klar definierte Autonomie. In den Pässen und Grenzkarten der Bewohner des Dorfes Wischwill wird als Staatsangehörigkeit "Litauen, Bürger des Memelgebiets" eingetragen. Der Memelstrom wird erstmalig seit Menschengedenken ein Grenzstrom.

Febr. 1925

Optionsvertrag zwischen Deutschland und Litauen 10% der Bevölkerung optieren für Deutschland sie müssen das Memelland im Laufe der nächsten beiden Jahre verlassen

1934

Anklage in Kaunas gegen 126 Memelländer wegen Landesverrats mit angeklagt ist der Wischwiller Paul Hirschbeck.

1935 4 Memelländer werden zum Tode, 87 zu langjährigen Zuchtshausstrafen verurteilt.
22.3.1939 Wiederangliederung an das Deutsche Reich
1.9.1939 Ausbruch des zweiten Weltkrieges
22.6.1941

Beginn des Krieges mit der Sowjetunion. Auch in Wischwill stellten sich deutsche Truppen bereit. Der spätere Generalfeldmarschall von Manstein, hatte sein Hauptquartier im Gut Riedelsberg aufgeschlagen

7.10.1944 die deutschen Einwohner Wischwills flüchten vor der Roten Armee
7.4.1948

Das Memelland wird der Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik durch Verfassungsänderung offiziell zugeordnet. Die Landkreise werden neu gegliedert, Wischwill gehört zum Rajon Jurbarkas

11.3.1990 Litauen verläßt die UdSSR und kämpft um seine Unabhängigkeit
13.11.1991 Russische Truppen besetzen das Fernsehzentrum Vilnius , 14 Todesopfer.
9.2.1991 Volksabstimmung für ein unabhängiges Litauen
29.8.1991 Deutschland erkennt die Republik Litauen an, die USA am 4.9.1991
17.9.1991

Aufnahme von Litauen, Lettland und Estland in die UNO die ehemaligen Bewohner können ihre alte Heimat ungehindert wiedersehen.

25.6.1993 Litas-Währung, Der Litas ist an den US--Dollar gebunden, 1 $ gleich 4 Litas
Aug 1993 die letzten russischen Soldaten verlassen Litauen
1.3.1999 Aufhebung des Visazwanges im Reiseverkehr zwischen Litauen und Deutschland
2.2.2002 Der Litas wird an den Euro gebunden, 1 Euro gleich 3,4528 Litas.
16.4.2003 Beitritt Litauens zur Europäischen Union (in Athen, Europa der 25 Staaten)
11.5.2003 Volksabstimmung in Litauen , 65 % für die EU (bei Wahlbeteiligung 53%)
1.5.2004 Öffnung der innereuropäischen Grenzen. (Schengener-Abkommen)
..
aus dem Band Kirchen-Chronik-Wischwill-Seite 177-180 entnommen

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