Nehmen wir eine Geschichtskarte zur Hand, die uns die Beschaffenheit Europas zur Zeit Christi oder zur Zeit der Völkerwanderung zeigt, so werden wir den Namen Preußen auf ihr vergebens suchen, selbst eine ähnlich klingende Bezeichnung wird nicht zu finden sein. Auch die Karten, die uns die Ausdehnung des Reiches Karls des Großen veranschaulichen, bringen noch nicht diesen Namen. Auf der Stelle wo wir jetzt unser Ostpreußen aufgezeichnet finden, erblicken wir das Wort Aestier oder Estenland. Mit dem Wort Aestier bezeichnet Tacitus die östlichen Nachbarn der an der unteren Weichsel wohnenden Gotenstämme. Zweifelsohne sind die Aestier Angehörige eines indogermanischen Sprachstammes, den man heutzutage baltischen Sprachstamm nennt, und zu dem einstmals die alten Preußen zählten, die Litauer und Letten noch gegenwärtig gehören.
Erst gegen Ende des zehnten Jahrhunderts kommt das Wort Preußen vor, und zwar in der Form von Pruzzi. Es findet sich ursprünglich in polnischen Urkunden und bezieht sich auf die damaligen Bewohner unseres ostpreußischen Heimatlandes. Das Land wurde Prucia, Pruscia, auch Prussia genannt. Die Bedeutung dieser Namen ist ungewiß. Pruzzi soll mit dem litauischen Wort protas - Einsicht, Verstand, Geist verwandt sein. So haben es die Ureinwohner Ostpreußens ebenso gemacht wie viele andere Volksstämme auch: sie hielten sich ihren Nachbarn gegenüber für das bessere, begabtere, einsichtsvollere Volk.
Das Wort Borussia ist der neulateinische Name für Preußen. Es kommt öfter in vaterländischen Gedichten vor. Seit der Königskrönung 1701 ist diese Bezeichnung sogar amtlich bei feierlichen Gelegenheiten gebraucht worden. Sie stammt von einem gelehrten Antiquar aus dem Anfange des sechzehnten Jahrhunderts, der wahrscheinlich an die Borusker des Alexandriner Geographen Ptolemäus gedacht hat.
Der Name Ostpreußen tritt als geographische Bezeichnung zum ersten Male im Jahre 1815 auf. Nach der am 30. April 1815 erfolgten Verordnung über die verbesserte Einrichtung der Provinzialbehörden wurde das bisherige Preußen in die beiden Provinzen Preußen und Westpreußen geteilt. Preußen bestand aus den Regierungsbezirken Ostpreußen mit der Hauptstadt Königsberg und Litauen mit der Hauptstadt Gumbinnen. Im Jahre 1824 wurden aber die Provinzen Preußen und Westpreußen zu einer Provinz vereinigt und einem Oberpräsidenten unterstellt. Das Gesetz vom 19. März 1877 sprach jedoch die Teilung der Provinz Preußen wiederum in zwei Provinzen und zwar Ost- und Westpreußen aus. Die Teilung selbst erfolgte am 01. April 1878.