Kirchenchronik Wischwill

Anmerkung von Hans-Erhardt von Knobloch, im April 1999 in Berlin:


Das Auftauchen dieser verloren geglaubten alten Kirchen-Chronik kommt einem kleinen Wunder gleich, so jedenfalls erscheint es mir. Zwei Jahre lang hatte ich schon die heimatkundlichen Arbeiten über unser altes Dorf Wischwill an der Memel betrieben, Drei Sammelbände mit Arbeiten über unser Dorf waren bis dahin entstanden, sowie ein Band über das Gut Riedelsberg, von dem ich herstamme.
Viele Heimatfreunde hatten mich dabei mit ihren Hinweisen, mit alten Fotos und Dokumenten, sowie mit eigenen Beiträgen unterstützt. Eine Arbeit, die mich Wochen in Anspruch nahm, war die Forschung in den auch wieder gefundenen alten Wischwiller Kirchenbüchern von 1757 bis 1944. Die Eintragungen der Taufen, Hochzeiten und Bestattungen vermittelten einen ergänzenden Beitrag zur Geschichte unserer engeren Heimat, manch Unbekanntes trat dabei zu Tage und rundete das Bild unserer verlorenen Heimat ab. Dennoch, alles was wir zu wissen glaubten, setzte sich aus Einzelbeiträgen und einzelnen Angaben zusammen. Eine zusammen fassende Historie fehlte, insbesondere die Ereignisse während des ersten Weltkrieges waren vielfach in Vergessenheit geraten.
Aus Arbeiten von Ernst Schettler vom Eisenhammer in Wischwill war bekannt, daß es Kirchenakten und Chronikaufzeichnungen der Pfarrer gegeben hatte. Diese mußte man als verloren ansehen. Als ich den Archivaren des Evangelischen Zentralarchivs Berlin das Ergebnis meiner Nachforschungen in den 27 Kirchenbüchern übergab, hatte ich sie um eine intensivere Suche nach anderen, vielleicht noch vorhandenen Archivalien aus Wischwill gebeten. Und tatsächlich, am letzten Tag meiner heimatkundlichen Nachforschungen kam unsere alte Wischwiller Kirchen-Chronik zum Vorschein. Sie hatte die Verlagerung in Thüringer Bergwerke und die Zeit der DDR überstanden. Die Chronik wurde im Jahre 1992 vom Konsistorium Magdeburg, wo sie bislang archiviert war, an das evangelische Zentralarchiv Berlin abgegeben. Der Weg von Wischwill in den Westen läßt sich nicht mehr eruieren. Die Wischwiller Pfarrersfrau Lydia Moser erinnert sich heute nur noch daran, daß die Wischwiller Kirchenbücher einige Wochen vor der Flucht nach Schmalleningken zu Pfarrer Grodde gekommen waren.. Im Spätsommer 1944 seien Kirchen- und Standesamtsunterlagern von einem Fluchtfuhrwerk nach Wangritten bei Bartenstein mitgenommen worden. Nach Bartenstein war das Landratsamt verlagert, wo die amtlichen Unterlagen gesammelt werden sollten. Pfarrer Grodde hat nach dem Krieg berichtet, daß Kirchen- und Raiffeisenbücher mit dem Fuhrwerk des Schmalleningker Bauern Schallat transportiert wurden. Die Bauerntochter Lenchen Schallat *1914 sei mit dabei gewesen.
Ich konnte das Original der Kirchenchronik einsehen, es ist in unbeschädigtem Zustand. Die Kirchen-Chronik bestätigt, was wir uns mühselig zusammen gesucht hatten, sie stellt eigentlich neben der der Kirche auch eine Geschichte des Dorfes dar. Von der schweren Zeit im ersten Weltkrieg berichtet die Kirchenchronik, was uns Zeitzeugen nicht mehr schildern konnten. Und dankbar können wir sein, auch die sonst für immer vergessenen Namen der im ersten Weltkrieg für ihre Heimat Gefallenen wieder zu haben.
Nun habe ich die altdeutschen Handschriften für die Nachfahren lesbar gestaltet. Dazu mußte man den ganzen Text im Lesesaal erst einmal von Hand abschreiben, natürlich manches mühselig entziffern. Kopieren war nicht gestattet. Ich glaube aber zuversichtlich, daß sich diese zeitraubende Mühe im Interesse aller alten Heimatfreunde gelohnt hat.

 H.E.v.K. April 1999
-b-
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