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Ordner 1010110207
Wenn wir an die Gewinnung des Bernsteins denken, wandern die Gedanken unwillkürlich nach Palmnicken. Fast völlig vergessen ist die Bernsteinbaggerei vor Schwarzort im Kurischen Haff.
Im Jahre 1862 erbot sich der Memeler Kaufmann Becker, die Baggerei der Fahrrinne für den Dampferverkehr im Kurischen Haff auf seine Kosten vornehmen zu lassen, wenn er das Recht bekäme, den auf dem Haffboden liegenden Bernstein heraufbaggern und verwerten zu dürfen. Hierfür wollte er eine Pachtsumme von 25 Talern je Arbeitstag bezahlen. Die Wasserstraßenverwaltung riet, dies Angebot anzunehmen, dem dann auch die Provinzialverwaltung zustimmte.
Becker tat sich nun mit dem Memeler Kahnschiffer Stantien zusammen, der die technisch-seemännische Leitung des Unternehmens übernahm. Bei Schwarzort war der aussichtsreichste Blaugrund, in dem ja der Bernstein vorkommt, gefunden worden. Hier galt es zu baggern.
Selbstverständlich mußte im Anfang Lehrgeld bezahlt werden. Zum Baggern wurden Eimerketten im Paternosterwerk verwendet, die den Haffgrund abschürften. Die Ausbeute war weit geringer als erwartet.
Nach einigen Monaten hinabgeschickte Taucher stellten fest, daß der Sog der Strömung den gelockerten Grund wegspülte damit aber auch den Bernstein. Man mußte zu einem anderen Verfahren übergehen.
Ingenieure, die inzwischen befragt worden waren, rieten Stantien, das Grabenverfahren anzuwenden. Die Bagger fuhren jetzt nicht mehr langsam umher, sondern wurden so verankert, daß sie nur so weit beweglich waren, wie die Ankerketten reichten. Nun wurden durch die Paternosterwerke Gräben ausgehoben, und zwar in einer Reihe mit bestimmten Abständen. Dadurch wurde vermieden, daß der Bernstein fortgespült wurde. Wurde jetzt der Haffboden aufgelockert, konnte der von der Strömung fortgerissene Bernstein nicht mehr weit fortgetragen werden, sondern fiel in den nächsten Graben, wo ihn die Eimer des Paternosterwerkes auffischten. Die Erträge der Bernsteinbaggerei stiegen rapide an.
Auch die Eimer der Paternosterwerke wurden wesentlich verändert, man setzte zwei verschiedene Gefäßformen ein. Der eine Eimer bestand aus starkem Eisenblech, in dem nur einige Löcher waren. Er hatte die Aufgabe, die Wasserströmung in dem Graben zu verstärken, um durch den Sog den Sand und Bernstein der Grabenwände und Grabensohle loszuspülen, die dann von dem folgenden Eimer aufgefangen wurden. Dies Gefäß bestand aus Eisenstäben, die lange, schmale Ritze aufwiesen.
Dadurch konnte während des Hochziehens des Eimers das Haffwasser die Eimer durchfluten und dabei einen erheblichen Teil des Sandes herausspülen, was eine große Arbeitsersparnis bedeutete.
Auf dem Bagger leerten die Eimer ihr Gut auf eine Rutsche, von der es auf ein Sieb befördert wurde, das auf einem Prahm stand. Hier wurden der Bernstein und das ihn begleitende Sprockholz vom Sand getrennt.
Die Arbeitszeit war verschieden lang. Sie betrug im Sommer bis zu 16 Stunden und in Frühjahr und Herbst zwölf Stunden täglich.
Im Hochsommer wurde in drei Schichten zu je acht Stunden gearbeitet. Auf jede Schicht folgten acht Stunden Ruhe, so daß also an einem Tag sechzehn und am folgenden acht Stunden gearbeitet werden mußte. In Frühjahr und Herbst wurden zwei Schichten von je zwölf Stunden geleistet. In der ersten Zeit war die Arbeit sehr schwer, weil nur im Handbetrieb gebaggert wurde, dann begann Stantien Maschinen mit vier Pferdestärken einzusetzen. Es zeigte sich aber. daß diese nicht tief genug in den Untergrund eindringen konnten, nämlich nur zehn Fuß (rund 3,39 m.). Nun stellte Stantien stärkere Bagger mit Maschinen von zehn bis zwölf Pferdestarken ein, die ihre Paternosterwerke bis zu 22 Fuß (rund 7,41 m) eindringen lassen konnten und hierdurch wesentlich höhere Erträge erzielten. Die kleinen Bagger konnten in einer Schicht zwanzig Pfund Bernstein gewinnen, die großen dreißig. Diese Menge bildete auch das Fixum, Nach jeder Schicht fuhr der Baggerführer mit seinen abgelösten Arbeitern an Land und ließ im Verwaltungsgebäude sofort die Ausbeute wiegen. Wurde nämlich mehr als das Fixum gewonnen bekam die gesamte Bagger- und Prahmmannschaft eine Prämie.
Tatsächlich standen sich die Arbeiter für damalige Verhältnisse sehr gut. Ein Baggerführer bekam je Schicht einen Taler bis einen Taler fünf Silbergroschen, der einfache Arbeiter 22 Silbergroschen (ein Taler 30 Silbergroschen = drei Goldmark nach 1871). Hierzu kamen noch Prämien. Bei dieser Bezahlung war es unter damaligen Verhältnissen möglich, wöchentlich einen Taler Lohn für eine Betriebszwangssparkasse einzubehalten. Wenn im Winter nur das Stammpersonal behalten wurde, konnte den entlassenen Leuten ihre Sparsumme übergeben werden, Selbstverständlich konnte jeder freiwillig mehr sparen, wovon viele Gebrauch machten.
Die Arbeiter waren nämlich zu je 120 Mann in vier großen Wohnbaracken untergebracht in der sie wie in großen Kasernenstuben in zweistöckigen Betten schliefen und in denen auch für sie gekocht wurde. Die Verpflegung entsprach ungefähr der des Militärs, Es gab in der Woche Erbsen, Linsen oder Bohnen mit Speck und den "blauen Heinrich (Graupen mit Backpflaumen). Manche Arbeiter zogen es deshalb vor, sich in Schwarzort ein Zimmer zu mieten und auf eigene Kosten für die Verpflegung zu sorgen. Dies ging freilich zu Lasten der Möglichkeit, Ersparnisse zu machen.
Vor Beginn der Schicht fand sich alles am Ufer ein, Ein Glockenzeichen gab das Signal zum Schichtwechsel. Die abgelösten Arbeiter fuhren in Booten an Land, und die neue Schicht ruderte den Baggern und Prähmen zu, die etwa 400 Meter vom Ufer entfernt verankert lagen und ihren Standort nur änderten, wenn neue Gräben ausgehoben werden mußten.
Im Hochsommer 1867 arbeiteten hier rund 500 Arbeiter auf den neun kleineren und drei großen Baggern, den 48 Prahmen und dem Dampfer der den Verkehr mit Memel vermittelte und die mit Sand vollbeladenen Prähme nach Schwarzort schleppte, wo ein Winterhafen geschaffen wurde, der in der schlechten Jahreszeit das wertvolle Schiffsmaterial aufnahm.
An Land waren weitere Arbeitskräfte in den Lagerräumen und den Werkstätten beschäftigt die leistungsfähig genug waren um alle notwendigen Reparaturen an Schiffen und Geräten durchführen zu können.
Im Jahre 1867 konnten 73284 Pfund Bernstein gewonnen werden. Becker zog in Memel einen Vertrieb des bei Schwarzort gefundenen Bernsteins auf; in Danzig, Ruhla/Thüringen, Berlin, Wien, Paris, Livorno, London, Konstantinopel Kalkutta, Hongkong, Bombay und Mazatlan (Mexiko) er besaß Hauptcommanditen. Der umsichtige Becker führte gleichzeitig eine Neuerung ein, die den Wert des Bernsteins wesentlich erhöhte, er ließ ihn in Memel sortieren und bot ihn in 58 verschiedenen Lots nach Farbe, Größe oder Verwendungszweck an. Für die Bernsteinarbeiter wurde dadurch die Gefahr, für sie ungeeignete Stücke mitzukaufen, weitgehend verringert.
Im Mai 1868 erhöhten Stantien und Becker die Tagespachtsumme für eine weitere Verlängerung der Konzession freiwillig von 25 auf 200 Taler. Hierbei haben sie sich verkalkuliert; denn die Ausbeute ließ bald nach weshalb 1875 die Bernsteingewinnung nach Palmnicken verlegt werden mußte.
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Bernstei-Schnitzereien aus der Steinzeit
und Metallfunde aus späterer Zeit |
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