700 Jahre Deutsch-Litauische Nachbarschaft


von
Prof.Dr.jur. Dietmar Willoweit




A.

Wenn Historiker heute über die Vergangenheit sprechen, dann tun sie etwas, was noch vor 50 Jahren fast gänzlich unbekannt gewesen ist: Sie fragen sich, von welchem Vorverständnis ihr Geschichtsbild in Hinblick auf die zu behandelnde Frage bestimmt ist. Danach sollte man sich zunächst darüber im Klaren werden, wie Deutsche und Litauer übereinander und über ihre Geschichte denken. Beide, Deutsche wie Litauer, sehen sich mit der Tatsache konfrontiert, dass im nordöstlichen Preußenland außer Deutschen auch Litauer siedelten. Diese Situation wurde und wird bis heute vielfach ganz verschieden gedeutet.
Die deutsche Geschichtsschreibung hat seit jeher die Eroberung und Besiedlung Preußens durch den Deutschen Orden als eine hervorragende europäische Kulturleistung angesehen. Dazu gehört die Christianisierung des Landes, die Gründung deutscher Städte und Dörfer und der Aufbau einer effizienten Verwaltung. Der deutsche Ordensritter, der sein Leben für religiöse und kulturelle Werte einsetzte, galt im Bewusstsein vieler Deutscher lange Zeit als eine ideale historische Figur. Mit der Christianisierung der Litauer und der Niederlage des Deutschen Ordens in der Schlacht von Tannenberg 1410 findet diese kriegerische Nachbarschaft aber ihr Ende. Endgültig legen Fürst Vytautas und der Deutsche Orden die Grenze zwischen Litauen und Preußen im Frieden vom Melno-See im Jahre 1422 fest. Diese Grenze bleibt nun 500 Jahre unverändert bestehen und war daher eine der stabilsten in Europa. Die litauische Bevölkerung, die jedenfalls in der Neuzeit im nordöstlichen Preußen siedelt, ist nach deutscher Überzeugung nicht als Rest der Ureinwohner anzusehen, sondern Folge einer nach der Christianisierung Litauens einsetzenden Einwanderung litauischer Bevölkerung nach Preussen. Diese Einwanderung habe nochmals einen Höhepunkt im frühen 18. Jahrhundert erreicht, als die preußische Regierung auf diese Weise große Bevölkerungsverluste infolge der Pest in den Jahren 1709 bis 1711 auszugleichen suchte. Diese eingewanderten Litauer nahmen die lutherische Konfession an und haben sich nach deutscher Überzeugung ganz dem deutschen kulturellen Umfeld angeschlossen und schließlich auch assimiliert. Die Grenze zwischen diesem "Preußisch-Litauen" und Polen-Litauen, später Russland, spielt im deutschen historischen Bewusstsein eine ganz entscheidende Rolle. So überrascht es nicht, dass die Deutschen die Abtrennung des Memelgebietes durch den Friedensvertrag von Versailles im Jahre 1919 als einen empörenden Akt der Willkür erlebten und auch der Besetzung des Memelgebietes durch Litauen im Januar 1923 keinerlei Verständnis entgegenbrachten. Als Beleg für dieses hier nur angedeutete deutsche Geschichtsbild mag ein Zitat aus dem Memelland-Buch von Kurschat dienen. Es heißt dort: "Der preußische Litauer wurde nicht durch die Übernahme der deutschen Sprache zum Deutschen - er war dies schon viel früher durch die Übernahme der deutschen Kultur geworden." und: "1872/73 wurde endlich der Schulunterricht in litauischer Sprache abgeschafft, da er entbehrlich geworden war." (beide Zitate auf S. 158). Gerne wird auch die - allerdings auf grober Unkenntnis beruhende - Äußerung einer alliierten Sonderkommission vom 06.03.1923 zitiert, die Grenze zwischen Ostpreußen und Litauen sei identisch mit der Grenze zwischen Europa und Asien.
Die Litauer haben eine ganz andere Geschichte im Kopf. Dass Preußen ursprünglich von dem baltischen Volk der Prußen besiedelt war, ist gewiss. Nach litauischer Überzeugung zeigen die wenigen erhaltenen Schriften in prußischer Sprache, dass dieses Volk mit den Litauern eng verwandt gewesen sei, enger jedenfalls als heute Litauer und Letten. Daher dränge sich die Annahme auf, dass die in der Neuzeit im nordöstlichen Ostpreußen siedelnden Litauer dort stets auch wohnhaft gewesen sind. Ihr Siedlungsgebiet heißt "Klein-Litauen", im Gegensatz zu "Groß-Litauen" östlich der preußischen Grenze. Dichter wie Donelaitis, ein Philosoph wie Vydunas und die rege litauische Buchproduktion in Preußen bezeugen die Lebenskraft einer ursprünglich litauischen Kultur auf preußischem Boden. Weit verbreitet ist auch eine Landkarte des Preußenlandes, auf der alle Städte litauische Namen tragen. Die Deutschen kamen als Eroberer ins Land. Sie unterdrückten die einheimische Kultur und errichteten eine Fremdherrschaft. Die Einwanderung der deutschen Siedler erfolgte spät, insbesondere durch die zur Emigration gezwungenen Salzburger Protestanten im frühen 18. Jahrhundert. Zuweilen liest man in Publikationen aus Litauen sogar, dass die ersten Deutschen im Nordosten Preußens erst im 19. Jahrhundert in Erscheinung getreten seien. Nach diesen Vorstellungen muss auch die Geschichte der Stadt Klaipeda von Litauen geprägt gewesen seien.
Da Litauen, nach seiner Christianisierung zunächst in Personalunion mit Polen vereinigt, seit der Union von Lublin 1569 keinen eigenen Staat mehr bildete, versteht ein Litauer die litauische Geschichte bis 1918 gewöhnlich als die Geschichte des litauischen Volkes. Dann aber ist Litauen dort, wo Litauer wohnen. Und daher spielt auch die 500jährige Grenze zwischen Preußen und Litauen, die den Deutschen so wichtig ist, im Denken der Litauer keine Rolle. Sie unterscheidet nur Groß- und Kleinlitauen und wird daher in manchen Publikationen gar nicht erwähnt. Hier wie dort existiert dieselbe Volkskultur und Sprache. Die ältere preußische und deutsche Landeskunde unterschied sich von diesem Denken nur wenig. Seit dem 18. Jahrhundert war der Begriff "Preußisch-Litauen" ganz geläufig und im Jahre 1898 veröffentlichte ein Oberlehrer des Memler Gymnasiums namens Albert Zweck in einer Reihe mit dem Titel Deutsches Land und Leben einen Band mit dem Titel "Litauen". Erst seit 1919 hat man sich in Deutschland aus verständlichen politischen Gründen rasch abgewöhnt, die Landschaft im nordöstlichsten Winkel des Deutschen Reiches "Litauen" zu nennen. Vor diesem Hintergrund erklärt sich dann der nach 1918 erhobene Anspruch der Litauer auf Nordostpreußen und die Annexion des Landes nördlich des Memelstromes 1923 durch einen sogenannten "Aufstand" - ein Begriff, der in Litauen so eingeführt ist, dass manche Historiker an ihm auch heute noch festhalten, obwohl kein seriöser Autor mehr ableugnet, dass es sich um einen Einmarsch litauischer militärischer Verbände gehandelt hat.

B.

Nach diesem Blick auf typische Eigentümlichkeiten des Geschichtsbildes, das bis heute unter Deutschen und Litauern anzutreffen ist, sollen nun zwei zum Teil noch immer umstrittene Fragenkreise genauer behandelt werden:

I. Die litauische Siedlung in Nordostpreußen und
II. Der deutsch-litauische Konflikt im Memelgebiet, insbesondere in den Jahren 1923-1932.

Um die Siedlungsverhältnisse im nordöstlichen Preußenland, wie sie sich in der frühen Neuzeit darstellen, zu verstehen, muss man sich zunächst ein Bild über die vorgeschichtliche Besiedlung verschaffen. Diese ist heute unter seriösen Wissenschaftlern zwischen Deutschen und Litauern praktisch nicht mehr umstritten, was sich aber in Litauen vielfach noch nicht herumgesprochen hat. Das deutsche Forscherehepaar Mortensen hatte aufgrund des Studiums archivalischer Quellen schon seit den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts festgestellt, dass der den Prußen am nächsten benachbarte litauische Stamm der Schamaiten nicht auf dem Gebiet des späteren Ostpreußens und nicht einmal direkt an der Grenze des späteren Memelgebietes, sondern ein ganzes Stück weiter landeinwärts lebte. Zwischen dem Siedlungsgebiet der Schamaiten und der Prußen erstreckte sich eine sogenannte "große Wildnis". Moderne archäologische Forschungen der Litauer haben diese Ergebnisse weitgehend bestätigt. Unbewohnte, wildnisartige Gebiete zwischen verschiedenen Stämmen waren in der baltischen Region ganz normal. Die große Wildnis zwischen Prußen und Schamaiten allerdings dürfte durch die seit dem Ende des 13. Jahrhunderts beginnende, fast ein Jahrhundert andauernde Kriegführung des Deutschen Ordens gegen die Schamaiten und Oberlitauer an Ausdehnung noch zugenommen haben. Kriegszüge waren nach mittelalterlicher Sitte stets mit Zerstörungen des feindlichen Landes verbunden. Daher konnte in den besonders betroffenen Gebieten kaum noch jemand leben. Zwei kleinere Stämme, die noch in historischer Zeit greifbar sind und am unteren Memelstrom bzw. nördlich davon in Richtung Memel lebten, die Schalauer und die Lammata, werden aufgrund der Fundsituation den Kuren zugerechnet. Kuren bewohnten bekanntlich auch die Küste, an der die Stadt Memel gegründet wurde. Diese Fakten sind heute auch einem modernen historischen Atlas Litauens zu entnehmen, der vor einigen Jahren in Vilnius veröffentlicht wurde, leider aber nur litauisch beschriftet ist. Am Rande ist zu bemerken, dass die Abgrenzung dieser vor- und frühgeschichtlichen Stämme von der Archäologie vor allem aufgrund der Gräberfunde vorgenommen wird. Diese Funde haben insofern einen besonderen Aussagewert, als Bestattungsrituale in aller Regel konservativ, also nach dem Vorbild der Vorfahren, gehandhabt werden.
Danach kann kein Zweifel daran bestehen, dass auf dem Gebiet des späteren Memelgebietes und auch südlich des Memelstromes in vor- und frühgeschichtlicher Zeit keine Litauer lebten. Das Argument, viele Orts- und Personennamen, auch solche aus sehr alter Zeit, enthielten aber litauische Wurzeln, ist insofern nicht wirklich überzeugend, als aus der Sicht der Sprachwissenschaft die meisten dieser Namen sowohl litauischer wie aber auch prußischer Herkunft sein könnten. Im übrigen nehmen diese Namen erst seit dem Spätmittelalter erheblich zu. Damit stellt sich die Frage nach der litauischen Einwanderung. Diese hat ganz ohne Zweifel nach der Christianisierung im 15. Jahrhundert begonnen, da nunmehr der Kriegszustand zwischen dem Ordensland und Litauen beendet war und die Religion keine Abgrenzung der Völker mehr erforderte. Um diese litauische Siedlungsbewegung zu verstehen, muss man wissen, dass die deutsche Besiedlung des preußischen Ordenslandes nur bis zur Deime, also bis in die Gegend von Labiau und bis Insterburg vorgedrungen war. Das Land östlich davon bis zur litauischen Grenze war, abgesehen von einer Siedlungsinsel um Tilsit und Ragnit, weitgehend menschenleer. Die deutsche Forschung hat schon längst festgestellt, dass Litauer seit dem Frieden von 1422 eher eingesickert, als förmlich eingewandert sind. Diese Einwanderung habe den Charakter einer Landnahme unter Duldung der Obrigkeit gehabt, da neue Steuerzahler willkommen waren. Die einmal sesshaft gewordenen Litauer haben dann, bei ungestörter Bevölkerungsvermehrung, auch Binnenkolonisation betrieben, also selbst wieder gerodet und Siedlungen gegründet. Daher ist auch Adelsland im Nordosten Ostpreußens selten (nur 7 % des anbaufähigen Landes). Von Norden her gab es daneben eine kurische Einwanderung, die etwa bis in die Gegend von Heydekrug vordrang. Später hatte die stärkere litauische Einwanderung aber zur Folge gehabt, dass die kurische Sprache weitgehend verschwand und sich nur in einigen Nehrungsdörfern halten konnte. Wie relativ spät die ganze Landeserschließung insbesondere im Bereich des späteren Memelgebietes vor sich ging, lässt sich auch an der Entwicklung der Pfarreien ablesen. Erst 1628 wird die Pfarrei Proküls gegründet, in der Mitte des 17. Jahrhunderts die Pfarrei Deutsch-Krottingen und sogar erst im 18. Jahrhundert entstehen die Pfarreien von Karkeln, Ruß, Kinten und Heydekrug. Ansiedlungen der Salzburger Einwanderer hat es übrigens nördlich des Memelstromes nicht gegeben. Der Schwerpunkt dieser Siedlung lag bekanntlich um Gumbinnen. Da die Litauer eine ausgesprochen bäuerliche Lebensweise pflegten, haben sie sich nur in geringem Umfang auch in Städten niedergelassen. Immerhin ist aber festzuhalten, dass es in Memel neben der deutschen Stadtkirche St. Johannis eine kleinere litauische Kirche St. Nikolaus gab. 1620 wurden die deutsche und die litauische Gemeinde förmlich getrennt, was auf eine Zunahme der litauischen Bevölkerung hindeuten dürfte. Die litauische Kirche lag zunächst hart am Dange-Ufer, litt unter Überschwemmungen und musste 1627 abgerissen werden. Sie erhielt später einen Nachfolgebau an anderer Stelle, die den geborenen Memelern noch bekannte "Landkirche".
Die Frage, ob und in welchem Maße sich die litauischen Einwanderer deutscher Kultur angenähert haben, ist nur mit äußerster Vorsicht zu beantworten. Seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert existieren Berichte, die sehr anschaulich die besondere, den Deutschen recht fremdartige Lebensweise der Litauer schildern. Ich zitiere aus Caspar Hennebergers preußischer "Landtafel", die 1595 in Königsberg erschien (in modernem Deutsch): Im Insterburgischen Amt "waren ... fast nur Litauer, die ein starkes Volk sind und nach ihrer Art gottesfürchtig, die ihre Pfarrer ehren, der Obrigkeit gehorsam sind und willig tun, wozu sie verpflichtet sind. Doch wenn sie darüber hinaus belastet werden, halten sie zusammen und werden aufsässig wie die Bienen ... und ob sie auch wohl mit dem leidigen Sauflaster, das in diesen Landen sehr gemein ist, beladen sind, so auch, dass sie zeitweilig alle voll, Junge, Alte, Männer, Wei-ber, Knechte, Mägde, nicht anders als das Vieh zusammen auf der Streu liegen, doch ohne dass man irgendeine Unzucht von ihnen erfährt." Die Sittenstrenge der Litauer wird also betont und auch ihre ganz und gar eigentümliche Lebensweise: "Auch dies ist an ihnen zu verwundern, dass ihrer so viel in einem Gehöft beisammen wohnen und sich friedlich verhalten können, wohl an die 20, 30 oder 40 oder auch mehr Personen. Sie essen alle dieselbe Kost, trinken dasselbe Getränk, die alte Mutter regiert die Verteilung. Gemüse essen sie in Menge, was sie darüber hinaus haben, das zerschneidet die Mutter in gleiche Teile und gibt einem jeglichen das seine. Das Haus, darinnen alle essen, heißt das Schwarzhaus und ist in Wahrheit von Rauch und Ruß schwarz genug. Daneben hat ein jegliches Ehepaar ein besonderes Häuslein .... von rundem Holz gesetzt ... Darinnen haben sie ihre Kleider, die schlicht und gering und alle von einerlei Farbe und Form sind. Es gibt so viele solche Häuserchen, wie es Paare im Gehöft gibt. .... In diesem Amt gibt es auch über 15.000 Schuster, weil sie nämlich die Schuhe ... aus Bast selber machen. Und so hat auch mein gnädiger Herr dort so viel Mannschaft (Soldaten), alle in Farbe und Kleid gleich gekleidet, nämlich in einem schlichten grauen Rock, einer wie der andere." - soweit Henneberger. Daraus ist zu entnehmen, was Berichte noch aus dem 19. Jahrhundert mitteilen: Alle notwendigen handwerklichen Arbeiten, ausgenommen die der Schmiede, haben sie selbst in ihren Bauerngehöften erledigt. Diese litauischen Bauern waren also noch in neuerer Zeit komplette Selbstversorger. Noch vor dem Ersten Weltkrieg gab es in Memel einmal im Jahr einen Bauernmarkt, auf dem die Bauern ihre handwerklichen Produkte zum Kauf feilboten. Demgemäss war das städtische Handwerk auch in Litauen selbst, wie berichtet wird, vollständig in den Händen von Deutschen oder Juden. Lutherische Pfarrer beklagten sich oft auch über die noch immer fortlebenden heidnischen Bräuche. Noch aus der Mitte des 19. Jahrhunderts gibt es eine Nachricht über eine sogenannte "Bocksheiligung", von der wir wohl nur deshalb etwas erfahren, weil es unvorhergesehener Weise einen Todesfall gegeben hatte, was die preußische Justiz aktiv werden ließ. Bei dieser Bocksheiligung wurde ein Mann als Priester gewählt, der sogenannte "Waidelotte". Ihm mussten die Anwesenden ihre Sünden beichten, wofür sie von dem gewählten Priester Prügel erhielten. Anschließend musste der Waidelotte seine Sünden öffentlich bekennen. Dafür erhielt er nun seinerseits Prügel von den anderen Anwesenden. In dem berichteten Falle war er dabei versehentlich tot geschlagen worden.
Angesichts solcher Berichte, die sich leicht ergänzen ließen, leuchtet es wenig ein, wenn man von deutscher Seite immer wieder die Nähe dieser preußischen Litauer zur deutschen Kultur betont. Man muss anerkennen, dass sie ein Leben nach durchaus eigenen Maßstäben geführt haben und daran sehr konservativ festhielten. Eine gezielte Germanisierung gab es im preußischen Staate nicht. Die Situation änderte sich nach der Reichsgründung 1871. Nunmehr breitete sich die deutsche Sprache über den Schulunterricht, über die bei Post und Bahn zu besetzenden Stellen usw. aus. Die litauische Landbevölkerung wurde zweisprachig. Noch Ende des 19. Jahrhunderts geben aber hohe Prozentsätze der Landbevölkerung im Bereich des späteren Memelgebietes Litauisch als ihre Muttersprache an.
Die andere Problematik, die zwischen Deutschen und Litauern oft kontrovers behandelt wurde und bis heute mit Missverständnissen belastet ist, betrifft die Zugehörigkeit des Memelgebietes zum litauischen Staat in den Jahren 1923 bis 1939. Die Krisen in dieser Zeit haben durchaus unterschiedlichen Charakter. Ich klammere hier die besondere Situation aus, die seit dem Januar 1933 entstand, als im Memelgebiet die Hoffnung auf eine Revision des Versailler Vertrages aufkam, nationalsozialistisch beeinflusste Organisationen entstanden, andererseits aber auch der litauische Staat ein zunehmend härteres, autoritäres Regime entwickelte. Auch schon vor dieser Zuspitzung lebte man im Memelgebiet mit einem andauernden, teils latenten, teils offenen Verfassungskonflikt.
Die Vorgeschichte der litauischen Besetzung des Memelgebietes sei hier nur kurz angedeutet. Aufgrund der schon geschilderten Siedlungsgeschichte erhoben national gesonnene Litauer diesseits und jenseits der Grenze die Forderung nach Abtretung des nordöstlichen Ostpreußen an Litauen. Die Alliierten verfolgten indessen ein ganz anderes Ziel. Sie wollten den früheren polnisch-litauischen Staat wiedererrichten und diesem einen weiteren Hafen im Norden Ostpreußens verschaffen. Daher sah der Vertrag von Versailles die Abtretung Ostpreußens nördlich des Memelstromes unter dem neuen Begriff Memelgebiet vor. Die politische Lage entwickelte sich indessen anders. Da die Litauer ihre eigenen Wege gingen, blieb das Memelgebiet unter alliierter Oberhoheit mit französischer Besatzung eine politische Insel, deren Zukunft ganz ungewiss war. Die Haltung der Memelländer war nicht einheitlich. Der "deutsch-litauische Heimatbund" strebte die Rückkehr zum Deutschen Reich an, was die Alliierten strikt verweigerten. Memeler Handelskreise hofften durch einen Anschluss an Litauen ein günstigeres Hinterland zu erhalten. Wohl überwiegend bevorzugte das Bürgertum der Stadt Memel aber die Errichtung eines Freistaates nach Danziger Vorbild. Die deutsche Reichsregierung hielt von einer solchen Lösung indessen nicht viel, weil sie befürchtete, dass sich früher oder später doch Polen in diesem Gebiet festsetzen könnte und Ostpreußen dadurch eine weitere polnische Außengrenze erhalten würde. Allgemein wird daher heute angenommen, dass die Reichsregierung insgeheim den litauischen Einfall in das Memelgebiet unterstützte, wofür es auch eine Reihe von Indizien gibt.
Aus litauischer Sicht war die Besetzung des Memelgebietes ein geradezu genialer politischer Schachzug. Die Polen hatten 1920 Wilna/Vilnius besetzt. Die geopolitische Situation des Landes war dadurch äußerst ungünstig geworden. Solange Litauen von den Westalliierten völkerrechtlich noch nicht anerkannt war, verfügte dieser Staat auch kaum über politische Handlungsspielräume. Dies änderte sich schlagartig mit der völkerrechtlichen Anerkennung der Staatlichkeit Litauens am 20.12.1922. Da die Alliierten über die Zukunft des Memelgebietes noch nicht entschieden hatten, eine solche Entscheidung aber bald zu erwarten war, handelte Litauen rasch. Der Einmarsch in das Memelgebiet erfolgte nur drei Wochen nach der völkerrechtlichen Anerkennung am 10.01.1923. Die Aktion zu diesem Zeitpunkt erklärt sich schon zur Genüge durch den Zeitdruck, unter dem die Litauer handelten. Dass daneben die gleichzeitig erfolgende Besetzung des Ruhrgebietes durch die Franzosen, die die öffentliche Aufmerksamkeit dorthin lenkte, eine Rolle gespielt haben mag, ist möglich, aber für den Entschluss zur Okkupation sicher nicht kausal gewesen.
Die Alliierten haben sich mit der neuen Situation sehr rasch abgefunden. Am 16.02.1923 beschloss ihre Botschafterkonferenz, die Souveränität über das Memelgebiet auf Litauen zu übertragen, dies freilich unter zwei Bedingungen:
1. Vereinbarung eines Autonomiestatuts und
2. Sonderrechte für Polen im Memeler Hafen.
Litauen reagierte darauf mit einer einseitigen, sehr großzügigen Autonomieerklärung. Um diese im Zusammenhang mit der damaligen Politik zu verstehen, ist ein kurzer Blick auf das in den Friedensverträgen von Versailles, Saint Germain und Trianon geschaffene Staatensystem notwendig. Danach sollten in Zukunft nicht Vielvölkerstaaten, wie bis dahin Österreich-Ungarn oder das Zarenreich, das Bild Ost-mitteleuropas prägen, sondern Nationalstaaten, in denen jeweils einer Nation die Führungsrolle zufiel, während alle anderen Völkerschaften den Status von Minderheiten erhielten - ob-wohl es mit der Schweiz, Belgien und Kanada auch weiterhin multinationale Staaten gab. Die Regelung des Minderheitenproblems wollten die Alliierten aber nicht der innerstaatlichen Politik überlassen. Vielmehr schlossen sie mit den Regierungen der neugebildeten Staaten - also Polen, Tschechoslowakei, usw. - völkerrechtliche Verträge zum Schutz der Minderheiten. Vorbild dafür waren übrigens die Vereinbarungen des Berliner Kongresses von 1878, als man die Anerkennung neuer, unabhängiger Staaten auf dem Balkan davon abhängig machte, dass diese die freie Religionsausübung auch der Moslems und Juden respektierten. Dieses Prinzip wurde nun auf nationale Minderheiten ausgedehnt. Kulturelle oder gar politische Autonomie innerhalb der neu gebildeten Staaten gab es nach 1919 so gut wie nicht mehr - nur für die Rutenen im östlichsten Zipfel der Tschechoslowakei und die Schweden auf den Alands-Inseln - abgesehen von der großen Ausnahme des Memelgebietes. Schon darin lag eine Konfliktursache: Litauen hatte sich, um den Besitz des Memelgebietes zu sichern, gegenüber den Alliierten zu einer großzügigen Autonomie verpflichtet, während in allen anderen ostmitteleuropäischen Staaten die Minderheitenrechte sehr eingegrenzt waren. Tatsächlich versuchte die litauische Politik dann auch, eine ähnliche innenpolitische Handlungsfreiheit zu erlangen, wie sie in anderen ostmitteleuropäischen Staaten gegenüber den Minderheiten praktiziert wurde. - Die Verhandlungen zwischen Litauen und den Alliierten zogen sich dann ein ganzes Jahr hin, jedoch nicht wegen des Inhalts der Autonomie, sondern wegen der beharrlichen Forderung der Alliierten, Polen im Memeler Hafen Sonderrechte einzuräumen. Die litauische Regierung wehrte sich gegen dieses Ansinnen vehement. Der Streitfall wurde vor den Völkerbund getragen, der beschloss, eine dreiköpfige Kommission in das Memelgebiet zu entsenden. Diese sogenannte Davis-Kommission reiste im Februar 1924 nach Memel und empfahl danach, Polen keine Sonderrechte im Memelgebiet einzuräumen. Am 08.05.1924, also exakt ein Jahr nach der litauischen Autonomieerklärung, unterzeichneten Litauen und die beteiligten alliierten Mächte die Memelkonvention, einen völkerrechtlichen Vertrag, der es den Alliierten ermöglichte, die Einhaltung der Autonomie zu beobachten und notfalls Maßnahmen dafür zu ergreifen. Inhaltlich übernahm die Memelkonvention weitestgehend die von den Litauern im Jahre zuvor versprochenen autonomen Rechte der Memelländer. Diese reichen vom Kommunalrecht über das Religions- und Unterrichtswesen, das Gesundheitswesen, das Sozial- und Arbeitsrecht, das Ausländerrecht bis zum bürgerlichen Recht und Wirtschaftsrecht und sehen selbst ein eigenes Justizwesen, Steuerrecht und eine eigene Landespolizei vor. Der Republik Litauen verblieb im Wesentlichen das Heereswesen und die Außenpolitik. Diese außerordentlich weit gespannte Autonomie war der Preis, den die Republik Litauen für den Erwerb der Souveränität entrichtete.
In groben Zügen lässt sich das Staatsorganisationsrecht der memelländischen Verfassung gemäß der Memelkonvention vom 08.05.1924 folgendermaßen beschreiben: Die Memelländer wählen in demokratischer Wahl einen Landtag, der die Gesetze beschließt. Der Präsident der Republik andererseits ernennt für das Memelgebiet einen Gouverneur. Dieser verkündet die vom Landtag beschlossenen Gesetze, hat jedoch ein Vetorecht, wenn diese Gesetze die Grenzen der Autonomie überschreiten sollten. Der Gouverneur ernennt auch den Präsidenten des Landesdirektoriums, der eigentlichen Regierung des Memelgebietes. Dieser Präsident beruft bis zu vier weitere Mitglieder in das Landesdirektorium, das also die Regierung des Memelgebietes darstellte. Das Landesdirektorium insgesamt benötigt das Vertrauen des Landtags. Diese letztere Bestimmung hatten die Alliierten durchgesetzt. Sie wollten damit das parlamentarische Prinzip in der Verfassung des Memelgebietes verankern.
In der politischen Wirklichkeit funktionierte diese Verfassung schlecht. Bei allen Wahlen errangen die deutschen Parteien eine überwältigende Mehrheit, weil sie offenkundig überwiegend auch von den memelländischen Litauern gewählt wurden. Der Gouverneur des Memelgebietes ernannte aber Präsidenten des Landesdirektoriums, also Regierungschefs, die der litauischen Politik genehm waren. Diese konnten sich dann im Landtag nicht auf eine politisch ebenso gesonnene Mehrheit stützen. Im Memelgebiet spielt sich also auf engstem Raum ein später Konflikt um die Frage des "Vertrauens" ab, der seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts in mehreren europäischen Ländern eine Rolle gespielt hatte. Ursprünglich war es überall so, dass der Monarch, also das Staatsoberhaupt, den Regierungschef als Mann seines Vertrauens berief. Er musste sehen, wie er mit dem gewählten Landtag, der den Gesetzesvorschlägen der Regierung zustimmen musste, kooperieren konnte. Daraus ergaben sich vielfach erhebliche Schwierigkeiten. Am frühesten hat England diesen Konflikt schon seit dem 18. Jahrhundert durchgestanden. Die junge Queen Victoria entschloss sich in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts daher, jemand in das Amt des Regierungschefs zu berufen, der zwar nicht ihr persönliches Vertrauen hatte, wohl aber das Vertrauen der Parlamentsmehrheit - das parlamentarische Prinzip war geboren. In den meisten anderen europäischen Staaten und besonders auch in den deutschen Staaten blieb es jedoch dabei, dass der Regierungschef vom Monarchen oder, wo es einen solchen nicht mehr gab, vom Staatspräsidenten berufen wurde. Ein vernünftiges Staatsoberhaupt nahm dabei auf die Mehrheitsverhältnisse im Parlament Rücksicht, er musste dies aber nicht tun (sog. "Konstitutionalismus"). Auch in der Weimarer Republik wurde der Reichskanzler bekanntlich vom Reichspräsidenten berufen, musste nach einem Misstrauensvotum des Reichstags aber zurücktreten. Ganz anders als heute in der Bundesrepublik, wo der Bundeskanzler vom Bundestag gewählt wird. Im Memelgebiet klappte die Kooperation zwischen dem Regierungschef und dem Landtag also nicht oder nur unter großen Schwierigkeiten.
In den Jahren 1930 bis 1932 eskalierten die Spannungen zu einem handfesten Verfassungskonflikt. Im Dezember 1931 war der memelländische Präsident Böttcher mit zwei Begleitern nach Berlin gereist, um im Reichsernähungsministerium und im Auswärtigen Amt Einfuhrerleichterungen für memelländische landwirtschaftliche Produkte zu erreichen. Böttcher war zugleich auch Vorsitzender der landwirtschaftlichen Genossenschaft. Der litauische Gouverneur betrachtete dies als eine außenpolitische Aktion und damit als eine Verletzung des Autonomiestatuts. Er forderte Böttcher auf, zurückzutreten. Als dieser sich weigerte, erklärte er dessen Absetzung und stellte ihn unter Hausarrest. Der Landtag dagegen sprach Böttcher das Vertrauen aus und erklärte: Böttcher ist im Amt. Der Landtag versuchte also, das parlamentarische Prinzip durchzusetzen, die litauische Regierung beharrte auf dem älteren Standpunkt, dass ein Regierungschef das Vertrauen des Staatsoberhauptes haben müsse. Dagegen erhoben die alliierten Signatarmächte der Memelkonvention im März 1932 Protest. Der Landtag sprach einem neuen, vom Gouverneur eingesetzten Präsidenten des Landesdirektoriums ausdrücklich das Misstrauen aus. Die Alliierten erhoben nunmehr Klage vor dem internationalen Gerichtshof in Den Haag. Zur großen Überraschung aller westlichen Beobachter gab der Gerichtshof Litauen jedoch Recht. Auf die Einzelheiten der komplexen Begründung kann hier nicht eingegangen werden. Nur soviel ist erkennbar: Die Richter in Den Haag waren noch weitgehend unter den Voraussetzungen des alten, dualistischen konstitutionellen Systems aufgewachsen und lasen einen Verfassungstext, der eigentlich das parlamentarische Prinzip enthielt, mit anderen Augen.
Abschließend ist auch zu diesem Vorgang zu bemerken, dass beide Seiten, sowohl die Deutschen wie auch die Litauer, politische Positionen vertraten, die sich aus ihrer jeweiligen Vorgeschichte und der daraus entstandenen politischen Mentalität erklärten. Dies zu verstehen, ist heute wichtiger, als sich weiterhin gegenseitig die Schuld an diesen längst vergangenen politischen Spannungen vorzuwerfen.


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