Preußisch Litauer - Kleinlitauer -
Mazoji Lietuvíninkai

WAS IST DAS ?

Es ist zu vermuten, daß ein Teil der Menschen, die diese Ausdrücke benutzen oder sich sogar als solche bezeichnen, nicht wissen, was diese Bezeichnungen wirklich bedeuten oder, besser gesagt, wie es zu diesen Benennungen kam.
Bekannt ist, daß in dem verlorenen Ostpreußen ursprünglich prussische Stämme und nördlich davon Kuren und Letten seßhaft waren. Und wir wissen auch das östlich dieser Stämme die litauischen Stämme der Schameiten und Aukstaiten lebten. Die Prussen und diese litauischen Stämme waren getrennte Völker, sie gehörten mit den ausgestorbenen Kuren zur Völkerfamilie der Balten.

Karte des Siedlungsgebietes der Kuren

Als die Burg Memel im Jahre 1252 durch den livländischen Zweig des Deutschen Ordens erbaut wurde, war das Land nördlich der Memel nur dünn besiedelt und zwar nördlich der Linie Ruß-Coadjuthen durch Kuren (s. Buga: Aisciu Praeitis, Kaunas 1924; Endzelin: Nationalität und Sprache der Kuren, Leipzig 1912; Gerullis: Baltische Völker in Eberts Reallexikon der Vorgeschichte, Berlin 1924), südlich davon durch die prussischen Schalauer (litauisch: Skalviai). Man kann also feststellen, daß es im Memelland bei der Ankunft des Ordens keine litauische Urbevölkerung gab.
In Urkunden aus den Jahren 1252/53 wird das Gebiet nördlich der Memel bis zum Flüßchen Bartau (mündet in den Libau-See) als terrea incultae (unbebautes Land) bezeichnet. Nach Ende des großen Prussenaufstandes 1276 war das Land beiderseits der Memel, östlich von Deime und Alle, weitgehend menschenleer. Es verwilderte zur Großen Wildnis (vasta solitudo) bis weit nach Szameiten hinein.
Bis zum Frieden am Melnosee 1422 kann hier von Kolonisation keine Rede sein. Deutsche Siedler aus den deutschen Landen und unterworfenen Prussen westlich dieser Linie hatten keine Lust, in die immer wieder von Litauern überfallenen Gebiete zu ziehen und zu siedeln. Und Litauer des Stammes der Szameiten kamen lediglich als Flüchtlinge in das Ordensgebiet. Es handelte sich dabei um getaufte Christen, die von ihren Nachbarn als Verräter angesehen wurden. Denn Litauen war noch heidnisch und wehrte sich in der Mehrzahl gegen das Christentum. Diese Glaubensflüchtlinge wurden vom Orden weit im befriedeten Westen, in die Gebiete von Mohrungen, Pr. Holland und sogar Danzig angesiedelt. Hier waren sie nicht der Rache ihrer Stammesbrüder bei deren Einfällen ausgesetzt. Deutsche Bauern und Handwerker siedelten, ebenfalls aus Angst vor den Einfällen der Litauer, nur in nächster Nähe der Ordensburgen Memel, Ragnit und Tilsit. So blieb das nordöstliche Ostpreußen den Kuren und Schalauern überlassen, soweit sie nach den Kämpfen überlebt und sich unterworfen hatten. Daß es bis in die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts in diesem Gebiet noch immer keine geschlossene litauische Bevölkerung gab, wird am besten durch das Diktat des Friedens von Melnosee 1422 erhärtet. Niemals hätte der Großfürst Vytautas als Realpolitiker bei der Festlegung der Grenze zwischen dem Orden und dem vereinigten Litauen und Polen auf ein litauisch besiedeltes Gebiet verzichtet. Der Orden war nach dem verlorenen ersten polnischen Krieg so geschwächt, daß er keinen Widerstand bei einer anderen Grenzregelung geleistet hätte.
Im Thorner Frieden von 1466 verlor der Orden weiteres Gebiet an die polnisch/litauische Großmacht und zwar das gesamte Ermland. Sein Haupthaus, die Marienburg, fiel ebenfalls an Polen. Aber der nordöstliche Teil des Ordenslandes, unseres Ostpreußens, einschließlich der Großen Wildnis, nördlich des Memelstromes gelegen, wurde dem Orden belassen.
Um 1450 begannen litauische Flüchtlingen in diese Wildnis einzusickern .
Was bewog sie dazu?
Das Land der Schameiten wechselte zwischen Vytautas und dem Orden vor der Schlacht von Tannenberg (lit. Zalgiris) oft den Besitzer. Dabei hatten die Schameiten von 1383 bis 1411 auch die Ordensherrschaft kennengelernt. So kamen sie jetzt als Wirtschaftsasylanten in das Ordensland. Man nannte sie die litauischen Läuflinge.
Denn in Litauen hatte sich das Leben der seit alters her freien Bauern stark verändert. Die 2. polnisch-litauische Union von Horodlo (1413) brachte dem litauischen Adel sämtliche Rechte des polnischen Adels. Gemeinsam mit den polnischen Großgrundbesitzern unterdrückten sie die kleinen Bauern und machte sie zu Unfreien. Und nun erinnerte man sich an den Ordensstaat. Die Hoffnung auf größeren und freieren Landbesitz lockte sie in Scharen über die preußische Grenze. Das zog sich über Jahrzehnte hin. Im Amt Memel findet man erstmalig um 1500 die ersten litauischen Namen. Der Zuzug hörte in der Folge nicht auf. Bis ins 18. Jahrhundert war Preußen Einwanderungsland. Dabei fällt auf, daß unter Herzog Albrecht keine katholischen Kirchen erbaut wurden. Freiwillig nahmen die litauischen Läuflinge die lutherische oder calvinistische (reformierte) Lehre an (Herzog Albrecht gehörte der Reformierten Kirche an). Der Herzog und später auch die preußischen Könige sorgten für die Unterweisung der litauischen Einwanderer. Pfarrer und später auch die Lehrer waren gehalten die litauische Sprache zu erlernen. Pfarrer begannen litauisch zu predigen und in den Schulen wurden die Kinder in ihrer Muttersprache unterrichtet. Dafür wurde an der Herzog-Albrecht-Universität in Königsberg sogar ein litauischer Lehrstuhl eingerichtet. Dadurch kam es dazu, daß z. B. bereits 1579 der Pfarrer Bartholomäus Willen in Königsberg den Kleinen Katechismus von Dr. Martin Luther ins Litauische übersetzte. Ihm folgten viele Pfarrer und Lehrer, die auch bald weitere Bücher in litauischer Sprache herausbrachten, denn eine litauische Schriftsprache hatte es bis dahin nicht gegeben. Die Gesetze und Verordnungen wurden im Großfürstentum Litauen in lateinischer oder russischer, später auch polnischer Ssprache verkündet. Die litauischen Dainos, Sagen und Mythen wurden dagegen nur mündlich überliefert. In späterer Zeit, als Litauen nur eine russische Provinz war, gab es viele Schriftsteller, die sich mit der litauischen Sprache beschäftigten und in Litauisch schrieben. Mittelpunkt war dabei die "Littauische litteräre Gesellschaft", gegründet 1879 in Tilsit. Die namhaftesten Vertreter waren Christian Donalitius, ein Pfarrer in Tollmingkehmen, der in Nidden geborene Ludwig Rhesa, Professor in Königsberg und der Tilsiter Friedrich Kurschat. In den grenznahen Städten Ragnit und Tilsit wirkten u. a. der preuß.-litauische Volksschullehrer Storost, der sich dann als litauischer Schriftsteller Vydunas nannte, der ev. Pfarrer Dr. Gaigalat aus Koadjuthen und der aus Bielefeld stammende Dr. Georg Sauerwein. Sie alle erhielten von der preuß. Regierung die Genehmigung, ihre litauischen Schriften und Bücher zu drucken, die in vielen tausend Exemplaren von Bücherträgern, den sogenannten Knygnesys, nach Litauen geschmuggelt wurden, wo die litauische Sprache und die lateinische Schrift zeitweise verboten waren.
All diese einst preußischen, um nicht "deutschen" zu sagen, Schriftsteller wurden und werden heute noch von Litauen als litauische Schriftsteller verehrt, wobei ihre Namen litauisiert wurden. So ist z. B. die ehemalige "Breite Straße" in Memel im heutigen Klaipeda nach dem deutschen Arzt Dr. Georg Sauerwein "Jurgis-Zauerveino-gatve" benannt. So stark Litauen heute der katholischen Kirche angehört, sollte nicht vergessen werden, daß ganz Litauen bereits in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts reformiert war. Dann jedoch traten die Jesuiten auf den Plan und starteten eine Gegenreformation. Es gelang ihnen Litauen fast gänzlich in die katholische Kirche zurückzuführen.
Nun waren es wieder litauische Glaubensflüchtlinge, die lieber die religiösfreie Luft in Preußen atmen wollten, um nicht die katholische Enge der Jesuiten (Jesuiten Kirche- und Kloster in Kaunas) ertragen zu müssen.
So wurde der spätere Regierungsbezirk Gumbinnen, zu dem auch das Memelland gehörte, nach und nach besiedelt. Aber nicht nur durch Litauer, denn seit dem 16. Jahrhundert kamen auch wieder mehr deutsche Siedler ins Land. In den Jahren 1709/10 gab es einen bitteren Rückschlag. Die Pest wütete. Von den geschätzten 600 000 Einwohnern Ostpreußens starben 240 000 an der Pest. Davon starben etwa 200 000 alleine in Nordostpreußen. Ganze Dörfer wurden entvölkert. Wie hoch der Anteil an Preußisch-Litauer war, weiß man nicht. Verschont wurden sie jedenfalls nicht; denn auch viele ihrer Höfe lagen wüst und leer da.
Der Preußische König Friedrich I. zögerte nicht lange und begann sofort mit der Neubesiedlung. Dieses Riesenwerk nannte man damals Retablissement oder Peuplierung. Mit einer Binnenkolonisation war in dem von Menschen entleerten Land nichts zu machen. Er rief aus allen deutschen Landen Siedlungswillige nach Ostpreußen. Und sie kamen: 1000 Protestanten aus der Schweiz, Hugenotten aus Frankreich, über 130 000 Glaubensflüchtlinge aus Mittel- und Süddeutschland, etwa 3000 Mennoniten aus dem Kulmer Land und über 5000 Holländer, Schotten und Engländer.
Bis 1713 waren bereits zwei Fünftel des leeren Landes wieder besiedelt. Sein Sohn, der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I., führte diese Arbeit eifrig fort. Dabei wurden auch preußisch-litauische Bauernsöhne auf wüsten Höfen angesetzt. Aber Schameiten aus dem polnischen Litauen anzusiedeln, lehnte er ab. Als dann 1732 die Salzburger Glaubensflüchtlinge nach Ostpreußen kamen, mußten sie schon nicht mehr in einem entvölkerten Land untergebracht werden.
Spätestens seit dieser Zeit überwog wieder der deutsch sprechende Bevölkerungsanteil. Die immer wieder zitierten Preußisch-Litauer ließen sich eindeutschen. D.h., die meisten konnten deutsch sprechen auch wenn sie ihre Muttersprache, das Litauische, beibehielten und unter sich verwendeten.
Im Jahre 1808 wurde der preußische Staat reformiert. Aus den bisherigen Kriegs- und Domänenkammern wurden Regierungsbezirke. Der Gumbinner Bezirk erhielt den Namen Regierungsbezirk Litthauen und die dort amtierende Regierung nannte sich Kgl. Preußische Litthauische Regierung. Es war eine sicher nicht glückliche Namenswahl wie es sich zeigen sollte. Denn bis zum heutigen Tag wird dieser damals irritierende Name von verschiedenen großlitauischen Kreisen als Argument für einen Besitzanspruch verwendet, obwohl das Gebiet niemals zum Großfürstentum Litauen bzw. Königreich Polen gehört hat.
Der preus.Litthauer Doch in dieser Zeit dürfen wir das Entstehen eines Preußisch-Litauertums sehen. Besonders die konfessionelle Kluft zwischen Katholizismus und Protestantismus bestimmte bis zur Flucht im Jahre 1944 die Abgrenzung dieser zumeist Landbevölkerung zu den katholischen Großlitauern.
Die eingewanderten Litauer, ob Glaubens- oder Wirtschaftsflüchtlinge fühlten sich in dem Ordens- und später Preußenland wohl. Wie schon geschildert, grenzten sie sich schon alleine aufgrund ihres Glaubens gegenüber den Großlitauern ab. In unserer engeren Heimat, dem Memelland, blieb die sprachliche Germanisierung hinter der wirtschaftlichen zurück. Es entwickelte sich, wie oft in Grenzgebieten, eine Mischsprache, in unserer Heimat das Memelländisch-Litauische, das sich ganz wesentlich von dem Hochlitauischen unterschied. Hierdurch waren die Preußisch-Litauer noch mehr ihrem Mutterland entfremdet. Sie lebten auf einer gänzlich anderen Kulturstufe. Im einstigen Großlitauen war die Weiterentwicklung der Zivilisation und Kultur durch den russischen Druck gehemmt worden und stehen geblieben. Als dann die mit Hilfe Deutschlands 1918 die neu entstandene Republik Litauen das Memelgebiet im Jahre 1923 widerrechtlich besetzte, versuchte Litauen den litauisch oder memelländisch-litauisch sprechenden Bevölkerungsanteil für sich zu gewinnen. Aber auch 16 Jahre litauische Herrschaft konnten es im Memelgebiet nicht schaffen. Dies bewiesen die fünf Landtagswahlen eindeutig. Sie wählten zum Ärger Litauens immer wieder deutsch. Und in dieser Zeit tauchte m. E. erstmals die Bezeichnung Kleinlitauer auf. Vermutlich wurde diese Bezeichnung den Preußisch-Litauern von Großlitauen übergestülpt.
Als im Jahre 1939 das Memelland in das Deutsche Reich zurückkehrte verließ keiner dieser jetzt Kleinlitauer seine Heimat. Sie blieben und wurden, ebenfalls wie die Memelländer, wieder deutsche Staatsbürger. Dann, unter der erneuten russischen, jetzt sowjetischen, Knute begann in der litauischen SSR wohl aus Glaubensgründen untereinander eine Abgrenzung. Als dann im Jahre 1991 Litauen wieder seine Selbstständigkeit erringen konnte, schlossen sich die Kleinlitauer zu einer politischen Vereinigung zusammen, den Mazoji Lietuvininkai. Doch wenn man genauer hinschaut, erkennt man unter ihnen sehr viele mit nicht litauischem Ursprung. Sie sind an den litauisierten deutschen Namen zu erkennen. Es ist eine Eigenart der litauischen Sprache, auch unseren Namen, sofern sie ausgesprochen oder geschrieben werden, litauische Endungen anzuhängen.
Unverständlich ist es jedoch, daß ein große Anzahl litauischer Nationalisten die geschichtliche Wahrheit nicht erkennen will und nicht nur das Memelland, sondern den gesamten nordöstlichen Teil Ostpreußens als einst litauisches Gebiet, als Kleinlitauen, bezeichnet und verlangt, es dem heutigen litauischen Staat einzugliedern.

Viktor Kittel 1995
(überarbeitet 2003)


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