Der Russeneinfall im ersten Weltkrieg

Die Besetzung Memels war die Antwort auf die Masuren-Niederlage
von Martha Pascherat
im MD 1958-20.März


In der bekannten Winterschlacht in Masuren brach die 10. russische Armee unter den Schlägen der deutschen 8.Armee unter Hindenburg zusammen. Dieses Debakel aus dem Februar 1915 hatte schon 1914 ein Vorspiel gehabt. Vom 26. bis 31. August 1914 hatten Hindenburg und Ludendorff die vom Na-rew vorgeprellten Russen bei Tannenberg besiegt, und im September 1914 fand die erste Masurenschlacht statt, die in dem Lodzer Kessel des General Litzmann eine Parallele fand.
Im Februar 1915 hob Hindenburg den russischen Nordflügel aus den Angeln. Die Russen kapitulierten im Forst von Augustow, verließen fluchtartig ihre Stellungen und konnten nirgends mehr festen Fuß fassen. Da auch Mackensen in Galizien Erfolg hatte, geriet die ganze Russenfront von Tarnopol bis Riga ins Wanken. Um den deutschen Vormarsch zu stören und wenigstens einen örtlichen Erfolg zu erringen, verfielen die Russen darauf, Deutschlands nördlichste Stadt zu besetzen.
Am Donnerstag, dem 18. März 1915, rückten die Russen gleichzeitig von Norden. und Osten her in mehreren Kolonnen gegen Memel vor. Sie wandten damals schon die Taktik an, die sie auch in' der zweiten Phase des Ostfeldzuges von 1943 an verfolgten: Sie stellten für ihren Angriff alles auf die Beine, was laufen konnte. Unter den 6000 russischen Angreifern befanden sich Grenzpolizisten, Marine-Infanteristen und auch Zivilisten, denen man lediglich eine Soldatenmütze aufgesetzt hatte.
Die Russen konnten auf den Erfolg eines solchen bunten Aufgebotes rechnen, weil sie durch Agenten genau wußten, daß Memel so gut wie unverteidigt war. Der Landsturm war der russischen Übermacht nicht gewachsen und wich zunächst von der Grenze auf die Stadt zu und später auf die Nehrung aus. Auch in ihrer Kampfesweise haben sich die Russen nicht wesentlich verändert. Schon damals war eines ihrer besten Mittel, Angst und Schrecken zu verbreiten. Auf den Anmarschstraßen von Nimmersatt bis Laugallen brannten die Scheunen. Flüchtlinge berichteten von Verschleppungen und Vergewaltigungen. Männer wurden erschossen und erschlagen. Die Panik aber war der Verbündete der Russen!
Am Abend des 18. März zogen die Russen in Memel ein. Die Stadt war ein Chaos. Viele Landbewohner, die nach Memel geflüchtet waren, irrten in den Straßen umher. Blutigrot war der Himmel über den Dächern. Althof brannte. Und die Memeler drängten an den Fährstellen, um nach Sandkrug übergesetzt zu werden.
Ich war damals. als Rot-Kreuz-Helferin im Memeler Kreis-Krankenhaus tätig. Da dieses Hospital an einer der russischen Anmarschstraßen lag, hatte ich Gelegenheit zu beobachten, wie unser Landsturm die Stadt heldenhaft verteidigte, um den Rückzug der Verbände zur Nehrung zu decken. Ein Oberleutnant Conradi leitete die Operation. Vom Hafenbauamt wurden die Truppen übergesetzt.
Am meisten Sorge hatten wir um die Verwundeten, die uns im Laufe der Kämpfe eingeliefert würden. Was würden die Russen mit ihnen machen? Wir versteckten sie, so gut es ging, nahmen ihnen die Uniformen und vergruben diese im Garten unter dem hohen Schnee.
Raubend und plündernd betraten die Russen das Krankenhaus. Es herrschte bei uns ein schreckliches Durcheinander. Da das Krankenhaus während der Kämpfe auch Treffer erhalten hatte, waren die Kranken in das Hinterhaus und die Kellerräume umgebettet worden. Das hatte schon genug Kopflosigkeit gegeben. Nun rissen russische Soldaten die Telefonleitungen heraus, zerschlugen die Einrichtung des Operationsraumes und tranken die Flaschen mit Spiritus, Äther und sogar Chloroform leer. Aus der Küche wurden alle Schwestern vertrieben. Dann rückte das russische Rote Kreuz an. Auch Ärzte waren dabei. Auf den Fluren und Treppen lagen, schliefen oder brüllten betrunkene Russen.
Die ganze Nacht hindurch gingen die Plünderungen weiter. Hunderte von neuen Verwundeten wurden hereingebracht, darunter viele Zivilisten. Ein Elternpaar hatte sich vergiftet nachdem die Tochter so oft vergewaltigt worden war, bis sie starb. Eine Frau war dem Wahnsinn verfallen, weil die Russen ihr Haus samt den darin schlafenden Kindern verbrannt hatten. Äußer ihr wurden, soweit ich mich erinnere, noch drei Mädchen ins Irrenhaus gebracht, weil die unmenschlichen Schändungen sie um den Verstand gebracht hatten.
Vom Dach bis zu den Kellerräumen war das Krankenhaus belegt. Am Morgen begannen die Operationen. Die Russen hatten Dum-Dum-Geschosse verwendet, die schreckliche Verstümmelungen hervorgerufen hatten. Auch die russischen Ärzte boten ihre Hilfe an. Sie waren aber nicht einmal bereit, vor der Operation ihre Hände zu waschen, und wurden daher von unseren deutschen Ärzten nur zum Herein- und Hinaustragen der Verwundeten benutzt.
Ein besonderes Erlebnis hatten wir mit einem Russen, der an

 

beiden Händen verwundet, war und schon auf dem Operationstisch lag. Die russischen Ärzte wollten ihn operieren, obwohl weder Äther noch Chloroform vorhanden waren. "Vier Sanitäter halten ihn einfach fest. Besoffen ist das Schwein sowieso!" meinte einer der Ärzte. Unser Chefarzt aber schlug vor, auf das Eintreffen der schon angeforderten Betäubungsmittel zu warten. Während sich die Herren unterhielten, sprang der verwundete Russe vom Operationstisch und rannte, wie von Furien gehetzt, aus dem Raum, um auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden.
Am Freitag wurden der Memeler Bürgermeister und andere prominente Bürger von den Russen als Geiseln gefangengesetzt. Als das Rauben und Schießen nicht aufhören wollte, gaben die Russen selbst den Befehl, alle Spirituosen in die Dange zu gießen, da sie sonst die Disziplin nicht aufrecht erhalten könnten. Der eine russische Arzt, der als Balte recht gut Deutsch sprach, sagte mir, daß sich unter den russischen Soldaten viele entlassene Sträflinge befänden, denen ihr Leben nichts wert wäre und die daher auch die Leben ihrer Mitmenschen nicht schonten.
Ich war um meine Eltern sehr in Sorge. Sie waren aus Karkelbeck in die Stadt geflüchtet und hatten in der Gastwirtschaft Barsties in der Libauer Straße Unterschlupf gefunden. Dort sollten die Russen besonders schwer gehaust haben. Mit dem baltischen Arzt und zwei deutschen Ärzten versuchten wir, bis Barsties zu kommen. Aber schon an der Börsenbrücke mußten wir umkehren. In der Stadt wurde immer noch geschossen. Die Russen beschossen von hier aus mit MG's den Börsenturm. In dem Durcheinander verloren wir die beiden deutschen Ärzte, und der Balte brachte mich über den Friedrichsmarkt zurück. Dort sahen wir einen Kosaken, welcher eine Frau verfolgte, der man die Todesangst ins Gesicht geschrieben sah. Der Arzt rief den Kosaken an. Dieser hatte als einzige Waffe nur einen Feldspaten in der Hand, den er sofort gegen den Offizier erhob. Der Arzt zog den Degen, ließ es aber nicht zum Äußersten kommen, sondern sprach den Kosaken freundlich an. Inzwischen war die Frau verschwunden. Man sah, daß es keine Disziplin mehr gab.
Am Abend brachte mein Vater die Mutter und die Großmutter zu mir ins Krankenhaus. Er hatte dazu die Genehmigung des russischen Kommandanten einholen müssen. Wir alle baten ihn, auch zu bleiben. Doch er erklärte, er hätte dem Kommandanten das Ehrenwort gegeben, zu Barsties zurückzukehren. So verließ er uns wieder.
In der Nacht zum Sonnabend entstand plötzlich Unruhe unter den Russen. Ein hastiger Aufbruch vollzog sich. Die Wagen wurden mit dem Raub vollgeladen und rollten fort. Nur eine kleine russische Besatzung blieb zurück, die sich sehr zurückhaltend benahm. Am Sonntag sah man nur noch einzelne russische Patrouillen, .die sich scheu an den Hauswänden entlangdrückten.
Sonntag gegen Mittag tauchte am Krankenhaus eine schneidige deutsche Ulanenpatrouille auf, die über Graben und Zäune setzte. Die Ulanen fragten, wieviele Russen noch da wären und versprachen, daß der deutsche Entsatz bis zur Abenddämmerung zur Stelle sein würde.
Und die Befreier kamen! Die Russen hatten sich in Häusern verschanzt und schössen aus den Fenstern. Es gab unter den Deutschen Tote und Verwundete. Nun wurden von unseren Landsern die Häuser durchkämmt und alles niedergeschossen, was sich nicht ergeben wollte. Bald war die russische Besatzung erledigt Russische Verstärkungen, die wohl den Abzug der letzten Russen erleichtern sollten, wurden zurückgejagt. Dann rückten immer mehr deutsche Truppen an. Das Ersatz-Regiment Königsberg zeichnete sich besonders durch Mut und Tapferkeit aus. Bei Königswäldchen konnten den flüchtenden Russen die mitgeführten Geiseln entrissen werden. Der Vormarsch ging weiter. Bei Polangen unterstüzten deutsche Kriegsschiffe die Landoperationen. Viele Verschleppte konnten noch befreit werden.
Bei den Truppen, die Memel befreiten, befand sich auch der jüngste Sohn unseres Kaisers Prinz Joachim. Er wurde überall mit Jubel begrüßt. Unter den hohen Gästen, die Memel nach der Befreiung begrüßten, war auch der berühmte schwedische Forscher Sven Hedin, der auch unser Krankenhaus besuchte, wobei er den Verwundeten eine namhafte Geldspende hinterließ und den Schwestern dankte.
Ein leuchtendes Beispiel treuer Pflichterfüllung war in jenen Tagen Chefarzt Dr. Fehre, der sich für alle Kranken und Verwundeten unerschrocken einsetzte und uns allen Mut zum Ausharren zusprach. Sein Wahlspruch war:

"Nächst meiner Hilfe steht Gottes Hilfe!"
Martha Pascherat.

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