Das Memelland mit einer Größe von rund 2.500 Quadratkilometern
und 150.000 Einwohnern zu Beginn des Zweiten Weltkrieges war seit Jahrhunderten
bis 1919 ein fester Bestandteil Ostpreußens. Die an der Ostsee zwischen Haff und
Moor gelegene nordöstlichste Region des Deutschen Reiches geriet im Laufe der
Zeit immer wieder in den Blickpunkt der großen Politik.
Die Ureinwohner des Gebiets, dessen südliche Grenze der
Memelstrom bildet, gehörten zu den Balten. Der römische Historiker Tacitus
nannte sie in seinem Bericht über Germanien "Aestier". Hierbei handelte es sich
vermutlich um die Volksstämme der Kuren und Schalauer. Nördlich und östlich von
ihnen lebten die Schameiten, ein litauischer Volksstamm. Zu Beginn des 13.
Jahrhunderts bewohnten die Kuren den Norden des Memellandes, im Süden waren die
Pruzzen ansässig. Im Jahre 1226 rief der Herzog Konrad von Masowien den
Deutschen Ritterorden gegen die heidnischen Pruzzen zu Hilfe. Das dünn
besiedelte Gebiet wurde im Laufe der folgenden Jahrzehnte vom Orden unterworfen,
der zugleich deutsche Siedler ins Land rief. Im Jahre 1252 gründete der mit dem
Ritterorden verbündete livländige Schwertbrüderorden in der Nähe des kurischen
Dorfes Klaipeda mit dem Bau einer hölzernen Burg die Stadt Memel, genannt nach
dem 60 km entfernten Memelstrom. Die Burg sollte eine Brücke von Norden nach
Süden schlagen. Memel ist somit die älteste Stadt Ostpreußens.

Den landschaftlichen Reiz des Memellandes - weit über die
Grenzen hinaus - bildet die Kurische Nehrung zwischen der Ostsee und dem
Kurischen Haff. Sie weist eine Länge von 100 km und eine Breite von 500 bis
3.000 Metern auf. Bis zum Siebenjährigen Krieg gab es dort zusammenhängende
große Waldbestände, die allmählich und zuletzt durch die Russen um 1760
abgeholzt wurden. Dadurch entstanden die Wanderdünen, die im Laufe der Zeit
zahlreiche Dörfer verschütteten, bis diesem von ständigen Winden hervorgerufenen
Phänomen durch neue Anpflanzungen ein Ende bereitet wurde.
Heute gehört die Kurische Nehrung zu den beachtenswerten
Naturdenkmälern. Als der Naturforscher Alexander von Humboldt auf einer seiner
vielen Reisen auch die Nehrung besuchte, meinte er, daß dem, der Spanien und
Italien gesehen hatte und die Kurische Nehrung nicht kennen würde, ein Bild in
seiner Seele fehle. Dieser Landstreifen mit der unendlich erscheinenden Weite
der mächtigen Dünen und der tiefen Stille macht auf jeden Besucher einen
nachhaltigen Eindruck. Der Wanderer bekommt sehr häufig auf der einen Seite die
Ostsee und auf der anderen Seite zugleich die Wasserfläche des Kurischen Haffs zu
sehen. In den weiten Sandflächen kommt er sich wie in einer Wüste vor. Die Menschen diese Region sprachen von der "Sahara des Nordens".
Der zum Memelland gehörende bekannteste Ort auf der Nehrung, das Ostseebad Nidden,
entwickelte sich bereits im 19. Jahrhundert zu einer bedeutenden
Künstlerkolonie. Maler und Schriftsteiler ließen sich dort inspirieren. Auch
Thomas Mann war von dem Reiz der Landschaft angetan und erwarb im Jahre 1929 ein
Haus mit dem berühmten "Italienblick", das heute zu einem Museum umgestaltet
worden ist.
Bereits zu Beginn des 17. Jahrhunderts kamen viele Siedler in das frühere Ordensgebiet, später gefördert durch tolerante Angebote des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm I. So erhielten im Jahre 1732 17.000 Salzburger, die wegen ihres Glaubens aus der Heimat vertrieben wurden, im gesamten ostpreußischen Gebiet eine neue, dauerhafte Heimstatt. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wanderten außerdem Protestanten aus der Schweiz, Hugenotten aus Frankreich, über 130.000 Menschen aus Mittel- und Süddeutschland und mehr als 5.000 Holländer, Schotten und Polen in Ostpreußen ein. Sie ließen sich zum Teil auch im Memelland nieder. Auch litauische Flüchtlinge, die wegen ihres christlichen Glaubens ihre damalige, noch heidnische Heimat verlassen mußten, siedelten sich ab dem 13. Jahrhundert in der memelländischen Region an. Eine stärkere Einwanderung von Litauern erfolgte dann bis ins 17. Jahrhundert, wobei viele dieser neuen Bewohner in der Folgezeit die deutsche Sprache und Kultur annahmen. Im Gegensatz zu den Einwohnern des katholischen Litauen waren sie zum überwiegenden Teil evangelisch.
Im Laufe der Zeit hatte der Ritterorden seine Macht mehr und mehr eingebüßt. Im Jahre 1410 verlor er gegen die vereinten Kräfte der Litauer und Polen die in die Geschichte eingegangene Schlacht von Tannenberg. Ein weiterer Krieg endete im Jahre 1422 mit dem Frieden am Melno-See, der von den Siegermächten diktiert wurde. Der Orden mußte alle Gebiete im litauischen Einflußbereich abtreten. Zugleich wurde die nördliche und östliche Grenze des ostpreußischen Memellandes festgelegt. Sie hatte bis zum Jahre 1919 Bestand. Somit gehörte das Memelland unbestritten Jahre hindurch zu Preußen, das aus Brandenburg und dem Ordensstaat hervorgegangen war. Es erlebte in der Folgezeit eine positive Entwicklung.
Auf kulturellem Gebiet sind zwei deutsche Dichter zu nennen, die dort geboren wurden: Simon Dach im Jahre 1605 in Memel, bekannt durch seinen Liedtext "Ännchen von Tharau", und Hermann Sudermann 1857 in der Nähe von Heydekrug, der durch seine zahlreichen Schriften, Romane und Bühnenstücke berühmt geworden ist. Bereits im Jahre 1748 wurde das deutsche Theater in Memel gegründet.
Zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen gehörten im Memelland die Fischerei, die Land- und Forstwirtschaft und der Holzhandel.
Die Fischerei war bei den ältesten Bewohnern eine Hauptbeschäftigungs- und Nahrungsquelle, wobei man zwischen See-, Haff- und Flußfischern unterscheiden muß. Die bekannten Kurenkähne mit der Vielfalt ihrer Wimpel, an denen man ihre Herkunft erkennen konnte, sind mit der Fischerei im Haff engstens verbunden. Der Fischreichtum war beträchtlich.
Die von den Gewässern weiter entfernt wohnende Bevölkerung betrieb die Landwirtschaft mit den damals herkömmlichen Mitteln und Geräten. Neben den kleinen und mittleren Anbauflächen der Bauern gab es im Memelland zahlreiche landwirtschaftliche Güter verschiedenster Größe. Daneben hatte auch die Forstwirtschaft einen hohen Stellenwert.
Der Holzhandel gab der memelländischen Wirtschaft und insbesondere der Stadt in früheren Zeiten bis zum Ersten Weltkrieg die größten Impulse. Die riesigen Baumstämme gelangten auf dem Wasserweg bis nach Memel. In den Schneidemühlen und Sägewerken verarbeitete man sie zu Brettern und Balken, zu Masten und Grubenholz und verkaufte sie in viele europäische Länder, insbesondere nach England. Die Erträge des Holzhandels kamen nicht nur den Kaufleuten und ihren Arbeitern, sondern mittelbar auch anderen Berufs- und Industriezweigen zugute. So blühte die See- und Handelsstadt Memel allmählich auf.
Bei dieser Darstellung sollte auch die Gewinnung und Verarbeitung von Bernstein nicht fehlen. Es handelte sich zwar um einen kleineren Wirtschaftszweig, der aber über die Grenzen hinweg starke Beachtung fand. Das politische Geschehen trat im Memelland während der napoleonischen Zeit sichtbar in Erscheinung. Nach der Niederlage Preußens im Jahre 1806 besetzten die Franzosen das gesamte preußische Staatsgebiet mit Ausnahme des Memellandes. König Friedrich Wilhelm III und seine Gemahlin, Königin Luise, verlegten den Regierungssitz daher nach Memel. Die große königliche Familie wohnte im späteren Rathaus der Stadt. Die Prinzen freundeten sich unter anderem mit Friedrich-Wilhelm Argelander an, der 1799 in Memel geboren wurde und später als Professor der Astronomie an der Universität Bonn lehrte und weltweit bekannt wurde. In der Memeler Regierungszeit des Königs, die annähernd ein Jahr dauerte, nahm die Neugestaltung des preußischen Staatswesens und des Heeres ihren Anfang. Die Generale Scharnhorst, Gneisenau und Yorck sowie die Staatsmänner Stein und Hardenberg legten damals den Grund zu Preußens späterer Größe. Die historische Begegnung zwischen Napoleon und dem russischen Zaren Alexander I und dem preußischen Königspaar im Jahre 1807 auf dem Memelstrom darf in dieser Geschichtsepoche nicht unerwähnt bleiben.
Nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 nahm die Stadt Memel mit ihrem Umland am weiteren politischen und wirtschaftlichen Aufschwung teil. Die Kampfhandlungen des Ersten Weltkrieges gingen aber an der Stadt nicht spurlos vorüber. 1915 erfolgte die Besetzung durch russische Truppen, die nur von kurzer Dauer war und mit der deutschen Gegenoffensive beendet wurde. Für viele Bewohner hatte dieses Ereignis leider schlimme Folgen. Sie wurden mit ihren Familien nach Sibirien verschleppt und kehrten erst nach vielen Jahren wieder in ihre Heimat zurück.
Die besondere und eigenständige Geschichte des Memellandes begann mit dem Ende des Ersten Weltkrieges. Trotz vorheriger, anders lautender Zusagen wurde das Grenzland mit Unterzeichnung des Versailler Friedensvertrages vom 26. Juni 1919 von Deutschland abgetrennt und den Siegermächten überlassen. Am 13. Februar 1920 trafen französische Besatzungstruppen in Memel ein. Bereits vorher hatten Litauen, das das russische Joch abschütteln konnte, und Polen Ansprüche auf das Memelgebiet, wie es nunmehr offiziell genannt wurde, mit dem eisfreien Memeler Hafen geltend gemacht. Polen hoffte überdies auf eine Annexion von ganz Ostpreußen, was die Siegermächte jedoch nicht akzeptierten. Selbst die neu entstandene Sowjetunion hätte gern die Herrschaft im Memelgebiet ausgeübt. Weil nach der damaligen politischen Lage nicht daran zu denken war, mit Ostpreußen wiedervereinigt zu werden, entschied sich die Bevölkerung, die sich in der Stadt mit mehr als 40.000 Einwohnern wie auch im ganzen Land bis zu 90 % zum Deutschtum bekannte, für die Errichtung eines "Freistaates Memelgebiet" nach dem Danziger Muster. Diese Maßnahme sollte 1923 in Kraft treten. Bevor es aber zur Ausführung kam, besetzte litauisches Militär, getarnt in Zivilkleidern, im Januar 1923 das Memelgebiet und vertrieb die Franzosen nach kurzer Verteidigung. Litauen gab bekannt, daß es sich um "eine Erhebung der memelländischen Bevölkerung gegen die Gewaltherrschaft der Franzosen" gehandelt habe. Interessanter Weise erfolgte der Einmarsch der Litauer am gleichen Tage, an dem die Franzosen das Ruhrgebiet besetzten. Die Alliierten erklärten sich nach kurzem Zögern bereit, das Memelgebiet der Souveränität Litauens unter der Bedingung zu unterstellen, daß dem Land eine territoriale Autonomie gegeben werde, um die überlieferten Rechte und die Kultur der Bewohner zu sichern.
Es dauerte jedoch bis zum Mai 1924, bis eine Konvention über das Memelgebiet zwischen Litauen und den so genannten Signatarmächten Großbritannien, Frankreich, Italien und Japan verabschiedet wurde. Als wichtigsten Teil enthielt das Abkommen ein Autonomie-Statut, in dem eine Gewaltenteilung vorgesehen war. Die auswärtigen Angelegenheiten wie diplomatische Vertretung, aber auch Bahn- und Postverwaltung, Zoll und Währung waren Sache Litauens, während dem Memelgebiet eine eigene Landesregierung und ein nach demokratischen Grundsätzen zu wählender Landtag zugesprochen wurde. Ferner oblagen den autonomen Behörden das Schulwesen, die Aufstellung einer eigenen Polizei und die Kommunalverwaltungen neben anderen dazugehörigen Aufgaben. Die in den Zeiten zwischen beiden Weltkriegen überbetonte nationale Einstellung der Staaten - insbesondere in Osteuropa - verhinderte ein friedliches Nebeneinander der Bevölkerungsteile. Litauen versuchte permanent, die Autonomie zu beseitigen, was folgende Maßnahme deutlich machten: Verhängung eines Kriegszustandes im Jahre 1926 aus innerstaatlichen Erfordernissen, der im Memelgebiet bis 1938 aufrecht erhalten blieb, Bildung einer Staatssicherheitspolizei zu Beginn der dreißiger Jahre, verbunden mit Versammlungsverboten und einer Pressezensur, willkürliche Auflösung des Landtags und viele alltägliche Schikanen gegenüber der Bevölkerung.
Das führte zu einem permanenten Volkstumskampf, der erst mit der Wiedervereinigung des Memelgebiets mit dem deutschen Reich am 22. März 1939 endete. Trotz zahlreicher Einwanderer von Litauern ins Memelland, die nach einem Jahr stimmberechtigt wurden, schaffte es Litauen bis dahin nicht, die Stimmenverhältnisse nach den jeweiligen Wahlen im Landtag zu seinen Gunsten zu verändern. Um 90 % der Bevölkerung bekannten sich während der sechzehnjährigen Autonomie-Zeit nach wie vor zum Deutschtum.
So wurde die Wiedervereinigung von der Bevölkerung mit überwältigender Mehrheit begrüßt und gefeiert. Es ging den Menschen in erster Linie nicht um ein Bekenntnis zum Nationalsozialismus, sondern um die Erfüllung ihres sehnlichsten Wunsches, endlich wieder mit dem Vaterland vereinigt zu werden.
Leider beendete der Zweite Weltkrieg mit den für Deutschland verheerenden Folgen alle Hoffnungen der Memelländer auf eine gesicherte Zukunft. Mit der Eroberung der Stadt Memel am 28. Januar 1945 durch die Rote Armee wurde das Memelland vollständig besetzt, nachdem die Bevölkerung bereits im Oktober 1944 die Flucht nach Deutschland angetreten hatte. Im April 1948 gliederten die Machthaber das Gebiet per Dekret in die Sowjetrepublik Litauen ein. Damit wurde der "Eiserne Vorhang" für die nach Deutschland geflohene und dort ansässig gewordene memelländische Bevölkerung grausame Wirklichkeit. Für sie war die alte Heimat unerreichbar. Erst nach der Wende in Osteuropa 1990/91 fand dieser unnatürliche Zustand sein Ende. Bis dahin blieben Besuche in der angestammten Heimat eine seltene Ausnahme.
Im Jahre 1989 ermöglichten die in Deutschland lebenden Memelländer die Neuerrichtung der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Bronzestatue "Ännchen von Tharau" mit erheblichen finanziellen Mitteln. So konnte die litauische Stadtverwaltung von Memel -ab 1945 Klaipeda - den Simon-Dach-Brunnen mit der Statue auf dem Theaterplatz wieder errichten und im Beisein einer starken deutschen Abordnung feierlich einweihen. Im Jahre 1991 erlangte Litauen die staatliche Souveränität und trat gemeinsam mit den beiden anderen baltischen Staaten aus der Sowjetunion aus. Das Memelland ist nunmehr Bestandteil der Republik Litauen. Durch die zwischen Deutschland und Litauen getroffenen Vereinbarungen im Jahre 1993 genießen die deutschen Vereine in Memel und Heydekrug heute weitgehende Minderheitenrechte. Die Zahl der deutschen bzw. deutschstämmigen Bevölkerung des Memellandes wird auf 4.000 bis 5.000 Personen geschätzt.
Die in Deutschland wohnenden Memelländer, die der Arbeitsgemeinschaft der Memellandkreise (AdM) in Stadt und Land angehören, unterstützen die deutschen Vereine in ihrer alten Heimat mit Rat und Tat. Die humanitäre Hilfe mit Medikamenten, ärztlichem Gerät, mit Bekleidung und Lebensmitteln, die nach der Wende in Osteuropa ihren Anfang nahm, beläuft sich inzwischen auf einige Millionen Euro. Diese Maßnahmen kommen nicht nur den Deutschen zugute, sondern auch den bedürftigen Litauern, die in Memel und im weiten Umland ansässig geworden sind. In der Stadt leben jetzt mehr als 200.000 Menschen.
Litauen und damit auch das Memelland gehört seit Mai 2004 der Europäischen Union (EU) an, was von der AdM begrüßt wurde. Das Baltikum kann nur innerhalb der EU seinen ihm gebührenden Platz in Europa finden. Von dieser positiven Entwicklung werden die dortigen Bürger auf weite Sicht ihren Nutzen haben. Zu Europa gibt es keine Alternative.
Heinz Oppermann
Mit freundlicher Genehmigung des Verfassers hier veröffentlicht.
Diese Artikel wurde in der Juli/August/Sept. Ausdgabe der Zeitung "Der Heimkeher" ,
sowie in gekürzter Form auch im "Memeler Dampfboot" - Ausgabe Sept.05 -veröffentlicht.