Kulturleistungen in Ostpreußen
nach 1945
"Betrachtet man das dreigeteilte Ostpreußen heute, so kann man vom Erhaltungszustand her einerseits den Süden und den Norden, andererseits die Mitte als Gruppe betrachten, obwohl Mitte und Norden bis zum Jahr 1990 beide dem Räteimperium unterstanden. Diese Unterscheidung ist darin begründet, daß im Gegensatz zu Mittel-Ostpreußen, dem Königsberger Gebiet, Polen und Litauer bemüht waren, die deutschen Kulturleistungen in Ostpreußen, mit denen sie so wenig zu tun hatten wie wir Deutsche mit den französischen, für sich zu vereinnahmen. Als neue Herren über ein Land, das niemals zuvor zu Polen oder Litauen gehört hatte, versuchten sie, die deutsche Prägung zu verdrängen oder zu verleugnen und als Leistung ihrer Völker unter fremder Knute hinzustellen. Wenigstens haben sie dadurch den Erhalt kunst- und kulturgeschichtlich wertvollster Bau- und Kunstdenkmäler mehr oder minder gesichert, während in Mittel-Ostpreußen noch immer wertvollste Bauten aus der Ordenszeit verfallen oder gar als Steinbruch mißbraucht werden.
Im Memelland befanden sich immer schon die wenigsten kulturgeschichtlich wertvollen Baudenkmäler, was einfach durch die Ordens- und Besiedlungsgeschichte bedingt ist. Die beiden einzigen Ordensburgen Ostpreußens nördlich der Memel, die Windenburg und die Memelburg, sind schon früh verfallen. Städte gab es bis 1941 nur eine einzige, und die war im Wettbewerb mit Königsberg und Danzig unterlegen geblieben. Die zahlreichen Schameiteneinfälle und die häufigen `natürlichen´ Brände hatten auch in Memel kaum Altes übrig gelassen. Auch fand im Memelland weniger und später deutsche Siedelung statt als in anderen Gebieten Ostpreußens. Somit befanden sich im Memelgebiet auch vor dem Krieg fast nur Baudenkmäler von lange nach der Ordenszeit, etwa aus den letzten zwei bis drei Jahrhunderten, mit wenigen Ausnahmen, meist Kirchen, etwa der Russer Kirche aus dem Anfang des 15. Jahrhunderts. (Sie ist übrigens die älteste erhaltene Kirche des Memellandes). Im letzten Kriege wurde besonders das lange als Festung gehaltene Memel sehr stark zerstört. Ein übriges tat die mit den Eroberern ins Land gekommene Bevölkerung, die lange keinen Bezug zu dem Land mit seiner eigenen Prägung hatte. Aber obgleich die zugewanderten Litauer vermutlich durch eine starke miteingewanderte russische Minderheit in der Übernahme und Einverleibung der ostpreußischen Landschafts- und Baukultur nicht gerade gefördert worden sein dürften, hat bei ihnen doch die oben erwähnte Einstellung gegenüber diesem Land gesiegt und mithin bewirkt, daß viel Altes bis heute erhalten und wiederhergerichtet wird. Und schließlich haben nach dem Krieg die Litauer als einzige in Ostpreußen erfolgreich versucht, mit ihrer Eigenentwicklung des ´neubaltischen´ Baustils an das Alte anzuknüpfen. Von den drei Teilen Nachkriegs-Ostpreußens macht das Memelland den gepflegtesten Eindruck, obwohl die Landschaft oft zerwühlt und durch oberirdische Rohrleitungen verschandelt ist und obgleich die starke Wasserverschmutzung vielerorts am Haffstrand einen blaugrün bis gelblich schillernden Schaumrand verursacht und viele Hinterhöfe und Seitengassen verludert sind und es nicht an häßlichen Neubauten mangelt. Erwähnt werden muß hier auch der unermüdliche Einsatz zahlreicher vertriebener Memelländer, die mit Rat und Tat dazuhelfen, den Bestand der Kulturdenkmäler im nördlichsten Ostpreußen zu sichern, seit das Memelland BRD-Bürger im Jahre 1987 wieder zugänglich gemacht worden ist."
Hildebrandt Norgauer "Das Memelland" Echartschriften Heft 130, 1994, S. 93 ff
"Wie schon erwähnt, ist die Sowjetführung nach anfänglichen Versuchen, die Einverleibung Mittel-Ostpreußens als Rücknahme urslawischen Landes hinzustellen, schnell dazu übergegangen, alles Deutsche zu tilgen. Dabei war gerade, wie der Süden Ostpreußens, auch die Mitte des Landes, besonders in ihrem Westteil, überaus reich an einmaligen Kulturdenkmälern. Die Einstellung der Besatzung zur Geschichte des Landes spiegelt sich in der Umbenennung der Orts- und Flurnamen wider, die völlig aus der Luft gegriffen sind und fast nie an die deutschen Nemen oder wenigstens an die Vergangenheit des Landes anknüpfen. Daß heute von den alten Baudenkmälern überhaupt noch etwas zu finden ist, kann man nicht dem Verständnis der meist zwangsweise in das Gebiet eingeschleppten Leute aus allen Teilen des einstigen Rätereiches zuschreiben, sondern nur der Tatsache, daß -besonders auf dem Lande- fast nichts Eigenens gebaut oder getan wurde und man daher auf die alte Bausubstanz angewiesen ist. Man kann sagen, daß alles, was in diesem Gebiet nach dem Krieg gebaut oder getan wurde, eine Verhöhnung des Wortes ´Kultur´ darstellt. Hier werden die west- und mitteldeutschen Nachkriegsvorstädte noch weit übertroffen. Erstaunlicherweise sind in den letzten beiden Jahren (seit etwa 1992) auch vielerorts auf dem Lande recht ansehnliche Gebäude in hoher Zahl begonnen worden. Die meisten stehen noch unvollendet. Sie sollen aus Mitteldeutschland abgezogenen russischen Offizieren, zum Teil aber auch zuwandernden Rußlanddeutschen gehören. Ansonsten zeugt das Land ungebrochen von plumper Zerstörungswut und maßloser Schlamperei."
"Ich weiß nicht, ob bei der eingeschleppten Bevölkerung, die hauptsächlich aus Soldaten mit Anhang und entwurzelten Leuten aus der untersten russischen Schicht besteht, je die Bereitschaft zur Anfreundung mit der deutschen Geschichte dieses Landes vorhanden gewesen ist. Weithin sichtbare Tatsache ist, daß man versucht hat, alles, was an deutsche Kulturleistung erinnert, auszurotten und ein ´geschichtsloses Gebiet´,´Neuland´ für den ´neuen sozialistischen Menschen´ zu schaffen. Baudenkmäler ersten Ranges, die in einem Kulturland sorgsam gepflegt würden, verfallen, als Schweineställe mißbraucht, oder werden noch heute abgetragen, um die Backsteine zu verschachern. Von dem Königsberger Schloß stand trotz schwerster Zerstörung etwa soviel wie heute vom königsberger Dom. Ein Wiederaufbau wäre ein leichtes gewesen; doch dieses ´Zeugnis des preußischen Imperialismus´ ist gesprengt worden und einem scheußlichen Partei-Bauungetüm gewichen. Mittel-Ostpreußen mit seiner einmaligen Geschichte ist heute wohl einer der verelendesten und kulturlosesten Flecken Europas. Andererseits tun sich die Russen dort, weil sie ja nie Anspruch auf die deutsche Vergangenheit und Leistung Mittel-Ostpreußens erhoben haben, offenbar auch nicht so schwer wie Polen und Litauer, die deutsche Geschichte des Landes zu ´entdecken´ und aufzuarbeiten; das kann man am viel freieren Umgang mit den deutschen Ortsnamen erkennen, zu dem die Russen schon auf der Suche nach Ersatz für die seit der Wende in Ungnade gefallenen, politisch belasteten sozialistischen Kunstnamen gedrängt werden. Seit etwa 1981 können BRD-Bürger Mittel-Ostpreußen ohne größere Schwierigkeiten besuchen."
Hildebrand Norgauer "Das Memelland" Eckartschriften Heft 130, 1994, S. 94 ff
Es bleibt das polnisch besetzte Süd-Ostpreußen zu beschreiben, das, wie erwähnt, manche Gemeinsamkeit mit dem von Litauen einverleibten Memelland hat. Man war, weil man die Geschichte dieses Landstrichs für die eigene erklärte, vergleichsweise bemüht, die alte Bausubstanz zu erhalten oder Zerstörtes wiederherzustellen, freilich immer unter der Maßgabe, die Geschichte umzufälschen. Der Aufbau ist aber nicht so gekonnt erfolgt, wie häufig angenommen wird: Die Wiederherstellungen sind meist sehr oberflächlich und vergröbernd und erreichen nicht das alte Vorbild, wenngleich sie aus der Ferne wenigstens eine Ahnung des Gewesenen vermitteln. Die Aufbauleistung beschränkt sich meist auf die Nachempfindung geschichtlicher Bauten. Wertvolle polnische Eigenschöpfungen wie den ´neubaltischen´ Stil der Litauer kenne ich kaum. Besonders in den knapp fünf Jahren seit der Westöffnung ist eine große Aufwärtsentwicklung im polnischen Machtbereich auszumachen: bessere Straßen, mehr Verkehr, gepflegtere Landschaft an den Hauptreisestraßen. Daß dies von der nach wie vor niederliegenden polnischen Wirtschaftskraft kommen könne, ist nicht anzunehmen.
Die von den Polen verwendeten Ortsnamen im südlichen Ostpreußen knüpfen meist an die alten an; ´zu deutsche´ Namen sind entweder verpolnischt oder durch neuerfundene ersetzt worden. In diesem Zusammenhang ist es auch sehr fesselnd zu erfahren, auf welche Weise Polen und Litauer die Geschichte der ihnen einverleibten Gebiete behandeln: Es wird dort aufgehört, wo das Gebiet zu Deutschland kam. Dann wird so getan, als hätte über Jahrhunderte hin in den Gebieten die polnische bzw. litauische Grundbevölkerung unter der Unterdrückung einer grausamen deutschen Oberschicht gelebt. (Daß folglich auch alle Kulturleistungen ´unter der Knute dieser Herrscherschicht´, die ja allein das staatliche Geschick des jeweiligen Gebietes lenkte, entstanden sein mußten, wird übergangen). Bei der Besetzung der Gebiete durch Polen oder Litauer setzt dann die Geschichte wieder ein, indem die ´bis dahin unterdrückte angestammte Bevölkerung endlich befreit´ und die ´deutschen Besatzer und Unterdrücker auf Zeit wohlgeordnet nach ´Deutschland´ zurückgeschickt´ wurden. Daß diese Deutschen nicht alle frohen Herzens ´zurückgingen´, ist schließlich nicht Schuld der ´Befreier´. Auf diese Weise wird dem Opfer dieser Geschichtsdarstellung eine Kontinuität der Bevölkerungsverhältnisse vorgetäuscht, die es gar nicht gegeben hat.
Schließlich bleibt für alle Beteiligten die eine Frage, wieso die vollendeten Tatsachen, die der von allen Siegermächten zumindest geduldete stalinistische Terror unter Bruch jedweden Rechtsempfindens geschaffen hat, um jeden Preis aufrechterhalten werden sollen? "Ist denn nicht auch die deutsche Besetzung des Protektorates oder des Generalgouvernements Geschichte geworden?"